Bad Blog Of Musick

badboy_gaelic

22. Mai 2015
von Alexander Strauch
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Du sagst Populismus, ich sage Musikquote!

Kriegerisch geht es zu in Deutschland! Lufthoheit ist Alles! Klingt wie eine Meldung aus dem Frühjahr 1945. Sie ist aber aus 2015! Keine militärische, denn die Helikopter und Transallflieger der Bundeswehr bleiben meist auf halben Weg in ihre Einsatzgebiete stecken. Lufthoheit ist 2015 vor allem ein Begriff des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks. Wenn z.B. im Sendegebiet die Gesamtquote einer Anstalt unter 50% liegt, wird alles Unerdenkliche unternommen, um diese Marge wieder zu knacken, z.B. Verdrängung weniger hörerstarker Frequenzen von UKW nach DAB+ wie im Falle von BR-Klassik. Apropos: im Vergleich zu den Vorjahren konnte BR-Klassik seine Hörerschaft von 230.000 Personen auf 260.000 steigern. Klingt doch wunderbar! Die Kulturnation Deutschland teilgerettet. Das könnte man als erstes Anzeichen eines neuen Klassik-Populismus fehlinterpretieren, zuletzt ja ein Badblog-Thema.

Das kann man gleich wieder vergessen. Denn egal ob E- oder U-Musik: wenn sie in Deutschland komponiert oder produziert wurde sowie hier gesendet wurde, spielt sie keine Rolle. Hierzulande beträgt deren Quote 8,9% (s. 2012 EMO-Studie von Emmanuel Legrand). Auch wenn es Zahlen der U-Musik-Charts sind, die zudem nur bis 2011 reichen, werfen diese einen dräuenden Schatten auf all das Lufthoheits- und Gebührenoptimierungsgeplänkel des deutschen öffentlich-rechtlichen Hörfunk in 2015 und des sogenannten lokalen Repertoires, also des in Deutschland hergestellten: in der E-Musik sank das deutsche Repertoire (s. DKV) von 1,5% in 2005 auf nur noch 0,7% in 2011, das durch die ARD-Anstalten gesendete ausländische E-Musik im gleichen Zeitraum von 3,0% auf 1,4%. Also hiesige komponierte Musik macht konstant nur ca. die schrumpfende Hälfte der gesendeten E-Musik aus. Was dies nun für die Nische Neue Musik bedeuten mag, klingt auch nicht vielversprechend.

Es ist damit vollkommen unerheblich, ob man nun nach mehr Popularität oder mehr ästhetischer Relevanz oder Härte ruft: keiner hört diese Musik, mag es auch so viele Ensembles für Neue Musik wie noch nie geben. Denn im Extremfall hören sich die Ensembles eben gegenseitig zu, sieht man auf allen Festivals im Lande die gleichen Nasen. Wer nach Popularität ruft, die nicht zur einer weiteren Marginalisierung der unter E abgerechneten Musik für die in Deutschland komponierte, der verlange im gleichen Atemzug eine Musikquote für hier komponierte Musik. Denn ob Sendung, Streaming oder Download: die Zahlenrelationen des nationalen Repertoires gleichen sich EU-weit, Deutschland ist immer das Schlusslicht unter den bevölkerungsreichen Nationen. In Frankreich liegt sie statt bei knapp deutschen 10% bei um 2/3 höheren ca. 30%. Selbst im gesundgeschrumpften niederländischen Rundfunkleben sind es 28%, in Spanien 33%, in Schweden gar 35,8%.

Die letzten Aufrufe zu einer deutschen Musikquote in 2004 oder 2012 verhallten ungehört. 2012 war es grosses Bündnis aus wichtigsten Musikverbänden, und verhallte ungehört. Aber es scheint generell kein Bewusstsein dafür zu geben, wie peinlich die grösste Volkswirtschaft der EU ihre Musikwirtschaft achtet: googelt man unter 2015 und Musikquote, vernimmt man, dass im bayerischen Landtag ein SPD-Mädchenparlament dies in ihren Testdiskussionen durch die Bank ablehnte. Selbst der Verband unabhängiger Musikunternehmen, der Indie- oder Künstlerlabels vertritt, zieht seinen Schwanz ein, wenn hart nach der Quote gefragt wird: keine Quote, nur eine den Markt widerspiegelnde Präsenz. Und damit übersieht man, dass neue Vertriebswege hin, Downloads her, letztlich immer noch das von Rundfunksendern ausgestrahlte Repertoire darüber entscheidet, was wirklich Geld einbringt, egal ob Big Gorny-Business, Smart Indie-Alternativen oder subventionierte Musik aller Couleur.

Deutschland, Du pisst auf Deine Musik! Politik, Du lechzt nach Quoten! Aber selbst im ertragreichsten GEMA-Jahr aller Zeiten ist eines klar: der fette Geldkuchen fliesst nach Grossbritannien und in die USA ab. Mögen die vielleicht wirklich im ersten Augenschein coolere Mucken als unsereins produzieren, womit man dem Gerücht von fehlender deutscher Coolness und mangelndem germanischen Humor Vorschub leistet, pisst man eigentlich schon wieder auf unsere Musikkultur. Und wenn man cool nach Populismus ruft, was ja angesichts der Nischennischendiskussiönchen auch zurecht mal der Neuen Musik gut tun würde, wenn sie sich um die Ankoppelung ihrer weltbewegenden Inhalte an eine grössere Hörerzahl bemühte, rufe man genauso uncool, aber mit festem Standing nach der Musikquote.

Die Österreicher machen es genau jetzt, wo selbst die Wiener Staatsoper dem austriakischen Eurovisionshype verfällt. Nur haben die es noch nötiger, denn ihre nationale Repertoirequote im ORF liegt noch tiefer als die bei uns. Um wieder martialisch zu werden: waren es nicht die Österreicher als Erste, die Europa damals erklärten, dass mit dem zerfallendem Jugoslawien wirklich wieder ein Krieg in Europa ausbrach. Sie erlebten hautnah Kampfflugzeuge der jugoslawischen Volksarmee, die österreichisches Staatsgebiet überflog, um slowenische Stellungen von hinten ins Visier zu nehmen. Derweil sendete das deutsche TV nur Bilder von verwirrten deutschen Campern. Ich behaupte: wäre mehr Platz auch für harte Inhaltlichkeit, härtest komplexistisch aufbereitet im Hörfunk, könnten wir uns die ganze Populismusdebatte sparen, denn je popularistischer der Funk wird, um so mehr bedingt das eine weitere Verdrängung zeitgenössischer Inhalte in den Sendern. Und auch das Internet wird dies nicht auffangen, solange die Lufthoheit per Rundfunk ersendet wird.

rempe

17. Mai 2015
von Moritz Eggert
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“Waschzwang im System” – Gastbeitrag von Tobias Rempe

