Bad Blog Of Musick

Pischner

21. September 2014
von Moritz Eggert
2 Kommentare

Auch wir gratulieren dem treuen Genossen Hans Pischner!

Lieber Genosse Pischner,
wenn so ein getreuer Diener des Deutschen Volkes das stattliche (staatliche?) Alter von 100 Jahren erreicht, so ist es uns quasi Pflicht, auch von Seiten des Bad Blog ganz herzlich zu gratulieren.

Nachdem zu Deinem 99. Geburtstag das DeutschlandRadio schon gleich sieben 90-minütige Sendungen über Dich und Deine Zeit gebracht hat, können wir Dir jetzt schon verraten, dass der BR gegen Ende des Jahres einen ganzen “Pischner-Tag” veranstalten wird, in dem von morgens bis Abends Deine Musik gesendet werden wird, nur unterbrochen von den Nachrichten und der Wettervorhersage. Das Ganze eingebunden in die nordkoreanische Themenwoche, was dir sicherlich gefallen wird.

Und damit nicht genug: wie soeben bekannt wurde, ist Woody Allen an einem Remake seines eigenen Films “Zelig” interessiert, in dem es um Dein spannendes und facettenreiches Leben gehen soll, denn fröhlich und munter hast Du dem jeweils vorherrschenden System brav gedient und bist doch immer der selbe freundliche und irgendwie auch knuddelige Mensch geblieben, der Du immer warst. Halt so richtig und von Herzen wetterwendisch. Das muss man einfach mögen!

Schon allerlei kulturelle Schwergewichte haben Dir gerade eben – vollkommen berechtigt – zu Deiner langen Karriere gratuliert, darunter Daniel Barenboim, Jan Brachmann und Jürgen Flimm. Auch wir staunen ob Deiner Fähigkeit, Deine Weste auf jeden Fall rein zu halten, egal wie viel Scheiße um Dich herum durch die Gegend fliegt.

Das ging ja schon früh los bei Dir – so warst Du schon als 24-jähriger 1938 als “Repräsentant des Deutschtums” im Sudetenland unterwegs, im Auftrag einer gewissen “Regierung” über deren kleine Fehler wir hier einmal gnädig hinwegsehen wollen. War ja alles nicht so schlimm, und immerhin haben wir ja jetzt Autobahnen und so!

Nach dem ja leider verlorenen – sei’s drum – Krieg ging Deine Karriere dann steil weiter, denn im Gegensatz zu vielen anderen erkanntest Du am schnellstem, dass es im Osten mit einem System weiterging, das sich nur in kleinen Details von dem vorherigen unterschied, zumindest was die freie Rede, die Zensur und die Bespitzelung anderer anging. Kurzum: da Du das alles ja schon gewohnt warst, konntest Du Dich da schnell anpassen. Eine mächtige Karriere hast Du da hingelegt höchstrangiger SED Kulturfunktionär, SED Mitglied von Anfang an, langjähriger Opernintendant und stets “an der staatlichen Willensbildung und Ausübung der Staatsmacht beteiligt” (Zitat Pischner, 1977).

Dass man da sicherlich über ein paar Leichem gehen musste, verschweigen wir hier gerne, und einige Berichte über das Leben anderer Komponistenkollegen hast Du sicherlich auch abgeben müssen. Vielleicht musstest Du auch – natürlich rein aus Gründen des Staatsschutzes – die eine oder andere Karriere im Keim ersticken, aber egal, wir feiern, wir feiern Dich, Du großen Sohn Berlins, der so sympathisch stets die ja schon sprichwörtliche Berliner Schnauze hielt (und sie anderen zuhielt, höhö).

Öffnen wir doch einen Champagner auf den Mann, der zum Beispiel am 9. April 1957 als Vorsitzender der Arbeitsgruppe des Kultusministeriums die Schaffung klarer gesetzlicher Grundlagen bei Überprüfungen von Literatur aus Privatbesitz, zum Beispiel bei Umzügen. empfahl. Am bestem gleich abfackeln wie in “Fahrenheit 451″, diese ganze zersetzende Westkultur! Dass Du die legendäre “Negerporno”-Sammlung Deines großen Vorbildes Erich Honecker natürlich als Ausnahme angesehen hast, versteht sich von selbst, nicht wahr? Vielleicht hat er Dich ja auch mal mitgucken lassen, der Erich!

Dass Du die gute, gründliche und umfassende Arbeit der Stasi stets zu würdigen gewusst hast, beweist ja auch Dein Glückwunschtelegramm an den anderen Erich (Mielke) zum 20-jährigen Bestehen derselben. 20 Jahre komplette Überwachung und Zerstörung möglichst vieler widerständiger Existenzen, das war doch nun wirklich ein Grund zum Feiern, Teufel aber auch! Die Korken knallen noch heute!

Leider zeichnete sich – so im Jahre 1989 muss es gewesen sein – eine unwesentliche Neuausrichtung der allgemeinen politischen Verhältnisse in Deutschland ab, die Deiner bisherigen Pöstchensammlung einen etwas problematischen nennen wir es mal “haut-gout” verpasste. Wie konnte es jetzt weitergehen? Noch direkt vorher hattest Du Dich ja für den Erhalt der alten Kameraderie unter den Genossen und die umfassend kommunistische Erziehung der Schuljugend eingesetzt. Sollte das nun alles umsonst gewesen sein? Die Zeit nach der Wende war für Dich nach eigener Aussage erst einmal “schwierig”. Ungefähr eine Woche lang vermutlich. Denn so schnell lässt sich ein Profiopportunist wie Du nicht entmutigen, in die Zukunft schauen lohnt alle Mal!

Deswegen können wir Dein großes Jubiläum ja heuer auch so unbeschwert feiern, das Schicksal der vielen Dissidenten, der Mauertoten, der politischen Häftlinge….all dies ist ja schlicht und einfach der “Macht des Schicksals” unterworfen, wie es Verdi sagen würde, und wer sich nach dieser Macht sein Leben lang streckt und reckt und brav deren Befehle befolgt, dem soll es schlecht nicht gehen, der ist ein echter Berliner, ein echt dufter Typ, einfach ein Vorbild für unsere Jugend. Eben wie Du!

Und die Jungen können ja dringend so Vorbilder wie Dich brauchen, denn eins ist sicher: freier wird die Zukunft wohl nicht. Wird eh überschätzt, die Freiheit, Hauptsache es geht einem selber gut.

Und was das angeht, da hast Du, Hans Pischner, ja schon immer einen besonders guten Riecher gehabt, nicht wahr?

Na denn mal Prosit!

