Wir wollen das Rauschen aufnehmen

Zweitausendvier habe ich mit meiner ersten externen Festplatte angefangen. Zweihundertfünfzig Gigabyte. Eine spontane Entscheidung, denn ich war zu Besuch bei einem Freund, der bereits ein ansehnliches Archiv mit tausenden Musikdateien angelegt hatte und schon kurz vor der Anschaffung einer zweiten Festplatte stand. Besagter Freund pflegte, regelmäßig alle wichtigen Radiosendungen mit Neuer Musik mitzuschneiden, besaß also zahlreiche Aufnahmen noch nicht auf Tonträgern erschienener Werke. Von Göttern wie Bernhard Lang beispielsweise. Ein gebefreudiger Akt von ihm, mir seine gesamte Festplatte zu kopieren. Natürlich, er ist Schwabe, nicht ganz uneigennützig. Er intendierte gleichzeitig, im Falle eines Absturzes auf meine Festplatte als sein Backup zurückgreifen zu können.

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Immer wieder kamen kleinere Überspielungsaktionen und damit auch neue externe Festplatten dazu. Egal, was da eigentlich genau dazu kam, es musste weiter kopiert, weiter Musik gehortet werden. Kostete ja nichts und ließ sich ganz nebenbei realisieren. USB und so. Du kriegst meins, ich krieg deins. Der totale Krieg.

Irgendwann war es egal, von wem die neuen Dateien dazu kamen, irgendetwas versprach man sich davon. Oder auch nicht. Und um niemanden zu beleidigen, nahm man dann unter anderem die Überspielungsangebote von seriösen Familienvätern an, die an dem eigenen Schatz, der nie der eigene war, Interesse zeigten. Ganz gleich, ob man sicher sein konnte, von dessen gespeicherter Musik bereichert zu werden. Wurde man natürlich nicht. Im Gegenteil, die eigenen Festplatten wurden zunehmend mit herrlichem Trash gefüllt. So bin ich stolzer Besitzer von Schnappi, dem kleinen Krokodil und dem gesammelten Liedschaffen von Benjamin Blümchen geworden.

Eine Zeit lang habe ich dann versucht, zu systematisieren, zu sortieren, bestimmte Ordnerstrukturen anzulegen. Nur in den Trashordner kam alles unbearbeitet hinein. Aber nicht nur der Fremdtrash, sondern auch der Eigentrash nahm immer weiter zu. So begann ich, mit schlechten Aufnahmegeräten, darunter mein Mobiltelefon mit Recordfunktion, Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, so einen freundlichen Gruß von Dietrich Fischer-Dieskau, oder die Geräuschkulissen bestimmter Situationen mitzuschneiden. Zu dem Speichern von Trash gesellte sich so auch die Neuproduktion von Trash, denn besagtes Mobiltelefon beliebt, in sagenhaft schlechter Qualität aufzunehmen. Man geriet gleichzeitig in diverse Schuldzusammenhänge, denn Trash in die Welt zu setzen ist Sünde. Andererseits fand man sich in Verdrängungszusammenhängen wieder, denn das Vorhaben, irgendwann einmal alles zu benennen, zu datieren und zu ordnen, musste stillschweigend ad acta gelegt werden.

Daten haben sich angesammelt, über deren Sinn und teilweise über deren Herkunft ich kaum noch Auskunft geben kann. Deshalb bitte ich hiermit um Hilfe und um einen kreativen Umgang mit meinem Müll. Ich rufe zur Interpretation folgender Mobiltelefonrecordfunktionsaufzeichnungen auf.

Das erste Beispiel ist von der Sache her eigentlich leicht zu identifizieren, aber warum ich das unbedingt aufnehmen musste, kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht, weil ich den Eindruck hatte, hier es mit Alkohol im Dienst zu tun zu haben.

Bei dem zweiten Werk habe ich auch noch eine leise Ahnung, worum es geht. Denn die Intention, wir wollen das Rauschen aufnehmen, wird ja unmittelbar zu Beginn mitgeteilt. Das wirkliche Warum dahinter bleibt mir verschlossen.

Von der dritten Datei weiß ich zumindest noch, dass sie am zweiten Mai entstand. Offenbar wird so etwas wie eine lustige Anekdote erzählt. Jedenfalls wird gelacht. Ich war natürlich persönlich zugegen, klar, ich habe das ja selbst aufgenommen. Aber was man ganz deutlich erkennt: Ich lache nicht mit.

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Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin, wo er seit 2003 lebt. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.