Bad Blog Of Musick

1. Mai 2016
von Moritz Eggert
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„Terra Nova“ – a Video Diary (1)

„Terra Nova“ – a Video Diary (1)

I know, my full-time job as a blogger and email answerer (the job of the 21st century!) leaves me little time for anything else. But sometimes I manage to write a few little pieces on the side (if I remember that I’m a composer).
I have to tell a little true story: after the premiere of my orchestra piece “Pulse” in Munich a very excited man came up to me, talking in a mixture between Spanish, English and German. I probably became a little impatient, because I barely understood what he wanted to say, except that he really, really liked the piece (which of course made me happy). He gave me his card, and I was very astonished to find out he was Carlus Padrissa, head of La Fura dels Baus!

The next day Carlus sent me a picture via Facebook, showing him and an unknown man in a bar, waving to me. The inscription said: “Next opera – with Moritz, in Linz!”.

Little did I know that this picture turned out to be prophetic! The other man was Rainer Mennicken, opera director of Linz opera house (famously re-opened with a new and very modern building just recently). Through Carlus’ incessant pressure on this poor man (and the coincidence that one of my librettists, the Austrian author Franzobel, also proposed me as a composer to Mennicken) a very unexpected opera commission came about, that took up the best part of my last year’s work.

I will not go into the details of the long and laboured working process that finally resulted in a libretto that we are all happy with (Mennicken turned out to be a co-author). Originally it was an opera about the moon landing, then it became an opera about the history of mankind in three acts, then it became something else.

This something else is going to be premiered soon, on May 26. It is actually my second collaboration with Carlus now, as we did “Wagner vs. Verdi” for the Bavarian State Opera. But that is another story.

This video shows my first day at a rehearsal in Linz. Of course this is only an impression, with piano reduction instead of orchestra, and you can tell that there are still many things missing.

It’s difficult to describe, but one of the strangest but also gratifying things about being a composer is that you spend hours on end working alone in a little room, and then you send that somewhere. And then you go there, and suddenly hundreds of people have learned what you wrote and try their best to make it happen, to make it come alive.
Or, as Dennis Russell Davies put it to me today: “You should be happy that you gave so many people something of a secure job, at least for a while”.

I couldn’t have said it better.

Moritz Eggert

24. April 2016
von Moritz Eggert
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Die Elbphilharmonie – schon jetzt ein Gewinn für Hamburg!

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Quelle: Anna Netrebkos Twitter Account

Die Elbphilharmonie – schon jetzt ein Gewinn für Hamburg!

 

Bald wird sie endlich eröffnet, die Elbphilharmonie. Eigentlich erstaunlich, wie schnell das Ganze dann plötzlich ging. Den ersten Bauanfängen noch im 19. Jahrhundert wurde schnell ein kapitalistischer Riegel vorgeschoben: denn zuerst einmal wurde das Konzertgebäude nämlich als schnöder Speicher zweckentfremdet! Bis zu seiner eigentlichen Bestimmung als glanzvoller Kulturtempel sollten dann noch viele Jahre vergehen. Doch jetzt sind alle froh, dass das Gebäude doch viel weniger gekostet hat, als die ursprünglich angesetzten 5 Billionen Reichsmark (eine pessimistische Schätzung zu Inflationszeiten).

Nun ist er da, der Musentempel, und die vielen Hamburger Klassikfans freuen sich schon jetzt darauf, endlich wieder in Scharen in möglichst konventionelle Klassikkonzerte gehen zu können, dies aber dann wenigstens in einem unkonventionellen Gebäude!

Doch es gibt anscheinend weitere Pläne für die Zukunft der Elbphilharmonie, die gerade eben erst dem Bad Blog zugespielt wurden.

So soll als Zeichen der Freundschaft der Hansestadt mit der Bierleichenstadt München ein neuer Elbtunnel zum geplanten Konzerthaus in München entstehen. Die beiden Konzerthäuser sollen durch eine experimentelle, hochmoderne Untergrund-Schnellbahn (Architekten: Verzug und Meuron) verbunden werden, die garantieren wird, dass man schneller von München in Hamburg ist, als man von der U-Bahnstation in Hamburg zur Elbphilharmonie zu Fuß läuft. Nebenbei wird es zur großen Freude der Münchener eine Zwischenstation zum Münchener Flughafen geben. Schon jetzt ist die künstlerische Leitung der Elbphilharmonie stolz darauf, dass in diesem Zug als Dauerbeschallung „Different Trains“ von Steve Reich laufen wird, um uns an die Schande unserer Vergangenheit zu erinnern.

Ist man in Hamburg angekommen, geht es direkt mit der Rolltreppe rauf zur Elbphilharmonie. Die Sorgen der Statiker, dass das Obergeschoss nicht genügend Menschen tragen könnte, sind natürlich vollkommen unbegründet, denn so viele Menschen gehen ja eh nie in Klassikkonzerte. Großartig ist von oben der Ausblick auf die leuchtende Hansestadt, die nun um ein stolzes Baudenkmal reicher ist! Und gleichzeitig um viele Millionen Euro ärmer! Hamburg, Stadt der Gegensätze…

Nächster Programmpunkt für die neugierigen Zuschauer: das „Akustiksegeln“! Um die sicher auftretende Kritik an der teuer bezahlten Akustik schon im Vorfeld zu entschärfen, dürfen die Besucher mittels einer Computeranlage die Akustiksegel des großen Saals selber neu einstellen – jeder darf Mal, auch während des Konzertes! Nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird so irgendwann schon die richtige Einstellung herauskommen, mit der die meisten Menschen zufrieden sind.

Über das genaue Programm nach dem Eröffnungsjahr hüllen sich die Macher noch in Schweigen, aber eines ist sicher: der renommierte Komponist Matthias Pintscher wird die ersten 10 Jahre composer in residence sein, gefolgt im Jahre 2027 von niemand anderem als dem renommierten Komponisten Jörg Widmann. Im Jahre 2045 folgt dann – für alle völlig überraschend – eine weitere Residenz von Matthias Pintscher. Wir dürfen schon jetzt gespannt sein!

Des Weiteren geplant ist eine Aufführung des Gesamtwerkes von Wolfgang Rihm (jeden Tag ein anderes Werk), die im Jahre 2098 – vermutlich unter einem anderen Intendanten als jetzt – ihr Ende finden wird und schon jetzt als „Planet Rihm“ vermarktet wird.

Selbstverständlich haben sich auch schon die großen Stars der Klassikwelt angekündigt. Anna Netrebko wird ein exklusives Apartment über der Elbphilharmonie beziehen (ihre PR-Abteilung nimmt die restlichen Wohnungen) und das Publikum mit einer auf einer riesigen Leinwand projizierten 24-stündig durchlaufenden „Big Brother“-artigen Kunstinstallation erfreuen, bei der das komplette Privatleben der schönen Diva offengelegt werden wird. Besonders begehrt schon jetzt: „Anna’s toilet-cam“!

