Das Bild der Neuen Musik in der Öffentlichkeit, Teil 2: „10% Ruhm“

Liebe Baddies,
In loser Folge ab jetzt: Fundstücke aus den Medien, in denen Neue Musik erwähnt wird.

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Heute: FAZ vom 30.10., Feuillleton, aus dem Artikel „Glück ist etwas Existenzielles, Erfolg nicht“ über das Buch „Bergauf beschleunigen“ (Imke Elliesen-Kliefoth), Kritik von Richard Kämmerlings:

„Wenn ein Schriftsteller sagt, er hat Erfolg, heißt das in der Regel, dass er vom Schreiben gerade so leben kann. Ein erfolgreicher Maler hingegen ist ein gemachter Mann, wenn nicht gleich ein Millionär. Für einen Komponisten zeitgenössischer E-Musik ist es schon ein Erfolg, wenn sein Werk überhaupt irgendwo aufgeführt oder gar im Rundfunk gesendet wird“

Ich zitiere das nicht, um Kämmerlings zu diskreditieren – er hat ja durchaus Recht! Gerade letzteres (im Rundfunk gesendet zu werden) dürfte in Zukunft immer mehr Seltenheitswert besitzen, das ahnen wir alle. Und auch ein Wolfgang Rihm freut sich immer noch über jede seiner Aufführungen.
Hinzufügen könnte man auch „froh sein, überhaupt einen Auftrag zu bekommen“. Und natürlich – Kenner der FAZ werden es bestätigen – „froh sein, dass überhaupt mal etwas über Neue Musik in der FAZ/SZ/Zeit etc. geschrieben wird und der Titel nicht „Zu schräg für unser Gehirn“ ist“!

Der Vergleich mit Literatur und Malerei hinkt vielleicht ein bißchen, denn im Unterschied zu diesen Gattungen ist es in der E-Musik einigermaßen leicht, in einem bescheidenen (meistens akademischen) Rahmen wahrgenommen zu werden. Hier sprechen einfach die Zahlen: durchschnittliche Anzahl von Studenten in einer Kompositionsklasse: 6-8, durschnittliche Anzahl von Studenten in einer Kunstakademieklasse: 30-40, durchschnittliche Anzahl von jungen angehenden Schriftstellern, die sich für einen Schreibkurs bewerben: 1000 (ich übertreibe, aber die Richtung stimmt).
Aus relativem (ich betone: relativ im Vergleich zu anderen Künsten) Mangel an Konkurrenz ist es daher den meisten akademisch orientierten Jungkomponisten einigermaßen (ich betone: einigermaßen) möglich, sich mit Stipendien etc. über Wasser zu halten, und zwar ungefähr bis Ende 30, danach muß ein Lehrauftrag oder ähnliches zur Ergänzung ran. Hier haben wir also im Gegensatz zu jungen Schriftstellern und Malern die Nase vorn.

Allerdings ist die Skala bei uns nicht (wie dort) nach oben hin offen – wogegen andere Genres alles kennen, von kompletter Mißachtung bis zu echtem Weltruhm, kennen wir nur alles von kompletter Mißachtung zu ….bescheidenem Szeneruhm, sagen wir mal 10% Ruhm. Das ist die Obergrenze, es sei denn wir verlassen die Pfade der streng eingegrenzten Neuen Musik (wie Tan Dun). Nur sind wir halt dann keine „Komponisten der E-Musik“ mehr.

Aber Erfolg ist natürlich nicht alles, so dieses schöne Zitat von Adriana Hölzsky im selben Artikel: „Glück ist etwas Existentielles, und Erfolg ist nicht existentiell“. Recht hat sie.

Aber ein bißchen mehr als 10% könnten’s schon sein, oder? Nicht wegen Einzelnen (denen würde es eh sofort wieder geneidet), nein, einfach der Sache wegen…

Denkt sich Euer
Bad Boy
Moritz Eggert

PS: Bitte mir von euren eigenen Fundstücken auch berichten – mein Eindruck ist, dass Neue Musik im Moment immer eher trostlos in den Medien rüberkommt (ja,ja,ja, und wir sind Mitschuld, Opernglas, ja,ja,ja, Entschuldigung, Entschuldigung, verbeug, selbstgeißel, selbstgeißel), ein Trend?

