Bad Blog Of Musick

24. September 2016
nach Arno
Keine Kommentare

Das große Porno-Komponisten-Alphabet – G-I

Endlich, endlich, popendlich kommt sie (nach den ersten beiden großen Folgen mit den großen Buchstaben A-C und D-F): Die dritte große Folge des großen Porno-Komponisten-Alphabets!

André Gailhard (1885–1966)
Ganz schön heiß war es am 29. Juni 1885 in Paris. An diesem Tag wurde der Komponist André Gailhard unter schallenden aber gleichsam auch lustvoll sich den Weg an die schwüle Luft der französischen Bumms-Metropole bahnenden Schreien seiner Mutter Uschi Obsédé gebohren. Der frühreife Gailhard fiel schon als läufiger Bub weniger durch musikalische Talente als vielmehr durch drängende Fragen an seine Frau Mama („Duhu, wie isses’n gezz mit die Bienen und die Blüten?“) auf. Daraufhin gewann er der sogenannten Rompreis. Für Gailhard die finanzielle Grundlage kommender Bordellbesuche. Anschließend schuf Gailhard diverse Opern wie beispielsweise die Erfolgsstücke „La Damm-Nation de Faust“, „Lucia, die Kammer-Hur'“, „La deflorazione di Popp-Pia“, „Le Fotze di Figaro“ und „Les Cunt d’Hoffmann“.

Fritz Hart (1874–1949)
Der 1874 im Rotlichtviertel Londons geborene Fritz Hart litt als Heranwachsender unter starken gesundheitlichen Problemen, die das geradeaus-Laufen schwierig bis unmöglich machten. Berühmt wurde Fritz Hart überhaupt nicht. Beharrlich komponierte er weiter, so die „Engmont Ouvertüre“ in ziemlich sexueller Anlehnung an Beethoven sowie die Opern „Gianni Ficki“, „Möses und Aron“ und „Die Frau ohne Latten“.

Jean Eichelberger Ivey (1923–2010)
1923 wurde amerikanische Komponist Jean Eichelberger Ivey geboren, der als erster Untenrum-Organspender in die Geschichte der Transplantationsmedizin einging. Viel ist nicht über Eichelberger bekannt. Nach Auskunft seines Verlags Busi & Hawkes sind vor allem noch eine Reihe rein elektronischer Werke aus der Feder Eichelbergers unuraufgeführt, darunter Kompositionen wie „Gruppen für Sex-Orchester“, „Gesang der reich bestückten Jünglinge im Feuerofen“ sowie seine Variationen über „Morning-Latte has broken“.

badboy_gaelic

23. September 2016
nach Alexander Strauch
1 Kommentar

Ferienkurse Darmstadt 2016 – Schreibwerkstatt regt weiter auf

So, zuerst fange ich mit dem Umrühren, dem Auskippen und Spülen an, wie es den Teilnehmerinnen der Schreibwerkstatt, obendrein der nmz und als i-Tüpfelchen den Bad Boys durch einen prominenten Pianisten empfohlen wird. Das macht selbst gestandenen Komponisten und Musikwissenschaftlern Angst, die in der nmz ab und an Glossen beisteuern. Also sei hiermit durchgespült!

Zur Sache: im August noch wunderte sich der Schreibwerkstattteilnehmer Jim Igor Kallenberg, warum plötzlich die Kommentarspalten des Blogs des Workshops offengelegt worden sind, wo doch entgegen den Wünschen der Teilnehmer durch die Leitung beschlossen wurde, diese geschlossen zu halten. Kallenberg hatte sich in seinem Beitrag „In Frankfurt erklärt Darmstadt den musikalischen Bankrott“ über ein Gastspiel der Ferienkurse im Frankfurter LAB mit dem ictus-Ensemble und der Blockflötistin/Komponistin Eva Reiter sehr kritisch geäussert.

Die ersten beiden Absätze lesen sich fast wie eine wohlwollende Beschreibung, im letzten Absatz wird Kallenberg dann sehr deutlich: „Mit Neuer Musik hat das natürlich nichts zu tun. Eva Reiter gibt dem Publikum das, was es will. Ihr Maßstab ist die Realität, so wie sie ist. Neue Musik aber will das Gegenteil: sie muss der Realität zum Maßstab werden. Verstehen wir doch Neue Musik in genau diesem Sinne, können wir es uns dennoch nicht leisten, uns selbstsicher über Stücke wie The Lichtenberg Figures zu erheben.“ Diese Worte müssten jedem Ferienkursverantwortlichen eigentlich wie Butter runtergehen!

Ja, mag Neue Musik in diesem Jahrgang das Politische gemeint haben, also eine Ausrichtung der Kunst am Leben, so wird sie politisch, wenn sie über das Sujet hinausgeht, es überhöht oder sich ihm verweigert. Was man Kallenberg nun vorwerfen könnte, dass für ihn dies nur erreicht wird, wenn sich Musik dem Publikum verschliesst. Im musikantischen Sinne tat dies die Komponistin wohl nicht.

Und das lässt ihn den Satz formulieren, der wohl der Anfang der Zündschnur der seiner Kritik folgenden Aufregung war: „So obszön und geschmacklos auch ihre eindeutige Direktheit ist, Eva Reiter kommt an, wir nicht. Die Frage ist jetzt, wie wir mit dieser Bankrotterklärung umgehen.“ Das ist wirklich nicht höflich. Aber er wirft die Frage auf: warum labelt man etwas mit Neuer Musik, wenn es eigentlich nicht neu, sondern sich affirmativ zu Realität, Publikum und Material verhält? Warum dann nicht einfach Ferienkurse für schöne Musik statt Neue Musik?