Moritz Eggert

badboy_gaelic

20. September 2014
von Alexander Strauch
Keine Kommentare

Neue Veranstalter-GEMA, nochmals Audioguide, Ensembleaufgabegerüchte

Neue Veranstalter-GEMA
GWVR, nicht GEMA! Gesellschaft zur Wahrnehmung von Veranstalterrechten, das bedeutet GWVR. War es vor ein, zwei Jahren noch en vogue, auf die GEMA zu schimpfen, ihren Nutzen für die Musikurheber zu verneinen, Monopolstellung, starre Tarife, langatmige Prozesse wie den gegen Youtube vorzuwerfen, setzt sich zwar nocht nicht in allen, doch mehreren Köpfen die Erkenntnis durch, dass Zusammenschluss stark macht, Tarife zum Nutzen aller genauso eine zähe, aber geordnete Verhandlungssache sind und die Vorreiterrolle besonders der GEMA in Bezug auf Youtube: als erste Verwertungsgesellschaft überhaupt schloss sie vor Jahren einen Vertrag mit Youtube und zieht im juristischen Streit nun ihre Konsequenzen aus den frühen Erfahrungen. Wer die „schnellen Verträge“ z.B. der PRS oder der SACEM mit Youtube lobt, übersieht, dass dies eben deren erste mit dem Portal sind. Mitunter registrierte nun selbst der Bundesverband der Veranstalterwirtschaft (BDV), dass es Sinn macht, anfallende Verwertungsgebühren einzufordern, „wenn Konzertaufzeichnungen z.B. durch Ton- oder Bildtonträger, durch Rundfunk oder Fernsehen oder z.B. auf youtube oder Spotify ausgewertet werden“, so seine Pressemitteilung zur Gründung der ersten eigenen „Veranstalterverwertungsgesellschaft“. Die soll eben das Geld eintreiben, was nach dem Urheberrechtsgesetz auch Veranstaltern zusteht, vor allem Anteile aus der Verwertung von Konzertmitschnitten. Derweil die „c3s“ für CCC-Lizenzen noch im Zulassungsverfahren ist, soviel Wind und Sorgen manchen als mögliche, wenn auch kleine GEMA-Konkurrenz machte, hat der BDV still und weitestgehend unbeobachtet die GWVR gerade erfolgreich beim Deutschen Patent- und Markenamt durchgeboxt.

Unter den Mitgliedern des BDV finden sich bisher vor allem Agenturen und Veranstalter der U-Musik, wie z.B. das Münchner Tollwood-Festival oder die Lach- und Schiessgesellschaft. All unsere Neue-Musikfestivals oder grössere Klassikfestivals findet man bisher nicht in der Mitgliederliste. Unabhängig davon könnte aber durchaus jeder Veranstalter Mitglied der GWVR werden. Ich unterstelle mal, dass dies für alle von Komponisten oder Musikern hauptsächlich durchgeführte Festivals und Konzertreihen in dem Moment interessant wird, wo Live-Aufnahmen von Stücken und Auftritten gesendet oder gestreamt werden, die im vertraglichen Rahmen dieser Veranstaltungen stattfanden. Mancher profitiert im Kosmos der GEMA ja z.B. zugleich neben der Komponistenrolle auch als Verleger und Textdichter. Dazu die unterschiedlichen Akteursebenen gegenüber der GEMA als deren Mitglied und veranstaltender Nutzer, durchaus dann mit Rabatten auch in Bezug der eigenen Präsentation von Aufnahmen eigener Werke im selbstveranstalteten Konzert wie auf der eigenen Internetseite. Die Aufspaltung in unterschiedliche Rollen werden nun auch nicht komponierende, im BDV organisierte GWVR-Mitglieder kennenlernen: einerseits hat der BDV einen Rahmenvertrag mit der GEMA, die seinen Mitgliedern 20% Rabatte auf anfallende GEMA-Gebühren einräumt, andererseits wird man nun selbst in die Pflicht genommen werden, Doppel- oder Mehrfachakteuren entsprechende Nachlässe einzuräumen. Auf alle Fälle sollte jeder veranstaltende Komponisten- und Musikerverbund überlegen, ob er bei Sendung oder Streaming von Aufnahmen seiner Festivals oder Konzerte sich diese Einnahmemöglichkeit sichern sollte

Nochmals Audioguide
Über Kreidlers Audioguide wurde hier im Badblog, und auch hier, bereits zu Genüge gestritten. Was man aus der Ferne aufgrund der hier auch schon zusammengetragenen Videoausschnitte sagen kann, dass dieses Theater über Musik nicht nur zu Wutanfällen oder Provokationsschelte wie z.B. im „Unwucht-Blog“ oder es zur kleinen NMZ-Satire oder Randerwähnung wie in der NMZ-Heidenreich-Darmstadt-Besprechung – dort Johannes Kreidler als „Till Eulenspiegel der Neuen Musik“ tituliert nun sein Schaffen als „mittleres Lebenswerk“ eingestuft – oder dem eigenem Ferienkurseversuchsblog oder der einzigen Vollkritik in der Darmstädter-Regionalpresse taugte. Es ist bei aller Buntheit doch ein Stück über das Sarkastische der Neuen Musik Szene, wenn traditionelle Materialdiskussionen für beendet erklärt werden und Inhaltlichkeit im Zeigen des Betriebsgebaren stecken bleibt, letzteres in der Wiederaufführung als der Selbstgefälligkeiten z.B. Stockhausens während seiner Pressekonferenz mit den 9/11-Aussagen, des HR-Musikredakteurs S. Fricke auf Kreidlers Sofa oder der hochemotionalen Diskussion, ausgerechnet Selbstgefälligkeit vorwerfend, vor allem britischer Kollegen um den Auftritt Johannes mit dem Donaueschinger Fusionsinstrument. Was bisher ausblieb, sagte ich schon einmal, wäre eine Analyse des Einsatzes der im Theaterbereich momentan beliebten urernsten aktuellen Umsetzung des Reenactements in Audioguide, eben z.B. für Stockhausens 9/11-Statements: während im Theater vor allem Milo Rau haargenau in Sprachrhythmus und Ortsinszenierung das ruandische Hate Radio oder den Ceaucescu-Prozess, den Pussy-Riot-Prozess nachzeichnet, wodurch die Zuseher nochmals in die Erfahrung von Geschichte und ihrer Zeitlichkeit gleichsam in 3D eintauchen können, ist es in Audioguide ein lustiges 2D-Schattenspiel – ob dies der Sache wirklich gerecht wird? Ich meine, hier spiegelt sich, in der witzigen Haltung zu jedem und allem, die so viele der unter Vierzigjährigen teilen, die ästhetische Ratlosigkeit unserer Zeit, auf die nicht mehr mit einem Raunen a la Lachenmann/Scelsi/Furrer reagiert wird oder mit Polywerktürmen oder allem zusammen, sondern mit einem gähnendem „Kennen wir, nett gemacht, haha“ bei gleichzeitigem „Weiter so“ im von rein unkünstlerischen, sondern Stammtisch und Klüngel-geprägten Entscheidungen motivierten Betrieb, wenn es um Aufführung jetzt und hier komponierter Musik geht, so allein GNM-präsidial oder Berliner Musikfeste-hoheitlich sie ausformuliert sein mögen. Geht es um Musik, die vor 10, 20 Jahren entstand oder noch so klingt wie damals, ist alles gewohnt hochprofessionell, siehe das Scelsi-Symposium, natürlich mit dem üblichen Schuss Langweile, was den momentanen hybriden „autistischen Ästhetik-Atheismus“ wieder ein wenig spannender macht. Allerdings ist die Werk-Kontingenz von z.B. „Limites“ oder „Point Ones“ oder „Die “sich sammelnde Erfahrung” (Benn): der Ton“ vor zwei Jahren doch um einiges höher gewesen als das heute bisher in Teilen aus Darmstadt 2014 Zugängliche. Mancher heisst Schubert, mancher spielt den alten Schubert, wie z.B. Maximilian Marcoll, wenn er sich auf die Geräusche seiner Nachbarn beschränkt. Immerhin findet man hier eine Werkkontingenz, die wiederum zu Thomallas Vorliebe für Brahms oder Biros eben auch für F. Schubert zu decken scheint. Wenn sich dies mal mehr ins Grössere wagen würde, natürlich bitte nicht als Grossform-Motto-Donaueschingen-2013, würde zumindest die Frage von Inhalt und Form nicht nur mit ratlosem Sarkasmus beantwortet werden können. Wie es Audioguide eben dann doch wieder meisterlich offenlegt, bewusst und vielleicht auch ein wenig unfreiwillig.

