NM in KL: Teil 3

NM in KL, Teil 3:
Liebe Baddies, der Nachmittag des 2. Tages (mit vielen „Lectures“) gestaltete sich erstaunlich interessant, dazu haufenweise Gespräche mit den unterschiedlichsten Komponisten. Grundsätzliche Beobachtung: asiatische Komponisten komponieren über etwas Erlebtes, in dem sie darüber kontemplieren, quasi den Bewusstseinszustand nach dem Erleben darstellend, während westlich geprägte Komponisten dazu tendieren, eher das Erleben selber zu Komponieren. Daher auch die vielen Missverständnisse in der gemeinsamen Diskussion über Musik.

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Danach erzählte Jonas Baes (ein Spahlinger-Schüler von den Philippinen!). sehr viel interessantes über Neue Musik in seinem Heimatland. Auch wenn seine Musik vor allem in der Fremde gespielt wird, gab es doch Aufführungsversuche während den Jahren der Diktatur. Eine lustige Anekdote – in bester Cage-Manier bestand eines seiner Stücke aus einem „klingenden“ Spaziergang um die Uni herum, prompt wurden alle Hörer und er selber festgenommen, weil man annahm es handele sich um eine Demonstration gegen das Marcos-Regime! Nach Deutschland ging er vor allem um zu lernen, was er NICHT tun wollte (das soll ich jetzt seinem Lehrer Spahlinger nicht sagen – die beiden haben aber nach wie vor ein gutes Verhältnis). Danach erzählte Dieter Mack sehr anregend über seine Erfahrungen mit fremden Musikkulturen und kulturelle Identität – u.a. über seinen Aufenthalt auf Bali um Gamelan-Musik zu studieren. Das stempelte ihn bei der Deutschen Musikkritik sogleich als Esoterikmeister ab – nichts wäre falscher bei seiner klug duchgehörten und gestisch starken Musik!

Eine interessante Donaueschingengeschichte – dort wollte man wohl mal „Neue“-Gamelanmusik vorstellen, also vielmehr Neue Musik nach Donaueschingenmanier komponiert, aber mit exotischen Instrumenten und von echten Balinesen komponiert. Dieter spielte zwei Stücke vor, die damals zur Auswahl standen – eines reihte Neue-Musik-Klischee an Neue-Musik-Klischee, das andere rockte das Haus mit einer konsequenten und vollkommen individuellen Neudeutung der traditionellen Rhythmen, war also im besten Sinne authentisch, nämlich eigen und in der eigenen Kultur aufgehoben. Dreimal dürft ihr raten welches Stück für das Konzert von der Donaueschingenjury ausgewählt wurde! Kleiner Tipp: Das in dem das Haus NICHT gerockt wurde….

Danach ein Konzert mit dem Hongkong New Music Ensemble: Das Hongkong New Music Ensemble ist ähnlich wie das TIMF-Ensemble aus Korea ein Staatsensemble, von jungen Musikern unter dem Geiger William Lane gegründet, mit dem Ziel, ein regelmäßiges Ensemble für zeitgenössische Musik zu etablieren. Auf die Veränderungen in Hong Kong angesprochen meinte William Lane, dass er sich eigentlich auf den Tag freue, an dem im nationalen Orchester nur noch kantonesisch gesprochen wird (noch ist es englisch), und er sagt dies als Australier der selber diese Sprache kaum spricht. Die Darbietungen der Hongkonger gelangen überzeugend, wenn auch gehandicapt durch einen verspäteten Flug und daher geringer Probenzeit.
Herausragend zwei Stücke: „The Source“ von Slamet Abdul Sjukur, dem großen alten Weisen der indonesischen Musik. Fast Killmayerartig ausgesparte Klänge, genau ausgehört, nach vielen scheinvirtuosen Stücken mit Septolen gegen Quintolen zuhauf war dieses Stück eine fast zen-buddhistische Labsal ohne Schwummrigkeit. Jonas Baes’ „Patangis-Buwaya“ bezog das Publikum in Form von Bambusvogelpfeifen mit ein, dies gelang auf unprätentiöse und unaufgesetzte Weise, fast wie in einer Performance von Stefan Wolpe.

Später ging es dann in die „Annexe Gallery“ in der es dann clubmäßig bis spät in die Nacht elektronisch und experimentell hoch her ging – eine angenehme Abwechslung zu den eher steif präsentierten Konzerten in der Uni. Hier tauchte dann noch einmal ein ganz anderes, vornehmend weibliches und hübsches Publikum auf, die jede der Darbietungen begeistert feierten. Bis 1 Uhr Nachts gab es wirklich alles – wabernde Klangwolkenstücke zu denen eine verhüllte Frau bedeutungsschwanger ein Buch las (mehr passierte nicht), eine exzentrisce Nijinsky-artige Performance mit einem chinesischen Tänzer, Javier Alvarez’ Klassiker „Temazcal“ für 2 Maracas und Tape, von einer chinesischen Schlagzeugerin mit dem lustigsten leicht amüsierten Gesichtsausdruck vorgetragen, den ich je gesehen habe. Max MSP-Gemurkel durfte auch nicht fehlen, interessanterweise bezog man sich auf den großartigen Roman „House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski, wie auch sonst westliche Kultur hier zum Teil bekannter ist als bei uns. Sehr spannend Goh Lee Kwangs „God of Small Things“, bei dem der Saal abgedunkelt wurde und aus lauter Alltagsgegenstände eine subkutane , fast unheimliche Musik erzeugt wurde. Dass aus einem nahegelegenen 7/11 Bier heran geholt werden durfte (im weitgehend islamischen Malaysia eine Seltenheit) machte den Abend um so angenehmer. Am nächsten Morgen lese ich in der nationalen Tageszeitung Malaysias, dass Köln gegen Bochum unentschieden gespielt hat – dass so was hier in der Zeitung steht, ist schlichtweg unglaublich aber wahr!

Morgen mehr vom letzten Tag des Festivals….Euer Bad Boy, Moritz Eggert

PS: An Arno: Ich wähnte Dich in Polen, weil mich schon seit Tagen im Blog die Nachricht.
„Nach einem Start mit der Livereportage aus Darmstadt von Arno Lücker, geht es jetzt weiter mit Berichten von einem deutsch-polnischen Workshop für Neue Musik“
begrüsst.
Jetzt weiß ich, dass dieser Workshop in Südafrika stattfand :-)