Bad Blog Of Musick

22. Juli 2014
von Arno
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Sommer ohne Musik

(Für Albert O.)

Solange die Musik noch klingt
Sie in meinen Ohren ist Klang
Etwas, was ich nicht entbehren
Kann ich Dich mal was fragen?

Leidest Du auch so unter dem
Sommer habe ich mir immer
Etwas anderes vorgestellt
Hast Du Dir doch bestimmt?

In der Hitze brauche ich
Bruckner noch mehr als
Dich und die Philharmonie
Ist im Sommer doch zu.

Aber irgendwo gibt es immer
Musik auf meinem iPhone
Ist genug Platz für Dich.

badboy_gaelic

19. Juli 2014
von Alexander Strauch
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BR und SWR-Rundfunkrat – Ständevertretungen jenseits bürgerschaftlichen Engagements

Es wird Zeit, einmal generell einen Blick auf die Strukturen der Rundfunkräte zu werfen: „Donnerstags- und Freitagsmaler“, das sind die Rundfunkräte des Südwestdeutschen (SWR) und Bayerischen Rundfunks (BR)! Nicht wie die längst abgeschalteten „Montagsmaler“ mit Frank Elstner als Moderator, nein, modern ko-geleitet von beiden Intendanten Peter Boudgoust und Ulrich Wilhelm, die Teilen ihrer öffentlich-rechtlich Sendeanstalten gerade wieder K.O.-Schläge verpassten, mit ganz langsamen zu-Boden-gehen: 2016 nun endgültig die SWR-Orchesterfusion, weil nach Meinung des SWR nur ungenügend Stiftungsmittel des Freiburger/Baden-Badener Sinfonieorchesters aufgetischt werden konnten. Verstehe ich Boudgoust richtig, dass die Freiburger Orchesterretter dann eine Mitschuld hätten, wenn ihr Orchester durch eine Stiftung gesichert sei, aber das dann nicht mit ihnen fusionierte Stuttgarter Radiosinfonieorchester ohne ein ähnliches bürgerschaftlich erarbeitetes Finanzierungsmodell dastünde? Und 2018 statt bereits 2016 die Verbannung von BR Klassik weg vom massenmöglichen UKW-Empfang ins sondergerätspflichtige DAB-Plus-Nirwana, auch wenn bis zu 60.000 Klassikhörer protestierten, erheblich mehr als vor Jahren zu ähnlichen Plänen?

Basta! Von den Rundfunkkönigen sind beide Entscheidungen ohne Wenn und Aber durchgefochten worden, wurde die Boudgoust unangenehme Öffnungsklausel für andere Lösungen als die allein seligmachende Fusion letzten Freitag huldvoll vom Rundfunkrat hinfort beschlossen. Was bei BR Klassik wie ein Zeitgewinn erscheint, die Verlegung des Wellentauschs um zwei Jahre nach hinten, ist letztlich ein Kompromiss ins Leere. Der Präsident des Bayerischen Musikrats (BMR), Dr. Thomas Goppel, den man bisher als Mit-Initiator der „BR Klassik muss bleiben“ Petition kannte, stimmte im Gegensatz zu seinem nach wie vor prinzipientreuen Rundfunkratskollegen Prof. Helmschrott vom Deutschen Komponistenverband (DKV), für den Wellentausch. In Goppels Erklärungsversuchen, ein Statement des BMR und ein Briefwechsel zwischen ihm und einer Rücktrittsforderung Helmschrotts an ihn als BMR-Präsident und einer Klarstellung Enjott Schneiders, ebenfalls DKV, schwadroniert er von potentiellen DAB-Plus-freundlichen Autoindustrieentwicklungen und verhinderten Generationsabriss, der ein Problem der riesigen U-Musik-Sender des BR sein mag, wohingegen die Klassikhörer generationsübergreifend sind. Und macht sich so die Argumente der Gegenseite zu eigen bzw. vielleicht sogar die Ansichten des ehemals unter dem Minister Goppel als Ministerialdirigenten dienenden, jetzigen Intendanten Wilhelm.

