Ein Rausch in acht Abteilungen. Nein – der Titel ist nicht von mir. Ehrlich. Siehe unten.

Liebe Baddies,

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Kaum bin ich ein paar Tage weg, schreibt ihr alle mehr als ich in Monaten – Respekt!

Heute rief mich Jobst Liebrecht an und berichtete Hoffnungsvolles aus Marzahn – obwohl dort die dunklen Wolken noch längst nicht verschwunden sind, hat doch unsere Diskussion hier im Blog tatsächlich einige der Verursacher der Probleme beschämt und zu erneuten Vorstössen bewogen, doch noch einmal auf die Betroffenen in der Musikschule zuzugehen. Wie ich gehofft hatte, ist eine überregionale Diskussion hier das beste Mittel gewesen, um die Wichtigkeit der Arbeit des Jugendorchesters zu unterstreichen. Ich danke also euch allen sehr, dass ihr diese Diskussion fortgeführt habt! Noch ist nicht alles überstanden, aber es gibt auf jeden Fall Hoffnung, dass die Arbeit fortgeführt werden kann.

But now for something completely different:

Hellerau, dieses hehre Zentrum der Künste, ist uns allen wohlbekannt durch gar viele wohlfeile Veranstaltungen.

Dies ist die neueste:

Ein Rausch in acht Abteilungen

Abgekürzt heisst das: Das Publikum wird besoffen gemacht. Dann hört es Neue Musik.

Nun habe ich mich schon des öfteren über die Tatsache lustig gemacht, dass unsere doch oft nicht ganz unsperrige Neue Musik – wenn sie ihre Randständigkeit denn mal wahrnimmt – sich darüber beschwert, dass sie ja nur deswegen nicht ankäme, weil die Hörhaltung die falsche sei. Man sollte daher den Hörern möglichst vermitteln (hier ist es wieder, mein Lieblings-Unwort), wie man richtig zu hören hat. Auf Englisch heisst dass dann „educating“, und das wiederum heisst auch „erziehen“. Ergo: Friss, sauf, dann wirst Du meine Musik verstehen!

Gefüttert sollen sie also werden, die Hörer der Zukunft – da war Cage mit seiner Forderung nach den „Happy New Ears“ ja geradezu noch zurückhaltend! Hier eher doch wohl „Happy New Beers“!

Nun gehen die Organisatoren in Hellerau noch einen Schritt weiter – einerseits wird quasi die ideale Hörneugier schon einmal vorausgesetzt, denn sonst tut sich keiner 8 Stunden Neue Musik an, auch nicht mit Kalitzke und dem Klangforum Wien (die ja sicherlich ihre Meriten haben). Nein, zusätzlich sollen die Hörer in „rauschhaft veränderte Wahrnehmung“ versetzt werden, die es ihnen endlich einmal ermöglicht, Neue Musik so wahrzunehmen, wie man sie am besten aushalten kann – nämlich vollkommen zugedröhnt. Berauscht findet man dann auch so manch anderes „cool“ oder „groovy“, denn Alkohol setzt – wie es Simon Borowiak in seinem schönen, aufschlussreichen und vor allem sehr komischen Buch „Alk“  beschreibt – auch so manche Synapse im Gehirn in der Rezeptionsfähigkeit herab – daher auch das oft unter Trinkern beobachtete „Trinken unter Niveau“ (also wenn zum Beispiel „ein Schriftsteller mit Martin Walser trinkt“ (S. Borowiak)).

Gibt es dann also auch eine Art „Hören unter Niveau“? Und ist man dann so kritiklos, dass man auch zerschründetes Schnurpseln plötzlich wieder supie findet?

Oder anders gesagt: ist es nicht entlarvend, dass sich zunehmend unsinnliche Musik (= Neue Musik) sinnliche Genüsse hinzuholt, damit man sie ertragen kann?

Bevor ihr alle wieder die Äxte herausholt muss ich hier differenzieren – natürlich ist das von Hellerau angebotene Programm nicht der übelsten eines, da kommen durchaus Stücke zur Aufführung, die man auch unberauscht ziemlich gut finden würde. Verzeiht mir daher, liebe geschätzte Hellerauer, dass ich hier die Steilvorlage einer solchen Idee benutze, um ein bißchen weiter darüber zu philosophieren was man alles intus haben muß, um bestimmte Programme zu goutieren.

So könnte ein zukünftiges Konzert vielleicht aussehen:

Nach einem Spritz (= Weissweinschorle mit Aperol, Kultgetränk in Venedig), klingt Nonos „Sofferte Onde Serene“  (für Tape und Klavier) gleich noch viel schwummriger, als es das Tonband normalerweise hergibt. Und die venezianischen Wellen spritzen gar lieblich dazu.

