Bad Blog Of Musick

badboy_gaelic

26. August 2015
von Alexander Strauch
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Exklusiv – Peter Babniks Gesamtwerk nun im Juliane Klein Verlag

Der Neue-Musik-Betrieb taugt immer wieder für Unerwartetes, wie die „Neue Musik“ ja selbst 2015 immer noch das Neue, eben Unerwartete für sich reklamiert. Wir alle kennen und lieben seit den 2010er Ferienkursen in Darmstadt die selbstgereimten Texte und selbstgesungene Musik Peter Babniks. Unvergessen die zweisprachigen Fassungen des „Darmstadt Songs„, die bisher freundlichste Ferienkurse-Hommage. Das Schaffen Babniks bietet aber mehr als dies, wie z.B. der Summer-Sunshine-Song und das Lied „Die Liebe ist stärker als der Tod, die Liebe lindert jede Not“. Besonders dieses letztgenannte Werk hat den Juliane Klein Verlag nun überzeugt, das Gesamtschaffen Babniks zu verlegen, um damit der per Rebhahns Definition einzig und allein wirklich aus dem Neue-Musik-Betrieb ausgetretenen Komponistin Juliane Klein die künftigen Soundtracks für die Podcasts zu „Your Daily Lift“, wie z.B. dieser Lift „Die ganze Welt zum Freund“ , der vielleicht erratisch ihren Ausstieg erklärt, ihrer danach eröffneten christlich-wissenschaftlichen Heilpraxis zu liefern. Wer dies hier glaubt, werde selig!

Zum Sommerabschluss ganz unverlegen eben jener „Summer-Sunshine-Song“ Babniks:

UPDATE: Es handelt sich bei diesem Bericht um eine typische Falschmeldung! Jeder wandle glücklich auf seinen Pfaden!

walmaniküre

21. August 2015
von Alexander Strauch
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Wagner wortwörtlich 2 – Walküre

Nach Nuggetwaschen am Hochrhein zu Rheingold nun Walfischsaugen im Museum, denn was ist Walküre nichts anderes als Maniküre und Pediküre für den Meeressäuger? Alle paar Wochen wird im American Museum of Natural History das Blauwalmodell gesaugt und geschrubbt, hier in Zeitraffer:

Aber der Walkörper selbst wird zum Reiniger, genauer Poolreiniger, wenn Wassersauger seine aerodynamische Form annehmen. Bleibt nur noch die Walküre einmal unter Wasser zu hören, fragt sich nur, ob die Sauerstoffblubberblasen des Hojotohos der Walküren nicht die Musik überrülpst, seit Apocalypse Now wissen wir ja, dass dies besser mit Helikoptern funktioniert:

goldgusti

20. August 2015
von Alexander Strauch
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Wagner wortwörtlich 1 – Rheingold

Bevor die Bayreuther Festspiele sich doch noch wirklich auf Twitter einen eigenen, echten Account einrichten, startet heute die kleine Reihe Wagner wortwörtlich. Los geh es mit Rheingold, richtige Nuggets aus dem alpinen Rhein in Graubünden. Mit wunderbaren Schweizer Akzent des Youtube-Kanal-Betreibers „Goldgusti“stellt das Video etliche Feinunzen handgewaschenes Gold dar. Was „Rhein mittel“ bedeuten soll? Der Mittelrhein liegt ja nicht in den Alpen. Oder sind meine Ohren bereits Rheintöchter-geschädigt? Als Badblogger höre ich nur noch heimlich unter der Bettdecke, mit überdrehtem Volume der Kopfhörer Ritschi…

19. August 2015
von Arno
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Richard Wagner: Die glückliche Bärenfamilie – Kompletter Klavierauszug inklusive Leitmotiv-Tafel entdeckt!

Viele Musikfreunde wissen nicht, dass Richard Wagner im Jahre 1837 mit der Arbeit an einer Oper begann, die den schönen Namen „Die glückliche Bärenfamilie“ tragen sollte. 2013 wurden die erhaltenen Fragmente des Werkes, das der Meister in Gänze mit „Männerlist größer als Frauenlist oder: Die glückliche Bärenfamilie“ überschrieb, in Nürnberg erstmals aufgeführt – hier ein Bericht dazu in der nmz.

Bei dem gefundenen Fragment handelt es sich um eine Zirkusoper, in der gar keine richtigen Bären, sondern nur Bärenkostüme eine Rolle spielen. Jetzt allerdings wurde bei Rasensprengarbeiten im Garten der Villa Wahnfried in Bayreuth eine verdächtige braune Holzkiste mit über 100 Partiturblättern, Notizen und dem vollständigen handgeschriebenen Klavierauszug entdeckt. Das erhaltene Material stellt Wagners Intentionen hinsichlich dieses bärigen Sujets in ganz anderem Lichte dar; tatsächlich beabsichtigte Wagner, ein abendfüllendes Musikdrama mit echten Bären – die natürlich von Menschen in Bärenkostümen gespielt werden – zu komponieren. Mitnichten erzählt die Handlung Ereignisse im Zirkusmilieu, sondern die berührende Geschichte einer Bärenfamilie im Bayerischen Wald.

Ich konnte mit Hilfe eines Freundes der Familie Wagner einige Teile dieses sensationellen Fundes fotografieren – und habe bereits eine handgeschriebene Leitmotiv-Tafel von Wagner persönlich entziffert und transkribiert.

Auch konnte ich notieren, wie die erste Szenenanweisung Wagners am Ende des Vorspiels zum ersten Akt lautet: Der Vorhang geht auf. Das Innere einer Bärenhöhle; der mit Farnen und Gräsern bedeckte Kuschelplatz der Bärenfamilie bildet die Mitte des Raumes; zur Seite hin tut sich der Weg zum Höhlenausgang auf; von dort fällt ein fahler Lichtschein auf die Szenerie. Honigreste sind im Raum verstreut zu sehen, sowie die mächtigen Tatzenspuren von Papa Bär, die zum Ausgang führen…

Die glückliche Bärenfamilie - Leitmotivtafel

Die von Wagner in „Die glückliche Bärenfamilie“ verwendeten Motive verweisen in ihrer Textur, Harmonik und Expressivität gleichsam auf die Leitmotive der späteren Musikdramen. Vor allem die Ähnlichkeiten zu den Motiven aus „Der Ring des Nibelungen“ sind geradezu frappierend. Die Motive der ersten von Wagner handgeschriebenen Bären-Leitmotiv-Tafel veröffentliche ich heute weltweit erstmals – und exklusiv für den Bad Blog of Musick. In den nächsten Wochen und Monaten sollen – sofern die Wagner-Familie damit einverstanden ist – weitere Ausschnitte des Klavierauszuges präsentiert werden. Die Uraufführung des ganzen Werkes ist derzeit für die Bayreuther Festspiele 2019 geplant.

Tatzen-Schicksals-Motiv

Honig-Entsagungs-Motiv

Papa-Bär-spricht-Motiv

Grizzly-Todes-Motiv

Fell-Juck-Motiv

Winterschlaf-Erweckungs-Motiv

Panda-Streichel-Motiv

Mama-Bär-Liebes-Motiv

19. August 2015
von Moritz Eggert
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Sensation! Porträt des zukünftigen Wolfgang Rihm entdeckt!

Bildnis HauptmannSchon 1942 malte Victor Krausz den wichtigsten deutschen Komponisten in selbstsicherer Pose, allerdings so, wie er in ca. 20 Jahren aussehen könnte.

(Dass das Bild angeblich einen Typen namens G. Hauptmann darstellen soll, ist hierbei unerheblich)

Die Sacher-Stiftung hat schon den Kauf des Porträts angekündigt und wird es dem ZKM als Dauerleihgabe vermachen.

badboy_gaelic

18. August 2015
von Alexander Strauch
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Valentina Lisitsa und Donezk – einfach nur Überforderung?