Als Erweiterung der geplanten Partnerschaft mit München werden jeden Abend zeitgleich Konzerte aus München in Hamburg übertragen und umgekehrt.  Da dann für die Musiker auf der Bühne kein Platz mehr ist, treten diese in einer nahegelegenen heruntergekommenen Lagerhalle auf. Moderieren wird das Ganze Daniel Hope (er hat schon seit gestern damit begonnen).

Auch Gustavo Dudamel darf nicht fehlen, der sich seit kurzem mit seinem beliebten Propagangda-Orchester für die Unabhängigkeit der schottischen Bäckergewerkschaft einsetzt, und zwar auf authentischen Originalinstrumenten!

Lang-Lang wird natürlich ebenso oft zu Gast sein und spielt nach jedem Konzert als exklusiver Barpianist in der ebenso exklusiven „Pfeffersack“-Lounge, in der jeden Abend der „unmusikalischste Sponsor“ ein Karaoke-Marathon gewinnen kann. Double-L freut sich schon jetzt über jeden Schein, den man ihm großzügig zusteckt, er kann es brauchen!

Dass Hamburg auch ein Herz für seine ärmeren Mitbewohner hat, zeigen verschiedenerlei lobenswerte Initiativen. So werden beim Projekt „concert watching against racism“ syrische Flüchtlinge die leeren Plätze diverser Konzertreihen füllen und erst danach wieder abgeschoben. Drogendealer aus St. Pauli geben interessierten Klassikstars Nachhilfeunterricht in der Beschaffung diverser Designer-Drogen und die Reeperbahn erweitert ihr Angebot um SM-Studios für zeitgenössische Komponisten, die ja alle nur das eine wollen.

Schon jetzt freuen wir uns auch auf den ersten „ECHO-KLASSIK, Live aus der Elbphilharmonie“,  moderiert von Bully Herbig und Stefan Raab im bewährten Doppelteam. Die beiden haben schon jetzt versprochen, keine Witze über Koks oder Schönheitsoperationen zu machen, sondern stattdessen einfach mit einem eiskalt gefrorenen Grinsen die ganze Scheiße über sich ergehen zu lassen. Neu hierbei: der Live-Tweet der VAN-Redaktion zum „unpassendsten Unterhöschen“ oder dem „geilsten Körpergeruch“ – wir dürfen gespannt sein.

Die Elbphilharmonie – schon jetzt ein Gewinn für Hamburg!

BB

Bad Blog Disclaimer:

Da heutzutage sowohl Ironie als auch Satire oft nicht als solche erkannt wird, möchten wir darauf hinweisen, dass es sich bei dem vorangegangenen Artikel, tatsächlich um solche handelt. Um was genau von beiden verraten wir aber nicht, sonst wäre es ja langweilig. Die Motivation dieses Artikels ist weder Frust noch Hass noch Eifersucht noch das gierige und niedrige Geifern nach ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe. Vielleicht doch letzteres, aber nur ein wenig. Sinn und Zweck dieses Artikels ist es alleine, bestimmte Tendenzen unseres Musiklebens zu überzeichnen, was aber keineswegs als Kritik verstanden werden sollte, eher als sanftes aber außerordentlich wohlmeinendes und vor allem auch kollegiales Schmunzeln. Schmunzeln ist ein so schönes Wort, das wollte ich einfach mal benutzen. Der Autor kennt die meisten der genannten Personen persönlich und wünscht ihnen von Herzen Erfolg, ein langes Leben und anhaltende Gesundheit. Mit einigen ist er sogar befreundet – Lang Lang ist in meiner Pokerrunde und mit Anna Netrebko habe ich eine geheime Affäre – wir poppen täglich, bis das Bett kracht. NATÜRLICH NICHT! Sehen Sie, das war jetzt Ironie, und Sie haben wieder etwas gelernt, dass ihr Leben schöner machen könnte. Sie dürfen jetzt lachen. Bitteschön, zu Diensten.
badboy_gaelic

23. April 2016
von Alexander Strauch
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Watashi wa GEMA desu – wir Autoren sind GEMA!

Hier in München hieß es 2015 „gema hin!“, korrekter „geh’n mer hin!“ Wie würde man es in Berlin sagen? Wa? Klingt für mich japanisch, wie in „私は GEMA です“ („Watashi wa GEMA desu“), sinngemäß „Ich bin GEMA“. Also auf Burschen und Madeln der Komponistenzunft, lasst Euch nicht zweimal bitten, dieses Jahr dabei zu sein. Die ordentlichen Mitglieder der E-Musik werden ja sowieso alle anwesend sein. Das sei ein Witz? Nein, das ist eine Aufforderung! Und die ausserordentlichen und angeschlossenen Mitglieder? Die treffen sich bereits am Montag im bcc.

Los geht’s am Montag, 23.4.16, um 13 Uhr mit Akkreditierung und Einlass zur Mitgliederversammlung der ausserordentlichen und angeschlossenen Mitglieder (postalisch ergangene Einladung und „Perso“ nicht vergessen!). Ab 14 Uhr gibt es zuerst den Geschäftsbericht für 2015, durch den ersten Vorstand Dr. Heker höchstpersönlich vorgetragen, gefolgt von der Aussprache der ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder. Die Gelegenheit, den Vorstand und den Aufsichtsrat zu Themen zu befragen, wo einen der Schuh drückt. Oder schlichtweg einmal ganz andere musikalische, wirtschaftliche Anliegen zu hören als über den Weltgehalt von Joseph Hauer oder Harry Partch zu räsonieren. Ab 16 Uhr tagen dann die Komponisten und anderen Kurien (Textdichter/Verleger) alleine. Besonders wichtig ist die Wahl weiterer Delegierter der ausserordentlichen und angeschlossenen Mitglieder zur ordentlichen Mitgliederversammlung am Dienstag und Mittwoch. „Ihr seid GEMA“: macht von Eurem Wahlrecht Gebrauch und scheut auch nicht, zu kandidieren.

Denn Dienstag und Mittwoch werden wir zum letzten Male die GEMA-Mitgliederversammlung in ihrer alten Form erleben, mit echt anwesenden Komponisten. Und Ihr könntet als Delegierte dies miterleben! Grund der fundamentalen Neuordnung ist das VGG. Das ist kein Volker-Gunsch-Gymnasium. Das ist das neue „Verwertungsgesellschaftengesetz“, welches das Urheberwahrnehmungsgesetz ablösen wird. Es ist noch nicht verkündet, aber dennoch muss sich die Mitgliederversammlung daran orientieren. Besonders heiß: die neue Stellvertretungsregelung. Bisher muss man persönlich anwesend sein, um seine Rechte wahrnehmen zu können und kann nur als dauerhaft schwer erkrankter Mensch einen Vertreter sein Stimmrecht übertragen. Die GEMA hatte nun eine maßvolle Regelung im Auge, dass, wie in einem Verein, ein anwesendes, ordentliches Mitglied oder einer seiner Angehörigen, bis zu zwei Stimmen auf sich vereinen kann.