Wir bleiben beim Thema Wasser, bzw. Fisch- es wird Paté aus Fugu gereicht (der bei zu extremen Genuss tödliche japanische Kugelfisch). Danach klingen die drei immer gleichen Akkorde von Takemitsu gleich wie vier Akkorde (zumindest für die, die den Kugelfisch überlebt haben). Die durch den Fugugenuss paralysierte Zunge setzt gleichzeitig die Kritikfähigkeit herab und verwandelt die Hörer in lallende und willenlose Zombies. So wollen wir sie haben!

Weiter geht’s mit einem schönen Riesling, wozu uns Michael Riessler ein Solobassklarinettenstück aus lauter riesig rissigen Klängen des Altmeisters L. (aus S.) in den Gehörgang rieselt. Dazu: geriebener Parmesan, was sonst! Das kruschelt und knuspelt so schön!

usw. und so fort.

Kein Darmstadt mehr ohne eisgekühlten Bommerlunder? Kein Donaueschingen ohne Liebfrauenmilch? Gaudeamus ist ohnehin schon ein Fest für Geneversüchtige,  da sollte auch bei „musica viva“ ein „Pfiff“ nicht fehlen. Manche Komponisten gehen schon von vornherein einen Schritt weiter und haben den (Sch)Alk schon im Namen. So lädt die Musik von Peter Jona Korn schon Namens wegen zum Genuss desselben ein, bei Unsuk Chin darf der Gin nicht fehlen, und Alfred Schnittkes Musik verlangt nicht nach einem, nein, nach mindestens zwei Schnitt (die Bayern unter uns werden wissen, was ich hiermit meine)!

Manche Musik wiederum strebt noch ganz andere Rauschzustände an- warum nicht gleich erst einmal einen Joint durchziehen und schon klingt selbst sprödester Schrott wie ein beseeltes Klangerlebnis? Oder den gegenteiligen Weg gehen – Der „Samstag aus Licht“ des sirianischen Meisters S. kann erst als „Samstag mit Shit“ richtig verstanden werden-  dann wird’s erst richtig spacig, ganz wie ER es wollte!

Auch für die Intellektuellen: Kein Adorno mehr ohne Absinth, kein Heinz-Klaus Metzger ohne Mezcal, erst mit Dialyse brummt deren Dialektik richtig fett! Auch die regionale Küche sollte Beachtung finden – so kann eine Art heilige Transsubstantiation des Leibs, äh der Musik von W. Rihm erst durch gleichzeitigen Genuss eines Pfälzer Saumagens zustande kommen. Dazu wünscht man sich dann formgerecht einen „guten Tutuguri“, bevor man traut das Weinglas hebt.

Auch Musikkritiker sollten sich zukünftig eines anderen Vokabulars bedienen. So reicht es nicht mehr, Widmanns Musik als „Rausch“ zu deklarieren, nein, sie ist wie ein „Goldener Schuss“, darunter geht es nicht. „Seine Musik war wie Crack, ich kam nicht mehr davon los“, … ging rein wie Ecstasy“, „…war bewusstseinsverändernd wie LSD“ …DAS sind Sätze, die wir in Zukunft von euch lesen wollen, oh Kritiker!.

Wenn Rauchen irgendwann global illegalisiert wird, bieten sich der Neuen Musik noch ganz andere Möglichkeiten, das letztmögliche Publikum zu aktivieren: „Rauchen und Raue Klänge: Nur bei uns, im Raucherclub Witten, können Sie Spahlinger UND eine Havanna geniessen“. Oder noch andere Käuferschichten – „Karge Klänge, Käufliche Liebe“, „Schrille Töne, Pillen dröhnen“, „Kratzen und Schaben, Kacken und Klagen“….ach, ich hör jetzt auf….

Vielen Dank an Alexander Keuk für den freundlichen Hinweis auf dieses denkwürdige Konzert.

Das letzte Wort hat aber die Wiener Stadtzeitung (über den „Rausch in acht Abteilungen“ schreibend):

„Anders möchte man Neue Musik eigentlich gar nicht mehr hören“.

Ok, wird gemacht, Jungs!

Mark Andre: durch ...zu... ...in ... ...als... II (2008) für Ensemble

Claus-Steffen Mahnkopf: Medeia-Zyklus (1993-1996), Poly-Werk für Kammerorchester, Streichquartett, 30 Solostreicher und 2 Harfen

Peter Ruzicka: "...Über ein Verschwinden" (3. Streichquartett)

Euer

Bad Boy

Moritz Eggert

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3 Antworten

  1. Liebe Abstinenzler,

    das mit dem „Konzert und Komasaufen“ gibt es schon seit längerer Zeit – wenn mich nicht alles täuscht, war es eine Erfindung vom Klangforum selbst (vor ca 5 Jahren in Wien erstmals getestet), die jetzt auf Tournee geht.