Urplötzlich öffneten sich die Kommentarspalten, als ob die Leserbriefe der Musiker und Freunde von ictus unbedingt ans Licht der Welt müssten, die ihm Voreingenommenheit, Unkenntnis, etc. vorwarfen. Kallenberg nahm es vergleichsweise dann doch gelassen hin, denn er widerspräche ja sonst sich selbst, wenn er die Kommentare wegmachen liesse: „Dieses Trauma klafft jetzt im Programm der Darmstädter Ferienkurse und der größte Fehler wäre, es wegzurationalisieren.“ Der Co-Kursteilnehmer Jonas Reichert warf der Kursleitung die Öffnung der Kommentarspalten vor, der Kursleiter Stefan Fricke reagierte professionell. Denn plötzlich nahm man über die Ferienkurse hinaus ihre bis dahin mehr oder minder „eingebettete“ Schreibwerkstatt wahr, da diese sich zum Missfallen einiger wohl emanzipierte. Auch das müsste eigentlich gefallen – wie war das mit dem Urdiktum Neuer Musik, der Emanzipation der Dissonanz?

Heftiger wurde es ein paar Wochen später, als Johannes Kreidler wohl vom Liegestuhl fiel, als er die nicht mal zweiminütigen Lernradiofeatures des Komponisten Christopher Jakobi (Jacke wie Hose und Damenschuhe – Johannes Kreidlers „Fantasies of Downfall“) und des Musikwissenschaftlers Jaronas Scheurer – „Der Musiker als reine Deko“ – anhörte.

Die Quintessenz der beiden von den Autoren selbst gesprochenen Texte, was sie so vielleicht noch direkter macht neben ihrer Kürze, ist: sie denken, dass Kreidler nicht komponiere und sie seinen Konzeptualismus nicht mögen, wobei obendrein Scheurer Claus-Steffen Mahnkopf auch als Konzeptualisten verdammt – schon fast episch, wie hier Gegensätzliches, Kreidlers und Mahnkopfs Kontroversen kann man ja reichlich nachlesen, vereint wird. Man hat den Eindruck, die jungen Autoren hätten sich nicht ausreichend informiert. Der grösste Ausrutscher unterlief Jakobi, indem er sein Missfallen an Kleidung und Sichtbarkeit Kreidlers als Ausgangspunkt nahm. Klingt so, als hätte er mit dessen Parfüm und Schweiss ein Problem. Das entlarvt das Feature als Gelegenheitsheischen, um dem Ungeliebten mal so richtig eins auszuwischen.

Und prompt stolpert der Gemeinte darüber. Und regt sich zurecht auf. Aber zielt dann auch kräftig unter die Gürtellinie, indem Kreidler die deutschsprachigen Schreibwerkstattteilnehmer als „Pippikackascheißer(n) aus der Darmstädter Schreibschule“ desavouiert. So gesehen auch nicht besser als die Auslassungen Jakobis zur Mode. Aber bleiben wir ernst! Natürlich soll Kritik nicht nur beschreiben, sondern ästhetisch und kunsthistorisch einordnen. Vollkommen klar, in jedem 2000 Zeichen umfassenden Text sollte dafür Platz sein.

Hier aber waren es eben Radiokurzkritiken, das Auto-Epigramm des Feuilletons, wenn der Verfasser ihn selbst spricht. Das ist traditionell doppelt authentisch: vom Ort des Geschehens rennt man zum nächsten Telefon und berichtet vor Ort sowie selbst wie der Bote aus Marathon vom Konzert. Das nimmt dem Boten nicht die Pflicht, englische Titel richtig zu übersetzen und bezahlte Claquere wirklich zu ermitteln. Auch wenn er sah, wie die Damen und Herren vielleicht mit Johannes Kreidler sprachen, später ihm applaudierten, hat er nicht gesehen, ob Geld oder Freibier zwischen diesen floss. Da flottiert nur frei der Zorn eines wie Kreidler ebenfalls elektronisch arbeitenden Komponisten, was die Sache verzeihbar macht. Kollegenschelte, schwierige Sache, aber keine Kritik.

Mir selbst unterläuft es natürlich auch immer wieder, dass ich mal sehr heftig verbal in meinen kritischen Äusserungen überreagiere, gerade hier im Blog. Wobei das eben auch kein klassisches Feuilleton oder Radioformat ist, sondern sich eher in der Tradition von Schumann, Berlioz und Debussy versteht, die natürlich viel besser als unsereins heutzutage als Komponisten über Komponisten und das Musikleben ihrer Zeit schrieben, räsonnierten, sich ausliessen. Deshalb hier meine Ansage: ja, seid nachsichtig mit mir Unnachsichtigen. Aber wenn Ihr das nicht könnt, dann rutscht mir den Buckel runter, rührt, kippt aus und spült. Wird Euch nicht helfen!