Ensembleaufgabegerüchte
Brandneu erreichte mich die letzten Tage „Münchener Musikergossip“: pianopossibile, die Neue Musikband Münchens, scheint nun doch den Betrieb einzustellen. So scheint man es ex cathedra intern verkündet zu haben. Man hat sich ja in den letzten Jahren doch sehr, sehr gut entwickelt, wenn dies zuerst auch nur im Mikrotempo über die Jahre von aussen gesehen und goutiert wurde. Die Differenz zwischen innerem Leidensdruck und externer angemessener Rezeption scheint nun so weit auseinanderzuklaffen, dass man nicht mehr weiter weiss. Lohnt es sich da nicht, doch nochmals zusammenzusitzen und nach Lösungen zu suchen? Vielleicht wäre eine kurze Atempause der Konsolidierung und personellen Neuausrichtung der bessere Weg, mag man da auch nochmals üner innere Hürden springen, deren man doch so überdrüssig wurde. Ich drücke Euch die Daumen!

agent

16. September 2014
von Moritz Eggert
1 Kommentar

Die wunderbare Vielfalt der Klaviermusik

Heute treffen wir den wichtigsten Konzertagenten für Pianisten weltweit, den Deutschamerikaner Gerhard von Lippi, im Hotel Vier Jahreszeiten, München.

Herr von Lippi ist erschöpft, hat er doch gerade die Welttournee der jungen chinesischen Pianistin WeiShi-sheng (mit Werken von Brahms, Schumann und Bach) begleitet, mit Konzerten in allen großen Metropolen dieser Welt. Jetzt rührt er mit dem Löffel sorgfältig in einem Cappuccino und gönnt sich eine Packung Mozartkugeln. „Die habe ich immer dabei, Mozart geht immer“ sagt er lachend.

Herr von Lippi hat schon viel gesehen und erlebt. Er hat die frühesten Anfänge von Thomas Dorfland (mit Werken von Schubert, Schumann und Beethoven) begleitet, und die Weltkarriere des koreanischen Pianisten Kim Su Pong (mit Werken von Mozart, Brahms und Beethoven) unterstützt. Ebenso beteiligt war er an dessen legendären Gesamtaufnahme des Wohltemperierten Klaviers von Bach, die als die hunderttausendste Einspielung dieses Werkes ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen wurde. Gerade bereitet er eine neue Konzertreihe mit Werken von Schumann, Mozart und Brahms im Münchener Herkulessaal vor, an der die berühmtesten Schumann-, Mozart- und Brahms-Interpreten der Welt teilnehmen werden. Darunter natürlich auch Harry Montana (Brahms-Gesamteinspielungen 1997 und 2004, Goldener Preis der Schallplattenkritik für die Brahms-Gesamteinspielung 2011, er bereitet gerade seine vierte Brahms-Gesamteinspielung für Sony Classical vor), sowie der als exzentrisch bekannte Mozartinterpret Heinrich Gumpenhauser, Spezialist auch für Schumann, aber eben auch Brahms. Meistens aber für Mozart.

Wir suchen den Einstieg in das Gespräch und fragen Herrn von Lippi über sein aktuelles Projekt aus.

Bad Blog: Herr von Lippi – Schumann, Brahms, Mozart. Diese Namen stehen ja für Qualität, etwas Exzentrik und vor allem viel Genie, wie sind sie auf diese sagen wir mal ungewöhnliche Kombination gekommen?

Von Lippi
: Nun, das ist eine lange Geschichte. Früher war es ja immer „Bach, Beethoven, Schumann“, „Bach, Beethoven, Schumann“, „Bach, Beethoven, Schumann“….ich konnte es einfach nicht mehr hören. Da dachte ich mir eines Tages: Gerhard, Du musst mal etwas anderes versuchen. Du musst den Leuten die Augen öffnen, ihnen einen neuen Einblick in die klassische Musikgeschichte geben. Eines Morgens kam es mir dann: Schumann, Brahms und….Mozart! Mozart! Bam, bam, bam. Das geht einfach gut rein, ist ein wenig radikal, aber auch nicht zu sehr, das lockt an, macht neugierig. Beethoven wäre natürlich auch gegangen, aber ich hatte ja schon die großen Schumann, Brahms, Beethoven-Zyklen in der Carnegie Hall und in der Züricher Tonhalle…oder war es Brahms, Schumann, Beethoven? Ich weiß es nicht mehr so genau….Aber wie gesagt: Mozart geht immer. Das ist der Kick, das Tüpfelchen auf dem i…..

BB: Sie gelten ja als Bilderstürmer und Revolutionär auf dem Klassikmarkt, spätestens seit sie in einem Konzert in London die taiwanesische Pianistin Su-chin Chang ein Werk von…wie heißt er noch einmal….äh….

VL: Debussy, sie meinen Debussy. Nun, ich dachte: den Londonern kannst Du durchaus auch mal Moderne Musik zumuten. Immerhin ist Debussy ja jetzt schon 100 Jahre tot. Das geht so gerade. Aber natürlich nur „Clair de Lune“. „Clair de Lune“ geht immer. Was gar nicht geht ist experimentelle Musik oder Avantgarde, Prokoffieff oder so. Da läuft den Konzertveranstaltern das Publikum in Scharen davon. Und GEMA kostet es glaube ich auch. Hörtnagel sagte einmal zu mir „Bevor ich GEMA zahle, friert die Hölle zu“. Haha, komisch, nicht? (nimmt eine Mozartkugel).

BB: Für etwas Verwirrung sorgte ja ihr Brahms/Schumann-Zyklus im letzten Jahr in Leeds.

VL: Naja, das war doch alles nur ein Missverständnis. Auf dem Programm des Klavierwettbewerbes stand ja damals Schumann, Beethoven und, ich glaube… Brahms. Vielleicht auch Bach. Da sagte man mir: die Leute wollen das nicht hören, da fehlt was. Scarlatti oder so. Oder was von Schubert. Aber ich habe damals gesagt: Schumann! Brahms! Das sind solche Gegensätze, ich meine auch stilistisch und so, da tun sich doch Welten auf, Welten, sage ich Ihnen! Das reicht doch aus! Der Erfolg gab mir damals recht (nimmt eine weitere Mozartkugel).

BB: Wie beurteilen Sie die heutige Klassikszene, Herr von Lippi? Es ist ja immer wieder von Schwierigkeiten die Rede, die Säle sind nicht mehr so voll wie früher, die Klassik habe ein Vermittlungsproblem….wie sehen Sie das?