Sind die Rundfunkräte von SWR, vor allem des BR nichts anderes als genehme Abnickvereine ihrer Senderintendanten? Im Falle des ZDF entschied das Bundesverfassungsgericht, dass zu viel Parteipolitik im dortigen Rundfunkrat vertreten sei. Im Falle der möglichen und wohl faktischen Nähe von BR-Rundfunkrat Dr. Goppel und seinem ehemaligen Untergebenem, jetzigen BR-Intendanten Wilhelm, beide Mitglieder der in Bayern seit Jahrzehnten unangefochten bis auf ganz wenige, kurze Intermezzi alleinregierenden CSU, kann man das getrost bejahen. Grundsätzlich soll ein Rundfunk ein konstituierendes Organ seines Senders sein, muss er den Intendanten und sein Team wählen, den Haushalt beschliessen, die Wahrung der Interessen Allgemeinheit kontrollieren und bei der Programmgestaltung beraten. Wie man an den unveränderlichen Positionen Boudgousts und Wilhelms sieht, sind sie beide beratungsresistent, wenn auch nur eine kleine Minderheit, aber mit all ihrer Kompetenz auf die gravierenden Probleme von Fusion und Tausch hinwiesen. Aber mit Goppels Wende ist dies zumindest im Falle des BR sowieso hinfällig. Trotz ihrer Organmacht stimmten beide Rundfunkräte in blinder, sich selbst verkennender Ohnmacht, bedingungslos ihren Duodezfunkfürsten zu, wie eine willfährige Standeskammer im Absolutismus.

Denn wie ein Ständevertretung und nicht wie eine breit gewähltes Parlament sind diese Rundfunkräte organisiert. Wer in Geschichtsbüchern blättert, findet so etwas ähnliches in der Maiverfassung des österreichischen Ständestaates kurz vor der Einverleibung durch Deutschland Ende 1930er Jahre. Oder man liest vom „Bayerischen Senat“, der Dank eines Volksentscheids 1999 zum letzten Male tagte: in ihm waren aus Kirchen, Wirtschaft, Sozial- und Sportverbänden, Gewerkschaften und Kulturdachvereinen berufene Mitglieder, die von ihren Entsendern mal gewählt, mal einfach benannt worden waren. Im Gegensatz zum entscheidungsbefugten Rundfunkrat, hatte er nur gutachterliche, legislative aufschiebende und protokollarische Aufgaben. Dennoch ist der Rundfunkrat genauso mit seinen Mitgliedern beschickt: all die Verbände wählen ihre Vertreter oder ernennen sie nur. Zu diesen 35 kommen dann noch 12 Mitglieder des bayerischen Landtags, die zwar formal dazu gewählt sein mögen, doch vor allem nach der Sitzverteilung des Parlaments bestimmt werden. Das erinnert an die immer mal wieder bürgerfernen Gremien der Europäischen Union und wirkt darin demokratisch ziemlich verstaubt. Auf alle Fälle hat bürgerschaftliches Engagement kaum eine Chance, da wirkungsvoll Einzug zu halten, besonders wenn es als Minderheit auftritt.

Die Entscheidungsträger kennen sich letztlich aus anderen Kammern und Gremien. Man mag einwenden, dass bei einem z.B. tatsächlich nur durch das Wahlvolk bestimmten Rundfunkrat Mindermeinungen erst Recht untergehen. Was es also vor allem bräuchte: Möglichkeiten, dass bürgerschaftliche Vernunft nicht nur als Lippenbekenntnis durchdringt und durch rein finanzielle Erwägungen oder kompromissfreie Programmentscheidungen beiseite geschoben wird. Gerade weil der neue Rundfunkbeitrag nun von jedem zu leisten ist, sollten die von Programm- und Finanzentscheidungen Betroffenen ein Anhörungsrecht oder eine Art Hörerbegehren initiieren können. Oder die Sendeanstalten besinnen sich wieder mehr auf ihren gesetzlichen Kulturauftrag, der sie verpflichtet, auch Minderheiteninteressen in ihren allgemein zugänglichen Kanälen bereitzustellen.

Ich schrieb schon einmal, dass besonders im Falle des BR eine Umstellung von BR Klassik auf nur digitale Wellen eigentlich nur im Rahmen einer Gesamtumstellung des Programms denkbar ist. Denn für die kleine Welle allein werden so sehr hohe Kosten anfallen, die die verbliebenen Spielräume des BR z.B. für Aufzeichnungen von hausfremden Produktionen endgültig zunichte machen und neuen Entscheidern neue Argumente für einen weiteren Kulturrückbau an die Hand liefern werden. Wer den o.g. Briefwechsel liest, wird lesen, dass diese Kulturvernichtung trotz aller Bekenntnissen zum Kulturauftrag anscheinend sowieso kommen wird. Nachdem sogar immer noch strittig ist, ob entgegen dem Rundfunkstaatsvertrag ein Wellentausch aus dem Digitalen ins Analoge überhaupt erlaubt ist, sollten die vom Rundfunkrat und dem BMR-Präsidenten gelackmeierten Musikdachverbände überlegen, Popularklage beim Bayerischen Verfassungsgericht einzulegen.