Denn da kommt nun das eigentlich Fatale: im Falle Kreidlers – warum liken denn ausgerechnet Herr Schäfer und Herr Rebhahn Kreidlers und jenes Pianisten Kommentare? Das befremdet! Haben sie doch ein Problem, dass sich ihre Schreibwerkstatt 2016 zu emanzipieren versuchte: im Falle Jakobis und Scheurers scheiterte dies, im Falle Kallenbergs würde ich sehr wohl Emanzipation vermuten. So wie man Systemkritik im Falle Reiters üben kann, das Neue Musik erstarrt, so könnte man dies natürlich auch dem Bereich zwischen Konzeptualismus und Diesseitigkeit vorhalten, auch eine alte Leier: waren Schäfer, Rebhahn, Kreidler, etc. vor acht, sieben, sechs, fünf Jahren noch eher Gäste als nun Dozenten oder Leiter, so haben die Protagonisten des o.g. ästhetischen Bereichs aktuell nicht ganz unwichtige Positionen in der Hand. Da heisst es nun die Freiheiten zu ermöglichen, deren Fehlen man vor einiger Zeit noch selbst zurecht ankreidete.

Da heisst es nun die Kritik an sich zu ertragen, die man auch wenige Jahre zuvor kräftig austeilte. Kreidler nehme ich da ein wenig heraus, weil er zwar heftig reagieren kann, siehe Pippikackascheißer. Selbst ist er aber zur Genüge immer noch Pippi Langstrumpf, um daraus eine generelle Diskussion über Kritik zu machen. Die anderen aber liken, kichern, lästern, kippen aus, schliessen ihre Kreise wie die auftrainierten Footballidole einer Highschool, ohne das je zu sein, und sind mit ihrem Ego so weit von der propagierten Offenheit entfernt, wie es ihre Vorgänger mit gewisser Altersweisheit dann doch nicht waren. Entweder man schliesst die Schreibschule von der Ferienkurseöffentlichkeit aus. Oder man geht mit vollen Risiko ans Werk. Was dann eben auch zu Kritik am eigenem Tun führen kann. Vielleicht ist es dieses friendly fire, was zu dem Überreagieren führte. Aber wie sang ich Johannes Kreidler schon mal entgegen: non abbiate paura! Habt keine Angst vor den Geistern, die Ihr riefet! Bändigt sie, aber mit Herzlichkeit.

badboy_gaelic

21. September 2016
nach Alexander Strauch
Keine Kommentare

HochX – Live Protokoll der Eröffnungsderniere eines neuen alten Theaters

Im gleichen Raum wie das Münchner i-camp, wo z.B. das legendäre pianopossibile Urständ feierte, eröffnet nach des ersten politisch gewollter Schliessung nun politisch gewollt das neue HochX Samstag letzter Woche. Heute, am Dienstag drauf, war schon die Derniere der ersten Produktion. Ich tippte frisch von der Leber weg meine Eindrücke auf Facebook mit. Hier die Zusammenfassung!

20.9.16, 20:11 Uhr
Sitze im HochX, früher icamp und guck mir die erste Doppelproduktion an. Ruth Geiersberger hockt schon auf der Bühne und sagte gerade. Hallo zu Beginn von lost yesterdays der Gruppe Interference. Zwar aufgemöbelt der Raum, es soll ein Altenheim sein. Wie Ruth sagt, haben alle ihre Pflichten erfüllt. Gegenüber Stadt und Theaterakademie, die Förderer dieses Stücks ist. Zu angenehmer Tangomusik räkeln sich drei Damen. Leider gleich wieder vorbei. Jetzt Geiersberger hinter Blunenvase und möchte sich mit der Off Stimme Mario auf den Weg machen. Oops, da ist Mario im Ringelpullover. Nachher mehr. Gerade löchrig der Text. Mal sehen…

20.9.16, 20:17 Uhr
Eine der räkelnden Damen im HochX ist übrigens ein Mann im Pelz. Geiersberger heisst im Stück Hartnagel. Wohl alte Dame, die nicht ins Heim will. Und dennoch ihre gewohnte Umgebung fürchtet. So wie wir Münchener Künstler, wo man gern lebt und mit weniger als 1300 Euro netto als bitter arm gilt. Gott sei Dank wieder etwas Tango von Jacopo Salvatori, der die Textlöcher schliesst und meine prekäre Stimmung hebt.

20.9.16, 20:24 Uhr
Nachdem ein Kassettenrekorder die Bühne weinen ließ, bevor das antiquierte Ding in einer Schublade der Bühnenwohnzimmerschrankwand verschwand, was für ein Tippungetüm, wird das Gestern in einer Handtasche gesucht. Übrigens brummt die Bühnentechnik ungewohnter als zu icamp Zeiten. Ausser dass das Publikum dank Theaterakademienähe jünger ist, sitzen auch viele Tanten im Publikum. Die Szene ist weitestgehend wohl am Samstag zur Eröffnung da gewesen. Heute also Familientag.

20.9.16, 20:33 Uhr
Und nun endlich wieder Tango im HochX. Das ist jetzt nicht die ernsthafte Musik von Jacopo, wie er sie auch drauf hat. Aber sehr passgenau, wunderbar grad die Tuba zwischen Begleitung und Melodie, fein gebrochen. Man wünscht sich jedenfalls mehr davon und Jacopo den Mut, mehr für Bühne und Film zu wagen, sofern sich diese Welt auf ihn einlassen mag. Derweil Frau Hartnagel auf Bühne dahindämmert, denke ich bei den Klängen Salvatoris an Moritz Eggerts erste Biennale Marionettenopernsounds mit leichter Wehmut. Hat nix mit dem HochX zu tun. Aber mit der Musik. Böse Nostalgie…