VL: Ach, da wird immer so viel verklärt. Klar, Brendel füllte damals den Herkulessaal dreimal hintereinander mit Schubert, Haydn, Beethoven…äh, ich glaube Schubert, Beethoven, Haydn. Ja, das war’s, dreimal hintereinander! Schubert, Haydn, Beethoven! Haydn! Die Leute waren verrückt nach Haydn! Heute geht wieder eher Mozart mit Beethoven, oder eine Kombination aus Mozart und Haydn, aber auf keinen Fall mehr Haydn allein. Das muss man auch wissen, wenn man Konzertprogramme anbietet. Der Publikumsgeschmack ändert sich. Aber man muss einfach mit der Zeit gehen: Brahms, Bach, Beethoven – das ist heute ganz normal und niemand regt sich mehr darüber auf. Aber früher, ich sage Ihnen: früher, da hätte man mich für verrückt erklärt!

BB: Gut, aber ich würde die Frage gerne noch einmal wiederholen: Hat die klassische Musik heutzutage ein Vermittlungsproblem?

VL: Vermittlung, Vermittlung, ich höre immer nur Vermittlung! Wenn ich die Vermittlung will, dann rufe ich von meinem Zimmer in der Rezeption an, höhö!

BB: Aber das Bildungsniveau….

VL: Das Bildungsniveau ist doch gar nicht mehr relevant. Es ist doch klar: die Leute wollen eine Marke, wenn sie in ein Klassikkonzert gehen. Es muss einfach nach Klassik klingen, und eben nicht nach Techno oder Soul oder so. Man will etwas gediegenes, etwas was der Schwiegermutter gefällt. Und: Studien haben ergeben, dass man sich nirgendwo so gut entspannen kann, wie in einem Klassikkonzert. Alle sind ruhig, vorne klimpert jemand, und wenn zu viel gehustet wird, geht der Brendel wieder raus, haha! Wo gibt’s das heute noch?

BB: Will das Publikum nicht auch mal was anderes?

VL: Das Publikum interessiert mich einen Schei….also, ich meine, das Publikum interessiert sich einen Scheißdreck dafür, „überrascht“ zu werden. Die wollen genau das, was sie erwarten, und nichts anderes. Mozart geht halt immer. Und wenn gar nichts mehr geht, improvisiert die Montero. Aber es muss wie Mozart klingen, verstehen Sie?

BB: All diese Komponisten, Brahms, Schumann, Schubert, Beethoven…

VL: und Bach.

BB: ja, Bach, und, äh….

VL: Mozart?

BB: genau, Mozart, Danke. Die waren ja alle auch einmal quasi modern, ich meine, also, sie lebten, äh, zu der Zeit in der ihre Hörer lebten…äh….und hatten damit…also….so eine Art direkten Bezug zu der Zeit, in der sie lebten. Und das war für das Publikum damals sicherlich auch….

VL: Verstörend, nicht wahr? Unglaublich, wenn man sich das heute vorstellt. Gottseidank sind wir da heute schon ein bisschen weiter, nicht? Das Wahre, Schöne und Gute muss ja nicht immer neu erfunden werden, das gibt es ja schon. Und es gibt ja immer noch Spielraum: Wer hat denn je mal…nun….Brahms, Mozart (denkt nach)….Liszt….LISZT! zusammen in einem Konzert gespielt! Noch nie! Da geht noch viel (nimmt eine weitere Mozartkugel)….und Mozart ohnehin immer.

BB: Aber für die Menschen damals…

VL: …war das ja ganz normal, dass die Kerle noch lebten. Verrückt, nicht? Die schrieben all diese Stücke und waren tatsächlich auch noch lebendig. Das wäre heute viel zu extrem – wissen Sie, dass Publikum will sich doch heute beim Hören nicht vorstellen, dass der Komponist den sie gerade hören eventuell noch lebt, vielleicht gerade Sex hat oder auf dem Klo sitzt oder so. Das ist doch widerlich! Aber früher, da lebten die halt….Aber meistens ja gottseidank nicht sehr lang (nimmt eine weitere Mozartkugel, kaut genüsslich).

BB: Ja, äh, verrückt. Aber eben irgendwie auch normal. Dennoch: sollten sich die Konzertprogramme vielleicht ändern?

VL: (rührt in seiner Kaffeetasse)

BB: Herr von Lippi?

VL: (sein Handy klingelt). Moment, da muss ich ran. Ah, Tony, wie geht es Dir? Tony, altes Haus! Was macht der Barbican? Du, wir wollten ja über nächstes Jahr reden. Was hältst Du von Bach, Brahms, Beethoven? 12 Konzerte, mit meinen Leuten? BBB, das läuft nächstes Jahr gut, wegen dem Jubiläum. Kein Jubiläum? Egal, das geht immer….(hält den Hörer zu) Hören Sie, Herr….wie war noch mal Ihr Name? Ich habe jetzt leider keine Zeit mehr!

BB: Herr von Lippi, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Als wir die Lobby des „Vier Jahreszeiten“ verlassen, hören wir noch einige Gesprächsfetzen des Gesprächs von Lippis.
„Brahms?“
„Beethoven!“
„Mozart, Schubert“.
Als sich die Drehtür zum Ausgang schließt, ist auch noch ein „Bach!!!“ zu hören aber es könnte sein, dass uns unsere Ohren einen Streich gespielt haben.

Moritz Eggert

badboy_gaelic

14. September 2014
von Alexander Strauch
Keine Kommentare

Musikwelt steht Kopf: BBC-TV-Zensur und Dänisches Nationales Kammerorchester

Während wir hier über Sinn und Wirkung von Orchesterfusionen und Geigenmassakern in Deutschland verschlafen diskutieren, zensieren sie in Britannien im TV teilweise Neue Musik, wird das Dänische Nationale Kammerorchester abgeschafft:

BBC-TV schneidet u.a. Harrison Birtwistle Proms-UA aus Sendung
Am Wochenende konnte man live dabei sein, als mit massentauglicher klassischer Musik und Filmmusikausschnitten die diesjährigen Proms der BBC zu Ende gingen. Was man dabei vergisst, dass vor grossem, begeisterungsfähigen Publikum in der Royal Albert Hall die eigeladenen Orchester auch zeitgenössische Musik aufführen. Dabei nicht nur neo-tonales von Muhly oder Adés, sondern auch ältere britische Avantgardisten wie dieses Jahr z.B. mal wieder eine Uraufführung von Harrison Birtwistle. Im BBC-Radio oder auf der Internetseite der Sendeanstalt werden die Konzerte zur Gänze präsentiert. So auch die dabei uraufgeführten Werke, schliesslich sind einige ja Auftragskompositionen der BBC. Bisher wurden die meisten Werke auch im TV ausgestrahlt, nicht im Breitenprogramm, sondern auf dem Spezialkanal für Kultur von BBC 4. Doch hier glaubt man plötzlich, Kunstfilme gewohntes Publikum zu vergraulen, wenn man innerhalb eines traditionellen Orchesterkonzerts auch Neue Musik überträgt, selbst wenn es sich um Dreiminutenstücke handelt wie im Falle von Harrison Birtwistles “Sonance Severance 2000″, zudem mit Esprit vom Britischen Jugendorchester aufgeführt. Wie ihm erging es dieses Jahr auch Helen Grime, Jonathan Dove, John Mcleod, Roxanna Panufnik, Ayal Adler und Kareem Roustom. Alles keine Ferneyhoughs oder Spahlingers, aber Stoff genug, um die BBC-Controller in Angstschweiss um die Quote auf einem Nebenkanal zu bringen, wie so manche Kommentare im Guardian zum Statement Susanna Eastburns von sound and music kolportieren. Aber wen wundert es hierzulande, wo zeitgenössische Musik schon längst im deutschen Südosten nach Mitternacht ausgestrahlt wird. Über die genauen Gründe schweigt sich die BBC aus.