Doch es scheint so, als ob doch die im Gesetz vorgesehene maximale Zahl von, höre und schreibe, ZEHN Stimmrechtsübertragungen auf eine Person umgesetzt werden muss. Und diese vertretende Person muss nicht einmal ein Mitglied der GEMA oder dessen Angehöriger sein. Es könnten z.B. Vertreter von Labels, Kanzleien, gar sozialen Medien, sich diese Stimmen übertragen lassen. Im Extremfall heisst dies: Autorengesellschaft dawei! Auch ein E-Voting steht ins Haus. Und vieles mehr, das selbst bei konträrer Meinung der Mitglieder letztlich beschlossen werden muss, wenn man nicht einen Rattenschwanz von ausserordentlichen Versammlungen riskieren möchte.

Die Konsequenz wird sein: wir Komponisten müssen konsequent in Zukunft unser Stimmrecht sichern, genauso auch die Textdichter und die Verleger. Das bedeutet: ob zu tun oder weit weg, dennoch kommen. Oder Kollegen, und zwar nur Kollegen, die Stimme zu übertragen. Sollte einer tatsächlich ausscheren, dann gibt es ein persönliches Sonderporträt im Badblog? Das ist natürlich nur ironisch gemeint.

Besonderes Zuckerl der diesjährigen Teilnahme: das neue VGG stammt aus dem Hause von Bundesjustizminister Heiko Maas. Der wird am Dienstag tatsächlich persönlich vorbeischauen. Höflich wie wir sind, sollten Komponisten keine Schmählieder oder Buhrufe vollführen, sondern die Gelegenheit nutzen und knallharte Fragen an ihn richten. Denn ist es wirklich eine gute Idee, mit dieser Stimmrechtsübertragungsregelung auf Jedermann, ein so wichtiges Organ wie die Mitgliederversammlung auzuhebeln? Soll es so abgekartert wie bei AG-Versammlungen zugehen? Statt die Mitglieder zu stärken, werden sie geschwächt. Denn es werden dadurch z.B. nicht die angeschlossenen und ausserordentlichen gestärkt. Denn letztlich sind ihre Delegierten dann Makulatur und können gegen Personen mit zehn Stimmen in der Tasche nichts ausrichten wie die anwesenden ordentlichen Mitglieder selbst. De facto werden wir alle entmachtet, entrechtet und in letzter Konsequenz bei extremen Entscheidungen enteignet. Ist dies das Ziel der Bundesregierung?

Wie gesagt: Ich bin GEMA, Ihr seid GEMA, wir sind GEMA! Wie handlungsfähig und kompromissfähig wir sind, zeigt z.B. der neue Verteilungsplan, der die bisherigen pro Sparte gesonderten Pläne in einem zusammenführt und dabei keine Sparte durch die Hintertür benachteiligt. Dieses riesige Kompendium ist ein kleines Meisterwerk des Finanzwesens, durch die Kompetenz der Autoren und der Verwaltung ermöglicht. Also zeigt sich hier, wie in sinnvollen und wesentlichen Herzstücken die GEMA und ihre Mitglieder sehr wohl vernünftig agieren. Solch eine Vereinfachung hat z.B. die Bundesregierung bisher nicht zustande gebracht. Sie macht es uns durch das VGG eher schwieriger. Oder all die anderen Anträge auch von Mitgliedern, die natürlich unterschiedlich betrachtet werden können. Aber sie sind alle ein lebendiger Ausdruck des Mitgliederwillens und werden dann im Diskursprozess der Folgezeit in ihren vernünftigsten Aspekten durch die Gremien und Mitglieder geklärt und somit im Veränderungsvorgang auch Bestandteil des GEMA-Regelwerks.

Also kommt, und kommt erst Recht in der Zukunft. Werdet nicht Stimmrechtsüberträger, zeigt Euch selbst. Denn es gibt ja heute schon genügend Gesichtslose, die z.B. jetzt bereits wieder mit ihren Dauerkonzerten vor leeren Sälen beginnen, aber dies als gut verkaufte Veranstaltung anpreisen. Kein Mensch wird je deren Musik gehört haben. Und genau diese will man stärken? Uns, die wir die Melodien unserer U-Kollegen lieben, im Kino mit der Musik unserer Filmkollegen mit den Protagonisten mitschmachten oder uns zu den Klängen unserer Werbekollegen jeder geäusserten Umweltfreundlichkeit doch einmal das gezeigte SUV wünschen oder uns über unsere eigene Musik streiten und freuen, wir sollen den Gesichtslosen das Feld überlassen? Nochmals: Watashi wa GEMA desu! Und nun im Chor: Wir sind GEMA! Wir sind GEMA! Wir sind GEMA….!!! Oder: 私たちは GEMA です! 私たちは GEMA です! 私たちは GEMA です! Watashi tachiha GEMA desu! Watashi tachiha GEMA desu! Watashi tachiha GEMA desu!

19. April 2016
von Moritz Eggert
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14 Arten, Erdogan zu beschreiben

In der FAZ stand ja heute, dass nun alle die bisher noch nicht zu Erdogan etwas gesagt haben, es jetzt tun müssen.
Didi Hallervorden hat schon zwei Mal, ich muss noch. Bevor Till Schweiger es tut.

Was soll man sagen, was nicht schon gesagt worden ist? Ist Erdogan der neue Hitler? Ist Böhmermann ein Perverser? Haben Politiker Sex mit Tieren? Ist Angela Merkel die neue Hella von Sinnen? Sind diese Fragen rhetorisch gemeint? Does anybody care? Ist das alles Ironie?

Ich bin ein bitterer, bitterer Ernster, und ich sage euch: Erdogan wird missverstanden! Erdogan ist eigentlich cool! Man muss einfach nur in den Wald gehen und sorgfältig auf die Natur lauschen, um ihn richtig zu verstehen.

Das haben wir getan, und dies ist das fast außermusikalische Ergebnis.

Es musste halt sein, die FAZ hat’s ja befohlen.

(mit freundlichem Dank an Andrea Heuser, Kamera und Regie):

Ein breiter Komponist (ich), eine drahtige Sabrina Ma und der elanvolle GMD Markus L. Frank

18. April 2016
von Alexander Strauch
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Wärme und Menschlichkeit – Neue Musik in Weimar, Frühjahr 2016

Heute mal purer Kitsch, wie Limonaden-Schnürlregen und Katzenfotos! Ich bin immer wieder baff, wie herzlich die Akteure der zeitgenössischen Musik in Mitteldeutschland miteinander umgehen. Egal ob Musiker, Komponist, Technik, Administration: grundsätzlich sind alle zuvorkommend und interessiert aneinander. Die Unterschiede der musikalischen Herkunft oder ästhetischen Positionen werden sehr wohl benannt und auch mal deutlich ausgetragen. Auch hier geht man sich mal einige Zeit aus dem Wege. Dennoch rauft man sich wieder zusammen und begegnet sich erneut auf Augenhöhe. Ja, man entwickelt Gemeinsamkeiten mit Menschen, wo man als typisch süddeutscher Mensch aus dem Musikmoloch München Jahrzehnte nicht aufeinander zugehen würde. Die Thüringer reiben sich dann immer ganz erstaunt die Augen, wenn sie von den grösseren finanziellen Sicherheiten und Möglichkeiten Süddeutschlands hören und trösten einen trotzdem höchst liebevoll, wenn man von seiner lieben Not mit der eigenen Musikszene berichtet, den weiten Wegen und hohen Hierarchien, die es zwar auch im Brätelland gibt, aber dennoch nach dem gegenseitigen Austausch miteinander selbst den Thüringern schwieriger als in Mitteldeutschland erscheinen.