Tobias Rempe ist Mitbegründer und aktueller Geschäftsführer des vielseitigen und erfolgreichen Hamburger “Ensemble Resonanz”, und damit direkt mit einem Thema befasst, mit denen sich auch dieser Blog oft beschäftigt: Friktionen an der Schnittstelle Publikum/Kunst.
Der folgende Beitrag wurde ursprünglich für “Positionen 102″ verfasst.

rempe
Tobias Rempe –
Waschzwang im System

Besonders klar und schön sagte es Brigitta Muntendorf in Ihrer Dankesrede bei der letztjährigen Siemens-Preis-Verleihung: »Der Finger muss auch dorthin gelegt werden, wo die Neue Musik nicht ist: IN der Gesellschaft.«
Die Erkenntnis, dass die neue Musik die Welt verloren haben könnte, setzt sich langsam durch, die Debatte labelt erste Reaktionen: Diesseitigkeit, Konzeptualismus, gehaltsästhetische Wende… und versucht, diese in die Luh- und Lehmannsche Geschichtsschreibung einzuordnen. Derzufolge man möglicherweise nun tatsächlich an der Bruchstelle einer Überwindung der Postmoderne angekommen sein könnte, vielleicht gar an einem Scheideweg stünde. Neben einer nun positiv diskutierten Orientierung an Begriffen wie Gehalt, Konzept, Qualität und Reflexion gibt es auch Begriffe, die die Debatte im Negativen, als Warnung bestimmen, und einer hat sich so erfolgreich reproduziert und manifestiert, dass er nun einem Positionenheft das Thema vorgibt: der Populismus.

Die Polarität von Subversivität und Populismus, die dabei gesetzt wird, offenbart nur noch mehr die Dringlichkeit, mit der offensichtlich in Zeiten erodierender Kriterien zur Kunstbewertung nach Geländern und Wegweisern im Dschungel der Möglichkeiten und Behauptungen gesucht wird. So debattiert eine Kunst, die den Kontakt zur Gesellschaft recht gründlich verloren hat und deren Bemühen um neuen Weltbezug zuweilen rührend tapsig wirkt, zuweilen aber auch fehlgehende Vorstellungen von der derzeitigen eigenen Relevanz offenbart.

Der Begriff des Populismus wirkt in dieser Debatte sehr seltsam. Vermutlich schon deshalb, weil „Populismus“ zumeist ein Kampfbegriff ist, geeignet, um „billige“ Erfolge eines Gegners zu diffamieren sowie die eigene Position von der des Geschmähten zu differenzieren und ins rechte Licht zu rücken. Insofern wird damit nicht nur der Adressat, sondern immer auch der Absender qualifiziert.

Aber auch wenn man den Begriff als Kategorisierung ernst nimmt und sich auf die Suche begibt, was er in der Welt der neuen Musik beschreiben könnte, bleibt es schwierig. Orientierung an einem Massengeschmack, einfache Wahrheiten, Verführung gar? Mit jubelndem Publikum, das Karten und CDs kauft oder downloaded und so weiter? Schwer vorstellbar. Oder würde er mehr innerhalb des Business gemeint sein, und das Produzieren des Erwarteten beschreiben, das im institutionalisierten System zuverlässig die nächsten Karriereschritte bringt? So etwas gäbe es immerhin, ist aber wohl kaum eine neue Entwicklung, sondern eher ein Schwank aus der alten Geschichte vom erstarrten System, dessen Wandel doch gerade nachgespürt werden soll. Außerdem: Ein solcher Populismus in der neuen Musik wäre dann gar einer, der zuweilen in der Pose der Publikumsverachtung daherkommen könnte, was den Begriff erst recht ad absurdum führte.

Also fantasieren wir uns doch noch einmal, um dem Populismus näher zu kommen, um den es hier gehen könnte, auf eine wirklich große Bühne für die neue Musik,
inklusive massenhaft begeistertem Publikum. Quasi neue Musik als Pop: unterhaltsam, verführend, vergnügt, erotisch…oder auch flach, berechnend, billig und rückständig…vielleicht sogar innovativ, subversiv, kritisch und witzig…oder eben irgendeine mögliche Mischung aus allem. Wie wäre das? Es bleibt natürlich jedem überlassen, ob er sich etwas wirklich Interessantes darunter vorstellen kann, ob er sich das überhaupt vorstellen kann, aber: wäre das gefährlich? Wäre das „unverträglich“ für welche andere denkbare koexistierende Musik auch immer?

Die Warnung vor Populismus wirkt eigenartig in einer Kunst, die sich von einer echten Öffentlichkeit so systematisch fernhält. Nicht nur, indem sie selbst das Weltliche scheut, es ist ihr schon eingebrannt durch die paradoxe Aufteilung des hochkulturellen Musikbetriebes in alt und neu, in eine so genannte klassische Musik und eine so genannte neue seit über 100 Jahren, mit größtenteils eigenen TeilÖffentlichkeiten, Künstlern, Finanzierungs- und Vertriebswegen. Hier liegen Wurzeln der Krankheiten beider Musikwelten, die bemerkenswerterweise auf beiden Seiten ähnliche Symptome, nämlich die einer Marginalisierung in der Gesellschaft hervorbringen.

Dennoch fürchtet ausgerechnet die neue Musik den Populismus und dieser Reflex gruppiert sich ein in die anderen überholten Waschzwänge des Systems: die immer wiederkehrenden Selbstbefragungen nach der Ernsthaftigkeit, der Neuheit, der Reinheit, der Widerständigkeit, der Subversivität, der kritischen Haltung. Und wenn auch in der Postmoderne noch so viele normative Sicherheiten über Bord gegangen sein mögen, diese Kategorien sind geblieben und grenzen weiter ab, was geht und was nicht. Sie lähmen aber auch den Verstand, und verstopfen die Sinne. Sie engen ein und verhindern Öffnung, Zugänglichkeit, Teilhabe und auch die Aneignung neuer Instrumente für das Ordnen, Bewerten und Streiten. Denn wenn künftig gerade in den Zwischenräumen und Begegnungen, in der Auseinandersetzung und im Wandel zwischen den Kategorien die wirklich neuen Möglichkeiten erblühen – dann ist es dringend an der Zeit, das sezessive Denken in Alt-Neu, Ernst-Unterhaltsam, Subversiv- Populistisch aufzugeben. „Wirf weg, damit Du gewinnst“.

