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Vorschläge für eine bessere Opernwelt.

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In der neuen Ausgabe der „Deutschen Bühne“ (Ausgabe 03/15) gibt es einen sehr interessanten Schwerpunkt zum Thema „Die Oper – ein Krisenszenario“. Mehrere renommierte Autoren des Magazins sowie Opernschaffende aller Disziplinen diskutieren auf 26 Seiten über die Probleme heutigen Opernschaffens, über die Dominanz der „Repertoireopern“, die normalerweise mindestens 95% des Spielplans ausmachen (wenn nicht 99%), über die Isoliertheit des Neuen, über die Probleme, erfolgreiche Uraufführungen im „Kanon“ zu etablieren.

Unter anderem gefragt wurde der Komponist Rolf Riehm, der gerade eine erfolgreiche Uraufführung an der Oper Frankfurt hinter sich hat („Sirenen“). Seine Replik bringt es auf den Punkt: Trotz großen Erfolges seiner Oper bei sowohl Kritik als auch Publikum sind die Chancen auf Wiederaufführung gleich Null. Und ja, wenn man so in die Spielpläne der Opern schaut, so gelingt es nur ganz wenigen Kollegen wie zum Beispiel Aribert Reimann, Manfred Trojahn oder Detlev Glanert, ihre Opern zu wiederholten Aufführungen zu bringen, und trotz dieses wirklich enormen Erfolges haben ihre Namen beim „normalen“ Opernpublikum nicht den Wiederhall, den sie eigentlich als große Opernkomponisten verdienten.

Man ist als Opernkomponist (zu denen ich mich auch zähle) wirklich vor einem Dilemma: im Grunde schreibt man wie Sisyphus gegen eine unmögliche Aufgabe an. Denn es ist letztlich vollkommen unerheblich, ob die Oper an der man schreibt, ein Riesenerfolg wird oder nicht…die Chancen auf eine Neuproduktion sind fast Null. Einen Auftrag für eine Uraufführung zu bekommen ist dagegen – einen gewissen Namen vorausgesetzt – keine unmögliche Aufgabe. Wenn ich auf meinen eigenen Kalender in den nächsten Jahren schaue, so sehe ich 4 Opernuraufführungen, die ich schreiben muss, und eine einzige Wiederaufführung. Ich habe also ständig zu tun, schreibe wie ein Wahnsinniger (was vollkommen ok ist, mir macht es ja Spaß), aber egal wie erfolgreich diese Aufführungen jeweils sein werden, ich bekomme eher einen neuen Opernauftrag als dass eine dieser Opern wiederaufgeführt wird.

Nun kann man natürlich immer individuell argumentieren, ob tatsächlich jede Oper wieder aufgeführt werden muss, und letztlich wird das auch eine Frage des persönlichen Geschmacks sein. Sicherlich geht manches in die Hose und ist nicht so interessant. Aber selbst der oberflächlichste Blick in die Operngeschichte zeigt, dass viele der erfolgreichsten Opern überhaupt einige Anläufe brauchten, bis sie die Bedeutung erreichten, die sie heute inne haben. Als Paradebeispiel mag „Carmen“ dienen, eine der bekanntesten Opern überhaupt, bei der Uraufführung fiel diese Oper durch, erst nach einigen weiteren Aufführungen sprach sich herum, dass es sich doch um ein gutes Stück handeln könnte (was es ja auch tatsächlich ist). Wie würde es einer neuen „Carmen“ heute ergehen? Sie wäre sofort vergessen, nachdem sie verrissen worden wäre.

Überhaupt – nehmen wir irgendeinen der erfolgreichsten Opernkomponisten der Vergangenheit, und ließen sie equivalente Werke für die heutige Zeit schreiben. Einen neuen „Ring“ (Stockhausen hat’s versucht), eine neue „Aida“, eine neue „Bohème“. Diese Uraufführungen könnten Megaerfolge sein, das Publikum könnte 4 Stunden lang jubeln, die Kritiker könnten sich überschlagen….es würde nichts nützen, gleich würde die nächste Uraufführung in Auftrag gegeben, ist das Ding abgespielt ist es weg.