20.9.16, 20:36 Uhr
Die Offstimme Mario im HochX ist nun eine die Bühne aufräumende OnStimme. Oder doch eher ein Zivi, äh, jemand im freiwilligen sozialen Jahr? Jetzt gibt’s Kaffee und Ruth aka Hartnagel singt Bärenmarkejingle. Steht nicht auf Fördererliste…

20.9.16, 20:47 Uhr
Jetzt heisst es, das Zimmer sei ihr Zuhause, das auf der Bühne. Das icamp war zeitweise tatsächlich auch für mich sowas wie ein Zuhause. Gerade nach den Zeiten an Hochschulen war es für mich wichtig, auf das Chaos der Freien Szene zu stoßen, wenig Personen meiner Studienzeit dort zu treffen, sondern ganz neue Kollegen. Ob dies die Akademienähe des HochX auch zulassen wird? Das war der subversive Unterschied damals, als der Theater Verein das icamp inne hatte, zumindest in den ersten Jahren. Wie in Koinzidenz sagt die Bühne, zeigen sie mir den Weg hinaus. Wenn HochX dies für die jungen Künstler ist, das Hinaus aus der Akademie, dann wär’s fein. Wenn dies aber nur Hinaus aus der Stadt, in die Welt meint, als Sprungbrett, dann wäre es ausser Karriere fördernd zu wenig. Denn es braucht eben Räume, wo man scheitern darf und muss, um nach den Studien frei zu werden. Dazu braucht es Distanz zum Vorher. Wenn das hier so sein wird, wie gesagt, wäre es trefflich…

20.9.16, 21:03 Uhr
Die Bar im Vorraum, sehr gelungen, ordentliche Klos, alles sehr aufgeräumt, langsame Kasse vor Stückbeginn.

20.9.16, 21:35 Uhr
Weiter geht’s im HochX mit Audiogramm, eine Stadtteilkomposition von Clara Hinterberger. die wohl Giesing, der Stadtteil, wo das Theater liegt, einfangen soll. Auf der Bühne vermooste Aquarien, in einem kniet die weibliche Stimme und flüstert über eine seltsame Sache. Aus dem Off neben dem Theaterraum Chorfetzen. Nun tanzt die Stimme, Ines Hollinger, auf der Bühne zu einem fröhlichen Weltuntergangslied.

20.9.16, 21:42 Uhr
Ah, der Miniorchestergraben, im icamp damals zugedeckt, lässt im HochX aus einem kühlen Grunde ertönen. Jazz, Applaus, Wiehern, Rauschen, Spielautomat, Münchner Volkssängerin aus der Au, Pop aus der Au, Bohren, etc. Alles in kurzer Abfolge aus der Ätherkonserve. Wieder Wiehern, mei, wir alle mögen Ende September Brauereipferde in München, Oktoberfest und so. Die Stimme sagte was, wie vorm Karussell auf der Auer Dult, dazu TV Bandmucke der 60er. Worum geht’s? Muss gestehen, wenn ich tippe, nicht immer alles Gesagte zu verstehen. Aber muss man wohl auch nicht.

20.9.16, 21:46 Uhr
Im HochX flüstert nun ein adretter Jungdamenchor ausm Graben, trifft sich auf einen Ton. Erinnert mich an die zeitgenössische Musik aus dem grünen Musik Oberstufen Chorbuch. Nun ein schönes Ostinato und was quasi russisches als sich einschleifende Melodie. Und wo es sich entwickeln könnte, dampft der Chor schon nach draußen ab. Ein Bass singt das eben gehörte gepresst nach, jemand klopft mit Sticks draußen auf Stühle, Heizkörper…. Wo bleibt der Chor?

20.9.16, 21:52 Uhr
Nun, gerade verklang im HochX ein Zweitonchorsound. Aus dem Lautsprecher singt ein alter Giesinger. Irgendwas ist schrecklich. Aber warum? Ein wenig wünscht man sich nun die Interviews aus der Zuspielung von Helga Pogatschars Dritten Mann underground surround, das wäre zumindest mal was humorvolles. Dagegen peinliches Dazusingen zur Konserve von der Sprecherin. Und just verliess ein bekannter, Glatzen tragender Schauspieler der Freien Szene den Zuschauerraum.

20.9.16, 21:56 Uhr
Nun geht’s ums Tun und die einfache Sache in ihm. Was? Glockenbach statt Giesing? Oder ist das zerzauste Textmaterial nach Gertrude Stein? Nun Echos zwischen Chor und Sprecherin. Wird daraus was? Nö, wieder das Lied von vorher und voiceover, zart zwar. Aber warum nicht lieber nur Musik? Mehr Redegramm als Audiokilo.

20.9.16, 22:02 Uhr
Im HochX hält die Moderne mit Sinustönen Einzug. Huhu dazu der Chor. Und die schöne Melodie nun mit Text, ein Schlaflied in Moll. Das mag manchen schrecken. Aber ich las heute, dass Leute, die auf traurige Musik stünden, empathischer seien. Gott sei Dank Überleitung in rihmsche Trommel und Tutuguriatmung mit Stöhncluster. Dazu die Trommel mit Gerüst, wie bei der Biennale dieses Jahr im Einstein, wohl gruselig im Metrum unmerklich schwankend. Giesinger Urwald. Gackern. Wieder Wiehern? Nachher mehr.