Allseits Überforderung. Bis vor ein paar Tagen machte uns die Hitzewelle zu schaffen, heute der verfrühte Herbstbeginn. Einmal ist es Griechenland mit seinen Finanzproblemen oder mit seinen Inseln, an deren Stränden verdutzte Touristen auf Syrien-Flüchtlinge stossen. Dabei verliert man selbst die Ukraine, ihr separatistisches Donbass aus den Augen. In der Musikwelt war es im Dezember 2014 präsent, als sich Anna Netrebko im rot-blauen Kostüm mit Oleh Zarjows mitgebrachter ebenfalls rot-blauer Noworossija-Flagge ablichten ließ, als sie dem damaligen Vorsitzenden des Parlaments der damals sogenannten „Union der Volksrepubliken Donezk und Lugansk“ einen 1 Mio. Rubel-Scheck überreichte. Damit half sie willentlich oder unwillentlich vor allem der PR der Separatisten, obgleich sie versicherte mit ihrer Spende dem unter widrigsten Umständen weiterspielenden Donezker Opernhaus helfen wollte. Bei der Einordnung dessen: auch allseits Überforderung.

Wer den Bericht im Guardian über den Spielbetrieb dieses Donezker Musiktheaters liest, dem können schon die Tränen kommen: Primadonna, Chefdirigent, weitere wichtige Künstler haben das Haus verlassen. Der rührige Direktor, der den Notbetrieb organisierte, erlag einem Herzinfarkt. Selbst pensionierte Sänger helfen im Haus lieber mit als an den Randbezirken der Stadt dem Bombardement der ukrainischen Artillerie oder der separatistischen Verteidiger ausgesetzt zu sein. Zum Heulen ist auch, dass dem Haus wohl durch Beschuss sein Lagerhaus abbrannte. Das ganze Bühnenbild z.B. zur ukrainischen Erstaufführung des „Fliegenden Holländers“, durch ein deutsches Regieteam 2012 in Szene gesetzt, 2013 erfolgreich durch die jetzt im Feindesland liegenden ukrainischen Städte Kiew, Lemberg und Odessa getourt, früh im Jahr 2014 mit einem wichtigen ukrainischen Preis bedacht, ist dahin. Mitunter sollte die Spende beim Ersatz dessen helfen, was anscheinend bis jetzt jedoch nicht erfolgte. Wichtiger war, dem Personal des nur noch aufgrund der nachts gefährlichen Lage tagsüber spielendem Hauses endlich wieder einen Teil der Löhne auszahlen zu können. So rührselig das ist und die Menschen vor Ort froh über diesen Kulturrest sind: lässt man sich nicht gerade durch dieses Weitermachen vor den Karren des Separatistenregimes spannen, wie dieses eben z.B. die Scheckübergabe durch Netrebko medial ausschlachtete oder Teile des musikalischen Personals zur Musikdarbietung ins Lazarett schickt? All das ging in der Netrebko-Überforderung unter.

Allein der Wirbel um den vom Toronto Symphony Orchestra abgesagten Auftritt mit der US-amerikanischen, in der Ukraine geborenen und in Paris lebenden, durch Youtube bekannt gewordenen Pianistin Valentina Lisitsa versetzte die Musikwelt richtig in Spannung. Eigentlich vollkommen uninteressant, hätten sich beide Vertragsparteien so verhalten, wie geplant: dem Orchester wurden die Proteste von in Kanada lebenden Ukrainern, die die Regierung in Kiew unterstützten und sich über Lisitsas regierungskritische Twitterpostings mokierten, zu viel. So nahm das Orchestermanagement von der Pianistin Abstand, engagierte einen jungen Ersatzpianisten, wollte sie wohl komplett auszahlen. Doch Lisitsa vereinte den Proteststurm ihrer musikalischen Facebookfreunde mit dem ihrer Twitterfollower und gewann mit fünf zu Null den medialen Shitstorm. Sie selbst deklarierte sich als Opfer untersagter Meinungsfreiheit. Wie man ihre Twitter-Postings einordnet, muss jeder für sich entscheiden. Wenn man für Charlie Hebdo einsteht, muss man Lisitsas oftmals extreme Postings hinnehmen. Oder man vermutet doch Pro-Separatisten-Propaganda dahinter? Zumindest war beides im April 2015 denkbar, mit einer 51:49 Tendenz doch für verletzte Meinungsfreiheit. Wie auch immer, selbst BR Klassik berichtete, das ZDF/ARD-Mittagsmagazin, etc. Für den Medienprofi Lisitsa kein musikalischer, aber auf ganzer Linie ein medialer Erfolg. Und Überforderung für Fan wie Gegner.

Volksmilizen-Kommandeur und Donezker Volksrepublik-Chef Alexander Sachartschenko mit Krücken, Valentina Lisitsa sich vor ihm verbeugend.

Volksmilizen-Kommandeur und Donezker Volksrepublik-Chef Alexander Sachartschenko mit Krücken, Valentina Lisitsa sich vor ihm verbeugend.

Im Vergleich zu jenem Trubel blieb ihr folgender Auftritt in Donezk am 22. Juni 2015 förmlich unbemerkt. Nur Russia Today und all die Kreml-Sputnik-News berichteten überhaupt davon, kritisch allein Norman Lebrechts Slippeddisc. Die von Geburt an russischsprachige Amerikanerin aus Kiew begab sich in die sich mit der Zentralregierung im Kriegszustand befindende „Donezker Volksrepublik“. Auf dem Programm standen Unterrichten, Interviews und ein Konzert mit dem Finale von Schostakowitschs 5. Sinfonie, das 2. Klavierkonzert von Rachmaninoff, das 1. von Tschaikowsky und der letzte Satz aus der „Kriegs-Sonate“ von Sergej Prokovjef. Um es richtig symbolträchtig zu machen, fand das Freiluftkonzert an einem grossen Platz mit sowjetischen Siegesdenkmal statt, von Russia Today gestreamt, einfach mal in diesem Film hin und her springen:

Mit dem Datum wählte man den Beginn des Angriffs der deutschen Nazis auf die Sowjetunion. Um es vorweg zu nehmen: technisch schlug sich Valentina Lisitsa am schlechten und verstimmten Flügel dem Videomitschnitt zu folgen hervorragend, das Orchester wacker mit einigen Abstrichen. Interessanter war ihre kleine Ansprache: nach den üblichen Dankesworten, die normalerweise ausreichen würden, begann sie sich im Narrativ der „Donezker Volksrepublik“ zu verlieren, nämlich dass auf Seiten der Volksrepublik die Guten stünden, auf Seiten der Kiewer die Faschisten, hier sinngemäß wiedergegeben: „Musik, russische Sprache und der Glaube sind das, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Vor 70 Jahren haben wir schon einmal die Faschisten besiegt. Heute müssen wir Europa und die ganze Welt davor bewahren. Ihr seid an der vordersten Front für die Welt und die Menschheit. Danke, liebe Donezker.“

Blickt man auf brennende Flüchtlingsheime, PEGIDA, Front national, mit Ultrarechten koalierende linke Griechen, etc., könnte man ihr unbesehen Recht geben. Schaut man hinter die Kulissen der Kiewer Regierungstruppen, findet man neben regulären Verbänden diese Batallions, wie z.B. das „Asowsche“, die schwer mit Blut-und-Boden-Sätzen, weisser Rasse-Ideologie, Swastika und Hitlergruss auf sich aufmerksam machen. Nun ein Regiment in der ukrainischen Armee, angeblich seiner wilden Führung entledigt. Allerdings sollte man auch nicht übersehen, dass die Parteien hinter diesen Verbänden bei den letzten Wahlen nicht die 5%-Hürde nahmen. Also könnte man sagen, dass die ukrainische Gesellschaft trotz ihrer Krise nicht rechtsradikaler wählt als Mitteleuropa. Verfolgt man hierzulande z.B. wiederum die rechten, ultrarechten und rechtsradikalen Kreise, die Neo-Nationalisten und Neo-Faschisten mit schwimmen lassen und sich in ihrem extremen Ende gegen alles Jüdische, Islamische, Aufklärerische und Gleichstellende wenden, von der sogenannten Lügenpresse schwadronieren, „endlich mal wieder die Wahrheit“ sagen möchten, usf., schliesst sich der extreme Kreis von deutscher Putinverehrung über „Asow Batallion“ über sie bis hin zu den extremsten Kräften unter den Separatisten.

