Sommerlochtagebuch. Bad Blog goes daily.

 

Es ist Sommer. Der Bad Blog liegt darnieder. Patrick Hahn, Arno Lücker, Alexander Strauch – sie gelten nach ihren jeweils letzten Artikeln als verschollen, vermutlich Richtung Seychellen oder Sylter Badestrand. Nur ich, der alternde Bad Boy in Midlife Crisis,  halte die Stellung (bis auch ich verschwinde – Richtung Paros, Griechenland, um der griechischen Ökonomie wieder auf die Sprünge zu helfen). Und schreibe mal ein kleines Sommertagebuch, so ganz ohne Plan, was mir halt jeden Tag so einfällt. 7 Tage lang. Versprochen!

Die deutsche Kulturpolitik nutzt das Sommerloch natürlich,  um weiterhin klassische Musik abzubauen, denn wenn die Sonne scheint und die Städte verödet sind, merkt das ja niemand so richtig. Und wenn die Urlauber zurückkehren fehlt halt wieder ein Orchester oder eine Musikhochschule, ist ja nicht so wichtig. Hauptsache, der „Jedermann“ läuft noch in Salzburg! Dann ist alles gut! „Ach Gott, Herbert, weißt Du noch, als wir zum 52. Mal in Salzburg waren und uns zum 136. Mal den „Jedermann“ angeguckt haben? Da ist doch der Tod so lustig gestolpert, als er die Treppe runterkam, hihi“.

So unrealistisch ist das gar nicht. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die gesamte klassische und zeitgenössische Musik im Jahr 2100 nur noch aus einem einzigen Stück bestehen: Ravels „Bolero“. Dieser läuft äußerst erfolgreich auf der ganzen Welt in sogenannten „Beischlafauditorien“ (denn allein die Musik zu hören ist den Menschen dann zu langweilig). Folgerichtig gibt es in Deutschland nur noch eine einzige Musikhochschule (in Warnemünde) in der die ca. 80 Studenten lernen, wie man den „Bolero“ spielt. Die anderen 80 spielen ihn, im letzten verbliebenen deutschen Orchester (Gevelsberger Phillies).

Im Jahr 2100 gibt es dann auch nur noch eine einzige Opernkomposition, nämlich den „Cock-Ring der Nibelungen“, eine Wagner-Parodie von Andrew Lloyd-Webbers erstaunlich heterosexuellen Ur-Ur-Enkel. Nach dem vorhersehbaren endgültigen Untergang der Wagnerdynastie durch Selbstzerfleischung ist das dann die einzige Oper der Welt, die noch läuft (im Bayreuther „Musical-Dome“). Durch ihre angenehme Spiellänge von ca. 15 Minuten (eine längere Aufmerksamkeitsspanne haben die Menschen des 22. Jahrhunderts nicht mehr) ist ihr ein fortlaufender Erfolg beschieden.

Der durchschnittliche IQ eines deutschen Politikers ist inzwischen bei 80 angelangt. Ein großer Skandal entsteht, weil dem  amtierenden Bundeskanzler Kevin Hombroich-Elvers nachgewiesen wird, dass er seinen Hauptschulabschluss nur gefälscht hat.  Tatsächlich lässt ihn das aber im Ansehen seiner Untertanen noch steigen, denn die haben nur noch einen Abschluss in Xbox 3600 („Halo 26“).

Untertanen? Richtig, Deutschland ist inzwischen eine konstitutionelle Monarchie und der König von Mallorca (das inzwischen als Auslöse für die vielen Schulden Spaniens endgültig von Deutschland annektiert wurde und nur noch als „Mallemann“ auf den Landkarten eingezeichnet ist) macht all die Träume war, die auch schon lange nicht mehr die eigenen sind.

Aber natürlich leben wir heute, im hier und jetzt, und alles ist ziemlich wunderbar. Und so soll es die nächsten faulen Sommertage auch bitte bleiben.

Das sah ich heute in der FAZ und es ließ mich – wie es so schön und oft in Kolumnen  heißt – „schmunzeln“. Da regt sich wohl jemand über die aktuelle Castorf-Inszenierung auf, die die ganzen intellektuellen Kritiker alle so dufte finden, weil sie so richtig schön gegen den Strich gebürstet ist und Castorf ja auch keine Interviews gibt, weswegen man ganz viel in ihn hineininterpretieren kann.