20.9.16, 22:08 Uhr
Im HochX ein stehender Chorcluster, elektronisch erweitert. Licht im Publikum aus. Wächst so das Moos besser in den Aquarien? Nein, Klirren, Babyschrei, blblblbl des Chores, Gerüst und Stuhlklappern mit Sticks, die Hinterbühnentür öffnet, Chor raus, aber Sprecherin wieder da, raunend von Fortfahren, Sache, und so. Bogenform? Wenn sich alles mehr Zeit nähme, dann wär da was. Ein weisser Bär verlässt Graben und Raum. Aus. Toller Chor, interessante Sounds. Und sonst? Das Hoch vorm X muss noch arbeiten.

artsheimer

18. September 2016
nach Moritz Eggert
2 Kommentare

Ich habe Artsheimer. Ein Essay.

artsheimer

 

Ich habe Artsheimer.

 

Ich bin künstlerisch herausgefordert.

 

Ihr müsst mich nicht an der Ampel an die Hand nehmen, und ich finde auch den Weg alleine nach Hause. Aber es kann sein, dass ich mit der Steuererklärung nicht so gut zurecht komme und ein Problem mit Autoritäten habe. Oder vielmehr: Autoritäten haben ein Problem mit mir.

 

Es kann sein, dass ich melancholisch werde, wenn alle um mich herum fröhlich sind. Es kann sein, dass ich albern werde, wenn alle um mich herum todernst sind. Vielleicht ist das einfach nur eine Krankheit, man sollte sich nichts darauf einbilden.

 

Ich leide also an einer Krankheit, der Artsheimer-Krankheit.

 

Wenn all „hü“ sagen, sage ich „hott“. Wenn alle „hott“ sagen, sage ich „Holundersirup“.

 

Ich funktioniere nicht gut. Ich kann nicht erfüllen, was Andere von mir erwarten. Das liegt daran, dass mich das Unerwartete interessiert. In der Enttäuschung der Erwartung liegt das Glück der Entdeckung verborgen.

 

Ich komme nie irgendwo an, auch wenn manche fälschlicherweise denken, dass ich das behaupte. In der Kunst kommt man ohnehin nie wo an, sondern ist immer auf dem Weg irgendwohin. Das ist ganz sicher keine Schande. Die Angekommenen sind mir aber unheimlich. Und noch unheimlicher sind mir die, die genau beschreiben können, wo sie angekommen sind.

 

Ich möchte nicht genau wissen, was ich tue. Alles genau zu wissen ist kaltherzig und grausam und arrogant.

 

Wenn ich Fehler mache – und das geschieht oft – kommt niemand zu Schaden. Ich sehne mich nach der Vollkommenheit im Scheitern, dem Versagen in der Perfektion.  Mir ist allzu bewusst, dass es nicht nur eine mögliche Welt gibt, und ich träume täglich von den anderen. Dieses Träumen ist eines der sichersten Symptome von Artsheimer.

 

Wenn ich in den Wald hineinrufe, verirre ich mich darin. Ich esse lachend mein Brot, und kenne dennoch die himmlischen Mächte.

 

Manchmal bin ich etwas verwirrt, weil ich zu genau weiß, was los ist. Manchmal bin ich zu erregt, weil ich abgekühlt bin. Meistens mache ich irgendwelche Scherereien.

 

Es tut mir leid, ich leide am Artsheimer-Syndrom. Lest das kleine Kärtchen, das ich euch hingelegt habe, vielleicht bin ich taub und beratungsresistent. Lasst uns darüber reden, warum ich stumm bin.

 

Ich bin ein glücklicher Versager. Ich bin anstrengend und unerträglich wie ein Lamm, sanft wie ein Tiger. Ich bin ein rohes Ei, das gepellt werden will.

 

Manchmal sehe ich die Dinge ganz scharf, auch ohne Brille. Und manchmal finde ich gerade die Unschärfe spannend.

Auf mich ist kein Verlass, daher kann man mir absolut vertrauen. Ich bin bescheiden in meiner Maßlosigkeit.

 

Ich sitze nicht still und ich kann meine Klappe nicht halten. Ich stelle zu viele Fragen und verstehe auch die Antworten nicht. Ich bin vorlaut und ungezogen, tue aber niemandem etwas zuleide.

 

Ich bin nichts Besonderes, aber dennoch nicht so wie jeder andere. Als Kind habe ich die Geschichte von der Maus Frederik gelesen und ganz genau verstanden. um was es geht. Eigentlich sollte ich mich schämen, im Winter keine Nüsse zu sammeln, aber ich sammle tatsächlich lieber Geschichten. Es ist der schlimmste Kitsch, sich damit zu brüsten, keine Nüsse zu sammeln. Und diese Geschichte wollte ich euch schon immer mal erzählen, vor allem dann, wenn es draußen kalt ist.

 

Ich bin dem Kitsch verfallen. Ich kann nicht still in der Ecke stehen, es ist wie ein Fluch. Ich bin ein stolzer Hampelmann, der sich selber aufzieht wie eine Orange.

 

Letztlich muss man erkennen, dass es unmöglich ist, vollkommene Bescheidenheit zu erlangen in einem Artsheimer-Beruf. Man sucht sich das ja nicht aus. Wir künstlerisch Herausgeforderten sind immer in irgendeiner Form aus der Reihe getanzt. Dazu muss man wohl stehen, also nehmt uns das nicht krumm. Ihr könnt euch wehren, indem ihr unsere bedingungslose Großzügigkeit herausfordert. Tatsächlich wäre es eine Schande, wenn wir euch nicht alles geben würden. Versteht das bitte als Aufforderung zum Tanz. Es gibt nie einen guten Grund, nicht gemeinsam zu tanzen.