Dänisches Nationales Kammerorchester wird geschlossen
Traurige Nachrichten erreichen uns auch aus Dänemark. Jubelten dort die Musikerinnen und Musiker des Dänischen Radiosinfonieorchesters noch als ihnen eröffnet wurde, dass Fabio Luisi ihr neuer Chefdirigent werden wird, können die Mitglieder des Dänischen Nationalen Kammerorchesters nur noch bangen, was aus ihnen wird. Mal wieder wird einer öffentlichen Radiostation ein Ensemble lästig, mal wieder handelt es sich dabei um das eigentlich spannendere Ensemble. Mit Adam Fischer hatte es bisher einen hochkarätigen Dirigenten, so dass sie es allemal mit dem grösseren Bruder unter Luisi hätten aufnehmen können, es vielleicht zu spannenden Gegensätzen gekommen wären, die das traditionelle Musikleben der gar nicht so unterkühlten Dänen angeheizt hätten. Wie sagt Fischer so trefflich, der seit 17 Jahren dort Chefdirigent ist:”Zu Zerstören ist einfach; verlorenes Vertrauen aufzubauen und zu ersetzen ist um ein Vielfaches härter. Wir haben nicht mehr 17 Jahre, alles von ganz von vorne zu beginnen. Ich sicherlich nicht.” Einfach herzzereissend! Wer einen ersten Akzent von Unterstützung setzen will, sei so nobel und unterzeichne diese Petition, auch wenn dies nach unserer Erfahrungen eher ein vorzeitiger Kondolenzeintrag ist als ein Zeichen, auf das Hörfunkverantwortliche oder Kulturpolitiker ernsthaft eingehen würden. Nicht nur in Dänemark ist was faul!

in C

13. September 2014
von Moritz Eggert
Keine Kommentare

iRiley

There are probably few pieces of contemporary music which have such universal appeal as Terry Riley’s “in C”. Written at the start of the minimal music movement its idea is simple: over a continuous pulse of repeated C’s each player can add his/her own pattern, in a kind of semi-organized group improvisation that can be continued as long as the players wish for. As it is all based on the scale of C-major the piece always sounds “right”, there are no “wrong” notes and no accidentals.

“In C” can also be performed by any number of people, even by musicians with little instrumental knowledge or amateurs, therefore it is the ideal “gateway” piece when approaching ideas of contemporary music.

In my life I have already heard countless renditions of “in C”. Some of them were great, some of them atrociously bad – but the piece, through its ingeniously simple idea (the kind of idea like Cage’s “4’33”” that is great but can never be repeated again), basically always remained recognizeable, even idiomatic.

It was only a matter of time until somebody lifted this piece to the next level of modern intersocial connectivity. After British Pop Musicians already used “4’33”” as a statement against the Pop Industry now ChampdAction, Jazzperiments and Concertgebouw Brugge “present the newest innovation in social music making on a global scale.”: The In C App!

With this App it is now possible to contribute to a quasi endless internet performance of In C – everybody who has installed the App can contribute to this performance, stop at any time, enter again at any time, any place, anywhere, anyhow. It is the ideal internet piece, an endless meme just generating itself again and again endlessly, like a fractal composition that is different every time you listen to it, but also inherently exactly the same, like snowflakes which look different under the microscope but are completely equal in their physicality.

If you are interested in being part of this performance, you can read about the details here. The App itself will be launched October 11.

I am sure there is another app soon which counts the royalties for Terry Riley.

Only kidding. Play on and enjoy the most famous music meme in modern music!

Moritz Eggert

badboy_gaelic

12. September 2014
von Alexander Strauch
10 Kommentare

Verstehen und Missverstehen – wie NMZ-Satire ernst genommen wird

Hier ein kleiner Hinweis: in der jetzigen NMZ-Ausgabe (9/14 – 63. Jahrgang) findet sich ein Artikelchen “Das Foto – Absatzmärkte“. Diese Satire, ganz im Lichte der “taktlos-Nachrichten”, suggeriert, dass Komponistenverband und der Verband deutscher Geigenbauer und Bogenmacher als Reaktion auf das Geigenmassaker in Kreidlers “Audioguide”, bald wieder in Oslo, im August auf den Darmstädter Ferienkursen uraufgeführt, Kompositionsaufträge für Stücke ausschreiben wollten, die ebenfalls die Zerstörung von Streichinstrumenten beinhalten, im Gegensatz zu den Billiggeigen in “Audioguide” aber Bitteschön dann mit wertvollen Instrumenten. In den Kommentarspalten der letzten Tage und Stunden äusserte sich u.a. der Publizist John Borstlap dazu, dessen Schrift “The Classical Revolution” uns Moritz hier paraphrasierend unter die Lupe nahm und so manchem die Lektüre und Zeit ersparte.

Nun denkt der Kontinentaleuropäer, dass er englischen Humor nicht immer verstünde. Aber umgekehrt scheint es sogar Menschen von den Inseln zu ergehen, obwohl sie Wurzeln auf dem Festland geschlagen haben. So wohl auch John Borstlap. Unter dem Titel “Avantgarde Endlösung” wird sich erst über Kreidlers “Audioguide” ausgelassen, mit diesem Titel ähnlich den Kommentarspalten ein Vergleich zur Bücherverbrennung 1933 der Nazis in Berlin gezogen statt den Zorn z.B. die Orchesterfusionierer zu richten. Wobei angemerkt sei, dass Borstlap durchaus das Verschwinden des SWR Sinfonieorchesters Freiburg/Baden-Baden gutheisst, da es böse, böse mit seinen Aufträgen zu den Donaueschinger Musiktagen die schlimme, schlimme Neue Musik befördert habe, die in ihrer schmalen Wahrnehmung vielleicht seiner Meinung nach, ich versuche das nicht zu erforschen, zum Untergang der klassischen Musikkultur mehr beitrug als alle Schliessungen durch finanzielle Gründe in den letzten drei Jahrzehnten. Und dass auch das durch Roger Norrington in neuen Sichtweisen auf die Tradition geschulte SWR-Radiosinfonieorchester in Stuttgart am anderen Ende der Fusion genauso verschwinden wird, ist ihm schier entgangen.