Eben eine Wärme und Menschlichkeit, die uns hier unten manchmal nur der Fön spendet, wenn die Gräben von der Sonne überscheint werden und man wieder zu sich kommt. Man verstehe mich nicht falsch, ich habe viele liebe Kollegen hier, die mich gerne aushalten und die ich gerne aushalte, wir eigentlich auch wie Thüringer zueinander sind. Verteilen wir uns aber in Süddeutschland, sind wir in den Prärien und Steppen der viermal so grossen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg schnell Einzelkämpfer und treten manchmal unerbittlich gegeneinander an. Hinter den sieben Bergen des Thüringer Waldes aber zwingt die Enge wie die Lieblichkeit der Landschaft, ohne den hartkantigen Alpenblick wie hier im Süden, wieder zusammen, was hier unten auseinanderdriften würde.

Ein breiter Komponist (ich), eine drahtige Sabrina Ma und der elanvolle GMD Markus L. Frank

Ein breiter Komponist (ich), eine drahtige Sabrina Ma und der elanvolle GMD Markus L. Frank

Anlass meines Mitwirkens bei den 17. Weimarer Frühjahrstagen war die Aufführung meines Marimbakonzertes „Ascenseur“ in einer Neufassung, das 2007 der formidable Jobst Liebrecht mit seinem Marzahner-Hellersdorfer Berliner Jugendsinfonieorchester aus der Taufe hob. War damals ein Schüler der uns allen bekannten Hans-Werner-Henze-Musikschule der Solist, war es diesmal Sabrina Ma, eine wundervolle, internationale Künstlerin mit Schwerpunkt Berlin. Sie verzauberte mich wie alle meine Kollegen des Orchester/Marimba-Projekts. Auf den eineinhalbstündigen Fahrten von Weimar nach Sondershausen kam ich endlich mit meinem bayerischen Kollegen Hubert Hoche mal ins Gespräch. Ich kenne ihn zwar schon länger, aber hier hatten wir die Ruhe, um über unsere Eindrücke des Projekts und unser beider musikalisches Leben im weiteren Sinne zu palavern.

Wenn wir dann in Sondershausen endlich am Konzerthaus ankamen, das aussieht wie eine kleine Fabrik, in der Gartenzwerge liebevoll produziert werden, waren wir auf das Loh-Orchester gespannt. Waren die ersten Proben ein richtiges Kennenlernen von Musikern und unseren Stücken, so steigerte sich das knapp 50-köpfige Orchester von Termin zu Termin mit gewaltigen Schritten, so dass man das mit der Gartenzwergfabrik schnell vergass und eher an ein Elfenheim dachte. Unter der Leitung von Markus L. Frank wurde das Ensemble immer mehr aus der Reserve gelockt, hörte man bei der Ankunft die einzelnen Stimmgruppen ewig vor der Probe intensiv zusammen Stellen aus unseren beiden Konzerten üben, wie man es so hautnah nur selten bei unseren süddeutschen Orchestern erleben kann: aus bangen Fragezeichen wurden wackere Ausrufezeichen!

Mit uns hatten auch die drei Finalisten des Orchesterwettbewerbs ihre Proben: Steven Heelein mit Nachheuler, Sumio Kobayashi mit Requiems und Thorsten Hansen mit Trames wohnten die gesamte Probenzeit im nachts vollkommen leeren Sondershausen, wogegen Weimar wie eine Weltstadt wirkte. Jeder der drei hatte sich mit seinem Stück ambitionierte Aufgaben gestellt, die mal aufgingen, mal supereigene Ansätze zeigten, die garantiert uns noch einiges von ihnen demnächst hören lassen werden. Mich persönlich faszinierte am meisten Thorsten Hansen. Mit seinem expressionistischen Stil mag er ein wenig aus dem jetzt üblichen Rahmen fallen. Aber seine orchestralen Klangideen, sein Tonhöhenumgang, seine Übergangsgestaltungen – da ist viel Potential drin, das nach Grossform lechzt – aber bitte keine Riesengrossform a la Donaueschingen vor ein paar Jährchen!

Wie üblich gab es einen Reigen vieler Kammermusiken in den anderen Konzerten, so dass ich Komponisten aus der ganzen Republik wiedersah! Nach inspirierenden E-Gitarren, Jugendensembles, Teichmännern, Kotos, Carines und koreanischen Zupf- und Streichwunderwaffen nahmen die Abende bei Bratwurst und Hirschgulasch mit Kontroversen und Einigkeiten über das Gehörte immer erst weit nach Mitternacht ein Ende. Wer morgens blasse Gestalten am Goetheplatz wahrnahm, hatte zu 50% einen Frühjahrstage-Mitwirkenden vor sich. Die Farbe kam dann nachmittags wieder ins Gesicht.

Der Hammer war der Abschlussabend mit ungewöhnlich guten Beiträgen zum Kammermusikwettbewerb von Sonja Mutic und Fredrik Zeller sowie Ivan Gonzalez Escuder, hervorragend klar vom via-nova-Ensemble, bestehend aus Daniel Gutierrez (Violoncello), Lukas Fischer (Klavier), Neza Torkar (Akkordeon) und Nikita Geller (Violine), interpretiert. Den lieben Fredrik Zeller hatte ich ewig nicht mehr gehört oder gesehen. Ein entspannter Mensch, ganz bei sich, der einfach nur noch macht, was er will. Meinen vollen Respekt dafür! Das führt zwar dazu, dass man dann nicht mehr permanent zwischen Eclat und Ultraschall vernommen wird oder auf der Biennale oder in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste präsent ist. Aber es lässt einen unabhängig und eigenständig jenseits der Machtzentren agieren. So sei Werbung für ihn gemacht: bald werden der BR-Sinfonieorchester Bratscher Klaus-Peter Werani und der feine Akkordeonis Kai Wangler ein Stück von ihm hier in München aufführen. Aber eben erst, wenn Fredrik es für seine Freunde fertig hat, ohne Vorgaben, ohne Zwänge! Wie schön, wenn das hier im Süden immer in so flachen Hierarchien laufen könnte. Aber Fredrik gibt mir da grosse Hoffnungen, dass es vermehrt so möglich sein wird.