Der Chef der Volksrepublik Alexander Sachartschenko nimmt gerne ähnliche Worte von den Faschisten in Kiew wie Lisitsa in den Mund. Dann sagt er aber auch, dass er zwar eine Art UdSSR 2.0 anstreben würde. Oder dass er und sein Pendant in Lugansk mit beleidigter Geste ihre „Föderation der Volksrepubliken“, „Noworussija“ aufgaben, da sie ja nicht für die Russen in Odessa oder Charkiw kämpfen könnten und somit diese zum todbringenden Aufstand animieren wollen. Oder er mit seinen Kommandeuren „Givi“ und „Motorola“, die von Amnesty International schwerer Kriegsgreuel beschuldigt werden, wie es die Separatisten ausschliesslich Kiew vorhalten. Nur soviel: Givi, bürgerlich Mikhail Tolstykh, ließ ukrainische Gefangene ihre Rangabzeichen aufessen, siehe dieses grausame Video ca. min. 3:15, der Mann mit dem Schnauz und Kotletten ist jener „Givi“:

Motorola aka Arseny Pavlov soll auf einen Schlag 15 entwaffnete Gefangene sowie in weiteren Fällen eigenhändig erschossen haben, seine Rechtfertigung dazu: „Wenn ich töten will, dann tue ich es“, siehe sein prahlerisches Geständnis in diesem Interview:

Sachartschenko selbst agierte gelinder, aber trieb dennoch im Januar 2015 verletzte ukrainische Kriegsgefangene Genfer-Konventions-widrig höchstpersönlich durch Donezk und liess sie von umstehenden Zuschauern beleidigen, mit Unrat bewerfen und verprügeln, siehe dieses Video:

Da äusserte sich vielleicht zu Recht die Wut über den sinnlosen Tod von Zivilisten, die an jenem Ort durch ukrainischen Artilleriebeschuss Tage zuvor ums Leben kamen. Und vielleicht waren die Kriegsgefangenen selbst in Verbrechen auf ukrainischer Seite involviert. Es bleibt ein Verstoss gegen die Genfer Konvention! Sinngemäße Rechtfertigung Sachartschenkos: Die Volksrepublik Donezk ist bisher nicht der Konvention beigetreten. Wie gesagt: ihm schüttelte Lisitsa die Hand, verneigte sich vor ihm, hörte gerührt seiner Ansprache zu, dem Kommandeur also, der selbst Kriegsverbrechen beging, der mit Givi und Co. – die in ihrer Rauheit mehr Fans haben, als man denkt – Parties feiert, wie hier ab ca. 1:15/1:30:

Nicht dass die Kiewer Seite weniger Verbrechen auf ihrer Seite zu verbuchen hätte. Nur hat sie nicht allein Ultranationalisten bis hin zu Nazis in ihren Reihen. Ein Blick auf die rechtsextremen Teile der Donezker Volksmilizen: die russischen Neofaschisten der RNU, Jobbik-nahestehende Ungarn als St. Stefan Legion, national und sozial ausgerichtete Franzosen in der Unité Continental, die russischen Nazis der Rusich Company, etc. zu seinen Garden gehör(t)en. Damit leisten originäre Faschisten der Befehlskette der sich kommunistisch gebenden „Volksrepublik“ Folge. Um bei den Extremisten auf beiden Seiten zu bleiben: slawisch-national, orthodox, antiwestlich, homophob, etc. sind sie Alle. Das ist vor allem ein Zeichen dafür, wie wenig schwarz-weiss dieser Konflikt in der Ukraine funktioniert. Das verdeckt nur, wie mächtigere Staaten in ihren Friedensabsichten versagen, von jeder Seite Öl ins Feuer giessen, vielleicht vor allem die ukrainischen und russischen Oligarchen ihr Tarot um die jeweiligen Einflusssphären auf den Rücken der Kriegsparteien austragen.

Und so sprach am Ende von Lisitsas Auftritt eben dieser Alexander Sachartschenko ungefähr genau das was sie gesagt hatte. Lisitsa hörte mit ergriffenen Augen zu. Das entlarvt nun ihre politische Seite, ihr Engagement: denn dieses ist eben nicht nur freie Meinungsäusserung. Sondern es verhärtet den Konflikt so, wie es die Waffenbrüder verbal und in Taten unternehmen. Höchstwahrscheinlich glaubt sie so intensiv an die Mission der Sache, dass ihre ganzes Agieren einfach nur „Naivität“ ist. Mit unschönen Auswüchsen im Internet, mit menschenverachtenden Folgen im richtigen Leben, sollte nur einer ihrer Fans zum Unterstützer oder gar Kämpfer der Separatisten werden. Sie postete zuletzt ein Interview, wo sie ihre Ansichten breiter darlegt. Schaut man allerdings nach, was das für ein Kanal ist, mit dem sie da sprach, sieht man Heldenvideos für Kämpfer der Separatisten. Ist ihr Auftritt dann auch nichts Anderes als ein Heldenvideo, dass am Ende Kämpfer werben soll?

Ich habe mir so viel Material über den Konflikt auf allen offiziellen und verschworenen Kanälen reingezogen, dass ich leider zu keinem anderen Schluss kommen kann. Zum Ende sei noch darauf hingewiesen, dass Lisitsa demnächst gar in Nürnberg auftreten wird. Ich fordere dazu gar nichts von ihr oder von anderen. Wir wollen ja kein zweites Lisitsa-Toronto. Aber wir wollen auch kein zweites Lisistsa-Donezk. Möge sie ihr Klavierkonzert anständig und gekonnt mit den Nürnberger Sinfonikern exekutieren. Aber wenn man all Einspielungen der beiden meistgespielten Rachmaninoff- und Tschaikowsky-Klavierkonzerte anhört, dann ist es vollkommen egal, ob Valentina Lisitsa oder jemand anderes, vielleicht sogar besser, spielt…

9. August 2015
von Arno
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„Alles ist gut“. Der neue Roman von Helmut Krausser

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Morgen, am 10. August 2015, erscheint im Berlin Verlag das neue Buch von Helmut Krausser: „Alles ist gut“ (20 Euro, die sich lohnen. Denn sie können Leben retten.)

Spoilern gehört zu den schwersten Verbrechen unserer Zeit. Aber spoilern scheint nur im Falle amerikanischer Serien von den Menschenrechtsorganisationen dieser Welt angeprangert zu werden. Was ist aber beispielsweise mit den Programmheften von Opern? Ja, ich meine diese ersten paar Seiten, auf denen die Handlung der einzelnen Akte – übrigens meist viel zu ausführlich und verdramaturgisiert/vergruschtelt/verkompliziert – beschrieben wird. Und jedes Mal wird auch das Ende verraten. Das halte ich für falsch. Ich will Spannung bis zum Schluss! Und vielleicht möchte ich nicht das ganze Stück – und das funktioniert natürlich nur, wenn ich die jeweilige Oper bisher noch nie wahrgenommen habe – wissen, dass nachher alle sterben werden? Vielleicht bin ich nicht so zynisch, dass ich es klasse finde, wenn ich mir innerlich schon bei dem ersten Bild des ersten Aktes sagen kann: „Haha, du Wicht! Du bist des Todes! Nimm das!“

Ähnlich verhält es sich mit Buch-Rezensionen. Zumindest ein Warnhinweis oben drüber: „Vorsicht, Spoiler Alert!“ sollte zum guten Ton der Feuilletons dieses Landes gehören. Ich werde also einen Teufel tun – und hier wesentliche Dinge aus Kraussers neuem Geniestreich „Alles ist gut“ ausplaudern. Ich will ja emphatisch dazu anregen, dieses Buch, das ich in einem Vier-Stunden-Rausch durchgelesen habe, selbst zu genießen, sich daran zu erregen, sich zu echauffieren, den Autor größenwahnsinnig zu finden (was er – Gott sei Dank und völlig zu Recht: ist!).