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5 Antworten

  1. Leporello sagt:

    Sehr geehrter Herr Eggert,

    mit großem Interesse habe ich ihren Beitrag gelesen und möchte gerne etwas Öl ins Feuer gießen. Ich teile ihre Meinung, dass viele der Jammer-Fraktion sich zu sehr auf die Fleischtöpfe des Rundfunks oder auf sattsam bekannte Förderbänder verlassen.

    Vermissen tue ich allerdings die hiesige Fraktion der akademischen Komponistenliga in vielen Bereichen.
    Da haben andere ihnen längst den Rang abgelaufen.

    So wird z.B. die moderne Symphonische Bläsermusik fast ausschließlich von holländischen, englischen oder amerikanischen Komponisten bedient, die dabei, ohne „Verrat an der Sache zu begehenn“, ihr Ein- und Auskommen haben.
    Nachfragen der finanziell sehr gut gepolsterten Laienmusikverbände (ob vokal oder instrumental) nach Neuer Musik, die spielbar und realisierbar ist, wird dagegen, nach meinen Erkundungen, von den Lehrern und ihren Kompositions-Klassen oft genug lächelnd als Anmaßung an die Hochkultur abgebügelt.

    Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel. Ich erinnere mich, dass Sie ein viel gelobtes Stück für Männerchor komponierten, auch werden z.B. Wolfram Buchenberg die neuen Chorwerke schier aus der Hand gerissen. Das ist doch auch „Neue Musik“ oder wird nun wieder einer seinen zerfledderten Adorno aus der Schublade holen und drauf Staub aufwirbeln?

    Mir scheint hier auf dem Hochsitz einfach über das durchaus vorhandene Bedürfnis vieler musikbegeisterter Menschen nach neuen Klängen drüber weg gesehen zu werden.

    7 Millionen sind organisiert und die Qualität vieler Spitzen-Ensemble ist durchaus semi-professionell. Da gäbe es sicher „Lohn, Brot und Ehre“ für manch einen, der am letzten Förderstäbchen lutscht.

    So schreibt doch der Deutsche Chorwettbewerb jedes Jahr zeitgenössisches aus und vor. Der Preisträger hat dann doch beste Chancen, ins Repertoire übernommen zu werden.
    Wo ist das Problem der hier versammelten, daran teilzunehmen und nicht anderen das Feld zu überlassen?

    http://www.musikrat.de/index.php?id=5232

    Ich weiß auch nicht, ob sich die Jammer-Fraktion jemals die Repertoire – Liste z.B. des LBO BW angeschaut hat:

    http://www.landesblasorchester.de/start.php?id=repertoire

    Da kann die Frage nur sein: Warum steht mein Name da nicht drauf, kann ich nicht oder will ich nicht?

  2. eggy sagt:

    @Leporello
    bei mir persönlich rennst Du in gewisser Weise mit Deinem Kommentar offene Türen ein, auch wenn ich persönlich nicht glaube, dass die Rettung der Neuen Musik allein darin bestehen kann, für Akkordeonorchester und Männerchöre zu schreiben (das meine ich nicht abwertend habe selber für solche Ensembles einiges komponiert). Denn auch diese generieren ja eine eigene Subszene, sicherlich eine gesunde, da hier Menschen mit Leidenschaft und Liebe bei der Sache sind (was man von der Neuen Musikszene nicht immer sagen kann), aber ein gutes Stück für z.B. Mandolinenorchester wird leider, leider einen gewissen Kreis von „Liebhabern“ meistens nicht verlassen.
    Darin sehe ich wohl den Hauptgrund für die Scheu mancher Kollegen, sich in diesen Bereichen zu betätigen – sie schielen natürlich auf Anerkennung im Feuilleton, denn das steigert ihren „Marktwert“ für Stipendien und ähnliches. Auch gibt es eine gewisse Gefahr, als z.B. „Männerchorkomponist“ oder „Mandolinenorchesterkomponit“ abgestempelt zu werden, was wiederum Aufträge außerhalb dieses Bereichs schwieriger macht.
    Ich persönlich finde aber, dass dahinter – genau wie angemerkt – auch ein irrsinniger Dünkel steckt, denn warum soll man so etwas heute nicht machen, wenn sich große Komponisten wie Hindemith oder Schönberg diesem Bereich auch gewidmet haben, ohne sich dafür schämen zu müssen.
    Auch kann man hier oft freier und experimenteller arbeiten als manche ahnen – meine persönlichen Erfahrungen mit z.B. Laienensembles waren zum Beispiel immer sehr positiv, und man lernt mehr über das „alltägliche“ Musikmachen als in hundert Probenstunden mit einem Spitzenensemble wie Ensemble Modern.
    Allein deswegen würde ich jedem jungen Komponisten nur raten, solche Möglichkeiten auf jeden Fall wahrzunehmen, in den genannten 7 Millionen steckt natürlich auch ein irrsinniges Potential für die Zukunft, da gebe ich Dir vollkommen Recht.

  3. Benjamin Schweitzer sagt:

    @Leporello: Auf den ersten Blick liest sich das alles sehr stichhaltig. Wenn es tatsächlich Kompositionslehrer geben sollte, die ihre Studenten daran hindern, für Nicht-Profis zu komponieren, wäre das in der Tat ein Armutszeugnis.

    Aber es scheint mir ein bißchen zu kurz gegriffen, die Schuld hier pauschal und reflexartig den „abgehobenen“ Avantgarde-Komponisten zuzuschreiben, die mit den Niederungen des Laienmusizierens nix zu tun haben wollen.

    Warum zum Beispiel wurde beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ aus einigen Altersklassen/Wettbewerbsstufen die Verpflichtung rausgekegelt, ein zeitgenössisches Werk im Wettbewerbsprogramm zu spielen? Das haben nicht Komponisten entschieden, sondern die Organisatoren des Wettbewerbs (also gestandene Pädagogen). Das Argument war wohl, die Lehrer und Jurymitglieder dieser Stufe könnten das nicht richtig unterrichten/beurteilen. Ein Musikschullehrer oder -Funktionär, der seine Schüler auf die Art vor zeitgenössischer Musik zu „schützen“ versucht, wird seiner Verantwortung als Pädagoge nicht gerecht. Man könnte sogar sagen, daß er fehl am Platz wäre.

    Ein (einzelner) Wettbewerb scheint mir angesichts der Grundproblematik von Kompositionswettbewerben da nicht der richtige Ansatz. Für einen routinierten Chorkomponisten ist es vielleicht ein vertretbarer Aufwand, für so einen Wettbewerb auf gut Glück ein Stück zu schreiben, das er bei Nichtprämierung auch anderswo unterbringen kann. Aber für einen Komponisten, der sonst für Neue-Musik-Profis schreibt, bedeutet es durchaus einen nicht geringen Arbeitsaufwand, sich ein Konzept zu überlegen, wie er seine ästhetischen und klanglichen Vorstellungen für einen Laienchor umsetzen könnte, und darum geht es ja (und nicht um weitere „praktikable Chormusik“ im typischen Ernst-Pepping-Grau mit ein paar Quartenakkorden als Signet für „Modern“). Ich würde mich an so einem Wettbewerb dezidiert nicht beteiligen, aber
    ich bin sicher, daß kaum ein Komponist es ablehnen würde, wenn ihm ein guter Laienchor oder eines der von Ihnen erwähnten Blasorchester einen Auftrag erteilen wollte (bei dem die Aufführung des Stückes dann auch garantiert ist) und bereit wäre, auch beratend zur Seite zu stehen, wenn es um die Möglichkeiten und Grenzen solcher Ensembles geht.