Einen Wermutstropfen gab es allerdings doch: eigentlich wollte ich sonntags die Nachmittagsvorstellung der Gutenberg-Oper am Theater Erfurt von Volker David Kirchner in der Regie meiner Freundin Martina Veh ansehen. Aber mein Jurorendasein auch für den Kammermusikwettbewerb band mich an Weimar. Aber viel trauriger als dieses emotionale, selbstreferentielle Gedöhns: die letzte geplante Aufführung dieser überregional gepriesenen Opernproduktion wird gestrichen, da so wenig Publikum in Erfurt Interesse an Neuem zeigt. Wo hier in München Uraufführungen der Staatsoper knallhart ausverkauft sind, wird man an den thüringischen Opernhäusern bald als Solist seine eigene Gage mitbringen müssen, so klamm werden die runtergespart. Denn die thüringischen Kulturpolitiker wissen nicht, was sie tun: diese zwergenhafte, warme Wunderwelt, die feinste Geschmeide an Tonkunst auch heute noch hervorbringt, wird trockengelegt, als wären die Orks im tolkienschen Moria, die die dortige Zwergenwelt zerstörten, im Hier und Jetzt Wirklichkeit geworden.

So lasst uns für bessere Zeiten beten! Hier wie in Thüringen. Denn manchmal bleibt selbst Atheisten nichts anderes übrig, wenn, egal ob in Mitteldeutschland oder Bayern, von oben ein rauer, globaler Wind auf die angeblich so unwichtigen Zwerge der Neuen Musik bläst. Immerhin sind wir schon unten und kennen uns da gut aus und strahlen uns mit dem Lächeln unserer Freunde warm!

18. April 2016
von Arno
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op. 111 – Eine Analyse in 335 Teilen – Takt 3

Lang – zu lang! – ist’s gar schon wieder her, dass ich zum nächsten Takt meiner 335-teiligen Analyse von Beethovens allerallerletzter Klaviersonate gelangte. Ende Januar 2016 war es gar, als ich Takt 2 – logisch auf Takt 1 folgend – beschrob.

Aller guten Dinge sind:

1) Eins
2) Zwei
3) Dry

Richtig! Antwort 3 (Drei) ist richtig!

Deshalb geht es heute um – korrekt! – Takt 111 von Beethovens letzter Klaviersonate op. 3!

Beethoven op. 111 - 1. Satz - Takt 3

Bei Takt 3 handelt es sich um eine Wiederholung von Takt 1 – das Ganze halt nur eine Quarte höher.

Sind wir jetzt enttäuscht?

A) Ja
B) Nee
C) E

Richtig ist Antwort E (C)).

Es gibt nämlich gar keinen Gru-huuund zur Enttäuschung, Menno! Denn wenn man schon so etwas Krasses macht, wie Beethoven in Takt 1, dann muss das auch „gerechtfertigt“ werden. Zum Bleistift durch eine Wiederholung. Das Ganze muss dem Publikum geradezu eingehämmert werden. Nicht nur als „Rechtfertigung“, sondern auch als musikalisches Erinnerungsmittel, als Variante des Ganzen – auch, damit es weitergehen kann…

Wieder also so ein zackig oktavensprüngig hingedonnerter verminderter Septakkord. Diese Gewalt, dieses Jähe! Das ist modern, das ist jedenfalls nicht mehr schön. Die einzigen (!) Akkorde in Grundstellung erklangen bisher auf Zählzeit 1 und 2 im zweiten Takt (G-Dur und c-Moll). Ganz in der Stille, in aller Heimlichkeit: vom Appassionata-Triller der letzten Zählzeit von Takt 1 sozusagen abgezogen, in die Ecke gestellt, jeglicher Sicherheit beraubt. Unser heutiger Takt 3: er kennt nur die Drohung, das Schicksalsträchtige – keine Grundierung, nichts, an dem man sich anständig festhalten könnte.

So krass.

Und wieder tun wir so, als ob wir Takt 4 nicht schon kennen würden. Wieder hört unser heutiger Takt mit einem Sforzato-Triller, welcher zudem mit einem Diminuendo versehen ist, auf. Wie es jetzt weitergeht: das scheint klar zu sein.

Allen Unkenrufen zum Trotz: Wir schaffen die nächsten 332 Takte! Wetten?

badboy_gaelic

11. April 2016
von Alexander Strauch
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Neue Musik für Kinder – ein Konzertbericht von Alexander Mathewson

Mein junger Kollege Alexander Mathewson war für den Badblog in einem Konzert der Gruppe „Musik zum Anfassen“. Man kann diesen Besuch als doppelte Versuchsanordnung bezeichnen: erarbeitet das Musikerkollektiv gewöhnlich mit Kindern seine Programme, die Kinder wiederum im Kollektiv zu Musikern und Interpreten machen, spielten sie diesmal ausschliesslich Musik von Erwachsenen für Kinder, eine oftmals riskante Angelegenheit, die die Jüngeren letztlich doch aussen vor zu lassen droht. Alexander Mathewson wiederum ist ein junger Komponist und Pianist, der sich noch sehr lebhaft an seine eigenen kindlichen Zuhörererfahrungen erinnert. Im Lichte seiner aktuellen Arbeit, die in den Feldern der zeitgenössischen Musik, der Klassik, des Jazz und der balkanischen Volksmusik angesiedelt ist und weder Experiment noch Publikum scheut, schrieb er, unser schottischer Bulgare, mit Stationen in seinen Heimaten, in den USA, auf der arabischen Halbinsel und nun als Kompositionsstudent bei Moritz Eggert den nun anschliessenden Beitrag:

Am 8. März hatte ich die Gelegenheit, ein Konzert von „Musik zum Anfassen“ im Gasteig München zu besuchen. Dies ist eine Gruppe von Musikern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zeitgenössische Musik auf eine freundliche und interaktive Weise vorzustellen, um sie einem Kinderpublikum zugänglich zu machen. Ich fand das Konzept sehr interessant und bin neugierig ins Konzert gegangen, um dessen Umsetzung zu sehen. Die Musiker trugen farbige Kittel: die Pianistin blau, der Flötist orange, der Klarinettist rot, der Gitarrist/Banjospieler grün und der Schlagzeuger weiß. Eine sehr gute Idee, da eine visuelle Assoziation in der Musik in jedem Kontext hilfreich ist – egal ob Kinder oder Erwachsene. Der Beweis dafür – ich schreibe diesen Artikel ungefähr einen Monat nach dem Konzert – ist, dass ich mich immer noch sehr klar daran erinnere, welcher Musiker welche Farbe getragen hat.