badboy_gaelic

17. Juli 2014
von Alexander Strauch
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Die einzige erlaubte Orchesterfusion…

Die einzige erlaubte Orchesterfusion findet als Gedenkkonzert anlässlich der Trauerfeier für den verstorbenen Maestro Lorin Maazel statt, der beide an dieser Fusion teilnehmenden Münchener Orchester leitete: die Münchener Philharmoniker (2012-2014), im hohen Alter als Interims-GMD, und 1993-2002 das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Es singen im aufs Programm gesetzten Stück (Brahms’ Deutsches Requiem) Christiane Karg und Georg Zeppenfeld, der Philharmonische Chor München
und der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Andreas Herrmann). Dirigent soll Valery Gergiev sein. Nachdem der Eintritt am Mo., 21.7.14, 20 Uhr, Einlass 19:30 Uhr,St. Michael, Neuhauser Str. 6, München, frei sein wird, hat an dem Tage auch jede Kritik an Gergiev zu schweigen! Und was fehlt uns nun: Ein Hauch von Smartness und unglaubliche Coolness. Möge dies die einzige Orchesterfusion bleiben! BR-Klassik wird dies noch analog per UKW am gleichen Abend live um 20:03 Uhr übertragen, digital per Videostream auf den Seiten des Internetauftritts des Bayerischen Rundfunks.

goodbye_maazel

badboy_gaelic

15. Juli 2014
von Alexander Strauch
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GEMA: Wirklich Ungemach mit exotischen Werktiteln?

Morgen wird der „CLUBleu“, das Duo Julia Mihály und Felix Leuschner, die mit Elektro-Noise-Klängen, analogen Synthesizern, Samples und live-Effekten für Stimme und Schlagzeug arbeiten und seit längerem den Underground der Neuen Musik in Deutschland aufmischen, sein neustes Werk „DARK ENERGY – frankfurt album“ im Historischen Museum Frankfurt/M. Komplett uraufführen. Dabei handelt es sich um eine Arbeit mit verschiedensten „field-samplings“ der Bankenmetropole. Das ergibt auch 15 Tracktitel einer eigenen CD- Produktion dieses Stückes. Wie es sich gehört, wollten Leuschner und Mihály das Kompendium und seine Einzeltitel korrekt bei der GEMA anmelden. Wie sie auf ihrem Facebook-Auftritt verlautbaren, kam es da zu auf den ersten Blick amüsanten, bei näherer Betrachtung doch recht umständlichen Verwicklungen mit der GEMA-Sachbearbeitung und der GEMA-Datenverarbeitung. Denn die Stücktitel sind keine Worte, sondern eine jeweils eigene Kombination von Buchstaben, Ziffern und Zeichen, was bisher kein Problem ist, und Sonderzeichen, die mit der jetzigen EDV der Verwertungsgesellschaft nicht verwendbar sind. Im Endergebnis wurden seitens der GEMA nun sämtliche Satztitel mit „-“ statt z.B. als „N 5∆° $’ h3,s“ registriert. CLUBleu fühlt sich nun ziemlich vorgeführt und will morgen bei seinem Konzert näher darauf eingehen. Näheres schrieb dazu auch schon Ole Hübner auf seinem Blog.

Nun stellt sich die Frage: was will man eigentlich von der GEMA? In den letzten Jahren verfolgte ich vor allem in Gesprächen mit etlichen Künstlern die Klage um korrekte Abrechnungen von Werkaufführungen. Meistens wurde eine stattgefunden habende Aufführung nicht oder nicht richtig abgerechnet. Als Grund kam dabei mehrheitlich heraus, dass entweder das Werk zu spät als solches angemeldet worden war, wobei da die GEMA grundsätzlich sofort eine Nachfrage an den mutmasslichen Autor durchführt. Oder der Veranstalter meldete es gar nicht oder nur so an, dass die EDV der GEMA damit wohl ihre Schwierigkeiten hatte, oder es war eben doch ein Problem mit der Sachbearbeitung der entsprechenden Bezirksdirektion, wie es mir als in der Doppelrolle als Veranstalter und Komponist z.B. letztes Jahr erging – und bis heute noch auf eine Antwort aus Nürnberg warte… So simpel es nun klingt: das sind allerdings Probleme, die man selbst mit der GEMA lösen muss, mit wichtigen lokalen Veranstaltern, etc. Daraus kann man nicht grundsätzlich auf die GEMA generalisieren!