Hat schon Adorno gesagt.

badboy_gaelic

9. Mai 2015
von Alexander Strauch
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Nicht bei uns – A** Dirigentenausbildung für A** Weltorchester

Berliner Philharmoniker Dirigentenroulette – genug wurde dazu bereits geschrieben, gemutmasst. Nächste Woche wird Rattles Nachfolge aller Voraussicht nach klarer als heute sein. Eines gibt aber zu Denken: die meisten gehandelten Kandidaten haben ihre Berufsausbildung nicht hauptsächlich im deutschsprachigen Raum erhalten. Auch wenn Dirigenten wie Barenboim oder Jansons einen Teil ihrer Ausbildung in Österreich bei Hans Swarowsky absolvierten, also eher Vorkenntnisse abrundeten, so erhielten sie nicht von Anfang an ihre Ausbildung einer deutschen, österreichischen oder schweizerischen Musikhochschule. Um ein Dirigent eines Orchesters von Weltrang zu sein, sollte man herausragend musikalisch sein, möglichst über einen kollegialen Probenstil verfügen, das Publikum musikalisch überzeugen, als Identifikationsfigur mitnehmen und Vertreter wichtiger Förderer und Partner für sich einnehmen können.

Anzahl Dirigenten A-Orchester nach Ausbildungsland 2015

Ein Blick auf die A-Orchester und auf die A-Orchestern ähnlich eingestuften Orchester in der Konzertorchesterliste des Deutschen Musikrats für das gesamte Jahr 2015 (bei Vakanzen mit Berücksichtigung der letzten Amtsinhaber) zeigt deutliche Fakten: von ca. 50 Orchestern sind nur 15 Orchesterchefs komplett an deutschsprachigen Musikhochschulen ausgebildet worden, zwei in Österreich, 13 in Deutschland. Ihre Ausbildung rundeten von der Mehrzahl der im nicht-deutschsprachigen Ausland grundständig Studierenden nur 2 an einer deutschen Musikhochschule und 8 in Österreich ab. Konzentriert man sich nun auf den deutschsprachigen Berliner-Philharmoniker-Kandidaten Christian Thielemann, der seine Dirigentenlaufbahn ohne regelkonformes damaliges Diplomstudium in seinem Hauptberufsfach begann, könnte man vereinfacht behaupten: unser Musikausbildungssystem taugt nicht, um eine/n hochkarätigen Orchesterchef/in hervorzubringen, die insbesondere der angelsächsischen, russischen, italienischen und französischen Konkurrenz standhält. Die kurze Formel wäre: auch wenn es in Deutschland weltweit gesehen die meisten Musikhochschulen und Orchester gibt, bringen Grossbritannien und die USA eher einen GMD für die deutsche Orchesterlandschaft hervor als diese es selbst vermöchte.

An den deutschen Musiktheatern mit A-Orchestern findet man zwar immer in erster Reihe sogar deutsche Namen als erste oder zweite Kapellmeister, was für die musikalisch Solidität der Ausbildung und ihre Begabung darin spricht. Als darüberhinausgehende Identifikationsfiguren werden sie von den anderen nach hinten verwiesen. Auch hier die Tendenz zum nicht originär im deutschsprachigen Musiksystem ausgebildeten Chefdirigenten! Also gilt es die Ausbildung von Anfang zu verändern, vom Musikschulalter an das Selbstbewusstsein der Begabtesten massiv zu stärken fördern. Und weniger Hochschulkarrieren an den Instituten zu Professoren machen als vielmehr erfolgreiche Künstler und unkonventionelle Dirigierpädagogen zu berufen, von Anfang an mit den global besten Agenturen darin und als Motor für die Berufsanfänger zu kooperieren sowie vorsichtig das Ausbildungsziel von hervorragend ausgebildeten Korrepetitoren mehr auf herausragende Künstlerschaft umzulenken! Denn geniale Korrepetitoren, denen man natürlich nicht die Möglichkeit zu musikalischer Leitung nehmen sollte, sind doch etwas anderes als Dirigenten, ein anderes Thema… Hier die Liste zum Text: Link.

6. Mai 2015
von Arno
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Erinnerung (06.05.15)

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man nicht – fast – alles auf YouTube fand. Sollte ich sehr alt werden, dann kann ich als vielleicht letzter lebender Zeitzeuge vor Schulklassen darüber sprechen, dass ich sowohl die deutsche Wiedervereinigung als auch die Entstehung des Internets bei vollem Bewusstsein miterlebt habe.

Ich musste noch den weiten Weg von meinem Dorf in die Hannoveraner Innenstadt auf mich nehmen, um an Partituren und CDs heranzukommen. Die Kombination von Noten und Aufnahme war für mich verpflichtend. Es musste immer beides sein! Es gab da diese Zeit, in der ich nichts lieber tat, als mir Musik anzuhören und die Noten mitzulesen. Das war tatsächlich meine liebste Freizeitbeschäftigung. Während andere nichts mehr herbeisehnten als ihren erste Fahrstunden – ich habe bis heute keinen Führerschein – und dem Alkoholkonsum fröhnten – ich habe erst mit 22 mein erstes Bier getrunken – lag ich also Zuhause mit Kopfhörer auf meinem Bett und blätterte in Bibliotheksnoten.

Es musste Musik des 20. Jahrhunderts sein. Und da war es fast egal, welche… So hörte ich ganze Opern von Henze und Hindemith an, die heute nicht unbedingt zu meinen Favoriten gehören. Henze sogar überhaupt nicht. Henzes Musik finde ich größtenteils schrecklich – und dabei ist sie ja meist nicht einmal von ihm selbst komponiert worden. Egal!

Jedenfalls empfinde ich etwas Rührung für mich selbst, wie ich damals nach Noten und CDs gelechzt habe. Und es ist doch amüsant, dass ich für Noten von Komponisten des 20. Jahrhunderts meist immer noch in die Bibliothek fahren muss. Zwar nicht mehr so weit wie damals, aber immerhin bin ich doch insgesamt 50 Minuten außer Haus. Für Noten von schon länger toten Komponisten bleibe ich Zuhause im Internet. Auf IMSLP gibt es – fast – alles. Und auf YouTube die dazugehörigen Aufnahmen. Die damalige Situation: Binnen Sekunden rekonstruiert.

Gerade studiere ich die Noten von Schnittkes erster Cellosonate. Da kam mir diese Erinnerung.

rape

3. Mai 2015
von Moritz Eggert
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Macht und Missbrauch

Wer sich an Macht gewöhnt, gewöhnt sich auch an eine Aura der scheinbaren Unverletzlichkeit. Man hat die Vorstellung, dass für einen selber vielleicht andere Grenzen gelten als für andere Menschen, dass man sich gefahrlos mehr erlauben kann, dass einem nichts geschehen kann. Bei Politikern und Prominenten ist oft zu beobachten, dass sie bis zum allerletzten Moment an diese Unberührbarkeit glauben. Barschel gab bis zuletzt sein „Ehrenwort“ und glaubte wohl auch selber daran, Christoph Daum hatte seine Haarprobe schon längst abgegeben und musste eigentlich wissen, dass alles herauskommen würde, stritt dennoch alles ab.

