#metoo statt Geburtstage – ein Kommentar zu Dutoit und mehr

Was ist nur los in unserer Musikwelt? Eigentlich sollte man Geburtstage begehen, wie am 22.12. den von Giacomo Puccini, am 23.12. die von Chet Baker oder Georges Aperghis oder am 24.12. gleich mehrere wie z.B. die von John Dunstable, Peter Cornelius oder Mauricio Kagel. Oder schlichtweg Weihnachten. Leider hat sich Charles Dutoit dazwischengeschoben, besser vier Frauen, davon drei sehr bekannt und renommiert wie die zweimal mit dem Grammy ausgezeichnete Sängerin Sylvia McNair, die Dutoit vorwirft, von ihm 1985 and 2010 sexuell bedrängt worden zu sein. Sie schildert drastisch einen der beiden Vorfälle: „Als wir beide allein im Lift waren, stieß mich Charles Dutoit gegen die Wand des Fahrstuhls und drückte sein Knie zwischen meine Beine und presste sich selbst gänzlich über mich. Ich schaffte es ihn wegzuschubsen und im richtigen Moment öffnete sich die Lifttür. Ich erinnere mich gesagt zu haben: Lassen Sie das! Und ich rannte weg.“

Die Mezzosopranistin Paula Rasmussen erzählt von ihrem Vorfall mit Dutoit im Jahre 1991: „Er warf mich gegen die Wand, schob meine Hand runter zu seiner Hose und stieß seine Zunge in meinen Rachen… Bariton John Atkins wohnte dem… als Zeuge bei.“

Mon dieu, ne pas un boeuf sur le toit mais un Charles du toit!!!!

Die Pianistin Jenny Q. Chai erlebte eine unglaubliche Demütigung als ursprünglicher Fan des Schweizer Dirigenten: „ Als 17 Jahre alte Studentin des Curtis Instituts ging ich nach dem Konzert hinter die Bühne, um Charles Dutoit und Martha Argerich zu sehen. Anstatt ihr grüßte mich Dutoit mit allergrößter Freundlichkeit, schrieb „Love & Big Kisses“ in mein Programmheft. Dann berührte er mich mit seinen Händen am ganzen Körper und versuchte mich zu küssen und steckte seine Zunge in meinen Mund. Viele Kommilotonen sahen das auch. Ich war angeekelt und traumatisiert… Ich denke, nun kann ich endlich 17 Jahre später darüber offen sprechen.“

Dutoit meldete sich inzwischen selbst zu Wort und ließ vermelden, dass an diesen Vorwürfen nichts dran sei. Immerhin haben umgehend große Orchester ganz schnell ihre Konzertpläne und sonstigen Verbindungen mit ihm gekappt: Boston Symphony Orchestra, das Philadelphia Orchestra, New York Philharmonic Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, Sydney Symphony Orchestra, San Francisco Symphony Orchestra, das Londoner Royal Philharmonic Orchestra. Und das Orchestre symphonique de Montréal leitet nun eine unabhängige Untersuchung ein, obwohl Dutoit dort seit 2002 nicht mehr Chefdirigent ist.

Sind das nun Schnellschüsse? Oder war hier Dutoits unangemessenes Verhalten genauso bekannt wie bei James Levine? Joe Kluger, der ehemalige Präsident des Philadelphia Orchestra hat AP gesagt, Dutoit sei seinem Orchester für sein „kokettes Verhalten“ bekannt gewesen, was Anlass gab, ihn zweimal als Chefdirigenten durchfallen zu lassen: „…Dutoit’s ‘extremely flirtatious’ reputation was a factor in causing the organization to pass him over twice for the job of music director.“ Kluger erinnert sich, dass er seinem Personal einschärfte und dieses ermutigte, jedes Fehlverhalten Dutoits sofort zu melden: „I do recall telling our staff to be wary around him and encouraged them to report any inappropriate behavior immediately.“

Was den Fall so interessant macht, sind die drei sich offen outenden Damen, da sie fest im Berufsleben stehen und in den Bereichen ihres künstlerisches Wirkens erfolgreich sind und somit Rachegelüste nicht der Grund für ihr erst jetzt erfolgtes Offenbaren sein dürfte, wie man es so gerne weniger erfolgreichen Frauen vorwirft, die genau wie diese drei sich erst Jahre später an das Licht der Öffentlichkeit trauen. Wie in anderen Fällen – siehe die zweite Anklage gegen einen ehemaligen Rektor in München, wo sich die mutmasslichen Opfer auch erst nach dem ersten Urteil gegen ihn meldeten – waren laut BBC für die Dutoit beschuldigenden Damen die Aufdeckungen im Falle Levines Ausschlag gebend, sich endlich zu den mutmasslichen Vorfällen zu äußern.

Wie bei solchen erst Jahre später aufflammenden Vorwürfen sexueller Belästigung werden die sich outenden Frauen als unglaubwürdig und rachsüchtig dargestellt, weil so viel Zeit verstrichen sei. Erstaunlicherweise glaubt „vox populi“ bei viel krasseren Vorwürfen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit den mutmasslichen Opfern noch 50, ja 70 Jahre später, wenn man an die NS-Prozesse der letzten Jahre denkt. Wenn eine Frau nicht Zeugen der Untat beibringen kann oder am besten sofort DNA-Proben des Täters sichert, wird ihr nicht geglaubt, sondern vor allem der Reputation des Mannes. Hier sind es nun ausreichend renommierte Frauen, durchaus Selma Hayek im Falle Weinsteins vergleichbar. Ausserdem gibt eben jener o.g. Joe Kluger zum Besten, dass sein Orchester längst von den Gerüchten wusste, sagten sofort renommierteste Klangkörper alle Engagements Dutoits ab.

Blickt man auf Deutschland, wirft sich nur die Presse Asche auf ihr Haupt, dass sie z.B. im Falle Levines so geflissentlich weggesehen hätte. Denkt man an das Biotop „Neue Musik“ und „Musikhochschule“ in Deutschland, liest man Leserbriefe alter Herren aus Kunstakademien, dann sieht man, wie schwierig hierzulande das adäquate Aufarbeiten ist, auch weil nicht ganz so hochkarätige Personen wie in den Fällen Levine und Dutoit verwickelt sind. Wobei ausgerechnet München das Malheur unterlief, den Gerüchten um Levine nicht schon Ende der 90er auf den Grund zu gehen. Besonders in dieser Stadt wird anscheinend das Schöne (Kunst) und Wahre (Privatleben) in eins gesetzt, statt es fein säuberlich zu trennen, was auch einem Beschuldigten helfen würde, wenn das Musiknetzwerk nicht mit guter Justiz verwechselt wird, um das Gute (Justiz) nicht aussen vor zu lassen.

Besonders ärgerlich ist letztlich das Versagen der Institutionen des Musiklebens und der Musikausbildung: obwohl man wie Joe Kluger mutmasslich auch schon lange von Gerüchten wusste, verknüpft man sich lieber mit der belasteten Person als lieber geeigneteres Personal zu finden. Es sei hier auch an Salzburg erinnert. Wie der ORF berichtete, wie noch detaillierter die Salzburger Nachrichten, waren die Vorwürfe gegen den ehemaligen Münchner Rektor den Verantwortlichen eigentlich schon bekannt. Statt das Besetzungsverfahren zu kippen, wurde eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass in München nichts vorläge. Und letztlich stolperte man über genau diese eidesstattliche Erklärung statt zuvor bereits das Dienstverhältnis gar nicht erst zustande kommen zu lassen.

Alexander Strauch.
Alexander Strauch
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