Ich persönlich würde da eine andere Anzeige reinsetzen:

Aus kompletten Desinteresse an Richard Wagner sowie seiner ganzen Bayreuther Familienmischpoke werde ich nicht nur meine Ring II Plätze in Bayreuth nicht einnehmen sondern sie auch gar nicht erst erwerben. Das verspricht: eggy@moritzeggert.de

In Wirklichkeit will man aber vor allem das lesen:

Aus Ehrfurcht und Liebe für die schöne und heilige Kunst der Musik werde ich meine Karten für die „André Rieu-World-Tour 2014“ demselben rektal einführen und seine Geige gleich hinterher. Ehrlich. Walter.Bronsky@aol.com

In diesem Sinne.

Moritz Eggert

Moritz Eggert

Komponist

4 Antworten

  1. wponader sagt:

    hahahahahaha…ganz nett gesagt! Auch ein wenig zynisch – na ja…es tut ja auch weh, wenn man deutlich erkennt, dass es bergab geht…..
    Kleiner Einwand, den ich an anderer Stelle schon machte:
    Politiker tun nur, was die „ausschlaggebende Mehrheit“ und ihre Lobbyunternehmen von ihnen verlangen mehr nicht!
    Dass Musikhochschulen weggespart werden, liegt aber einfach nur an den Menschen. Wer braucht denn noch MusikHOCHschulen? Wer will denn heute noch MusikHOCHschulen? HOCH will meines Wissens niemand mehr in Deutschland….
    Wer ein Instrument spielt, spielt es. Punkt. Wer komponieren will, komponiert.
    WER will sich „schon im Studium seinen Stil verderben lassen“ (Zitat eines komponierenden Kirchenmusikers)?
    RICHTLINIEN und ausgesprochene WERTMASSSTÄBE gibt es in einer „demokratisierten Musiklandschaft“ wie in Deutschland eh nicht mehr. UNTERHALTUNG gibt es und sie wird NACHGEFRAGT.
    ICH kann BACH wird sofort mit „ICH kann Lady Gaga“ beantwortet. Alles ist gleich, alles ist gut und schlecht gleichzeitig.
    Braucht man da noch eine MusikHOCHschule…?

  2. Bin noch lebendig! Nur gönne ich mir tatsächlich eine Blogpause. In Bayern dauern unsere Ferien ja bis in die erste Septemberwoche hinein.

    Wer die letzten Tage z.B. 3sat Kultur verfolgte, sah plötzlich, dass nun auch in Meck.VPomm. zu Rostock seltsame Ideen beim dortigen Rechnungshof aufkeimen, ähnlich den Ideen von rot-grün in BW neben den Prokrustes und Verschiebeplänen zu den eigenen Musikhochschulen Studiengebühren für Nicht-EU-Bürger und nicht mit der EU-assoziierte-Bürger, also wohl Asiaten, Amerikaner und den Rest der Welt, sofern nicht hierzulande aufgewachsen, zu verlangen. Denn z.B. spezielle asiatische StudienplatzbewerberInnen sind wohl gerade in instrumentalen Fächern besser während ihrer Jugend gedrillt worden als deutsche Musikschüler. Einserseits liegt das wohl in den harten Lehr- und Lerntraditionen der Asiaten aus Fernost sowie an all den Lehrexporten nach dort, die ja auch unsere Hochschulen vermehrt offerieren. Fazit dieses 3sat-Features: wir müssen bessere Musikschüler zustande bringen. Das Bonmot: man denkt so, Studiengebühren für Ausländer vermeiden zu können. Manche zarte Rostocker Seele nannte diese nämlich bereits Rassismus. Na ja…

    Ich denke, dass an beiden Thesen, den Gebühren für Nichteuropäer wie besser ausgebildeten MusikschülerInnen in Deutschland was dran ist. Wenn die Menschen aus Fernost z.B. durch ein Studium bei uns abgesehen vom Traditiontanken im Ursprungsgebiet von Klassik und Romantik in ihrer Heimat Gebühren sparen sollten und sich durch eine Ausbildung bei uns daheim nachweislich einen Vorsprung um dortige Jobs erwerben sollten, sind die Gedanken an solche Gebühren nicht ganz falsch. Wenn man allerdings meint, Europäer und Nicht-Europäer besser verteilen zu wollen, dann nutzt dies auch nichts, bliebe eine Quote.