Sexuelle Übergriffigkeit und Nötigung bis hin zur Vergewaltigung an Schulen, Hochschulen und Universitäten sind Themen, die immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Es wird immer klarer, dass hier in der Vergangenheit scheinbare Toleranz und lässige Freizügigkeit als Deckmantel für sexuelle Ausbeutung fungierten, wie zum Beispiel an der Odenwaldschule. Oft gibt es auch strenge hierarchische Strukturen, wie bei Klosterschulen oder Internaten, in denen sich ohnehin schon niemand traut, überhaupt irgendetwas zu sagen. Die Täter sind Personen mit Macht über andere: Aufsichtspersonen, Lehrer, Professoren. Dass die Dunkelziffer viel höher ist, kann man allein daran erkennen, dass absolut jeder erwachsene Mensch entweder selber solche Erfahrungen hatte oder Menschen gut kennt, denen etwas in dieser Richtung passiert ist.

Natürlich gibt es diese Vorgänge auch an Musikhochschulen. Anders als an Universitäten ist hier der Unterricht wesentlich intimer und besteht zum größten Teil aus Einzelunterricht. Professoren und Studenten haben sehr oft auch private Beziehungen miteinander, wissen viel übereinander, sehen sich häufig. So etwas wie Kompositionsunterricht ist zum Beispiel gar nicht möglich, ohne näher miteinander zu tun zu haben – es geht um Kreativität, die immer auch mit inneren Emotionen und Befindlichkeiten zu tun hat. Es ist unmöglich, das Private auszublenden.

Musikprofessoren haben durch dieses intime Wissen über ihre Studenten natürlich eine erhöhte Verantwortung, können diese Macht aber auch nutzen, um Studenten zur Befriedigung ihrer Gelüste zu benutzen, wie es immer wieder geschieht. Dann sind junge Studenten schlicht und einfach Frischfleisch für die Geilheit alternder Säcke.

Mir sind auf meinem akademischen Weg zahllose solche Fälle begegnet. Schon als Student tuschelt man über bestimmte Professoren und das Verhältnis zu deren Studenten, oder erlebt vielleicht dieses Interesse am eigenen Leib. Später erlebt man Kollegen, für die eine Musikhochschule eine Art Selbstbedienungsladen für Sex darstellt. Und hier betritt man nun heikles Territorium, denn es geht ja um Macht, und die Mächtigen sind durchaus in der Lage, sich Abhängigkeiten durch Vergünstigungen zu erzeugen. Was soll man als Studentin zum Beispiel machen, wenn sich der für die eigene Laufbahn wichtige Professor, der über zahlreiche wichtige Stipendien und Fördermittel entscheiden kann, in dutzenden von wichtigen Entscheidungsgremien sitzt, sich auf nicht angenehme Weise heranmacht? Rennt man gleich zur Frauenbeauftragten, wenn ein solcher Schritt massive Konsequenzen für die eigene Karriere haben könnte? Die Notgeilen unter den Professoren wissen diese Mittel virtuos und kunstvoll zu bedienen, und wenn sie bei der einen Studentin nicht funktionieren, kommen jedes Jahr neue nach (die man auch noch selber bei der Aufnahmeprüfung auswählen kann) und das Spiel beginnt von Neuen.

Da die direkte Abhängigkeit vom Professor bei Musikhochschulen viel höher ist als an einer anonymen Großuniversität, sollte es daher nicht erstaunen, dass es zu relativ wenig Anzeigen oder Beschwerden deswegen kommt, zu groß ist die Scham, die Angst von persönlichen Konsequenzen. Schon anderswo verhindert Scham die Anzeige von zahllosen sexuellen Delikten, an den Musikhochschulen kommt noch die Furcht vor dem Karriereaus hinzu.

Natürlich gibt es Studenten, die der Verlockung verfallen, auf persönliche Vergünstigungen hoffen und sich aus diesen Gründen auf Dinge einlassen, die sie vielleicht selber erst einmal gar nicht wollen. Dann stellt sich aber die Frage, inwieweit man diesen Studenten diese Verführung angedeihen lassen soll, denn es handelt sich faktisch um noch sehr junge, unsichere und noch formbare Menschen. Wer ist schuldiger, derjenige der die verbotene Droge kauft und ihr verfällt, oder derjenige, der sie zum eigenen Vorteil herstellt und anbietet? Der Verführer ist immer schuldiger als der Verführte.

Ein beliebtes Argument der sexuellen Ausbeuter ist, dass es sich ja um Erwachsene handele, Studenten tun und lassen könnten was sie wollten und viele es ja auch gut fänden, etwas mit dem Professor zu haben, weil das ja so dufte Typen sind. Es gibt natürlich Fälle von echter Liebe zwischen Professoren und Studenten, verboten sollte das nicht sein. Meistens kann man aber die verschiedenen Typen von Professoren sehr wohl unterscheiden – diejenigen die an einer ernsthaften Beziehung interessiert sind und eine solche durch die mögliche Abhängigkeit heikle Beziehung verantwortungsvoll und sensibel angehen, und diejenigen, die diese Abhängigkeiten eher geheim halten und ständig wechselnde studentische Partner haben. Letztere sind selten an echter Liebe interessiert, es geht ihnen vor allem um Selbstbestätigung.

Wie kann es im guten Sinne funktionieren? Ein Beispiel: Ein sehr guter Freund von mir verliebte sich ernsthaft in eine Studentin und sie in ihn – sofort machte er die Beziehung öffentlich und verließ alle Entscheidungsgremien, die diese Studentin betrafen, verhielt sich also so korrekt wie möglich. Er wollte damit auch die Studentin schützen, der sonst zu Unrecht vorgeworfen worden wäre, sich Vorteile zu verschaffen. Allein dies war natürlich schon ein Anzeichen dafür, dass ihm die Sache ernst war und es ihm hier nicht um das Abhängigkeitsverhältnis als Druckmittel ging. Dass diese Beziehung tatsächlich in einer schönen dauerhaften Beziehung mit Heirat und Kindern mündete, ist erfreulich aber natürlich nicht vorauszuplanen. So geht man mit einer solchen ja nicht grundsätzlich verwerflichen Beziehung verantwortungsvoll um, aber das ist an den Hochschulen sehr selten. Wesentlich häufiger sind ein geheimes Spiel mit Gefälligkeiten und Abhängigkeiten, ständig wechselnde studentische Partner und eine Ausnutzung der Machtposition. Das mag alles einigermaßen gut gehen und Menschen nicht dauerhaft schädigen, der „Spaß“ hört aber auf, wenn Gewalt oder Minderjährige im Spiel sind, und das ist viel häufiger der Fall, als man meint. Jede Hochschule hat minderjährige Jungstudenten, Professoren geben auch außerhalb der Hochschule Meisterkurse und Workshops – wenn sie also Dunkles treiben wollen, gibt es dafür zahlreiche Gelegenheiten. Und es ist erstaunlich, wie viele manchmal jahrzehntelang ungeschoren davonkommen, da sie das engmaschige Netz aus Abhängigkeiten perfekt und virtuos bedienen.