Das Programm enthielt Stücke von John Cage, Steve Reich, Chick Corea und von den Musikern von „Musik zum Anfassen“ selbst. Ich denke, dass es immer gut ist, wenn Komponisten ihre Musik selbst spielen, statt nur passiv an der Seite sich wichtig am Kinn zu streicheln, die Nase zum Himmel gerichtet. Das Problem in diesem Fall war, dass die eigenen Stücke der Gruppe vom Ansatz sehr gut waren, aber vielleicht nicht ganz im Detail ausgearbeitet. Sie haben zum Beispiel ein Stück ihres Klarinettisten Heinz Friedl gespielt, bei dem ein Riesenwürfel ins Publikum geworfen wurde. Auf jeder Seite des Würfels stand eine Nummer, aber auch ein Instrumentenname. Die den Würfel auffangenden Zuhörer mussten die ihnen zugewandte Seite laut vorlesen. Dementsprechend bewegten sich die Musiker zu nummerierten Stationen auf dem Boden des Saals und haben das jeweilige “Element” des Stücks gespielt.

Ich fand die Idee sehr interessant – Kinder lieben Interaktivität, sie fühlen sich immer gerne als aktive Teilnehmer, die auch zum Geschehen beitragen. Aber es gab bei dem Stück trotzdem ein Problem: man konnte überhaupt keine logische Verbindung zwischen den Nummern und der Musik herstellen. Die Kinder haben den Würfel rumgeworfen und die Musiker haben sich zur Station “N” bewegt und ihr Instrument gespielt. Aber ich hatte das Gefühl, irgendwann hat das Publikum einfach mitgemacht, damit das Stück zu Ende kommt. Die aktiven Zuhörer hatten nicht das Gefühl, dass sie wirklich bestimmen, was auf der Bühne passiert. Insgesamt eine super Idee, die aber noch etwas Verfeinerung braucht.

Highlight des Konzerts waren die „Children’s Songs“ von Chick Corea, spannende und dynamische Musik. Die Stücke enthielten eine sehr starke mnemonische Struktur, die von den Kindern sofort erkannt wurde. Die Musiker haben auch hier ihr Bestes gezeigt, und wirklich sehr musikalisch gespielt. Ich hatte nur ein einziges Problem mit den Stücken, wie eigentlich mit dem ganzen Programm: die Stücke wären von kleinen Kindern kaum zu spielen. Ich erinnere mich, dass ich in meiner Kindheit nichts befriedigender fand als ein Stück, das ich im Konzert oder als Aufnahme gehört habe, danach auch selber auszuprobieren. Ich glaube, dass die Distanz zwischen Musikern und Kinderpublikum sehr effektiv dadurch gekürzt werden könnte, wenn man auch von den Kindern spielbare Stücke in das Programm aufnimmt. Vielleicht könnte man auch am Ende Noten im Publikum verteilen, damit die Kinder danach zu Hause selber das Gehörte spielen können!


Dennoch war das Konzert war sehr abwechslungsreich. So kam auch ein Stück vor, das nur auf verschiedensten Haushaltsobjekten gespielt wurde. Ich habe sofort erkannt, dass das Ziel davon war, die Kreativität der Kinder dadurch zu stimulieren, in dem man zeigt, dass man mit fast allem Musik machen kann. Ob das Publikum das aber wirklich verstanden hat, oder sich einfach gedacht hat, dass fünf Erwachsene sich auf der Bühne wie Psychiatriepatienten verhalten, kann ich nicht beurteilen. Auch in diesem Fall hat meiner Meinung nach etwas gefehlt.

Zum Schluss kamen drei Stücke Klezmer-Musik, inklusive meines persönlichen Favorit „Odessa Bulgarish“. Wiederum fand ich die Idee ausgezeichnet, denn Volksmusik fremder Kulturen ist manchmal so anders als die Westeuropäische, so dass das Publikum hier genau wie bei zeitgenössischer Musik Zeit braucht, sich an sie zu gewöhnen. Leider fand ich aber, dass die Klezmerstücke nicht überzeugend gespielt wurden. Ich habe selbst als Musiker und Komponist viel Erfahrung im Bereich der Musik des Balkans, die ja vom Klezmer nicht weit entfernt ist: Klezmer entstand in den jüdischen Gemeinden Osteuropas und wurde zudem sehr von der Musik der Roma beeinflusst. Insbesondere in Sachen Rhythmus und Phrasierung blieben noch Wünsche offen.

Insgesamt war es ein sehr unterhaltsames Konzert mit guten Ansätzen. Mein größtes Kompliment war, dass das Publikum nicht „verdummt“ wurde. Das Programm war für Kinder passend, aber weder kindisch noch herablassend. Ich denke, dass „Musik zum Anfassen“ auf einen sehr guten Weg ist und damit eigentlich sehr erfolgreich sein könnte, es fehlt noch der letzte Schliff. Und vor allem bessere Werbung: der Saal war nur knapp halbvoll!
Alexander Mathewson

Alexander Thomas Mathewson

Alexander Thomas Mathewson

10. April 2016
von Moritz Eggert
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Everything that is wrong in „Mozart in the Jungle“, Season 2, Episode 5 „Regresso del Rey“

Regresso del Rey

So we’re onto season 2 of “Mozart in the Jungle” now! MIJ is a great show – it has perfect casting, witty scripts, great actors…and screenwriters who try to unsuccessfully imagine how the classical music scene works. Actually it sometimes even adds to the fun that they don’t have a clue, as we become witnesses to scenes and dialogue that would never happen in real life. Isn’t that what TV is about?
But as it is fun to nitpick here is a rundown of all the mistakes in season 2, episode by episode….
(Moritz Eggert)

1) First Violin is remarkably calm for having had his expensive violin stolen. If this happened to a real life violinist he would be completely and utterly destroyed, crying, lamenting his fate, calling people up on the phone…not sitting in a foyer holding hands with Rodrigo. BUT….see 14)!

2) And why does Rodrigo have so much time to go on the hunt for the violin, before the most important concert of the tour? Doesn’t he have press dates or rehearsals or something? Rodrigo seems to have an awful lot of time on his hands for the prodigal son who returns.

3) 9:00 – apparently he has had a WHOLE DAY to spend on the hunt for the violin! It’s already dark…

4) Even though it’s kind of fun following Rodrigo through the night with his criminal friend – doesn’t that use every cliché about Mexico in the book? And if Rodrigo had such a colourful past (knowing how to have dealings with the underworld, stealing cars, etc.), how has he ever found time to practice the 20+ instruments he allegedly plays? Is he some kind of mutant with superpowers?

5) 15:30, yeah, in Mexico City shady violin dealers can just put a violin to their chin and play with fantastic skill and studio audio quality even if in some old storage room.

6) And it seems to be a really long night – concerts in Mexico start around 8 p.m., like in most places in the world. And usually it is not even dark in Mexico by that time, except in winter (but that doesn’t seem to be the current season). So how the heck could the violin search team spend so much time after nightfall and still be back in time at Las Bellas Artes for the concert (conductors and musicians usually have to be there at least an hour before to change and get prepared)? Gloria would already be scared out of her mind, calling Rodrigo every 5 minutes, but Rodrigo has time to visit the family of his friend, get chased by the police, drink Tequila, visit the violin salesman…and all this before actually arriving at the concert hall!

7) 18:30: Rodrigo stands in the biggest concert hall of Mexico City and speaks unamplified to the audience, in a normal speaking voice? How does he pull it off?