Wer die Welt so bizarr deutet, missdeutet auch mal flugs eine kleine NMZ-Satire. Borstlap glaubt ernsthaft, dass die beiden im Artikel genannten Verbände weitere Instrumentenschredderungen mit Aufträgen unterstützen würden, was diese Verbände kaum wirklich unternehmen würden, da ihnen schlichtweg für so etwas die finanziellen Mittel fehlen. Wie sie eben auch Kreidler fehlen, der mit seinen 2014 in Darmstadt 65 zerstörten Geigen des unteren Preissegments statt den angekündigten 100 unter anderem an seine 2012er Donaueschingen-Aktion mit dem zerstörtem Fusionsinstrument aus Billigcello und Billiggeige im Angesicht des SWR-Intendanten als Kritik an dessen damals noch nicht endgültig beschlossenen Orchesterfusionsplänen erinnerte. So schreibt John Borstlap auf seiner Homepage im letzten Absatz sinngemäß: “In diesem Zusammenhang wird eine interessante und bahnbrechende Initiative der deutschen Geigebauerunion und der Deutschen Komponistengilde ernsthaft beklatscht: Die vereinigten Geigenbauer wollen für die berühmten Darmstädter Sommerkurse und das Donaueschinger Neue Musik Festival Aufträge für neue Stücke vergeben, die sich konzeptuell in ihrer Handhabung der Instrumente spezialisieren wie es in dem Video demonstriert wird (gemeint ist ein NMZ-Media-Video, dass Ausschnitte aus Audioguide zeigt, mitunter die Geigenaktion, Anm.), worauf erwartet wird, dass der Markt für neue Geigen angekurbelt werde.” Tja, die Grundworte erfasst, aber den satirischen “context” des NMZ-Artikels komplett übersehen. Ich lache mich immer noch kaputt und bin endgültig davon geheilt, mich mit Borstlap weiter zu beschäftigen…

12. September 2014
von Alexander Strauch
13 Kommentare

Kreidlers “Audioguide” – Auflistung der verfügbaren Videomaterialien

Nach und nach stellt Johannes Kreidler zur Zeit Ausschnitte aus seinem Musiktheater, seiner Performance über Musik, “Audioguide” online. Auf das Video der ganzen Aufführung muss man wohl noch warten. Wer nicht am 15.9.14 nach Oslo reisen kann, um die norwegische Erstaufführung anlässlich des Ultima Festivals mitzuerleben, konnte sich bisher auf Kreidlers Blog “kulturtechno” peu a peu einen Eindruck vermitteln. Hier nun in der Rangfolge ihres Erscheinens alle bis heute verfügbaren Ausschnitte. Möge dies die Diskussion befeuern! Ich persönlich bin vor allem daran interessiert, ob die Reenactements von Momenten der Musikgeschichte in der Performance “funktionieren” bzw. ob Musik-Reenactements überhaupt möglich sind jenseits von der Annahme, dass jede Aufführung komponierter Musik in Teilen ein Reenactements der Uraufführung sein könnten oder konkret musikhistorische Vorgänge wie Interviews oder dadaistische oder fluxushafte Performances wiederholt werden. Zu klären wäre, was denn ein “Reenactement in Musik” wäre, ob man statt “in” besser “mit/über” schreiben sollte. Oder ob z.B. einfacher Gesang genauso eindringlich wie eine schauspielerische oder mit echten Personen der Zeitgschichte besetzte Reenactement-Aufführung ist und somit sich Reenactement für das Musiktheater erübrigt. Aber da stehen wir noch am Anfang! Zum Überbrücken also diese überaus lohnende Videolektüre, die garantiert jedem was bietet, von der Sofa-Diskussion bis zu kurzen, nur klingender Musik gewidmeter Momenten. Weiterlesen →

carl_stamitz

8. September 2014
von Moritz Eggert
Keine Kommentare

Mannheim macht Schule

Wir haben hier ja öfters Aufrufe zu Petitionen zum Erhalt diverser Kulturinstitutionen, daher ist es besonders schön, wenn eine dieser Petitionen einen (Teil-)erfolg verzeichnen kann, und natürlich soll auch hierüber berichtet werden!

Die ja inzwischen schon nicht ganz unberüchtigte Ministerin Theresia Bauer aus Baden-Württemberg hat sich nämlich aufgrund der fast 100.000 Unterschriften, die die Petition “Rettet die Musikhochschulen (Mannheim und Trossingen)” zusammengebracht hat (digital und handschriftlich) doch dazu bewegen lassen, dem fächendeckenden Totalausbau der telefonischen Studienberatung in Baden-Württemberg ein wenig Einhalt zu gebieten (der Bad Blog berichtete) und die klassische Musikausbildung in zumindest Mannheim zu belassen.

Rudolf Meister – Initiator der Petition und Präsident der Mannheimer Musikhochschule – schreibt hierzu:

Sehr geehrte Damen und Herren,

für die Unterstützung der Petition der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim möchte ich Ihnen sehr herzlich danken. Neben der Möglichkeit die Petition online zu unterzeichnen haben wir auch noch ganz traditionell auf Listen aus Papier gesammelt. Insgesamt kamen 93.737 Unterschriften zusammen. Das ist ein großartiges Ergebnis.

Die großen Ziele der Petition sind erreicht. Die Erhaltung der Orchesterstudiengänge in Mannheim wurde von Frau Ministerin Bauer öffentlich zugesagt. In Bezug auf die Schulmusiker-Ausbildung fehlt zwar noch eine derartige Zusage, ihr Erhalt in Mannheim ist aber wohl ebenfalls gesichert. Schulmusik-Studiengänge sollen nach Auskunft des Wissenschaftsministeriums zukünftig bevorzugt an Standorten von Universitäten angeboten werden und hier hat die Musikhochschule Mannheim durch die enge Zusammenarbeit mit den Universitäten Mannheim und Heidelberg zweifellos einen geographischen Vorteil.

Ihre Unterstützung war für die Erreichung dieser großen Ziele äußerst wertvoll, ja entscheidend. Ohne diese fantastische Solidarität – aus der Kurpfalz und der ganzen Welt – hätte das Thema „Zukunft der Musikhochschule Mannheim“ nie diese politische Bedeutung erlangen können. Im Namen aller Hochschulmitglieder möchte ich mich sehr herzlich bei Ihnen bedanken.

Allerdings ist der „Kampf“ noch nicht beendet. Die Hochschulen in Baden-Württemberg sollen zwar – nach dem Willen der Landesregierung – in den nächsten 6 Jahren insgesamt 1,7 Milliarden Euro als zusätzliche Mittel bekommen. Ob aber die Musikhochschule Mannheim gleichberechtigten Anteil an diesen Etatsteigerungen erhält oder gar noch mit Kürzungen rechnen muss, ist noch nicht entschieden. Deshalb würden wir uns über Ihre fortgesetztes Interesse an der politischen Diskussion um die Zukunft der Musikhochschule freuen.

Die Sammlung von Unterschriften unter die Petition stellen wir allerdings ab sofort ein, da deren große Ziele ja erreicht wurden.

Mit großem Dank

Ihr

Prof. Rudolf Meister

Präsident

Siehe auch hier

Ungeklärt ist also nach wie vor das Schicksal von Trossingen und der Verbleib der Schulmusik. Dennoch – ein beachtlicher Erfolg einer Initiative, die landesweit und überregional viel Furore gemacht hat, vielleicht auch weil außer Frau Bauer dann doch recht viele Menschen wissen, dass da irgendwann mal etwas war mit Mannheimer Schule und einer gewissen Bedeutung der Stadt gerade für die klassische Musik…diese Menschen waren halt in der Musikstunde anwesend, bei der Frau Bauer vermutlich gefehlt hat, aber das nur nebenbei…

Als überraschend kann die Ankündigung von Frau Bauer verstanden werden, dass man jetzt 1,7 Milliarden Euro ZUSÄTZLICHE Mittel an Baden-Württembergische Musikhochschulen verteilen will. Vielleicht hat irgendjemand beim Bund ja gemerkt, dass Deutschland vielleicht doch nicht gerade vor dem totalen finanziellen Ruin steht, und das man sich nicht nur locker die Kultur leisten könnte, die man schon hat, sondern sogar noch etwas drauf setzen könnte.