Ich hatte jedenfalls die große Ehre und Freude, den Roman bereits vor zwei Monaten in den Händen zu halten. Eigentlich hatte ich recht viel zu tun an dem Tag – doch alles andere musste warten. Ein paar Andeutungen: Der Protagonist Marius Brandt – ein erfolgloser aber nicht unidealistischer Komponist, der die Darmstädter und Donaueschinger Pseudo-Avantgarde verachtet – ist so herrlich abgehalftert wie zahlreiche andere Hauptfiguren bei Krausser. Das kann niemand so gut wie er, wie Krausser. Seine Figuren befinden sich in amourösen, kriminellen, existenziellen, karrieremäßigen und kreativen Randzuständen. Aus diesen „Krisen“ – bei keinem kann man sie so genießen wie bei Krausser – entspringt aber immer etwas… Etwas, was die Situation verändert, was Hoffnung gibt… Und doch kommt immer alles anders…

Brandt werden zufällig einige alte Notenblätter zugespielt, deren Melodien er spiegeln, umkehren, sprich: decodieren muss, um ihr wahres Potential freizulegen. Ein paar Melodielinien aus diesen Fundstücken jüdischer Provenienz setzt der Komponist in einem Kammerorchesterstück ein, das in Hamburg uraufgeführt wird. Mit fatalen Folgen…

Vielleicht ist das schon zu viel verraten… Was mich besonders amüsiert und wo Krausser wieder einmal bestens recherchiert hat: Die Beschreibung deutscher Dramaturgen! Von einem dieser überforderten – trotzdem weiß kein Mensch, was Dramaturgen eigentlich machen! – Theatermenschen wird Brandt besonders rücksichtslos hingehalten – denn, richtig: Dramaturgen melden sich nie! (Ich weiß das, denn ich bin einer!) Keiner weiß, was sie (ver)leitet, was man tun muss, um Gehör zu bekommen… Was sind die intrinsischen Gründe, die einen Dramaturgen an einem Staatstheater beispielsweise motivieren könnten, zum Telefonhörer zu greifen? Man weiß es nicht. Man wird es nie erfahren.

In dem neuen Buch von Krausser steht es. Die Lektüre ist gleichzeitig wohltuende Therapie, Zustandsbeschreibung unserer Kulturlandschaft und prickelnd haarsträubende Farce – mit einem Ende, bei dem ich laut auflachen musste (und: ich war alleine in der Wohnung!)…

Wieder einmal fühle ich mich angenehm verfolgt, gestalkt, woher Helmut das alles weiß. Aber er weiß eben alles. Und alles ist gut.

Kaufbefehl!

weiße Hand

29. Juli 2015
von Moritz Eggert
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Wie man eine Oper fertig schreibt. Jetzt aber wirklich.

Ich hätte es ja gestern schon tun können, aber dann war es mir dann doch zu hektisch und über’s Knie gebrochen. Also habe ich mir das letzte Stück des Stücks für heute aufgehoben. Es ist nicht mehr viel, vielleicht sind es 15, 20 Takte, und die habe ich eigentlich auch schon im Kopf. Aber zum prokrastinieren schreibe ich jetzt noch schnell diesen Blogartikel. Dann schreibe ich die letzten Takte und „Terra Nova“ ist fertig. Natürlich nicht wirklich. Vor mir liegen noch lange Monate der Korrekturen (vor allem der noch nicht fertigen Klavierauszüge), Partitureditieren, Arbeit im Tonstudio….aber das eigentliche, das Erfinden des Ganzen, ist dann getan. Der Rest ist Fleißarbeit.

Man stellt sich als Komponist ja immer alles mögliche vor, vor allem imaginäre Personen, die sich ganz detailliert mit dem auseinandersetzen, was man geschrieben hat. Die gibt es natürlich nie, oder vielleicht mal 300 Jahre später wenn man sehr viel Glück hat, aber dieses Glück bringt einem dann nichts mehr. Auf jeden Fall denkt man immer, dass einem jemand ganz kritisch über die Schulter schaut und dann die Nase rümpft und „na, na“ sagt, wenn man etwas zu schludrig macht. Das ist dann quasi die imaginäre Vaterfigur des Lehrers, zumindest bei mir (Da heute auch sehr viele hervorragende Komponistinnen unterrichten, sind diese dann imaginäre Mutterfiguren in der Zukunft ihrer ehemaligen Studenten?). Wie auch immer: schlampig will man nicht sein. Daher will man auch so einen Opernschluss nicht runterrotzen mit irgendeiner billigen Lösung. Man hat einfach Angst, dass dann jemand sagt: „hier hat der Eggert es sich zu einfach gemacht“.
Ein Kollege schrieb mal eine gar nicht schlechte Oper, in der ihn plötzlich gegen Ende ein solcher Zeitdruck überfiel, dass er einfach am Ende das Orchester wegließ und die Hauptfigur 15 Minuten a cappella singen ließ. Das wurde dann irgendwie psychologisch begründet, hat aber nicht funktioniert, da das dann einfach immer so klang wie: „ich hatte keine Zeit, daher habe ich jetzt einfach mal dieses nervige Orchester weggelassen“. So ein bisschen billig halt. Sparsame Schlüsse, so wie zum Beispiel der des Adagios aus Mahlers Neunter, sind etwas Tolles, aber es muss sich dann auch wirklich zwingend als Konsequenz des Vorherigen ergeben, nicht klingen wie eine eilige Notlösung.
Das ist die große Gefahr bei Opernschlüssen, dass man sich vormacht, noch gute Einfälle zu haben, wenn man in Wirklichkeit keine hat. Überhaupt ist die größte Gefahr beim Komponieren diejenige, dass man sich selbst anlügt.
All diese Dinge fallen aber vielleicht auch nur anderen Komponisten auf. Und Schlampigkeit ist nicht unbedingt immer katastrophal. Wäre Mozart ein fleißiges und ordentliches Genie gewesen, man hätte ihn vielleicht kaum ertragen. So ist es irgendwie sympathisch zu entdecken, wo er ein bisschen geschludert hat. Auch im Schludern zeigt sich, ob man inspiriert ist oder nicht. Ob mein Opernschluss perfekt ist? Keine Ahnung – Perfektion ist etwas für Warmduscher.

Am Schluss habe ich auf jeden Fall viel herumgewerkelt. Vielleicht auch deswegen, weil mich kürzlich eine Mail des Intendanten erreichte, in der mir mitgeteilt wurde, dass nach momentanen Plänen beim Schluss die ganze Hinterbühne geöffnet werden wird und Chor und Hauptdarsteller ca. 100 Meter vom Publikum entfernt sind, weil sie ganz hinten am Ende eines langen Korridors stehen. So hat sich Carlus Padrissa (Fura dels Baus) das ausgedacht, ist auch keine schlechte Idee. Hinzu kommt, dass am Ende der Oper quasi alle nur noch in einem (so steht’s im Libretto) „alien parlando“ singen, weil sie ja jetzt weiße Aliens ohne Gefühle sind. Wie man das in hundert Meter Entfernung noch hören soll, ist mir nicht ganz klar, auf jeden Fall denke ich mir, dass das Ganze schon verstärkt werden muss, und dass man die Alienstimme mittels eines Vocoder-Effekts realisieren sollte.
Nun stehen die ca. ca. 80 Darsteller (Chor, Kinderchor, 10 Solisten) nicht nur da hinten herum, sondern sollen auch laut Libretto eine Party veranstalten. Nun kommt in so einer Entfernung nicht wirklich Partystimmung auf, die sich zum Publikum überträgt. Und überhaupt: warum Party? Das sind doch jetzt alles unsterbliche Aliens ohne Gefühle? Warum wollen die plötzlich tanzen und abhotten?
Die Musik ist daher zwangsläufig eher monumental und monolithisch geworden. Monumental deswegen, weil die Entfernung überbrückt werden muss, monolithisch weil es hier um eine gefühllose Welt geht. Gleichzeitig muss aber der Hörer emotional einbezogen werden, es ist also die Darstellung einer Gefühllosigkeit mittels eines eher emotionalen Mediums (Musik). Das ist eine interessante Aufgabe.