 

Manchmal wird Artsheimer mit Wahnsinn verwechselt, aber das ist nicht dasselbe. Artsheimer darf nicht als Entschuldigung dafür missbraucht werden, ein Arschloch zu sein.

 

Mich interessiert die Abweichung von der Norm, weil sie neue Möglichkeiten erschließt. Vielleicht nennt man das Exzentrik. Ganz ohne Exzentrik geht es nicht, denn absolute Normalität gibt es nur in Diktaturen. Exzentrik ist eine Möglichkeit von Freiheit.

 

Da es aber Diktaturen, Leid und Unfreiheit gibt, brauchen wir zum Beispiel Schubert. Eine Welt ohne Schubert wäre keine Welt, in der ich leben möchte.

 

Manchmal höre ich zu, bin aber komplett abwesend.

 

Manchmal rede ich, und erwarte nicht, dass mir jemand zuhört.

 

Ich habe Artsheimer.

 

Moritz Eggert

17. September 2016
nach Arno
Keine Kommentare

op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 49

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43 Takt 44 Takt 45 Takt 46 Takt 47 Takt 48

Beethoven-op.-111-Seite-01Beethoven-op.-111-Seite-02Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 49

OMG! WTF!

Im letzten Takt – wir mussten uns ja erst ein paar Tage davon erholen, derweil der Herbst, der fucking Herbst eingetroffen ist (Hallo, du Arschloch!) – traf uns Beethovens Faust mitten in die Fresse; und zwar in Form eines Sprungs von vier Oktaven plus einer großen Terz. Ein Ton oben, ein Ton unten, dadrunter Gerödel der linken Hand. Fortissimo. Sforzato.

Der angestellte Vergleich mit der zweiten Variation von Weberns op. 27 bewahrheitet sich auf gar lustige Art und Weise. Denn tatsächlich sieht unser heutiger Takt aus wie eine Spiegelung; also fast so wie der zwölfte Takt bei Webern. Wobei das Schöne an der Stelle bei Webern ja ist, dass diese direkte Spiegelung des weitgedehnten Sprungs – h-g (im Forte) plus g-h (im Piano) – sozusagen „körperlich ausnotiert“ erscheint. Man darf also nicht das zweite g ebenfalls bequem mit der rechten und das zweite h nicht lässig mit der linken Hand spielen. Nein, der Pianist hat eine gar wilhelmbusch’sche Verrenkung zu vollführen (nämlich mit der linken Hand rauf zum g – und mit der rechten runter zum h), die die Spiegelung des Notenbilds sozusagen Live-Bild werden lässt. Toll! (Und im richtigen Tempo einigermaßen risikoreich zu spielen.)

Eine Spiegelung ist das bei Beethoven natürlich nicht. Will nur sagen: Mein Vergleich war geil. In your face, ihr ganzen Hater da draußen! (Und einen Verliebtheitsemoji und eine Emoji-Sonnenblume für alle anderen, ihr süßen Hasen!)

In Takt 48 hatten wir es also mit einem Sprung von vier Oktaven plus einer großen Terz in Des-Dur zu tun. In Takt 49 nun befinden wir uns harmonisch in vermindertenseptakkordigen Gefilden – und es donnert uns ein nun noch erweiterter Sprung von vier Oktaven plus eine verminderte Septe entgegen.

Wer spielt das wie? (Nach den Takten 4, 13, 16 und 28 also heute wieder ein Interpretationsvergleich).

Bei Artur Schnabel (1932, bei Minute 2.35) klingen die Schreckenssprünge Beethovens fast ein wenig dünn, was aber bestimmt auch an der Aufnahmetechnik damals liegt. Denn Schnabel, unser lieber Schnabel, war nun alles andere als ein Sicherheitsdenker. In Wahrheit war er sogar der risikoreichste Beethoven-Interpret aller Zeiten. Aber das wisst ihr ja alle. Haha.

Solomon Cuttner (1951, bei Minute 2.59) haut schön rein. So soll es sein. So wird der Samstagabend zum Freund!

Friedrich Gulda (1953, bei Minute 2.43) rödelt mir die linke Hand zu diktiert da unten hin und trifft mit der anderen Hand zwar die Töne (ja, klar, was sonst?), aber es überzeugt mich nicht. Es fickt mich nicht richtig.

Irgendwie mit leichtem Holzaroma im pelzig-abgehackten Abgang nimmt Wilhelm Backhaus (1953, bei Minute 2.18) die Stelle, retadiert in Takt 49 sogar ein wenig. Um zu dem sicheren Hafen von Takt 50 zu gelangen? Who knows? (Wer weiß schon, was in Takt 50 passiert?)

Edwin Fischer (1954, bei Minute 2.43) verspielt sich in Takt 49. Witzigerweise aber in der linken Hand. Irgendwie sympathisch, weil mit Inbrunst.

Sviatoslav Richter (1961, bei Minute 2.31) macht es so, wie er es immer gemacht hat. Es ist alles total geil dramatisch und radikal. Er fickt die Töne richtig hart in dein Brain. Da bleiben sie kleben – und die Gehirnmasse läuft genüsslich aus! (Drink?)

Am unauffälligsten spielt überraschenderweise ausgerechnet Grigory Sokolov (1988, bei Minute 3.11) die Stelle. Da passiert gar nichts! Wobei: „großer Bogen“ und so dafür… (Und das kann er, der Gute, tatsächlich wie kein anderer.)