Tatsächlich ist dieses Phänomen ständig zu beobachten, denn es gibt sie ja, die heutigen Operngroßerfolge, und gar nicht mal wenige. Eine Zeit lang redet alle Welt davon, man ist begeistert, alle finden es toll….und dann verschwindet das Stück in der Versenkung weil kein Platz in den Spielplänen ist, und man lieber mal wieder den fucking Ring spielen muss, UND ZWAR ÜBERALL.

Aber letztlich ist all dies eine Frage des Raumes: wenn nur 1-5% eines normalen Spielplans überhaupt für neue Opern zur Verfügung steht, ist es klar, dass eine Uraufführung wesentlich attraktiver ist. Damit mag sich der eine oder andere Regisseur profilieren, die Dramaturgen haben etwas für ihr Resumée, einige Kritiker werden anreisen. Ist es eine Zweitaufführung, so reisen die Kritiker nur an, wenn es sich um einen wirklich bekannten Namen handelt, und selbst dann auch nicht immer. Ist es eine Drittaufführung reist schon keiner mehr an. Die Drittaufführung ist aber die wichtigste.

Die wiederholten Aufführungen einer Oper hatten früher vor allem eine Funktion: Sie waren für das Publikum gedacht! Dieses hatte nämlich gehört, dass im fernen Paris etwas tolles aufgeführt worden war, und wünschte sich nun, es auch in Berlin oder Hamburg zu sehen. Und so wanderten die Erfolgsopern der damaligen Zeit durch Europa (oder die Welt). Da man damals fast ausschließlich aktuelles Repertoire spielte, war auch genug Platz im Spielplan.

Eine Revolution und vor allem Zukunftssicherung des heutigen Opernbetriebs, der – wie die Diskussion in der „Deutschen Bühne“ eindeutig und eloquent feststellt – kann also nur dann funktionieren, wenn dem Neuen in den Spielplänen deutlich mehr Raum gegeben würde. Im Sprechtheater ist – wie ich schon mehrmals angemerkt habe – wenigstens ein Verhältnis 50/50 von neuen und alten Stücken zu attestieren. Auch hier haben neue Stücke es schwer, sich dauerhaft zu etablieren, aber es gelingt wesentlich häufiger als in der Oper. Es ist schlicht und einfach mehr Platz!

Ein Verhältnis von 50% neuem und 50% „klassischem“ Repertoire wäre für viele Opernhäuser (man denke zum Beispiel an die Bayerische Staatsoper oder die Wiener Staatsoper) ein radikaler Schritt, vor allem, wenn ein Teil ihres Einkommens (wie zum Beispiel in der Dresdener Semperoper) von Touristenbussen abhängig ist, die Oper eher als „Event“ sehen und bestimmte Erwartungen haben. Aber generell gilt auch, dass man das Publikum grundsätzlich unterschätzt, ihm nichts zurtraut. Selbst wenn ein solcher Schritt vielleicht den einen oder anderen spießigen Miesnickel vergraulen wurde („good riddance“, würde der Engländer sagen), so wäre es doch eine Investition in die Zukunft. Denn ein Opernhaus dass sich als zukunftsgerichtet und aktuell präsentiert, wird – Qualität vorausgesetzt – zwangsläufig ganz neue Publikumsschichten ansprechen.

Ich fände es sehr wichtig, dass diese 50% Neurepertoire möglichst breit gefächert sind. Ja, natürlich sollte die klassische „Avantgarde“ zu Wort kommen, sollten Opern von Lachenmann oder Claus-Steffen Mahnkopf zu sehen sein. Aber es sollte ebenso Platz sein für andere Entwürfe, für melodische Opern im Stile eines John Adams oder Michel van der Aa, für Konzeptopern, für Anti-Opern, experimentelle Opern. Aber auch Gattungen wie Operette oder Musical sollten zu Wort kommen – beides Genres die irgendwann einmal lebendige Genres waren, die Bezug auf aktuelle Themen („Hair“) nahmen. Oder auch Songspiele bzw. Opern wie „Mahagonny“.