    Wichtiger ist: unsere europäischen Studienplatzbewerber von Grund auf besser zu fördern, technisch brillieren zu lassen. Ein Weg wäre, unseren Leuten nach all den verkürzten Gymnasialzeiten und weggefallenen Militär- und Ersatzdiensten genau diese zwei Jahre zu schenken und diese Zeit zu nutzen, sie vor den Akademien fitter zu machen, gerade wo die Schule endlich zu Ende ist und die rechte Übezeit bestünde. Es gibt zwar bereits ein paar Institute für dann wieder eher jüngeren Nachwuchs an einzelnen Hochschulen. Aber gerade diese Abiturienten sollten besser gefordert werden. Das müssen nicht unbedingt Berufsfachschulen oder Konservatorien sein. Wobei gerade diese früher nicht so technisch versierten Vorgebildeten genau dieses leichteren Studienanfänge ermöglichten und heute nun fast alle genauso geschlossen oder fusioniert worden sind.

    Fazit: wer Jahre zuvor bereits die vor-hochschulischen Bildungsstätten schleichend verschlechterte, kürzt dann erst Recht die primären Hochschulen selbst in den Boden. Und was brauchen wir nach all den Pisas und Feststellungen, dass Deutsche in allen Bildungsbereichen der Universitäten allmählich in der breiten Ausbildung hinter der ausländischen Konkurrenz das Nachsehen haben: eine breite Bildungsoffensive gerade auch mit den weichen Kulturfächern. Denn gerade diese machen Menschen denkerisch und lernmäßig flexibler, ja, team- und an andere Materien anpassungsfähiger als die stupide Konzentration auf reine Lernfächer. Denn auch in diesen Fächern zieht es unsere Besten am Ende in die weite Welt. Ach, nähmen sie dorthin unsere IQ 75 Bildungspolitiker mit. Denn seit Moritz‘ Posting verschlechterte sich dieser erschreckend um 5 Zähler nach unten…

  3. wponader sagt:

    @Alexander-Strauch:
    Ja, absolut richtig dargestellt!
    Nur, ich bin mir seit geraumer Zeit nicht mehr sicher, ob das eine „“breite Mehrheit““ der Gesellschaft ähnlich sieht, sprich:
    Wollen die Menschen wirklich eine fundierte, hervorragende und leistungsorientierte Ausbildung in Musik??
    Im Unterschied zu Venezuela, Kuba oder m. E. China, wo musikalisches Können eine echte PERSPEKTIVE darstellt, ist in Deutschland das Verlangen nach und der Umgang mit Musik heute anders. Es gibt in der Elternschaft z. B. das unausrottbare Klischee, dass ein Kind, sollte es nicht gut in Mathe oder Fremdsprachen sein, immer noch an ein musisches Gymnasium gehen könnte, an dem „ein wenig am Klavier klimpern ein echtes hartes Kernfach ersetzt“.
    Es wird immer einzelne Überflieger geben, die sich ihre musikalische Ausbildung selbst suchen (war das bei mir in den 60-er und 70-er Jahren denn anders?) und die einen enormen Standard erreichen, aber die breite Mehrheit reagiert heute sehr unterschiedlich in ihrer musikalischen Rezeption.
    Nach dem Motto: Stellt Euch vor, es gibt kostenlosen Klavierunterricht und keiner geht hin (was mir als Klavierlehrer, der kostenlosen Unterricht für Hartz-IV-Kinder anbot exakt so passierte)……
    Das Problem mit der Musikausbildung ist das negative Image von Musik oder wie die Allgemeinheit das fach „sehen will“.

  4. …wieder ein feiner Text von Eggy. Vielleicht ein wenig Schkeich-Werbung: Ich empfehle – auch unseren geliebten Bloggern – gelegentlich einen Blick auf die nmz-Startseite: Dort wird aktuell und ausführlich (auch in Dossiers) über die Fehlentwicklungen unserer Kultur- und Bildungs-Politik berichtet und kommentiert. Informativ ist auch die Seite http://www.vdoper.de
    Herzlich: Theo

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