Wollen wir hoffen, dass sich nun die Situation in Baden-Württemberg nicht in einen Haifischteich verwandelt, in dem alle verzweifelt nach dem größten Stück vom Kuchen schnappen. Denn was im Falle von Mannheim am meisten geholfen hat, war Solidarität, und die sollten wir uns auf jeden Fall IMMER leisten.

Moritz Eggert

3. September 2014
von Moritz Eggert
3 Kommentare

Die Antwort von WDR-Intendanten Tom Buhrow auf meinen offenen Brief

Die Sommerferien sind vorbei und ich bin wieder da!
Und in meiner Mailbox befand sich auch gleich eine Antwort von WDR-Intendanten Tom Buhrow auf meinen offenen Brief vor ungefähr einem Monat. Ich habe Tom Buhrow zugesichert, diese Antwort im Originalwortlaut und unkommentiert hier als Gastartikel zu veröffentlichen.
Einen kleinen Kommentar erlaube ich mir dennoch: es gab ein kleines Missverständnis, wen ich mit dem Begriff “Armutslüge” meinte – nämlich keineswegs die öffentlich-rechtlichen Sender, denen ich das fehlende Geld absolut glaube – sondern unsere Politik. Angesichts des gerade eben verkündeten Haushaltsüberschusses unseres Landes wird es immer unerklärlicher, warum gerade im Moment in Kunst, Bildung und Kultur an öffentlichen Geldern so gespart wird wie noch nie zuvor in der Geschichte unseres Landes….

Hier aber nun übergebe ich gerne das Wort an Tom Buhrow:

Lieber Moritz Eggert,

vielen Dank für Ihren Offenen Brief, den ich mit großen Interesse gelesen habe. Mich freut Ihre grundsätzliche Unterstützung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Ihre konstruktive Haltung. Solche “Bad Boys” wie Sie brauchen wir!

Sie schreiben vom “mysteriösen Verschwinden” des Rundfunkbeitrags. Ich kann Ihnen versichern: Die genannten Sperrkonten gibt es wirklich. Sie sind eine Folge politischer Entscheidungen. Sie wurden eingerichtet, um dort mögliche Mehreinnahmen durch den Rundfunkbeitrag anzulegen. Die Umstellung auf das neue Beitragsmodell ist – bei so vielen BeitragszahlerInnen – ein aufwändiger Prozess. Momentan wird noch ausgewertet, wie das neue Modell greift. Erst wenn verlässliche Berechnungen eventueller Mehreinnahmen vorliegen, entscheiden die Landesregierungen, was mit diesem Geld passiert. Die Einnahmen könnten zum Beispiel genutzt werden, um besonders stark belastete Gruppen von Beitragszahlern – z.B. mittelständische Handwerksbetriebe mit Filialen, soziale Einrichtungen, Kommunen – zu entlasten.
Auf jeden Fall bleibt es dabei: Die öffentlich-rechtlichen Sender können nicht auf die so genannten “Sperrkonten” zugreifen und das Geld zusätzlich einplanen – auch nicht der WDR.

Was Sie “Armutslüge” nennen, nenne ich die leider harte Wahrheit. Denn Fakt ist, dass der WDR viel weniger Geld hat. Jährlich steigen die Kosten für Technik, Personal, Dienstleistungen und Übertragungsrechte. Gleichzeitig wird der Rundfunkbeitrag ab 2015 gesenkt. Sinkende Einnahmen, steigende Ausgaben – das Finanzloch ist keine Erfindung eines Intendanten, und man kann es auch nicht “weg” beschließen.

Neue Sendungsformate, neue Übertragungs- und Verbreitungsmöglichkeiten, alle WDR-Archive ins Netz: Ja, das sind tolle Ideen, an deren Umsetzung wir zum Teil schon lange arbeiten. Uns im WDR ist es wichtig, Kreativität und Ideen zu fördern. Das machen wir seit Gründung des Senders und künftig wollen wir noch mehr stemmen. So haben wir z.B. in meinem ersten Jahr als Intendant ein Kreativ-Volontariat eingerichtet, haben einen Prozess zu intensivem crossmedialen Arbeiten angestoßen und fördern verstärkt das Querdenken und Experimentieren für innovative Formate. Auch im Netz sind wir zunehmend aktiv; nicht nur mit der Mediathek. Zahlreiche unserer Sendungen haben eigene Social-Media-Auftritte, und unsere WDR-Beiträge können Sie schon seit einiger Zeit auf unserem YouTube-Channel (youtube.com/WDR) sehen.

Aber bei allen tollen Ideen: Wir sind als öffentlich-rechtliches Unternehmen an bestimmte, gesetzlich festgesetzte Rahmenbedingungen gebunden; bestes Beispiel, weil immer wieder in der öffentlichen Diskussion: Wir können nicht einfach selber entscheiden, wie lange wir unsere Beiträge im Internet lassen – das kann nur die Politik.

Auf der anderen Seite: Die gesetzlichen Rahmenbedingungen ermöglichen uns, Ihnen und allen anderen BeitragszahlerInnen in Deutschland ein Top-Programm zu liefern, das in ganz vielen Bereichen nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk anbietet. Wir stehen für Qualität und Vielfalt: Von der Sendung mit der Maus und dem WDR Check über Monitor, das Morgenecho, die regionalen Lokalzeiten bis hin zu cosmo tv und der Sportschau – wir machen Programm für alle.

Auch für die Kultur engagieren wir uns stark: im Programm mit den Sendungen West ART, Rockpalast, Plan B und WDR 3 Klassik Forum – um nur einige Beispiele zu nennen. Der WDR und Kultur gehören zusammen wie Nordrhein und Westfalen: Wir unterstützen zahlreiche kulturbezogene Projekte und sind – unter anderem durch die WDR-Orchester und unseren Chor – wichtiger Partner bei sehr vielen Kulturveranstaltungen.

Ich hoffe, Sie können meine Position und die Haltung des WDR zu den von Ihnen angesprochenen Themen jetzt ein bisschen besser nachvollziehen. Wenn Sie möchten, können Sie meine Antwort gerne in Ihrem Blog veröffentlichen.

Vielen Dank für den konstruktiven Dialog!

Beste Grüße
Tom Buhrow

badboy_gaelic

31. August 2014
von Alexander Strauch
Keine Kommentare

Es war zu komplex – wenn vermeintliche Mahler-Nachfahren zu Epigonen ihrer Zufallsverwandschaft werden

Mahler Chamber Orchestra, Mahler Virtuosen, Mahler Youth Orchestra, Mahler Philharmoniker, Internationales Mahler Orchester, Mahler Quartett. Wer erkennt die bekannteren Ensembles, wer die unbekannteren? Um es abzukürzen: das sind Mahler Philharmoniker, Mahler Virtuosen und Mahler Quartett. Die drei wurden bisher mehr und zuletzt wohl minder von dem Duo Floril-Mahler organisiert, wohinter noch das Salzburg Voice Festival, der Leo Slezak Competition und 2014 gar ein Dirigiermeisterkurs nachgeordnet waren. Seit 2011 wurden vor allem junge Sängerinnen und Sänger aus der ganzen Welt parallel zu all den österreichischen Festspielsommern herangelockt. Diese versprachen sich wohl Inspiration in diesem Umfeld und vor allem professionelles Fortkommen, gar den Gewinn eines Wettbewerbs, wie sie nicht nur zeitgenössische Komponisten-CVs zieren. Besonderen Glanz strahlte der Name Mahler aus, genauer, Therese Mahler, ein schweizerischer Mezzosopran. Bisher konnte sich die Welt noch nicht exakt entscheiden, ob sie eine Nachfahrin Gustavs Mahlers ist, wie wohl manche Veröffentlichungen suggerieren, oder, wie sie in einem Interview in etwa sagte, dass sie sich doch nur durch den gleichen Namen, eine Vorliebe für Böhmen und Mahlers Musik diesem verbunden fühle. Nachdem sie und der ecuadorianische Pianist Jonathan wohl vorübergehend ganz mahlerisch „der Welt abhanden gekommen sind“, scheint sich eine Tendenz zur zweiten Aussage abzuzeichnen: ihre Facebook-Accounts sind tot, ihre Homepage, auf die Webadressen von Voice-Festival, Slezak-Festival und das Duo Floril-Mahler umleiten, ist erstarrt.