Verschiedene Länder gehen mit der Thematik unterschiedlich um. Schrecklich ist sicherlich eine puritanische Welt, in der es eine Hypersensitivität gegenüber dieser Thematik gibt und hinter jeder kleinen Geste und jedem kleinen Flirt schon ein sexueller Übergriff vermutet wird. In den USA zum Beispiel – dem Land der ewigen Gerichtsprozesse – unterrichten Hochschulprofessoren meistens bei offener Tür. Ich kenne Kollegen, die ihre Einzelstunden heimlich mit ihrer Laptopkamera aufnehmen, damit ihnen nachher nicht vorgeworfen werden kann, dass sie sich unsittlich verhalten haben.
Wenn man sich hierüber lustig macht, vergisst man aber, dass das Gegenteil viel schlimmer ist. Denn dann stehen diejenigen, die Opfer sexueller Belästigung bis hin zu schwerer Nötigung oder Vergewaltigung sind, einer Mauer des Schweigens und der Indifferenz gegenüber. Ich kenne Studenten, auf die dies schwere psychische Auswirkungen hatte, die in der Psychiatrie landeten oder das Land verlassen haben, um sich möglichst weit vom Ort erlebter Schande zu entfernen. Einfach nur, weil niemand ihre Beschwerden ernst nahm.

Natürlich sind Skandale für keine Hochschule etwas Schönes. Jede Musikhochschule hat ihre „Geschichten“, man redet nicht so gerne darüber, will keine schlechte Publicity. Dass man in den USA so streng ist, hat auch einen pekuniären Grund. Die meisten Universitäten sind eigenfinanziert, Skandale und Gerichtsprozesse haben also massive Auswirkungen auf die Einnahmen eines solchen Instituts. In Deutschland dagegen sind Professoren meist Staatsbeamte, die Vertuschungen bekommen also plötzlich eine politische Komponente. Mir sind Fälle bekannt, bei denen das Ministerium selber Druck ausübte, dass nichts herauskommt. Oder Fälle, bei denen sich in Institutionen richtiggehende Altherrenseilschaften bilden, die einerseits Telefonnummern von ihren aktuellen Eroberungen austauschen oder sich gegenseitig schützen und Studenten solange unter Druck setzen oder bestechen, dass Beschwerden oder sogar Anzeigen zurückgezogen werden. Wenn dann etwas Schlimmes herauskommt, will niemand etwas gewusst haben.

Mich nimmt diese Thematik im Moment sehr gefangen, da sich quasi vor meinen Augen ein solcher Fall abgespielt hat. Schlimme Dinge sind passiert, Personen wurden schwer geschädigt oder richtiggehend kaputt gemacht. Und dennoch konnte der Betroffene über einen Zeitraum von fast Drei Jahrzehnten ungehindert wirken, wurde allseits hofiert und geschützt, alles wurde ihm verziehen, alles wurde ihm ermöglicht. Man tolerierte seine Wutausbrüche und seine Exzentrik und manch einer sonnte sich in seinem vermeintlichen Ruhm, in der Hoffnung ein klein wenig Glamour abzubekommen.

Im Jahr 1992 studierte ich an der Guildhall School of Music in London. Meine Freundin Naomi Graham war Blockflötistin und studierte bei einem der renommiertesten Lehrer der Welt der Alten Musik: Philip Pickett. Pickett galt als eine Art Popstar der Klassik, er war jung zum Professor berufen worden und hatte Macht und Einfluss, leitete Festivals, vergab Preise. Naomi erzählte bald von merkwürdigen Geschichten um diesen Professor, der sich hauptsächlich weibliche und hübsche Studentinnen suchte. Sie selber erlebte nichts Schlimmes, aber einige ihrer Kommilitoninnen veränderten plötzlich sichtlich ihr Verhalten. Von einem Tag auf den anderen wurden sie still oder verschlossen, oder brachen plötzlich das Studium ab. Von einer sehr schüchternen und fast autistischen Studentin hieß es plötzlich, sie lebe bei Pickett zu Hause und sei ihm auf irgendeine Weise sexuell gefügig. Viele der Geschichten glaubten wir nicht, sie schienen zu übertrieben oder absurd. Und Pickett war sehr extrovertiert, gutaussehend, selbstsicher. Dann gab es Studentinnen, die plötzlich von einem Tag auf den anderen nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Er tat es damit ab, dass sie nicht mit seiner Kritik umgehen konnten.

Ich verließ London wieder, die Jahre gingen dahin, und ich dachte nicht mehr viel an Pickett, mit dem ich ja selber auch wenig zu tun gehabt hatte. Dann las ich es zufällig im Internet: Anzeige gegen Pickett, wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung in mehreren Fällen. Pickett hatte mitten im Einzelunterricht plötzlich das Licht gelöscht, Studentinnen vergewaltigt, und sie dann einfach gehen lassen. Er war sich seiner Sache sehr sicher, denn er suchte sich immer die Studentinnen aus, die am wenigsten Selbstsicherheit besaßen, von denen er nichts befürchtete. Er war ja mächtig und angesehen – wer sollte den Studentinnen denn glauben? Die waren doch nur frustriert oder eifersüchtig, er war der berühmte Phil Pickett. Einige beschwerten sich tatsächlich, versuchten die Hochschulleitung zu informieren. „Suchen Sie sich doch einfach einen anderen Lehrer, wenn Sie mit Herrn Pickett nicht zurecht kommen“, war die Antwort. Man kanzelte ab, setzte Studentinnen unter Druck, die meisten gaben auf oder zogen sich aus Angst und Scham zurück.

Viele Jahre ging das so, Pickett fühlte sich sicher und unverwundbar. Doch manchmal fassen Menschen plötzlich nachträglich Mut, gewinnen an Stärke anstatt Stärke zu verlieren. Manche Anzeigen kommen spät, aber sie kommen dennoch. Es ist ganz typisch, dass solche Verbrechen nicht sofort angezeigt werden, dass es manchmal Jahre dauert, bis ein Schritt in die Öffentlichkeit gewagt wird. Das geht meistens erst, wenn man auf eigenen Füßen steht, nicht mehr abhängig ist.

Dieses Jahr wurde Pickett verhaftet, mitten in den Vorbereitungen von mehreren Festivals. Er widersetzte sich seinem Gefängnisaufenthalt bis zuletzt mit dem Argument, er müsse doch noch seine Konzertverpflichtungen erfüllen, dafür sollte man doch bitte Verständnis haben. Bis zuletzt glaubte Pickett an seine Unverwundbarkeit. Er bekam 11 Jahre Haft.

In dem Artikel über das Urteil platzierte die Polizei eine Adresse, an die sich ehemalige Opfer weiterhin wenden können. Es werden sich noch viele gemeldet haben, die es vorher nicht wagten, manchmal tritt eine Anzeige eine ganze Welle von weiteren Anzeigen in Bewegung, weil sich plötzlich mehr Menschen trauen, die Wahrheit zu sagen.