Ich mag es sehr, wie Arturo Benedetti Michelangeli (1990, bei Minute 2.46) die Stelle nimmt. Vor allem die Takte davor. Als kämpfe er sich durch einen engen Schacht voller Schleim. Ein krasser Kampf, in dem das ganze Ringen, der Schmerz dieser Musik ausnahmslos plastisch deutlich wird. Danke, Arturo!

András Schiff (2007, bei Minute 2.32) spielt Takt 49 zu kontrolliert. Ende der Aussage.

Noch harmloser Evgeny Kissin (2013, bei Minute 3.09). So geht es ja nun nicht.

Ähnlich Daniil Trifonov (2014, bei Minute 3.13). Was ist nur mit den Russen und ihrem Beethoven-Spiel los? Da verrenkt sich der gute Trifonov – zumindest zugunsten optischer Expressivität, aber gerade bei diesem zentralen Takt geht gar nichts!

Meine abschließende Meinung? Meiner Ansicht nach sollte bei dieser Stelle der Flügel kaputt gehen. Die Saite reißen. Mindestens. Jedenfalls vom Gefühl her. Nach diesem Takt kann nichts mehr so sein wie es mal war. Wenn eine Kugel durch den menschlichen Körper gegangen ist, dann gibt es schließlich auch Narben, die bleiben. Ich fordere mehr Narben in Beethoven-Interpretationen! Fuck you, Sicherheit. Fuck you, Taubsi! Fuck you, Rattfratz!

9. September 2016
nach Arno
1 Kommentar

op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 48

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43 Takt 44 Takt 45 Takt 46 Takt 47

Beethoven-op.-111-Seite-01Beethoven-op.-111-Seite-02Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 48

Freunde, in der letzten Folge habe ich mich noch bei Herrn von van Beethoven beschwert… und jetzt das!

Natürlich kannte ich diesen Takt schon. Ich analysiere ja nur scheinbar jeden Takt so, als ob ich den nächsten noch nicht kenne. Ich versuche aber, durch diese Form der Analyse… nein: in dieser Form der Analyse authentisch zu sein…

Der Takt beweist: Es ist kompositorisch immer schlau, wenn man den Zuhörer dazu verführt, zu glauben, es passiere erst einmal nichts Besonderes mehr; so zu tun, als würde jetzt beispielsweise (in Bezug auf rein tonale Musik) Sequenz an Sequenz folgen… um dann mit einem Schlag – Bämm, in your face! – etwas Schockierendes zu bringen!

Und genau das geschieht in unserem heutigen, denkwürdigen Takt.

Die linke Pianistenhand spielt dabei etwas sehr Einfaches, nämlich einfach gebrochene Des-Dur-Akkorde in 16teln. Klar, die 16tel-Bewegung darf ja auch nicht einfach so unvermittelt gestoppt werden.

Aber gerade weil die Begleitung im unteren System doch – gerade für Späthoven – sehr einfach ist, kann sich darüber etwas Erstaunliches ereignen. Ein ganz hohes f im Fortissimo, dann vier Oktaven plus eine große Terz runter in den Bass (die rechte Hand muss über die linke greifen, um das zu bewerkstelligen) – auf den zu allem Schrecken noch durch ein Sforzato herausgeknallten Ton des ganz in den Untiefen der Klaviatur.

Das sitzt. Ein herrlicher Schock!

Hier hatte nicht nur die Geduld des Hörers ein Ende, sondern vor allem die des Komponisten. SWOOOOSH! POCK! Nimm das, Hörer!

Als sei hier das Bonmot Anton Weberns – anlässlich eines Hinweises an den Uraufführungsdirigenten seiner Sinfonie op. 21, Otto Klemperer – schon früh anwendbar: „Ein hoher Ton, ein tiefer Ton, ein Ton in der Mitten – wie die Musik eines Wahnsinnigen!“

Damals ging es um Zwöltonmusik. Wir sprechen aber über Beethoven!

Nehmen wir statt Weberns Sinfonie op. 21 doch einfach mal seine Variationen op. 27 für Klavier aus dem Jahr 1936. Da gibt es Stellen, die klingen ähnlich wie der große Tonsprung unseres heutigen Taktes bei Beethoven. Halt nur ohne tonale Begleitung in der einen Hand. Sondern roh, einfach dahin getupft, atonal halt…

webern-ausschnitt

Aber bei Beethoven hat mich dieser Sprung immer schon wohlig-schaudernd fasziniert. Als Kind konnte ich das immer gar nicht glauben, habe auch versucht, das nicht zu oft anzuhören, damit der Grusel dieser Stelle nicht weggeht… Ach, was sind das für angenehme Erinnerungen!

31. August 2016
nach Arno
Keine Kommentare

op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 47

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43 Takt 44 Takt 45 Takt 46

Beethoven-op.-111-Seite-01Beethoven-op.-111-Seite-02Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 47

Lieber Herr von van Beethoven!

Ich denke, wir haben es verstanden. Du modulierst gerne, treibst harmonische Vorgänge immer und immer weiter.

Aber ganz ehrlich: Näh!

Weißt du, der Sommer war so… naja… Und du hast nichts anderes zu tun als zum Beispiel im heutigen Takt die 16tel-Kreisläufe in der rechten Hand immer und immer höher zu schrauben. Ja nee, ist klar!