Die monumentalen Stellen sind schon komponiert, und das ist natürlich immer sehr viel Schreibarbeit, bei der man immer viel Geduld braucht. Wenn man nämlich von der piccolo-Flöte zu den Kontrabässen scrollt sind dazwischen irgendwie 80 Notenzeilen. Ich weiß, man kann auch Computermonitore senkrecht aufstellen und damit mehr sehen, aber auch das reicht nicht bei dem perversen Format, dass mein Verlag und ich hier verwenden (für Kenner: 800 mm Höhe, 420 mm Breite, Rastralgröße 5.5). Dass die Partitur so riesig ist, hat nicht mit meinem Größenwahn zu tun, sondern mit der simplen Tatsache, dass sich meine Librettisten Franzobel und Rainer Mennicken entschlossen haben, ständig Chor und dutzende von Solisten in fast jeder Szene aufzufahren, und das braucht einfach Platz. Ich glaube ehrlich, dass ich die Hälfte der Kompositionszeit nur damit verbracht habe, zu scrollen. Rauf, runter, immer wieder. Alex in „Clockwork Orange“ würde sagen „Das alte Rauf-Runter-Spiel“. Es ist das Spiel der Komponisten unserer Zeit. Beethoven musste noch nicht scrollen, dafür brauchte er ein Hörrohr.

Nun aber zum Schluss der Oper: also, die Menschheit hat eine Rakete zu den Sternen geschickt, die Aliens sind aber schon längst bei uns und haben uns körperfressermäßig umgewandelt in weiße Unsterbliche. Einzig die Astronomin Pandura, die die ganze Reise überhaupt erst ins Rollen gebracht hat, ist noch nicht verwandelt. Nun soll die laut Libretto noch einmal auftreten und ihren Geliebten, Kolker, suchen, der aber schon längst ein weißer Alien-Zombie ist. Sie hat da noch einen Satz zu singen, mehr oder weniger „Kolker, wo bist du?“. Nicht direkt Arienmaterial.
Ich finde ja ganz gut, wenn man die Geduld der Hörer nicht überstrapaziert, und sich nicht in Sachen reinsteigert, die eigentlich nichts mehr Neues bringen. Daher liebe ich den Schluss von Tosca: Cavaradossi tot, Tosca springt vom Balkon, gut ist. Da wird nicht mehr lange rumgemacht oder endlos gestorben und dabei langweilig gesungen wie bei Wagner. Von Puccini kann man viel lernen, was Timing angeht, ganz ehrlich.
Deswegen habe ich mich entschlossen, dass Pandura nur ganz kurz hereinplatzt, so a la „nobody expects the Spanish inquisition“. Sie singt ihren Satz und schreit. Ich finde, dass Opern nur dann gut sind, wenn am Schluß eine Frau schreit, weil die das einfach so gut können. Bitte da jetzt nichts hinein interpretieren!

Danach tritt laut Libretto der „Kleine Prinz“ auf, der quasi als idee fixe durch die Oper geistert, direkt aus dem Buch von Saint-Exupery. Kitschgefahr hoch 10 natürlich, Alarmstufe Rot für den Komponisten! Aber wie ich schon neulich geschrieben habe, Kitsch ist nur schlimm, wenn man Angst davor hat. Wenn etwas potentiell kitschig ist muss man es zulassen und an genau der richtigen Stelle brechen, und dann ist es vielleicht doch kein Kitsch, denn Kitsch will ja immer gefallen und nicht weiter aufregen. Musik sollte aber schon aufregend sein. Kitsch der mich nicht kalt zurücklässt ist guter Kitsch.
Der kleine Prinz in meiner Oper wird tatsächlich von einem Knaben gesungen. Ich erinnere mich, dass ich bei „musica viva“ in München mal ein ganz langes und langweiliges Stück sah (vor Ewigkeiten), das Publikum war schon halb weggedämmert, aber dann trat – kurz vor Schluss – noch einmal schnell ein Knabensopran auf, und keiner traute sich zu buhen. Nein, stattdessen großer Applaus für den unschuldigen Knaben, der ja für das langweilige Stück vorher gar nichts konnte. Ich bin sicher, dass der Komponist das perfide geplant hat, so wie man ja auch automatisch gute Kritiken bekommt, wenn man Opern über die „weiße Rose“ oder die Nazizeit schreibt.
Dieses „Knabensopran-As“ spiele ich daher ungern in meiner Oper, denn solche niederen Methoden sind natürlich unter meiner Würde. Hoffe ich zumindest. Ich habe natürlich auch eine wunderbare Entschuldigung, denn es steht ja so im Libretto drin.
Also, der kleine Prinz singt, wenn es ihm die Gewerkschaft für Knabensoprane erlaubt, noch so spät (die Oper dauert ja mit Pause 3 Stunden) aufzutreten, und er singt ganz kurz und ich hoffe es wird sehr schön und subtil (ich muss es ja noch komponieren, nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe).
Und dann….
dann steht im Libretto, dass Pandura noch einmal dramatisch ihre Hand ins Publikum strecken soll, und dass man sieht, dass die auch ganz weiß ist. Nun hat das Publikum ja eigentlich verstanden, dass nun alle weiße Aliens sind, bringt es jetzt was, dass man zeigt, dass sie es auch noch wird? Und vor allem, wie streckt sie ihre Hand zum Publikum….aus hundert Metern Entfernung???! Das sieht man doch gar nicht, außer es wird (bei Carlus Padrissa nicht unmöglich) auf eine Videoleinwand übertragen, aber das ist nicht dasselbe.
Lieber nicht – ich lasse das weg. Ich finde es viel schöner, das Schicksal von Pandura offen zu lassen, vor allem um die Amerikaner im Publikum zu ärgern, denn wie wir Europäer alle wissen halten Amerikaner offene Schlüsse nicht aus und es muss alles ganz sauber aufgelöst und bis ins kleinste Detail geklärt werden, und dann stehen alle da und halten sich die Händchen. Wir dekadenten Europäer mögen dagegen so richtig offene Schlüsse, wie zum Beispiel den von „2001“ (nicht vergessen, Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke waren keine Amerikaner, sondern, äh, Engländer, also zumindest fast Europäer).
Ich finde es ganz wichtig, dass Pandura ihr Händchen nicht streckt, denn sie ist eine meiner Lieblingsfiguren in der Oper, und auch die einzige wirklich liebende. Und die wahre Liebe rettet immer, nicht wahr?
Man könnte natürlich auch den anderen Weg gehen, und alles übertreiben. Pandura tritt auf, streckt ihre weiße Hand ins Publikum, verwandelt sich. Schlußakkord. Dann tritt die Souffleuse auf, streckt ihre weiße Hand ins Publikum, Schlußakkord. Dann tritt ein Bühnenarbeiter auf, streckt seine weiße Hand ins Publikum, Schlußakkord. Dann tritt….ich denke ihr versteht. Wäre zumindest ein guter Sketsch.