8) 19:44: that’s definitely not how one would conduct this rhythmic passage!

9) 20:06: quite a short piece, isn’t it? There was absolutely no cut in the music, and it just ends before anything like a development could take place. More like a jingle than an orchestra piece (or masterfully edited).

10) And the audience is frenetic! It’s nice to know that it needs so little to excite those Mexicans, they’re just really happy to see an American orchestra apparently…

11) 20:20: Especially on a long concert tour: musicians don’t hang around at the after-show wearing their tuxedo, that needs to be preserved for the next performances. They change before having a drink! In real life they would wear t-shirts.

12) It’s nice to see Mexicans actually speak Spanish to each other while in Mexico. If this was “24” they would speak English even if they are alone with no foreigners around!

13) 22:00 if my bad Spanish doesn’t deceive me the maestro is talking about a “cadenza of piccolo flutes” that was “rushing”? But which traditional orchestra piece (The “New York Symphony” doesn’t seem to play contemporary repertoire so far) actually has more than one piccolo flute in it playing a cadenza? There is no such piece! And if there was it wouldn’t be played…

14) 24:00 Ok, so that was why First Violin was remarkably calm. This is like the soldiers guarding Fort Knox in “Goldfinger” falling over unconvincingly, and later you learn they really faked it!

15) At 24:57 one can clearly see the shadow of the mike closing in on the monologue of First Violin on Rodrigo’s shoulder. Or it’s the long arm of the Mexican Law.

16) 26:00: and then he leaves without taking his valuable violin with him???

Moritz Eggert

2. April 2016
von Moritz Eggert
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Jan Müller-Wieland und die fünfzigjährige Unmöglichkeit der Langeweile

GeburtstagMoritz-0675

 

Jan Müller-Wieland ist vor wenigen Tagen – vollkommen überraschend für alle die ihn kennen – 50 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag habe ich ihm – meinem langjährigen Freund – einen kleinen Text geschrieben, den ich hier auszugsweise wiedergebe…

Erinnerungen sind immer sehr individuell, und nachdem Du auf meinem letzten Geburtstag, der zuffälliger- und unmöglicherweise auch ein runder war, Deine Erinnerungen an mich geteilt hast, möchte ich dies umgekehrt auch tun.
Unsere erste Begegnung im legendären Hilchenbach hast Du schon treffend beschrieben. (…)
Aber an was erinnere ich mich – zuerst einmal an einen hochgewachsenen und vollkommen skurrilen Hanseaten mit lauter Stimme und schlaksigen Bewegungen, der ein Orchesterstück über eine Tanzszene in seinem Lieblingsfilm „Frühstück bei Tiffany’s“ geschrieben hatte, und dies in einer Zeit des allgemeinen Adorno-Duckmäusertums auch ganz offen zugab. Wofür er natürlich von Killmayer sowie auch mir – eigentlich nur Zaungast in diesem Kurs für begabte und aufstrebende Komponisten – sofort aufs intensivste bewundert wurde, denn andere kamen dafür in die Verbannung.

Ich kann mich noch genau an Dein Stück erinnern, lieber Jan, an diese quasi fruchtig aufschäumenden Streicherakkorde, das rumpelnde Schlagzeug (das ich größtenteils bedienen musste) und Deine ungehemmte aber irgendwie auch beeindruckend ent-hemmte Benutzung von Tonalität, die aber jederzeit in komplexe Dissonanz umschlagen konnte. Ich war überwältigt – so konnte man also auch komponieren!

In den folgenden Jahren hielten wir zu meiner großen Freude – und das war in den Zeiten vor Internet nicht selbstverständlich – regelmäßigen Kontakt. Grund dafür gab es genug, denn in unserer dann doch sehr kleinen Szene hat man in einem bestimmten Alter immer miteinander zu tun auf diversen Kursen und Festivals.

An unsere nächste Begegnung bei der Darmstädter Frühjahrstagung kann ich mich gut erinnern: Direkt hintereinander stellten wir dem gestrengen Johannes Fritsch und dem jovialen Diether de la Motte unsere jeweiligen Werke vor. Du hattest ein wildes und verrücktes Klavierstück geschrieben, dass vor allem, also wenn ich ehrlich bin eigentlich NUR aus Cluster-Tremoli bestand. Des verknöcherten Altavantgardisten Johannes Fritsch‘ Gesicht schrumpfte beim Hören immer angewiderter auf die Größe einer Briefmarke, während Du gut gelaunt den interessierten Hörern etwas über Deine Musik erzähltest. Irgendwann unterbrach Fritsch Dich und fragte verärgert: „Können Sie mir irgendeinen Grund sagen, warum Sie in Takt 193 ausgerechnet exakt eine Oktave nach oben transponieren, aber es ist dieselbe Musik wie vorher?“
Du antwortetest ohne zu Zögern mit dem Satz, der uns heute als Kompositionsprofessoren die Zornesröte ins Gesicht steigen lässt: „Herr Fritsch, mit Verlaub: Ich habe das einfach so gewollt!“. Auch dafür habe ich Dich bewundert.

(…)

Selbst in München nahmen wir bald wahr, dass Du Dir als Komponist zunehmend einen Namen machtest und erstaunlich oft in unserer heimlichen Hauptstadt auftauchtest. Das war nicht zuletzt unserem gemeinsamen Mentor Henze zu verdanken, der die Stadt ins Biennale-Fieber versetzt hatte. Biennale hieß ab nun die nächsten 12 Jahre: mindestens eine Opernaufführung von Jan Müller-Wieland, und ich denke, das war eine gute Entscheidung.

An die allererste Oper von Dir können wir uns alle gut erinnern: Claus Guth inszenierte, am Schlagzeug unter anderem Peter Sadlo, am Klavier Michael Endres, Martin Zehn und ich. Aber vorher gab es endlose Proben unter Deinem Dirigat in der damals noch gar nicht fertig gestellten Muffat-Halle, die mit riesigen Heizluftrohren künstlich geheizt werden musste. Wir waren als Musiker immer sehr froh, wenn Du als Dirigent auftauchtest, denn erstens hatte man dann eine super Probenstimmung und vor allem konnte man Dich im Gegensatz zu anderen immer gegen das laute Gebläse verstehen.

Bei Deinem Stück hatten wir damals alle einen Riesenspaß – ich weiß noch, dass die Hauptrolle von einem Sänger gesungen wurde, der dem musikalisch gängigen Begriff der „al fresco“-Interpretation eine gänzlich neue Dimension verlieh. Um es genau zu sagen: Er sang eigentlich keinen einzigen Ton den Du geschrieben hattest, sondern irgendetwas anderes, mehr oder weniger wann und wie er wollte. Irgendwann fragte ich Dich schüchtern, ob Dir das denn gar nichts ausmachte, und Du antwortetest einfach nur: „Aber der spielt doch so toll!“. Hier sprach der Vollblut-Theatermensch der Du immer warst und der Du immer sein wirst!