In der linken Hand polterst du oktavenmäßig einfach mal so weiter. Als ob wir es nicht längst gecheckt hätten! Heute fügst du dann den Ton ges ein, was ganz schön nach As-Dur-Septakkord ausschaut – und signalisierst uns mit den drei letzten Achtel-Oktaven im unteren System: Yo, Babe, da kommt jetzt wohl Des-Dur.

Aber gut, wir analysieren ja auch jeden einzelnen Takt. Da kann das schon mal eintönig werden.

Wessen blöde Idee war das eigentlich mit dieser Takt-für-Takt-Analyse?

Okay, meine.

Ich entschuldige mich, lieber „Wiggerl“, wie ich dich heute mal abschätzig aber liebevoll nennen will.

Dein Bad Blogger der Herzen

30. August 2016
nach Arno
Keine Kommentare

op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 46

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43 Takt 44 Takt 45

Beethoven-op.-111-Seite-01Beethoven-op.-111-Seite-02Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 46

Meine Sonatenvorhersage von Takt 45 stimmte. In der einen Hand 16tel-Raserei, in der anderen Hand hauptthemavariierende Legato-plus-Staccato-Oktaven.

Super-Gähn!

Aber in welcher Tonart sind wir eigentlich in unserem heutigen Takt 46? Nun. Grundsätzlich sind wir ja in As-Dur. Und von Takt 44 an hat sich das Ganze wie folgt entwickelt…

Takt 44: Horizontale Es-Dur-Septakkord-Auffächerung + kurzfristiges As-Dur-Gefühl (auf der vierten Zählzeit des Taktes).

Takt 45: Mmh. Zu Beginn des Taktes noch eher As-Dur. Auf der zweiten Zählzeit wird ein verminderter Septakkord horiontal abgespielt. Das auf der vierten Achtel der linken Hand schon aufgelöste as (also: a) wird dann zur Terz eines F-Dur-Septakkordes (dritte Zählzeit) – und daraufhin (vierte Zählzeit) befinden wir uns für ein Momentchen in b-Moll.

Takt 46: Doppel-Mmh! Oder auch nicht. In das b-Moll, das in der ersten Hälfte noch durchaus präsent ist, grätscht ein as rein. Also kommt es quasi zu einem b-Moll-Septakkord. Das b-Moll wird anschließend im Grunde durch das eintretende ges bestätigt.

Tja, ist gar nicht so leicht, horizontale Musik harmonisch vertikal zu deuten…

29. August 2016
nach Arno
Keine Kommentare

op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 45

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43 Takt 44

Beethoven-op.-111-Seite-01Beethoven-op.-111-Seite-02Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 45

Die kleine Terz des Hauptthemas taucht hier und heute endlich wieder auf. Gott sei’s gedankt! Oder anders gesagt: „Als er den nächsten Takt anschaut, kann er nicht fassen, was er sieht!“ Heftig!

Naja.

Also: In der linken Hand sagt die thematische kleine Terz (c – a) „Kuckuck“ und verabschiedet sich daraufhin wieder staccatomäßig. Darüber rast es in der rechten Hand vor sich hin.

Die Sonatenvorhersage für die nächsten Tage: Nun. So, wie es aussieht, geht das mit dem „fröhlichen“ Wechselspiel von Oktaven in der einen Hand + mehr oder weniger modulierende 16tel-Ketten in der anderen weiter…

I am bored to death!

28. August 2016
nach Arno
2 Kommentare

op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 44

Jeder einzelne Takt von Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier c-Moll op. 111 aus dem Jahr 1822 wird an dieser Stelle von Bad-Blogger Arno Lücker unter die Lupe genommen. Ein Versuch, dieser Musik irgendwie „gerecht“ zu werden, was natürlich, dafür aber fröhlich, scheitern muss.

Die bisherigen Folgen:
Takt 1 Takt 2 Takt 3 Takt 4 Takt 5 Takt 6 Takt 7 Takt 8 Takt 9 Takt 10 Takt 11 Takt 12 Takt 13 Takt 14 Takt 15 Takt 16 Takt 17 Takt 18 Takt 19 Takt 20 Takt 21 Takt 22 Takt 23 Takt 24 Takt 25 Takt 26 Takt 27 Takt 28 Takt 29 Takt 30 Takt 31 Takt 32 Takt 33 Takt 34 Takt 35 Takt 36 Takt 37 Takt 38 Takt 39 Takt 40 Takt 41 Takt 42 Takt 43

Beethoven-op.-111-Seite-01Beethoven-op.-111-Seite-02Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 44

Wir hatten ja schon gesagt, dass Beethoven in Takt 43 nach As-Dur moduliert. Aber jetzt – mit unserem heutigen Takt – wird das Ganze auch untermauert; in dem Sinne, dass es ab jetzt As-Dur etwas länger geben könnte. Denn es findet der erste Vorzeichenwechsel statt.

Auf dem ersten Ton der rechten Hand finden wir dann sogleich unser thematisches Sforzato wieder. Der Ton g kam ja abgesprungen vom c, das thematische Intervall es – h wird hier also noch umgangen beziehungsweise erst einmal harmonisch so verwendet, dass es besser modulationsfähig ist; eben: in der Gestalt einer reinen Quarte.

Die rechte Hand greift nun noch weiter in 16teln empor, greift hinauf, hinauf! Derweil die linke Hand auf der zweiten Takthälfte zu den schon bekannten Oktaven zurückkehrt. Es bleibt spannend.