Man hat sich ja bei einer so langen Oper an die Figuren gewöhnt und hat sie lieb gewonnen. Am Schluss hat man dann zwei Möglichkeiten: die Figuren springen vom Balkon, oder sie leben weiter. Für den Komponisten heißt es aber auf jeden Fall: Abschied nehmen, und das ist nie ganz leicht.
Autoren sprechen ja davon, dass Figuren ihr Eigenleben entwickeln, oft auch gegen den Willen des Erfinders. Bei Musik ist es nicht anders. Ich spüre oft, wie die Musik die ich schreibe sich dagegen wehrt in die Richtung zu gehen, in die ich sie drücken will. Da muss man nachgeben, denn dort wo die Musik hin will ist es meistens viel interessanter als dort wo ich hin will, mit all meinen Komplexen und Versagensängsten (die jeder von uns hat). Man kommt nie ganz dort hin wo die Musik hin will, aber es ist ganz schön, immer wieder einen kleinen Ausschnitt dieses Ortes zu sehen (hören) zu bekommen.
Bei langen Stücken wie Opern gewinnt die Musik manchmal eine solche Eigendynamik, dass sich bestimmte Dinge von selbst schreiben. Das ist schwer zu beschreiben, und bedeutet auch nicht, dass das Komponieren an sich einfach wird, aber es entsteht eine Art Fluss der dem Komponisten bestimmte Konsequenzen fast aufzwingt. Und dieser Fluss müsste mit dem Taktstrich nicht aufhören. Würde mir der Postbote jetzt noch einmal 20 Seiten Libretto bringen, ich könnte wahrscheinlich gut weiter arbeiten, da ich in der Materie drin bin. Und das heißt wiederum, dass man mit dem Schlussstrich auch lauter unerzählte Geschichten zurücklässt, verwaist auf halber Strecke. Vielleicht kommt daher auch das Loch, in das man nach einer solchen Arbeit unweigerlich fällt, und in dass auch ganz sicher ich fallen werde. Michael Ende schrieb dann immer „Und das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden“ (in der „Unendlichen Geschichte“, ein heute durch unsägliche Verfilmungen unterschätztes Buch).
Strategien zur Überwindung dieses „Geschichtenlochs“ gäbe es. Die beste Strategie ist vermutlich, direkt nach dem Ziehen des Schlußstriches eine neue Oper anzufangen. Das nehme ich mir immer vor, und tatsächlich muss ich auch tatsächlich direkt danach eine neue Oper anfangen, nämlich eine Kinderoper für Bonn. Und die wird sogar VOR „Terra Nova“ uraufgeführt (schluck). Mache ich aber nicht, stattdessen fahre ich mit der Familie in den Urlaub. Wo ich dann natürlich als allererstes in ein Loch falle.

„Schlussstrich ziehen“ klingt immer so poetisch. Man stellt sich dann immer einen bleichen genialen Komponisten vor, der nach durchwachter und durchgearbeiteter Nacht mit zerzaustem Haar und mit einem fast nicht mehr existenten Bleistift zitternd einen Strich zieht und dann sinnend aus dem Fenster schaut, ergriffen von seiner eigenen Genialität.
Die Realität sieht anders aus. Der Komponist (ich) sitzt ausgeschlafen und mit Cappuccino versorgt in Unterhose und „Firefly“-T-Shirt vor seinem langweiligen Computer und markiert in Sibelius mit der linken Maustaste eine Linie, dann drückt er mit der rechten Maustaste auf den freien Platz daneben und wählt aus dem Menü „Taktstrich“ den Unterpunkt „Schlussstrich“ aus, was wegen der Rechtschreibreform dann auch noch ziemlich Scheiße beim Lesen aussieht. Nicht unbedingt ein Akt bei dem man gleich einem Maler Modell stehen möchte.
Ich finde es aber gut, wenn man beim Komponieren ganz nüchtern ist und keine Großmannsfantasien aufkommen lässt. Je nüchterner man ist, desto mehr kann man es innerlich kochen lassen. Ekstase zu komponieren heißt nicht, durch die Wohnung zu hüpfen und sich an seinem eigenen Mist zu berauschen. Ekstase komponieren ist harte, sorgfältige Arbeit, aber wenn die Ekstase dann komponiert ist, ist es das größte Glück. Keinen Stolz aufkommen lassen. Immer daran denken, dass das alles eh niemanden wirklich interessiert. Dann freut man sich, wenn das Gegenteil der Fall ist.
Aber dennoch: Vielleicht mache ich heute Abend eine gute Whiskyflasche auf.
Ja, das werde ich tun.

Moritz Eggert

weiße Hand

Der Komponist reckt die weiße Hand und starrt mit aufgerissenen Augen ins Publikum

27. Juli 2015
von Arno
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Das große Emoji-Dirigenten-Rätsel – Die große Auflösung!

Welcher Dirigent war gesucht?

Dirigent_1

Gesucht ist hier selbstverständlich der österreichische Dirigent Herbert von Karajan, der einst das Aufnahmegesuch in die braune Kack-NSDAP unterschrieben hatte, was manche aber auch – natürlich zu Unrecht – als Frage beziehungsweise – natürlich zu Recht – als Feststellung („?!“) formuliert zu sehen wünschen, derweil man von Karajan ganz sicher von einem „Pionier der Aufnahmekultur“ – Schallplatte, Benjamin-Blümchen-Kassette, CD – sprechen kann, der sich und sein Orchester gestern filmen und perfekt montieren ließ, einen Flugschein hatte, Wau-Waus liebte und am 16. Juli 1989, Wende also nicht mehr erlebt, an den Folgen eines Herzinfarkts starb.

Dirigent_2

Der coolste Dirigent dieser kleinen Aufzählung ist selbstredend einer meiner Lieblingsmusiker aller Zeiten, der Dirigent, Komponist und Pianist Leonard Bernstein, der Männer – später jedenfalls – mehr liebte als Frauen (also „untenrum“), gerne Zigaretten rauchte (auch „öffentlich“; ist ja heute in Amerika ziemlich pfui geworden), die großartige-großartige „West Side Story“ komponierte, in der ein hoffentlich immer von wunderschönen Mädchen dargestelltes wunderschönes Mädchen aus Puerto Rico in New York, wo es ja eine Vielzahl von, äh: Hochhäusern gibt, tanzend (!) die Vorzüge „America“(s) besingt, was schön zu Bernsteins Leben allgemein passt, denn er – unser „Bär(n)-Stein“ (dafür ein herzliches: sorry!), unser toller, geliebter Lennie – tanzte gerne auf dem Dirigerdingens wie ein Derwisch und hat das Leben – und isch gönne voll, Alda! – in vollen Zügen (Whisky, Wein) genossen.

Dirigent_3

Weniger toll fand ich immer schon Justus Frantz, der natürlich gar nicht in so eine Reihe fantastischer Dirigenten passt, aber hey, egal, dafür hat er wenigsten eine markante Brille, tritt als Pianist auf, hat früher alle Menschen durch die schlimme ZDF-Sendung „Achtung, Klassik!“ (gerne auch: „Vorsicht, Justus Frantz!“ genannt) vergrault (was wir Musikvermittler bis heute nicht wieder gutmachen konnten!), trinkt nach eigenen Angaben gerne mal ein kaltes Pils nach der Gala (Justus Frantz: „Ich trinke gerne mal ein kaltes Pils nach der Gala.“), wohlwissend, dass Wolken seine Karriere schon mehrfach trübten, man kann auch sagen: seine Aktienkurse fielen – er darf jedenfalls mehr oder weniger einzig und allein nur noch das von ihm höchstpersönlich gegründete und bis heute von ihm höchstpersönlich ausgebeutete Orchester, die „Philharmonie der Nationen“, dirigieren, wobei die emojierten Wolken auch selbstverständlich auf die, sagen wir es vorsichtig: „Streitigkeiten mit den Steuerbehörden“ zu beziehen wären, wo hernach ihm sicher einige Scheinchen flöten gegangen sind beziehungsweise „die Flatter gemacht“ (Justus Frantz in „Gala“: „Ich mache gerne mal die Flatter nach der Gala.“) haben, so dass Frantz seine Finca auf der Mallorcainsel, wie man hört, bis heute immer mal vermieten muss, tja.