    Der Verdacht, es handle sich hier um eine Kooperation der österreichischen Weinwirtschaft mit dem Klangforum, mag stimmen – ich kann mir aber nicht vorstellen, dass J. Kalitzke (es wird gemunkelt, dass er in manchem Heurigen Hausverbot hat, weil er immer vom Kröver Nacktarsch grölt, und damit die Stimmung verdirbt) viel von Wein versteht – fachlicher Beistand ist hier also angebracht, soll das Konzert ein runder Erfolg werden.

    Ich persönlich finde die Idee übrigens hervorragend – ohne Ironie gesprochen – denn im Rausch vergisst man zwar vieles, aber nicht die Tatsache, dass man einen hatte und auch nicht bei welcher Gelegenheit (Neue Musik!) – somit ein gewisser lebenslang anhaltender Lerneffekt auftritt.
    Aber das ist nur der pädagogische Aspekt –
    Unterschiede, was man zu welchem Stück trinkt, wie die Reihenfolge der Musikstücke und der Getränke ist, das gilt es genauestens konzertdramaturgisch abzustimmen, soll das Ganze nicht im typisch bayuvarischen Oktoberfest-Kotzen enden.

    Ein gepflegtes „Räuscherl“ ist eben durchaus ein Unterschied zum „Sieg -Siiiieg“-Gebrüll nach gewonnenem Fusball-„Matsch“.

    Beste Grüße von einem Deutschen, aus einem Land, wo der Wein noch in „Dopplern“ (das sind Doppelliterflaschen, und hat nur mittelbar mit dem Doppler-Effekt zu tun) abgefüllt wird, wo es einen original Nitsch-Wein (sog. „Schüttwein“) gibt, wo es inzwischen auch ein Piefke-Denkmal gibt, und wo es im Großen und Ganzen recht angenehm und lustig ist … es muss irgendwie am Wein liegen …

    – wechselstrom –

  2. „Ein bundesweites Medienecho löste die Idee aus, der Kröver Mehrzweckhalle den Namen „Nacktarschhalle“ zu geben. Man einigte sich schließlich auf den Namen „Weinbrunnenhalle Kröver Nacktarsch“.

    aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Nacktarsch

  3. Hi „Baddys“,

    also, ich finde das Saufen NACH den Konzerten
    wesentlich spannender, denn dann – wenn man als Hörer das Neue Musik-Konzert (entweder gerne, es als sinnlich empfindend oder widerwillig-tapfer) ertragen hat, dann kann man danach an der späteren Alkohol-Dosis der Konzertbesucher beim immer beliebteren Après-„Umtrunk“ am prozentualen Alkoholgehalt der Getränke den psychologischen Widerstands-Grad bestimmen. Und daraus dann wiederum auf die Romantizität und den „Sinnlichkeitsfaktor“ der präsentierten(N)euen Musik Rückschlüsse ziehen.
    Also: je geringer danach der Alkoholkonsum, desto
    befriedigter und weniger widerwillig hat der Hörer das vorherige Konzert besucht).

    Sprich: je hochprozentiger die Getränke, die der betr. Hörer oder zuhörende Komponistenkollege/Musiker dann zu sich nimmt, desto mehr wird der Hörer seinen Frust, während des Konzerts nicht durch die Musik selbst berauscht worden zu sein, dann mit Komasuff hinunter spülen.

    Dadurch gewinnt man aufschlussreichere Ergebnisse.
    Aber ob wir Komponisten dann uns wegen Verführung zum unumgänglichen Komasaufen werden verantworten müssen,
    das möchte ich vorerst offen lassen. Anti-Alkoholiker wiederum wären bei den Konzerten UNERWÜNSCHT, weil dann das Modell nicht funktionieren würde.

    Ansonsten – söffe (alter Konjunktiv) man schon WÄHREND eines Neue Musik-Konzertes, bekäme man danach gar nicht mit (weder unsere Zunft selbst noch die paar Zuhörer) WESWEGEN man sich hätte besaufen müssen.

    Denn wir sind ja alle so „un-sinnliche“ Komponisten, dass uns ohne Rausch keiner ertragen kann.

    Also: Macht mir keine Schande! Auch Du nicht Christoph: ERST die „Arbeit“ des intellektualistischen (und darin rauschhaft-„überfordernden“) Hörens und Ohren-Verknotens, und DANN erst das Vergnügen (gut-spießbürgerlich gesagt oder i.S. der nun brav gewordenen alt 68-er Kommunen: Wein, Weib und Gesang).

    Wechselstrom, ich freu mich schon auf den STURM heuer,
    den sauf ich in Wien wie Limonade…