Stimme aus dem Off 04

Bad Blog zu den Donaueschinger Musiktagen 2009

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01.20 Uhr. Auf dem Jugendherbergszimmer in Villingen erprobt mein russischer Zimmernachbar seine neueste Errungenschaft (Zirkularatmung), indem er Wasser in den Mund nimmt, es langsam und stilvoll ins Waschbecken aussabbert und versucht, während des ästhetisch hochwertigen Aussabberns Luft in seine Nüstern zu bekommen. Wir sagen: Chapaeu, mein russischer Freund!

Nach der Probe zu Spahlingers „Etüden für Orchester“ ging es weiter zur ersten Probe von Manos Tsangaris‘ Musiktheaterinstallation Batsheba. Eat the history! in die Christuskirche. Das SWR-Vokalensemble singt umwerfend. Manos fühlt sich wohl. Guckt so ganz süß mit seinem Kapuzenpulli umher. Und alles ist gut. Sehr sehr gut. Während der Proben zu Spahlinger entstehen bereits die ersten nmz-Videoimpressionen.

[flv:http://www.nmz.de/files/videos/Donnerstag_nmzMedia720.flv 500 282]

Die Probe des zweiten Teils verpasse ich absichtlich (schließlich können wir das ganze Tsangaris-Ding ja auch später anschauen – wobei der zweite Teil schon extrem schlecht, kitschig und überaus peinlich sein soll – sagen kompetente Kommentatoren), führe hervorragende Gespräch mit dem großartigen M. an der B. und trinke Kaffee und B. Lerne bei der Gelegenheit Patrick Hahn (nmz-Blogger) kennen.

Vorher gab es eine Präsentation und Diskussion zum dem „into“-Projekt der Ernst-von-Dings-Musikstiftung und dem Schiller-Institut in Kooperation mit der nzz Media. Eine gnadenlos unkritische Werbeveranstaltung, in der uns Off-Teilnehmern erst diese Hübschfilmchen (irgendetwas zwischen Riefenstahl- und Unitedcolorsofbenettonästhetik) gezeigt wurden, um anschließend in einer Diskussion mit nicht enden wollendem Selbstlob der Macher (plus eines allerdings gar nicht mal so unkritischen Beteiligten: Johannes Schöllhorn) absolut intellektuell unterfordert zu werden. Ich unterbreche das Ganze, melde mich (gähn – einmal mehr…) zu Wort und stelle mal fest, dass man – würde man den mit so ganz dolle nachdenklichem Blick im bösen Dubai komponierenden Jörgi Widmann wegstreichen – im Grunde auch „Just do it! Nike.“ drunterschreiben könnte. Man weicht natürlich gnadenlos eindeutig aus (wobei das selbst der jugendlich unkritischen Masse von Herdentieren auffällt) und behauptet, meine Frage, ob es nicht irgendwie ziemlich unreflektiert sei, Widmann nach Dubai zu schicken, in der ein sehr armer Bevölkerungsteil die ekelhaften Riesenhotels für die Milliardärscheichs hochzieht, dafür aber einen Hungerlohn bekommt und sich nach Feierabend in die entsprechenden Barrackenslums zurückziehen darf, ihn – Widmann – aber natürlich nur vor den Riesenhotels mit so ganz irre visionärem Blick und vor so grauen, eher nicht so dollen Gebäuden (sprich: Barracken) mit dann ganz voll sweet betrübten Komponistenblick filmt, um ihm dann so ein Kommentar abzuringen, wie: „Die Stadt ist beides: schön und schrecklich zugleich“, würde durch den nächsten Film (der arme Mark Andre – wer liebt ihn nicht? – im nicht ganz so bösen Istanbul) beantwortet werden. Da wussten alle bereits: die Frage wird natürlich nicht beantwortet werden. Und, hohoho, wurde sie auch nicht.

Oder unpolemisch gesagt: Am Anfang behaupteten die ernsthaft, durch die Kinderlandverschickung von Jörgi, Schölli und Co würden gleichsam die Städte (Dubai, Johannesburg, Istanbul und andere Problembären) auch mit ihren sozialen Ambivalenzen abgebildet werden. Am Ende hieß es: „Wissen Sie, wir wollten einfach 16 Komponisten einen Kompositionsauftrag mit so nem Städtethema geben“ (frei zitiert).
Das war mal ehrlich! Glückwunsch dazu. (Aber versucht nicht, Freunde, mich demnächst für so doof zu verkaufen. Da seid ihr einfach an der falschen Stele, ähm, Stelle. Entschuldigung.)

Als Abschluss des Tages nahm man kollektiv an einer Diskussion zum Thema „Organisation & Organismus. Klangkörper Orchester“ teil. Es ging um Neue Musik, gespielt von großen Klangkörpern; ob das früher einfacher war oder heute schwieriger; um Spezialensembles oder ob alle Neue Musik spielen sollen/wollen. Eine hervorragend geführte, unterhaltsame, nie langweilige oder allgemeinplätzige Diskussion mit den Komponisten Mathias Spahlinger, Rupert Huber und Rolf Riehm, sowie mit dem Vorsitzenden des Deutschen Orchesterverbandes Gerald Mertens (FDP). Virtuos der großartige Posaunist Frederic Belli, der zwei schöne Soli von Xenakis und Rabe zum besten gab – und die beiden Moderatoren Meret Forster und Stefan Fricke. Hut ab, liebe Kollegen. Für eine Live-Sendung thematisch erstaunlich stringent, sehr unterhaltsam, sehr gut ausgesuchte Gäste, sehr gutes Timing. So müssen (können!) Diskussionen sein. Herrlich.

Zum Abschluss noch ein paar Bilder von der Probe zu Spahlingers „Etüden für Orchester“ („into Plochingen“), bei der das Wandeln durch den Raum von den Probenbesuchern bereits einstudiert wurde.

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Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.

2 Antworten

  1. eggy sagt:

    Ich kann nicht umhin Deine „Gedanken über Dubai“ vollstens und uneingeschränkt bejahen zu können – mir ging es genauso bei diesem Projekt! Wäre es nicht spannender gewesen, Jörg und co. wären in die Slums gegangen und hätten mit den Jugendlichen dort eine Aufführung erarbeitet? Hätte Jörg das dann gemacht (ich will ihm nicht unterstellen das nicht)? Wäre das „wirksamer“ oder auch vielleicht eher alibi-mäßig betroffen gewesen? Oder ging es bei diesem ganzen Städteprojekt überhaupt nicht um „urbane Wirklichkeiten“ sondern um „urbane Impressionen“ (was zwei verschiedene Sachen sind)? Das wäre zumindest legitim, schwierig, schwierig, ich bin da hin-und hergerissen (wie bei Spahli). Interessant fand ich übrigens die innere Verweigerung Jörg Birkenkötters, der ja auch dabei war, sich aber einfach nicht auf die Vorgaben einlassen wollte (und dafür von der Kritik gescholten wurde), weil er die Integrierung von exotischen Impressionen in seine Musik als verlogen empfand.

    Es gibt übrigens tatsächlich ein Schiller-Institut , die Goethes werden extrem ungern mit denen verglichen, also Vorsicht!

    Und Fricke und Forster sind halt einfach gut, auf die ist Verlass bei Diskussionen…

  2. …als nzz-Verleger, Schiller-Freak (Die Räuber) und – horribile est dictu et auditu, ja,ich bin Humanist – also Mitbegründer von nzzMedia, kann ich nur sagen: Auch eine sehr respektable Sicht auf den Wert der Künste – und der Dinge. Danke Arno Lücker. Herzlich: Ihr alter Theo
    geissler@nmz.de