Dirigent_4

Der deutsche (1) Dirigent Christian Thielemann besinnt sich als Kapellmeister alter Schule gerne auf die deutsche (2) Musiktradition und hat schon viele deutsche (3) Orchester geleitet, wobei er bei Proben stets Polo- oder so Streifenshirts von Tommy Hilfiger trägt und manchmal Sachen sagt, bei denen manch ein Zeitgenosse mit großer Vorsicht reagiert, ja, ins Schwitzen gerät ob dessen, was Herr Thielemann nicht nur äußert, sondern vermutlich auch denkt (aber „Die Gedanken sind frei“ und so), so dass manch ein anderer wiederum manchmal „Stopp, Herr Thielemann!“ sagt (oder denkt), was ihn natürlich nicht davon abhalten sollte, (Stichwort: Hase) weiterhin die Salzburger Osterfestspiele zu leiten – und immer wieder herrlich Wagners „Ring“ zu dirigieren, was er, zweifelsohne: kann.

Dirigent_5

Der schwedisch-amerikanische Dirigent Herbert Blomstedt ist ein bescheidener, sympathischer Gentleman, ein Familienmensch, ein Nichtraucher und Siebenten-Tags-Adventist, der sozusagen an sieben Tagen in der Woche – gewissermaßen von 0.00 bis 24.00 Uhr – Siebenten-Tags-Advent ist, mehr gibt es da einfach nicht zu sagen, damn it!

Arbeit

27. Juli 2015
von Moritz Eggert
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Wie man eine Oper fertig schreibt. Ein paar Gedanken eines Betroffenen.

Opernkomponieren ist und bleibt das große Mysterium. Zuerst einmal ist es ein Mysterium, warum man sich als vernünftiger Mensch überhaupt einem solchen Unternehmen widmet. Es will ja keiner neue Opern, weil es ja angeblich schon genug gibt seit 1900, und die werden die nächsten Jahre halt einfach immer neu aufgeführt. Und wenn alle tot sind, die sich daran erinnern, dass diese Opern aufgeführt wurden, führt man sie eben nochmal auf. Das nennt man dann „lebendiges Musiktheater“ und Eleonore Büning kann klug darüber schreiben, so wie heute in der FAZ über „Tristan“.
Nach Boulez‘ Meinung wiederum ist die Oper ja tot, und Boulez hat ja immer Recht, wie wir alle wissen. Der ist ja so wahnsinnig genial und schreibt immer so gescheite Dinge und überarbeitet immer ein und dasselbe Stück, bis es noch ein bisschen raffinierter klingt als vorher.
Auf jeden Fall ist wenig Platz für die neuen Opern, weil man ja nur 5% Platz in den Spielplänen für sie hat. Und manchmal noch nicht einmal den, denn den Platz braucht dann ein bisher unbekannter Barockkomponist, dem das dann auch nicht mehr viel nützt, da er zur Premierenfeier ja gar nicht mehr kommen kann. Es nützt aber irgendeinem jungen Regisseur oder einer jungen Regisseurin, die die Handlung der bisher unbekannten Barockoper dann dadurch aufwerten können, dass sie im KZ spielt und alle Rollen in jeweils einen Schauspieler, einen Sänger und einen Ausdruckstänzer aufgeteilt sind.
Uraufführungen von neuen Opern gehen aber immer im Opernbetrieb, weil das dann „Aufmerksamkeit“ gibt. Man schreibt als Komponist also Uraufführung nach Uraufführung, und die werden dann ein paar Mal gespielt, und es gibt dann eine Kritik in der erst einmal ganz viel darüber steht, was der Kritiker alles über das Stück gelesen hat, wer so alles mitgemacht hat, wie alle gesungen haben, wie die Regie war, ob das Libretto was getaugt hat, und am Ende steht dann ein kurzer Satz über die Musik, an der irgendeine arme Sau am längsten von allen gearbeitet hat. Aber diese Sau (ich) hat das natürlich nicht wegen den Kritikern gemacht, sondern weil es leider Spaß macht. Das meine ich ganz ernst.
(Oder es kommt Manuel Brug und schreibt darüber, wer in dieser Produktion mit wem wie und wann gepoppt hat, und gar nicht mehr über die Oper. Vielleicht wäre das dann noch schlimmer).

Opernkomponieren ist die Marathondisziplin des Komponierens. Im Sport gibt es Sportler denen liegt Mannschaftssport, oder Sprint, oder Leichtathletik. Anderen liegt der Marathonlauf. Sind die einen bessere, die anderen schlechtere Sportler? Hat der Marathonläufer mehr geleistet als der Stabspringer? Alles Quatsch, es geht ja nicht um Rekorde. Aber das Schreiben an einer (großen) Oper ist in etwa wie eine lange, lange Zeit einen sehr, sehr hohen Berg hochzurennen. Und dazu braucht man eine gewisse dümmliche Beharrlichkeit (waren nicht alle großen Opernkomponisten auch ein bisschen dumm?). Und natürlich auch eine gehörige Portion Wahnsinn, siehe oben. Und auch Glück. Manche Opern – großartig komponiert – scheiterten an widrigen Umständen. Manche wurden dennoch rehabilitiert (Carmen), andere zu Unrecht vergessen. Manchmal werden die Opern geschrieben aber gar nicht aufgeführt, was zumindest Olga Neuwirth und mir schon mindestens einmal passiert ist. Manchmal klappt aber auch alles, und es entsteht etwas, was man nur beschreiben kann, wenn man jemals die Magie einer gelungenen Bühnenaufführung erlebt hat. Was man leider nie wieder vergisst, so wie ein Junkie den ersten Schuss.

Zum zwölften Mal sitze ich also am Ende einer großen Oper. Quasi Endspurt, auf den letzten Seiten. Morgen, übermorgen wird das Ding fertig. Und obwohl man das ja schon mal ein paar Mal gemacht hat, ist es jedes Mal anders. Manche Opern überfordern einen, manche gehen leicht von der Hand. Manchmal will man es einfach nur noch irgendwie zum letzten Doppelstrich schaffen, manchmal will man lieber noch ein bisschen Ruhe haben, um den Klängen nachzulauschen, um mal den Neue Musik-Jargon zu benutzen. Zeitdruck gibt es aber letztlich immer. Ich hatte Opernaufträge, da rief zwei Jahre vorher der Chordirigent an und wollte die Noten haben (kein Witz). Manchmal schickt man wiederum die Noten brav und immer rechtzeitig in verschiedenen Lieferungen, aber keinen scheint es zu interessieren und es versauert alles irgendwo in der Notenbibliothek. Später beschweren sich dann die Sänger, dass sie die Noten ja so spät erhalten haben, obwohl man ein Jahr vor der Uraufführung fertig war. Ich beneide immer Kollegen, die diesen ganzen Zirkus gelassen nehmen, und die Noten unweigerlich erst am Tag vor der Premiere fertig schreiben. Das scheint ihnen den letzten entscheidenden Kick für die Komposition zu geben. Vielleicht brauchen sie auch das Adrenalin, um in den Rauschzustand zu kommen, der ihnen überhaupt erst die Ideen bringt.