    Ich habe schon als 17jähriger für meine Altersgenossen Stücke für ihr Jugend-Musiziert-Programm geschrieben und auch zahlreiche Sachen für Jugendorchester/-Ensembles. Die Erfahrung war immer die Gleiche: die Leute waren von ihrer Musikalität und Technik her in der Lage, das alles zu realisieren, nur bisher hatte ihnen noch niemand gezeigt, wie das geht bzw. daß sie das überhaupt können.

    Mir scheint daher leider das Problem, daß viele der im Laienbereich als Pädagogen und als Musiker Tätigen kaum wissen, was in der Hardcore-Avantgarde so los ist bzw. diese Literatur jedenfalls nicht aus aktiver Musizierpraxis kennen und sich dann halt doch oft lieber auf Erprobtes verlassen, weil sie sich mit auch nur geringfügig abweichenden Anforderungen zu übernehmen fürchten.

    Also wäre ein Lösungsansatz für das Problem vielleicht eher, daß es systematische Workshops geben müßte, bei denen Komponisten ihre Musik vorstellen und Laienchor-/Orchesterleiter ihre Arbeit vorstellen und die beiden „Lager“ überhaupt erst mal flächendeckend miteinander ins Gespräch kommen. So könnten und müßten die Komponisten und Ausführenden (da sie es ja an den Hochschulen leider wohl nicht oder zu wenig lernen) gegenseitig in ihre jeweilige Praxis eingeführt werden, und daraus könnten dann fruchtbare Kooperationen in Form von konkreten Aufträgen und Aufführungen entstehen.

    Das wäre mit einem gewissen organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden, aber ich glaube kaum, daß so ein Projekt jeweils viel mehr kosten würde als eine Runde des og. Chorwettbewerbs, wo allein 6000 Euro an Preisgeldern pro Kategorie ausgelobt werden, wenn ich das recht sehe.

  4. Leporello sagt:

    @Benjamin Schweitzer
    @eggy,

    Sehr geehrter Herr Eggert,
    Sehr geehrter Herr Schweitzer,
    vielen Dank für die ausführlichen und sehr anregenden Antworten, die ich gerne auch weiter reiche.

    Gerade der Vorschlag von Herrn Schweitzer, Neue Musik systematisch in Workshops vorzustellen und zu erarbeiten halte ich für sehr gut und aus folgenden Gründen für praktikabel.

    – Der typischen Kirchen- Männer- Frauechor, der sich Woche für Woche regelmäßig trifft, ist durch die neue Arbeitswelt eh vom Aussterben bedroht. Mehr und mehr organisieren sich Ensembles als Projektchöre.

    – Das gleiche gilt für die Spitzenensemble der Instrumentalmusik. Drei bis vier Arbeitsphasen sind heute über das Jahr eher die Regel als die Ausnahme.

    Da ja die Verbände ihre eigene Musikakademien quer übers Land verstreut unterhalten, sind auch die räumlichen Voraussetzungen vorhanden.

    Ich würde immer die leitenden Verbandsköpfe oder die künstlerische Verantwortlichen mit solche einem Projekt überraschen. So weiß ich z.B., dass Jürgen Budday, der Vorsitzende im Beirat Chor beim Deutschen Musikrates immer ein offenes Ohr für die Neue Musik hat. Wolfram Buchenberg z.B. ist bei seinem Maulbronner Kammerchor regelmäßig zu Besuch und studiert neue Werke ein. Die Stücke finden schnell über den „Flurfunk“ Eingang in das Chorrepertoire.

    Ich finde auch, die engagierte Truppe hier sollte sich z.B. durchaus auch in die Diskussion um die Zukunft der Kirchenmusik einbringen:

    http://www.musikrat.de/index.php?id=5401

    Des weiteren bin ich mir sicher, dass der Geschäftsführer Erik Hörenberg von der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände der http://www.orchesterverbaende.de/ an jedem Vorschlag zur Intergration Neuer Musik Interesse zeigt .

    Es ist zwar eine sehr von Gremien und Funktionären überwucherte Szene – aber die Kassen sind prall gefüllt.

  5. eggy sagt:

    Da kann ich nur sagen: folgt den angegebenen Links!
    Und vielen Dank für diese konstruktiven Hinweise…