Hätten wir Opernkomponisten 50% des Spielplans zur Verfügung, so wäre viel mehr Raum für unterschiedlichste Opernentwürfe, für Wiederholungen, Neuinszenierungen, für Neudeutungen. Das Publikum könnte am Entstehen eines Kanons beteiligt werden, unterschiedliche Ansätze vergleichen, streiten, sich begeistern. Ich bleibe dabei, nur wenn 50% des Spielplans für Neues zur Verfügung stehen, kann Neues lebendig werden, kann Oper überhaupt lebendig sein. Im Moment ist sie es nicht.

Und vielleicht würde sich dann auch einiges in der Präsentation der Repertoireopern ändern. Vielleicht müsste man dann nicht ständig versuchen, „Cosi fan tutte“ im KZ, im Berliner Drogenmilieu oder dem Mars spielen zu lassen, denn es ist halt ein Stück aus einer bestimmten Zeit, und vielleicht ist es gar nicht mal schlecht, diese Zeit auch mal wieder erstehen zu lassen. Umso größer wäre dann die Neugier auf Stücke, die tatsächlich HEUTE spielen, heutige Probleme verhandeln und in einem heutigen Stil geschrieben sind.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich bin kein Feind des Regietheaters und habe großartige Neudeutungen alter Stücke gesehen. Aber das sind dann auch meistens Regisseure, die auch hervorragende Uraufführungen inszenieren können, und dies vielleicht auch öfters (50% statt 1-5%) tun könnten. Sehr oft habe ich allerdings mittelmäßige Inszenierungen von weniger begabten Regisseuren gesehen, die krampfhaft neue Deutungen einem Stück aufpropfen, das diese Deutungen vielleicht gar nicht zulässt, zum Beispiel „Die Csárdásfürstin“ oder „Die Fledermaus“. Da wird man dann irgendwann an die Grenzen von Stücken stoßen, die in ihrer Zeit hervorragend funktionierten, dies aber nicht tun, wenn man ihren ursprünglichen Inhalt komplett negiert. Vielleicht muss man auch nicht alles aus der Vergangenheit ewig spielen, die Legende von der „Unsterblichkeit“ von überhaupt irgend etwas ist ohnehin äußerst fragwürdig.

Gäbe es aber viel Neues, Verrücktes und Experimentelles in den Opernhäusern zu sehen, so würde man sich auch gerne mal eine Mozartoper anschauen, die ohne sinnlosen Schnickschnack auskommt und in der sich niemand anpissen muss. Das wäre dann auch nicht spießig, sondern lebendige Tradition in Kommunikation mit dem Neuen. Wenn ich mir die „Mona Lisa“ anschaue, so ist es halt die „Mona Lisa“, und das ist auch in Ordnung so. Ein Dokument einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Sicht auf die Dinge. Ich muss das nicht zerstören, sondern kann es auch so mal stehen lassen.

Es wäre alles so einfach.

Wenn sich nur jemand mal endlich trauen würde, etwas dauerhaft zu ändern.

Moritz Eggert

Autor: Moritz Eggert

Komponist

2 Kommentare

  1. Dass wir mehr neues in den Opernspielplänen brauchen, darüber dürften wir uns alle einig sein. Und ich wäre gar nicht mal gegen die Einführung von Quoten für neues Repertoire. Das könnte vielleicht wirklich für eine Dynamik sorgen, die Komponisten produktiv fordert.

    Doch gleichzeitig muss man euch Komponisten auch knallhart ins Gesicht sagen, dass ihr nicht kapiert, um was es in der Oper geht. In der Oper geht es um grosse Zeichen. Es mag jede Menge gut gemachter Opern geben, doch eine Oper, bei der man das Gefühl hat, sie trifft einen Nerv der Zeit, sie repräsentiert einen modernen Mythos, sie schafft eine universelle Identifikation, sucht man heutzutage vergebens.

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