Im Juli führte das Duo noch ihr ambitioniertes Projekt durch. Laut slipped-disk und eines Berichtes der Sängerin Laura Virella versprachen sie eine Unmenge, wie z.B. Coaching in deutscher Sprache, ausgiebige Sessions mit den Mahler Philharmonikern unter dem Dirigenten Wolfgang Scheidt, für Opernrepertoire sogar mit Kostümen, exklusive Unterbringung, teilweise in Vier Sterne Hotels, Gesangsmeisterklassen, etc. Das Coaching war wohl ein Flopp, statt mit dem Maestro fanden die Orchestersessions mit Teilnehmern des Dirigierkurses statt, das Hotel erwies sich als Internat der Wiener Sängerknaben. Statt im Finalkonzert die Gewinner des Wettbewerbs breit zu featuren, bildeten die Teilnehmenden von Wettbewerb und Meisterklasse einen Chor, durften kleine Soli ad hoc einstudieren, schien wohl Frau Mahler und ihr Personal das Konzert zu dominieren. Statt zu Beginn des Kurses, Wettbewerbs und Festivals – was nun, wohl alles gleichzeitig, denn wer am Kurs teilnahm, war im Wettbewerb, wer zuvörderst daran interessiert war, ist im Kurs gewesen – , empfangen zu werden, gab es statt des versprochenen freien Internets wohl den Moment, dass Herr Floril auf eine Vereinbarung mit einem Hotel hinwies, wo den Teilnehmenden das Netz frei zur Verfügung stünde. Als einige das Foyer dieses Hotels betraten, sich auf Floril beriefen, setzte man sie höflich aber bestimmt gleich wieder vor die Türe.

Der Dirigent Wolfgang Scheidt wiederum distanzierte sich von dem Duo Mahler-Floril. Dem Pianisten gesteht er zu, ein ordentlicher Pianist zu sein, von den sängerischen Qualitäten Frau Mahlers scheint er nach seinen Erfahrungen nicht mehr allzu viel zu halten. Darin stimmt er mit Laura Virella überein: diese meinte, dass die Gesangsstunden bei Frau Mahler nicht als solche bezeichnet werden könnten, Scheidt meint sogar, dass eher Frau Mahler als die Kursteilnehmer unterrichtet werden müsste. Ihn brachte der Umgang mit seinen Dirigierkursteilnehmern endgültig aus der Fassung, denen wurde von kostenlosen Internet bis zur Arbeit mit einem Profiorchester genauso wie den Sängern vieles versprochen und nicht eingehalten. Das heftigste war für Scheidt allerdings, dass mit ihm als Gesangswettbewerbsjuror und Leiter der Orchestersessions für die Sänger geworben wurde, obwohl er nicht für beide Funktionen angefragt und bezahlt worden war.

Apropos Bezahlung: bisher ist wohl nach Darstellung von Virella wie in Teilen auch von Scheidt kein einziger Klavierbegleiter, Coach oder Orchestermusiker, alles aus fernen Ländern herangekarrte Musiker, nachdem nach ähnlichen Erfahrungen in den letzten Jahren kein zwischen Salzburg und Wien arbeitender Musiker mit dem Team kooperieren möchte, bezahlt worden bzw. wurden die Gehälter erst einmal halbiert. Das Orchester sollte zudem wohl eine Vereinbarung unterzeichnen, dass die ausschliesslichen Demomitschnitte nun ohne weitere Vergütung für Präsentationen genutzt werden dürfen. Auch wenn die Sänger teilweise nur 1250 statt 2500 Gebühren zahlen mussten, hat man sie also wie die anderen im einfachsten Sinne der Wortes „abgerippt“. In Reaktionen auf die Veröffentlichungen dieser Geschichte meldeten sich nun auch Teilnehmende der Vorjahre und bestätigten, dass es schon damals wohl ähnlich zuging.

Am Ende sagte Frau Mahler wohl, dass das gesamte Projekt für sie zu komplex geworden wäre. Wenn die jungen Künstler, Orchestermusiker und der Dirigent Herr Scheidt nicht so vielseitig enttäuscht, gar hinters Licht geführt worden wären, würde sich das wie eine austriakische Komödie ausnehmen, wo vielleicht sogar wirklich von ihrer Mission beseelte Veranstalter nur überfordert worden wären. Dafür warben sie aber zu kräftig mit dem Nimbus vermeintlicher mahlerscher Familienbande, ihre eigenen künstlerischen Erfahrungen überschreitende Fähigkeiten als Dozenten. Letztlich sind wohl ihrem eigenem Irrglauben aufgesessen, was bedeutendes für die Kunst zu machen. So mag es im Scheinwelt triefenden und Titel süchtigen Österreich kein Wunder sein, dass sich diese Story genau dort ereignete. Zu dumm nur, dass dem andere Menschen immer wieder auf den Leim gingen, selbst ausgemachte Profis bzw. erfahrene Kursteilnehmer nicht nach ersten Merkwürdigkeiten im Vorfeld die Finger davon ließen. Hätte man sich anfangs mal Therese Mahler mit ihrer Aufführung des Liedes von der Erde oder weiterer Mahlerlieder via Internet auseinandergesetzt, hätte man schon zuhause entscheiden können, ob man der Dame die Kompetenz zutraut, die sie und Floril zu blumig vermittelten: Frau Mahler hat ein Dauerflattern ihrer Atmung, kein Vibrato, das nichts mit intensiver Mahlerdeutung zu tun hat, sondern schlichtweg eine Technik-Nicht-Beherrschung ist, nichts mit dem existentialistischen Beben z.B. einer Kathleen Ferrier zu tun hat. Wer zudem in die Mienen der jungen Musiker schaut, auf der Aufnahme aus dem Jahre 2013 wohl zum letzten Mal Leute aus Österreich, sieht manches warnende Grinsen, hört allseits intonatorische Probleme, so dass klar wird, dass hier weder Mahler Philharmoniker mit unterzähligen Streichern, sondern jemand allein sein Mahler-Hobby pflegt, viel besser als Florence Foster Jenkins, aber auch viel schlechter als der Laien-Dirigent Gilbert Kaplan, der doch sehr authentisch Mahlers Auferstehungssinfonie mit besten Orchestern musizieren durfte. Man bekommt fast Lust, eine Mahler-Operette aus diesem Stoff zu machen!

Mahler: Das Lied von der Erde / Mahler Philharmoniker – Wiener Konzerthaus from Mahler Philharmoniker on Vimeo.