Ich gestehe, dass ich im Gegensatz dazu versuche Opern sehr organisiert, fast preußisch anzugehen. Gerade weil ich um die Länge der Marathonstrecke weiß, mache ich mir monatliche Markierungen, die ich jeweils erreichen muss, um rechtzeitig fertig zu werden. Ich führe dann Buch darüber, ob ich hinter oder vor dem Zeitplan bin. Ist ersteres der Fall, werde ich nervös, ist letzteres der Fall (ja, es kommt vor) gehe ich es ruhig  an und mache auch mal ein bisschen Pause. Pausen sind nie das Schlechteste bei einem Marathonlauf. Ich finde es generell eher gut nicht mehr zu komponieren als man unbedingt muss, da ja ohnehin schon so viele meinen, dass sie unbedingt komponieren müssen.
Manch einer mag diese organisierte Vorgehensweise bürokratisch finden, ich aber ziehe daraus eine gewisse Beruhigung, die mir erst die Freiheit zum Arbeiten verschafft. Ruft ständig jemand an und fragt nach den Noten kann ich nicht komponieren. Ich arbeite auch immer chronologisch, und versuche auch jeden Tag ungefähr dasselbe zu schaffen. Die Arbeitstage sind bei mir immer sehr ähnlich: am liebsten morgens bis Nachmittags.
Frühmorgens stehe ich auf, bringe die Kinder zur Schule beziehungsweise zur Krippe. Dann wird gejoggt und geturnt, dann direkt an die Arbeit. Erst denke ich die Musik im Kopf durch und mache Notizen, dann schreibe ich die Gesangsstimmen zu einer Art Grob-Particell mit genauer klanglicher Vorstellung, dann arbeite ich dieses Particell zu einem detaillierteren Particell mit genauer Instrumentierung aus, das immer noch sehr krakelig ist und nur von mir gelesen werden kann. Hierzu bediene ich mich verschiedener Abkürzungen, da ich ja schon weiß, wie es klingen soll. Kommt mit ein wenig Erfahrung. Dann muss alles sehr schnell sauber ins Notenprogramm getippt werden (inklusive Dynamik, dazu zwinge ich mich immer), denn wenn ich es nicht sofort tue, habe ich am nächsten Tag all meine Stenographien vergessen und kann nichts mehr entziffern.
Diese Arbeitsweise hat den Vorteil, dass man jeden Tag etwas hat. Das ist dann natürlich noch nicht sauber editiert, tatsächlich verbringe ich dann an den selben Seiten (viele Tage später) noch einmal einige Zeit, um die Partitur „ordentlich“ zu machen, das heißt die Enharmonik aufzuräumen, Fehler zu korrigieren, das Layout zu perfektionieren. Dabei höre ich gerne Hörbücher oder (selten) Musik. An guten Tagen schaffe ich anderthalb Minuten, vielleicht auch mal 2. Mehr ginge auch, wenn ich bis spät in die Nacht arbeiten würde, das will ich aber nicht, denn da will ich lieber die neueste Folge von „Game of Thrones“ schauen und einen Whisky trinken.
Das einzige Problem ist nur, dass man in jedem Monat nur wenige dieser guten Tage hat, da man ja auch noch andere Dinge machen muss außer Opern komponieren. Was manchmal nicht so schlecht für die Opern ist, wenn man sie ein bisschen liegen lässt.
Mir ist aufgefallen, dass es nichts besseres gibt, als während der Arbeit an einer Oper eine Pause für eine kurze Reise zu machen. Danach ist man immer viel besser und hat ganz neue Einfälle, besonders wenn man im Ausland war. Leider denkt man dann während dieser Reise nur daran, dass man ja eigentlich lieber an der Oper arbeiten müsste und kann sich gar nicht entspannen. Ein unlösbares Paradox.

Wenn man Opern schreibt, wird man unweigerlich etwas autistisch. Man hat ja nie genug Zeit für die Oper. Daher brauchen manche ja auch Jahrzehnte für ihre Opern, nicht, weil ihnen nichts einfällt, sondern weil sie so beschäftigt sind, dass sie nie Zeit für ihre Oper haben. Das Problem dabei ist, dass man Opern schreiben am besten lernt, wenn man Opern schreibt. Mozart hat damit früh angefangen, und das hört man ganz sicher auch. Er wäre immer besser geworden, hätte er noch länger gelebt. Wenn man also nie Zeit für seine Oper hat, wird man nie wirklich besser damit, denn man muss ja auch ein bisschen scheitern dürfen. Nur wenige schaffen es, allein eine einzige Oper zu schreiben und dabei so grandios zu scheitern wie Beethoven.
Als opernkomponierender Autist wird man immer unzuverlässiger, was die restlichen Dinge im Leben angeht. Man schreibt plötzlich immer weniger Bad-Blog-Artikel und alle wundern sich warum der Eggert jetzt schon so lange still ist und gar keine lustigen Artikel über Klassikpornostars mehr schreibt. Das Arbeitszimmer wird immer unaufgeräumter. Eines von meinen beiden Arbeitszimmern ist eigentlich schon nicht mehr betretbar, aber da sind ja vor allem Brettspiele drin. Auf meinem Hauptschreibtisch wiederum stapeln sich momentan unbezahlte Rechnungen, einzelne Librettoseiten in keiner erkennbaren Reihenfolge, unbeantwortete Briefe, unsortierte CDs und Visitenkarten sowie komplizierte Tabellen in denen ich versuche, die aktuellen Baseballergebnisse der amerikanischen Liga für meine Sportwetten zu berechnen. Wers nicht glaubt, siehe hier:
Arbeit

Natürlich ist man nie perfekt als Opernkomponist. Es gibt so viele Dinge, die schief gehen können beim Komponieren. Man schreibt z.B. eine Partie für einen Bariton, und plötzlich sagt einem dieser Bariton, dass er nicht tiefer als zum kleinen c kommt (ist mir schon passiert). Meistens macht man aber auch selber Fehler. Der häufigste bei mir ist der, dass ich das Orchester zu laut instrumentiere. Ich schreibe zuerst ein pp, dann denke ich mir „ach, wäre es nicht schön, wenn diese Oboenmelodie etwas besser zu hören wäre“, und dann mache ich das eben lauter. Dann hört man aber wieder etwas anderes nicht mehr, und dann muss auch das wieder lauter gemacht werden. Und dann geht es immer so weiter, bis zu dem Moment, wo alles eher „f“ ist. Man kann das mit dem globalen Wettrüsten vergleichen.
Man kann sich aber damit trösten, dass auch den größten Architekten, auch einem Frank Gehry, Fehler unterlaufen . Und was sind Partituren anders als eine Architektur der Töne? Der Gehry verrechnet sich sicherlich auch mal irgendwo. Der hat dann halt Assistenten, denen er die Schuld geben kann, das ist sein Vorteil. Als Komponist wiederum ist man bei einer Opernproduktion absolut an allem Schuld, inklusive des griechischen Staatsbankrottes.

Das besondere an meiner aktuell zu beendenden Oper („Terra Nova – oder das weiße Leben“ für Linz, UA 26.5.2016) für mich ist, dass ich mich diesmal mehr als sonst den emotionalen Zuständen der Figuren gewidmet habe. Oper ist natürlich eigentlich immer emotional, dazu muss man stehen, ansonsten funktioniert dieses „Kraftwerk der Gefühle“ (Alexander Kluge) nicht. Man kann es Musiktheater nennen, man kann alles ganz abstrakt machen, man kann kluge Programmhefttexte schreiben, den Raum negieren, die Klänge hinterfragen, man kann endlose schwarze Vierecke über die Bühne fahren…aber am Ende sind es doch Menschen um die es gehen sollte, und die haben nun mal Emotionen. Ich stehe dazu. Ich stehe auch zu Kitsch und Pathos. Ohne Kitsch und Pathos und Möpse ist das Leben sinnlos, so viel steht fest (frei nach Loriot).
Interessanterweise handelt meine Oper vom totalen Verlust der Emotionen, am Ende sind nämlich alle ganz weiß und außerirdisch und finden es eigentlich total dufte, keine Emotionen mehr zu haben. Um das darzustellen, muss es aber vorher Emotionen gegeben haben, sonst weiß man ja gar nicht, was nun fehlt.
Vielleicht sollte man stattdessen Opern über unbelebte Objekte schreiben? „Ringsum nur Nüsse“ war ja laut wikipedia mal ein Opernprojekt von Manfred Trojahn, das er leider aufgab. Also ich würde so eine Oper sofort schreiben, denn Nüsse müssen nicht schwitzen und hoch singen, sondern liegen einfach nur da und rollen herum.

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Wie man sieht, weiche ich dem eigentlichen Thema aus, nämlich wie es sich so anfühlt, wenn man die Oper fertig schreibt. Vielleicht schreibe ich morgen darüber. Mal schauen.

Moritz Eggert