Wahrscheinlich begreift Pickett auch jetzt im Gefängnis immer noch nicht, dass es eine unumstößliche Wahrheit gibt: Missbrauch ist nie ein Kavaliersdelikt.

Und der einzige Weg, Missbrauch zu verhindern, ist der Mut, darüber offen zu reden.

Moritz Eggert, 2.5.2015

27. April 2015
von Arno
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Absage! Franz Beckenbauer (113): “Ich bin zu alt für die Berliner Philharmoniker!”

In einigen Tagen ist es so weit. Der wichtigste Termin für die Berliner Philharmoniker seit langer Zeit! Alle Beteiligten sind angespannt und voller – unterschiedlicher – Erwartungen, während Fans und Presse schon über den Ausgang des Ganzen spekulieren. Wer gewinnt am Ende? Wer macht das Rennen? Wer darf sich freuen – und wer schaut in die Röhre?

Ja! Richtig! Am 14. Mai findet wieder das Fußballturnier der Berliner Orchester statt – und zwar ab 13.00 Uhr auf dem Sportplatz in der Paul-Heyse-Straße. Der Autor dieser Zeilen – bekennendes Manuel-Neuer-Double – steht wieder für das beste Orchester Berlins zwischen den Pfosten: für das Konzerthausorchester Berlin. Die Berliner Philharmoniker sind auf eine Revanche aus, nachdem letztes Jahr im Olympiastadion bereits in der Vorrunde Schluss war.

Drei Tage zuvor – nämlich am 11. Mai – wählen die Philharmoniker nebenbei noch ihren neuen Chefdirigenten.

Die Frage ist aber nicht nur: “Wer wird der Nachfolger von Simon Rattle?” sondern: “Wer wird denn nach dem Champions-League-Aus der Bayern gegen Barcelona einen Tag später – nämlich am 12. Mai – Nachfolger von Pep Guardiola?”

Eine Diskussion neulich in einer Fußballkneipe mit Kulturmenschen (ein junger, hübscher Star-Dramaturg, ein Mitarbeiter einer bedeutenden Musikagentur, ein polnischer Werbefotograf und ein niedersächsischer Innenarchitekt) ergab zunächst: Franz Beckenbauer ist der Daniel Barenboim, Ottmar Hitzfeld der Mariss Jansons, Jogi Löw der Kent Nagano, Bruno Labbadia der Riccardo Muti, Rudi Völler der Simon Rattle und Pep Guardiola der Georg Solti des Fußballs.

Wer werden jetzt aber die Nachfolger? Kommt nun Christian (“Endlich mal wieder ein Deutscher!”) Thielemann als Bayern-Coach? Stellt er Müller-Wohlfahrt wieder ein? Und kann Jürgen Klopp die Berliner Philharmoniker zur innigst herbeigesehnten deutschen Klangästhetik von vor “äh… circa 70 Jahren” zurückführen?

Wir haben exklusiv für den Bad Blog alle Kandidaten auf Herz und Schilddrüse getestet!

Simon Rattle und Rudi Völler. Tränenreicher Abschied! Es war einst nach der verkorksten EM 2004 als Simon Rattle sagte: “Blutige Hölle! So kann meine Mannschaft die Sinfonie fantastique unmöglich spielen! Ich gehe! Tschüssi!”

Simon Rattle und Rudi Völler. Tränenreicher Abschied! Es war einst nach der verkorksten EM 2004 als Simon Rattle sagte: “Blutige Hölle! So kann meine Mannschaft die Sinfonie fantastique unmöglich spielen! Ich gehe! Tschüssi!”

Mariss Jansons und Ottmar Hitzfeld

Mariss Jansons und Ottmar Hitzfeld. “Eigentlich der tollste Dirigent der Welt, aber zu alt und zu krank…” (BILD über Ottmar Hitzfeld). Kommt Ottmar “Die Schilddrüse” Hitzfeld noch einmal zurück ans Pult? Oder lassen Mariss Jansons’ gesundheitliche Probleme eine Rückkehr zu den Bayern scheitern?

Georg Solti und Pep Guardiola

Georg Solti und Pep Guardiola. Er, Solti, ist nicht mehr unter uns. Kommt also – trotz Überalterung des Fußball-Publikums – für den neuen Cheftrainerposten nicht infrage. Der andere, Guardiola, geht nach London. Endlich England! Endlich, äh: “Spielkultur”…

Bildnachweise: Mariss Jansons © Marco Borggreve. Die Verwendung des Bildes geschieht mit freundlicher Genehmigung des Urhebers.
Auch die anderen Bildrechte wurden geklärt beziehungsweise die jeweiligen Urheber kontaktiert.

Foto: NMZ

26. April 2015
von Moritz Eggert
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Copy and Paste.

Foto: NMZ

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Foto: NMZ

Foto: NMZ

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Copy and Paste

Gerade übe ich zwei Stücke von György Kurtag, einem ja durchaus spielenswerten Komponisten. Wie bei Kurtag häufig sind es kurze, komprimierte Sätze eher minimalistischen Charakters. Wie minimalistisch stellte ich beim Üben schnell fest: Kurtag verwendet in einem Satz jedes der beiden Stücke exakt den gleichen Klavierpart! So als ob er ihn einfach aus dem einen Stück herausgeschnitten und in das andere eingefügt hat (wen es interessiert, es handelt sich um die Passacagliabegleitung aus „Hommage a R.Sch“ (gerne im Musikerjargon auch „Hommage Arsch“ genannt) und den 6 Stücken für Posaune und Klavier).

So ein Erlebnis habe ich nicht das erste Mal. So stellte ich zum Beispiel einmal fest, dass der Klavierpart in den „Hölderlin-Fragmenten“ für Bariton und Klavier von Rihm und seinem „Klavierstück Nr.6 (Bagatellen) teilweise identisch ist. David Lang wiederum ging noch einen Schritt weiter: Seine Kurzoper „Judith und Holofernes“ besteht aus exakt derselben Musik wie sein Stück „Are you experienced?“, nur leicht uminstrumentiert und ohne den Sprecherpart.

Nun bin ich vielleicht altmodisch oder habe eine übertriebene Arbeitsethik, aber irgendwie hinterlassen solche Entdeckungen bei mir immer gemischte Gefühle. Ja ich weiß, spätestens seit Stockhausen und Rihm spricht man bei Komponisten nicht mehr von einzelnen Werken, sondern von „Werkkomplexen“, und da darf und soll sich alles aufeinander beziehen und durchdringen. Da sich eh keine alte Sau ständig alle Stücke hintereinander anhört, wird damit gewährleistet, dass sie durch die ständigen Selbstzitate immer ihr „Trademark“ haben, also immer der aktuelle eigene musikalische Stil korrekt abgebildet ist. Hier gibt es auch eine Parallele zur Kunstwelt, in der ähnliche Ideen gerne ganze Bilderserien befeuern, da man dann einfach mehr Geld verdienen kann als mit Unikaten.