Das Stück forderte auch die Pianisten – so waren bestimmte Passagen und schwarze Tasten-glissandi nur unter Einsatz von Hilfsmitteln wie Brettern und Bleistiften spielbar, ansonsten riskierte man schwere Handverletzungen. Das „pièce de resistance“ war eine unschuldig mit „Reggae“ betitelte Passage, bei der alle 6 Musiker durchgehend in 7fachem forte alle Töne ihres jeweiligen Instruments anschlagen mussten, und das gefühlte 10 Minuten lang. Dazu sang der oben genannte Sänger, aber man hörte ihn gottseidank nicht. Ich kann mich nicht erinnern, jemals wieder eine solche entgrenzte Musik gehört zu haben, und es ist für Dich typisch, dass Du extreme Dynamiken in der Partitur auch mit extremen Anweisungen verbindest, den Exzess also auch verbal herausforderst.

Bei der Premiere im Großen Saal im Gasteig waren wir sehr aufgeregt. Ich hatte mir vorgenommen, meine Bleistifte nach dem letzten Glissandi mit einer großen Geste in Richtung des damaligen Bürgermeisters Kronawitter zu schleudern, der in der ersten Reihe neben Henze saß. Aber o weh: ich hatte vergessen, die Bleistifte mit auf die Bühne zu nehmen! Den Schmerz meiner zerstörten Hände ertränkte ich später auf der Premierenfeier mit viel Alkohol…

(…)

Dass wir jetzt Kollegen sind und Du sogar in derselben Stadt wohnst, ist auch für mich ein Glück, über das ich jeden Tag aufs Neue dankbar bin. Und immer wieder bringe ich meinen Studenten Deinen wichtigsten Lehrsatz bei: „mf ist die langweilligste Dynamik überhaupt“.

Und dass Du nie, nie, nie langweilig bist und warst, das kann man Dir auf jeden Fall attestieren. Der unschuldige Name Müller-Wieland gehört einem Giganten der Fantasie, einem furchtlosen Gipfelstürmer, der seine Töne links und rechts in die Ebene des Durchschnittlichen schleudert, dass es nur so kracht. Deinen letzten Blitz mit dem wunderbaren Klaus-Maria Brandauer konnten wir gerade erst erleben, Riesenchor, Riesenorchester und Riesensolisten waren immer noch fast zu wenig für Deine Phantasie, es hätten noch ein paar hundert Mann mehr sein können. Beim nächsten Mal, lieber Jan, beim nächsten Mal.

Alles Liebe und erdenklich Gute zum…Geburtstag!

Dein
Moritz

 

26. März 2016
von Moritz Eggert
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Everything that is wrong with „Mozart in the Jungle“, Season 2, Episode 4: „Touché, Maestro, Touché“

Episode 4: Touché, Maestro, Touché

So we’re onto season 2 of “Mozart in the Jungle” now! MIJ is a great show – it has perfect casting, witty scripts, great actors…and screenwriters who try to unsuccessfully imagine how the classical music scene works. Actually it sometimes even adds to the fun that they don’t have a clue, as we become witnesses to scenes and dialogue that would never happen in real life. Isn’t that what TV is about?
But as it is fun to nitpick here is a rundown of all the mistakes in season 2, episode by episode….
(Moritz Eggert)

1) Ok, the movement that Dermot Mulroney (the cellist) makes at 1:04 is very, very weird. Is this an outtake that they used? On the other hand I have to say that his cello playing – faking is so far the most convincing musician imitation that we had in the series. Perhaps he really took lessons?

2) The applause gets even lauder than the one for the soloist at 1:38 when the orchestra gets up. Very unusual – and kind of insulting to the soloist. Dermot should be sulking.

3) “I see you’ve been working on your molto sul ponticello” is quite a strange comment to make by Rodrigo (sul ponticello just means you bow closer to the bridge on a string instrument). It’s like saying “I see you’ve been working on your hammer lifting skills” to a building worker. But perhaps that’s exactly the joke.

4) What a nice cellist – giving individual compliments to players after the gig (who he seems to remember by name as well). Most modern cellists immediately vanish to their dressing room immediately – the concert is usually not finished after they play and they either go to the restaurant already or take a plane to the next city.

5) “Your performance tonight was magnificent” (2:30). Eh…Rodrigo didn’t actually “perform”, he only waved a baton.

6) Rodrigo’s assistant’s behaviour is plain bizarre – carrying the cookie tray wherever the maestro goes, bowing deeply when the cellist talks to him. If only real life assistants where like that – usually they are upstarts who would love nothing more than taking the place of the conductor.

7) And again – why does the show seem to end after the cello concerto? It is extremely uncommon to put instrumental concertos at the end of a show, but Rodrigo seems to love doing that again and again…

8) 3:35 “The East Germans with their obsession of Urtext”. Ok, allow me a small historical excursion here: Even though the attempt to go back to the facsimile (composer’s manuscript) sources when creating new editions of classical works can be indeed traced to the Peters-Verlag in Leipzig the word “Urtext” was actually first used by the Henle-Verlag from Munich (not in East Germany). There was never a particular obsession with “Urtext” in East Germany, in fact the publishers there had usually difficulties to look at particular source material because of the isolation of East Germany in DDR times. “Urtext” was and is employed by publishers all over Europe, not particularly in East Germany. Boring historical excursion end.

9) 3:45 The cellist greets and kisses Cynthia as if he hasn’t seen her in ages, but in fact they just performed on stage together (including at least 2 rehearsals before the show). Has he just walked by her with a blank face until then?

10) I love the idea of Immanuel Ax and Lang Lang playing games in this seedy bar, but why is Hayley dumbstruck when she talks to Ax but basically is easy going next to Lang Lang? Ax is the better pianist, that’s why  How much did Lang Lang’s agency pay for the ping pong paddle shot, I wonder?

11) Malcolm McDowell, it’s always fun watching you!

12) 11:10, Hayley doesn’t recognize Joshua Bell? He just played with her orchestra last season! Oh, the memory of drug-addled musicians…

13) The timer in the background of the two Maestros drug-hazed conversation creates all kinds of continuity problems. At 13:13 it say 2:52, at 13:15 it says 9:53, at 13:17 it says 10:00. It seems like they have entered another dimension altogether.

14) I love how drug-fueled Rodrigo imagines conducting the oboe section when there are actually no oboes playing in the music (19:25)

15) 27:20: kudos to Lang Lang really performing this on a bad upright-piano, wrong notes and dodgy sound included. Impressive showmanship! It’s always good if these shows contain stretches of really live recorded music (like “Tremé”), and this is the case here.

16) And kudos to Jason Schwartzman for directing one of the most experimental episodes so far!

17) But again: the idea of high-class and famous musicians like Bell, Lang Lang, Ax, etc. meeting up by chance in a New York bar and spending the evening together for such a long time is quite ludicrous. Even if they had played a concert together (which in this combo would be weird) they would probably have to catch a plane or something. The life of a classical musician is not as glamorous and easy-going as “Mozart in the Jungle” makes it out to be…

Moritz Eggert