Und klar, es wird dann immer das Beispiel von Bach gebracht, der ja auch mal eine alte Kantate unter neuem Titel benutzte, um sein wöchentliches Pensum überhaupt noch bewältigen zu können. Und bei Mozart wiederholen sich ja auch Melodien. Und bei Schubert. Und, und, und.

Wer aber genauer hinschaut, wird merken, dass Bach sehr wohl zwischen seinen „handwerklichen“ Aufgaben (zu denen die wöchentliche Kantatenkomposition sicher gehörte) und seinen ambitionierteren Werken zu unterscheiden wusste. Bei letzteren strebte er definitiv höchstmögliche Qualität und Individualität des Ausdrucks an. Und die Wiederholungen bei Mozart und Schubert sind zum Teil eher intuitiv, einer ähnlichen Stilistik geschuldet oder schlicht und einfach unabsichtlich. Wir können davon ausgehen, dass weder Mozart noch Schubert aufgrund ihrer jeweiligen Lebenssituation ständig ihren gesamten Werkkatalog als Bibliothek verfügbar hatten. Interessant sind zum Beispiel auch die kleinen Ungenauigkeiten bei Sonatenreprisen beider Komponisten, die eindeutig belegen, dass die Themen aus der Erinnerung geholt und nicht etwa noch einmal abgeschrieben wurden. Und wenn in einer tonalen Tonsprache mit einer überschaubaren Varianz von Akkorden und Melodien etwas mal gleich klingt, kann es auch einfach mal Zufall sein, wie zahllose unbeabsichtigte Plagiatsfälle in der Popmusik zeigen.

Mit den Mitteln heutiger Technik sind die Möglichkeiten des „Copy and Paste“ – Prinzips aber ins Unermessliche gestiegen. In den 80er Jahren wurde gerne noch mit kopierten Partiturschnipseln und Uhu gearbeitet (wenn man mal bei den Verlagen nachfragt, ist man erstaunt, wie viele Orchesterstücke eigentlich eher Kollagen immer desselben Materials sind), inzwischen reichen wenige Klicks bei Sibelius, um komplexeste Passagen auf simple Weise anderswo einzufügen, zu transponieren oder gar zu transformieren. Man kann davon ausgehen, dass diese Features sehr, sehr viel genutzt werden, vor allem von jungen Komponisten, die eine möglichst große Ausbeute bei Wettbewerben erhoffen. Früher fiel es nämlich schon mal auf, wenn in einem Streichtrio plötzlich in der Bratschenstimme stand: „mit Klavier koordinieren“, auch wenn gar kein Klavier mitspielt. Wiederverwertung halt, man hatte einfach ein anderes Stück zerschnitten und in mehrere Stücke aufgeteilt.

Nichts gegen Wiederverwertung und Recycling – die Frage ist aber doch: Wie viel Recycling brauchen wir eigentlich in einer mit Musik ohnehin schon zugemüllten Welt? Müssen wir wirklich den allgemeinen Uraufführungswahn damit befeuern, dass wir uns gar nicht mehr so richtig bemühen und einfach dasselbe Stück immer wieder verkaufen? Brauchen wir überhaupt unambitionierte Musik, wenn es doch schon so viel davon gibt? Müssen wir in der freien Kunst dieselben Gesetze befolgen, die aus Musik ein Produkt macht, das „abgeliefert“ wird? Gerade deswegen ist ja das Beispiel mit Kurtag so erschütternd – hier ist ein Komponist, der ohnehin schon erfreulich zurückhaltend ist mit seinem Werkausstoß und lieber auf Qualität als auf Masse setzt. Und dann muss der auch kopieren?

Bearbeitungen sind da irgendwie etwas anderes, denn diese sind ja als solche gekennzeichnet und betreiben keinen Etikettenschwindel. Und klar, hier ist der Komponist vornehmlich „Handwerker“, der etwas für eine andere Aufführungssituation passend macht. Aber man denkt dann eben auch nicht, dass hier etwas genuin Originelles geschaffen wurde.

Ich bin kein Moralapostel und auch nicht scheinheilig, dennoch kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass ich noch nie ein Stück zweitverwertet habe. Und das aus einem ganz einfachen Grund: es macht mir keinen Spaß. Für mich besteht der Spaß beim Komponieren vornehmlich im Erfinden, das hält mich bei der Stange, das interessiert mich. Jedes Stück braucht auch seine eigenen Lösungen, braucht seinen eigenen Ton. Für mich ist es nicht dasselbe, eine Hommage an Robert Schumann für Trio oder ein Stück für Posaune und Klavier zu schreiben. In gewisser Weise bin ich auch zu faul, bei mir selber abzuschreiben. Ich finde es ehrlich gesagt wesentlich mühsamer, bei mir selber die richtige Stelle in einem anderen Stück herauszusuchen und diese dann dort einzufügen wo es passt – schneller geht es, etwas Neues zu erfinden.

Allerdings gibt es Arten von Musik, bei denen man gar nicht merkt, ob hier und dort was eingefügt wurde, denn es ist ab einer gewissen Komplexität eh wurscht. Oder ab einer gewissen Textmasse. Vielleicht schaut man heutzutage auch generell nicht mehr so genau hin, weil es eh viel zu viel von allem gibt.

Gerade übe ich übrigens Weiterlesen →

24. April 2015
von Arno
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Erlkönig-Unfall bei Tempo 152

Oder: “Again what learned!”

Ich übte gerade den Klavierpart von Schuberts “Erlkönig”, da dachte ich mir erstmals: “g-Moll zum Metronom – und mach das an!” “Viertel = 152″ war dann doch überraschend schnell. Schubert hatte sich in seinem Weltenhass sicherlich gedacht: Ein bisschen Spasmus muss sein. Nun ja. Ohne gleich Literatur zur nicht allzu virtuosen, aber doch sehr speziellen Schwierigkeit des Klavierparts zu recherchieren tippte ich “Erlkönig” und “Tempo” in das Suchfeld. Ich gedachte damit, in etwaigen Klassiknerd-Foren rege aber auch sehr langweilige Diskussionen zu dieser – von Schubert stammenden? – Metronomangabe vorzufinden. Dem war jedoch nicht so. Auch fand ich keine Ergebnisse aus dem Bereich “Handkrampf-Gefahren beim Spielen von Schuberts ‘Erlkönig'” – und folglich keine fürchtemachenden Abstracts in amerikanischen Fachzeitschriften für Musikphysiologie und Musikermedizin (“Pianist’s Hand Cramp Syndrome in Playing of Schubert’s ‘Erlkonig'”).

Erlkönig-Unfallgefahr

Sondern ich stieß unbremst auf diesen Artikel aus dem Schwarzwälder Boten mit der Überschrift: “Erlkönig-Unfall. Ab Tempo 130 fährt die Schuld mit”. Ich war weniger darüber verwundert, dass es bereits in der Vergangenheit durchaus beim Spielen des Erlkönig-Klavierparts zu Unfällen gekommen war; vielmehr verunsicherte mich, angesichts der wohl offiziellen Tempoangabe 152, dass schon bei 130 “die Schuld mit[fahre]”.

Mir war nämlich völlig neu, dass noch nicht der Öffentlichkeit vorgestellte Automobil-Prototypen in Fachkreisen tatsächlich “Erlkönig” genannt werden. Eingeführt wurde der Begriff Anfang der 1950er Jahre von der Zeitschrift “auto motor und sport”, die ein Bild des bislang geheimgehaltenen Mercedes-Benz W 120 wie folgt untertitelte: “Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind? / Ist es ein Straßenkreuzer von drüben / Der nur im Umfang zurückgeblieben / Oder gar Daimlers jüngstes Kind?”

Genau in die Zeit der unter dem gängigeren Namen bekannten Limousine “Mercedes 180″ fällt auch die “Erlkönig”-Aufnahme von Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald “Bin ich zu laut?” Moore. Und tatsächlich hält Moore in der Einspielung aus dem Jahr 1958 die Tempovorschrift “Viertel = 152″ exakt ein, ja geht sogar dann und wann ein klein wenig darüber hinaus.

Wir stellen somit fest: Die Schuld fuhr bei Fischer-Dieskau und Moore immer mit! Und ich überschreite ab sofort die 130 beim “Erlkönig” nicht mehr. Japp.

badboy_gaelic

24. April 2015
von Alexander Strauch
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Nehmt an der Verlagsumfrage teil! Egal ob Aus- oder Umsteiger!!

Wie viele von Euch haben eigentlich mit dem Thema „Verlag“ bereits abgeschlossen? Wie viele sind froh endlich einen gefunden zu haben, und nicht mehr immer selbst die Kommunikation mit Interessenten führen zu müssen, Stunden am Kopierer zu stehen und Korrespondenz einzutüten? Wer fühlt sich gut betreut, wem mangelt es an vielen Verlagsdienstleistungen? Wer hält dies für einen Anachronismus, wer modernisiert gerade seinen Selbstverlag? Oder wer hat sich der Materie noch nicht gestellt, da all der Kollegentalk dazu einem eher Angst als Mut macht, endlich mal selbst grosse Verlage zu kontaktieren? Wer bekommt wenigstens selbst jeden eingenommenen Verlagscent regelmäßig überwiesen, wer wartet darauf jahrelang? Für wen geht der Verlag doch noch Klinken putzen, wo kennt man nur Drehtüren? Wer muss sein Aufführungsmaterial aus dem Werkhonorar begleichen, so dass nichts davon übrig bleibt, wer stottert das über einbehaltene Leihgebührbeteiligung ab? Jede und jeder von Euch weiß aus Gesprächen untereinander dazu ein Mosaiksteinchen durch eigene Erfahrung oder Hörensagen dazu beizutragen. Aber zahlenmäßig belastbar ist dies alles nicht!

Die Fachgruppe E-Musik des Deutschen Komponistenverbandes, kurz FEM, nicht die Frauengruppe des DKV, sondern die für alle zuständig, deren Musik experimentell, extravagant, ernst bis bierernst ist bzw. bei der GEMA mit einem Grossteil unter E gewertet werden, hat nun eine Verlagsumfrage zur Situation verlegter E-Komponisten gestartet. Wobei gleich gesagt sein soll, dass sie sich eben auch an nichtverlegte, verlagsüberdrüssige oder verlagsscheue und alle noch denkbaren Kategorienvertreter wendet, an Ein- wie Aussteiger, Um- und Durchsteiger. Ja, es mag wichtigere Themen geben. Aber das ewig leidliche mit den Verlagen sei doch einmal wieder oder überhaupt zum ersten Mal richtig angegangen. Wenn also erst einmal ein Überblick entsteht, der nicht nur auf gesammelten Stammtischgesprächen beruht, ist schon etwas gewonnen.

Das Ziel könnte dann eine relativ unspektakuläre Checkliste sein, die man zur Hand nehmen kann, wenn man mit Verlagen professionell in Kontakt kommt. Vielleicht gibt es sogar die Möglichkeit in gehäuften ärgerlichen Fällen mit einem Verlag, diesen direkt einmal mit dem Gesamtfazit des bad-feelings seiner Verlegten zu konfrontieren. Wobei der natürlich machen kann, was er will. Allerdings ist es auch ein kleines Mittel in der Hand der Komponisten, wenn in irgendwelchen Gremien des Musiklebens die Verlage oder gerade ein solche bad-feeling-Verlag ihre hehre Bedeutung beschwören und eher genaues Inkasso als solidarisches Umverteilen einfordern: jeder bis auf den letzten Platz gefüllte Off-Off-Spielort ist letztlich wertvoller als eine gähnend leere superduper Philharmonie. Und im Off-Off-Spielort gibt es eher Unverlegtes bzw. in kleinen Unternehmen liebevoll, eigenhändig Zusammengestelltes als mit grosser Allüre und geringstem Einsatz für den Komponisten von Unternehmen des Big Business in Philharmonien aufgeführtes. Oder drehen wir mal die Perspektive und lassen uns Nutzerinnen und Nutzer von Internetpräsenzen von Verlagen sein: nur wenige Werke lassen sich besetzungsgenau wirklich einfach finden und auch mit ein paar Seiten einsehen. Allerdings muss man da auch deutlich sagen, dass viele Homepages von unverlegten KollegInnen dem in nichts nachstehen, wenn man ohne gleich in grossen Kontakt zu treten mal ein paar Notenfragmente einsehen möchte. Also, nehmt zahlreich teil! Denn damit zeigt Ihr, dass Euch das Thema doch irgendwie beschäftigt und Verlage doch eine Rolle spielen könnten, wenn sie diese sehr gut und zeitgemäß ausfüllen würden. Denn so schön das Self-Made-Dasein auch sein mag: wenn ein Stück sehr erfolgreich ist, wird die Kommunikation dazu auch wieder belastend. Und was ist, wenn man irgendwann nicht mehr seine Stücke selbst verwalten möchte? Das kann einem egal sein. Aber ist auch unverantwortlich der eigenen Arbeit gegenüber.

Hier der Link zur sich selbst herunterladenden doc-Datei. Nach Ausfüllen bitte an fem@komponistenverband.org mailen. Die Geschäftsstelle des DKV reicht sie dann anonym an das Leitungsteam der FEM zur Auswertung weiter. Mal sehen, was dieses bereits am 5.5.15 im München dazu auf der Mitgliederversammlung im Umfeld der GEMA-Jahresversammung zeigen können wird: http://femusik.de/schreiben/FEMumfrage_verlage_emusik2015.doc