Dennoch bleibt dies mit den Werktiteln ein Problem. Allein wenn man sein Stück mit „Heute/Morgen/Gestern“ titelt, das sogar noch manuell einreicht, kommt vielleicht bei der GEMA „Heute Morgen Gestern“ oder „Heute-Morgen-Gestern“ heraus, was das Stück dann in der Werktiteldatenbank unauffindbar macht bzw. es eben nur mit der fehlerhaften Titelangabe zu suchen ist. Seitdem die GEMA nun die Online-Werkanmeldung ermöglicht, kann man diesen beschriebenen Fehler ausschliessen bzw. die alte Version abändern, sofern das keine weiteren Verwirrungen anstellt. Wenn nun der Veranstalter seinerseits aber solch einen doch noch einfachen Titel falsch angibt, dann bleibt nur wieder der Reklamationsweg. So kann man sich auch vorstellen, dass Anthony Braxton z.B. mit seinen wundersamen Titelangaben so zu seinen Tantiemen kam. Oder er hat statt Grafiken und Elementketten doch noch eine Verwaltungslösung gefunden.

So etwas schwebt mir auch im Falle des CLUBleu vor. Denn immerhin gibt die GEMA unter „Hilfe“ ihrer Online-Werkanmeldung zu, dass sie nur die Sonderzeichen „!”$%&(‘,-#~\}][{32@€“ in ihrer Datenverarbeitung einsetzen kann, wobei man sich fragt, warum die ersten zehn davon überhaupt Sonderzeichen sein sollen, denn erst ab der „Tilde“ wird der Einsatz von Sonderzeichen-Funktionen auf einer Standardcomputertastatur notwendig. Die GEMA muss ja selbst deutsche Umlaute in ae, oe und ue umwandeln, natürlich nur in Grossbuchstaben, also AE, OE und UE. Also weiß man einigermassen, was einen bei ungewöhnlichen Stücktiteln erwartet. Wie wäre es nun, wenn man den oben angeführten Titel statt mit „N 5∆° $’ h3,s“ mit „N 5DELTAGRAD DOLLARZEICHEN HOCHGESTELLTESKOMMA H3,S“ angibt? Das ist natürlich eine Anpassung an die EDV. In der Partitur oder anderen Abspielanweisungen kann man dazu anmerken, dass, der offizielle Titel „N 5∆° $’ h3,s“ wäre, die Langversion aber bei GEMA-relevanten Aufführungen in der Stückliste anzugeben ist.

Dies befreit die GEMA nicht, auf Dauer ihre EDV flexibler zu machen oder zumindest im Feld Sonstige Titel dies zu ermöglichen. Aber Hoffnung dürfte bestehen, denn es soll demnächst ja selbst eine Art eigenes GEMA-Social-Network geben. Und dass sie wandlungsfähig ist, zeigte sie damit, dass sie z.B. die längst überfälligen Online-Dienstleistungen einrichtete. Allerdings wird es gerade im E-Musik Live-Bereich immer wieder Verschreiber oder Vertipper geben. So wäre es wirklich eine Erleichterung, wenn sie in diesem Bereich von vornherein den Komponisten ohne deren Aufforderungen automatisch postalisch Nutzungsaufstellungen zukommen lässt. Zwar ist jedes Mitglied verpflichtet, seine eigenen Werke zu verwalten. Dies wäre aber ein Service, der bisher dies vernachlässigende Kollegen und Kolleginnen genauer nehmen lassen würde. Aber dies ist ja was anderes!

Um bei der Werktiteldatenbank zu bleiben: es ist auf alle Fälle wichtig, dies zu thematisieren, zu kritisieren. Auf der anderen Seite ist die GEMA aber nicht der Moloch, dem man sich so gerne als kleines E-Musik-Licht ausgeliefert fühlt. Jeder kennt in seinen professionellen Kontakten jemanden, der Tipps dazu geben kann oder gar aktuell oder vor einiger Zeit in Gremien der GEMA mitarbeitete. Am besten wendet man sich mal an diese und versucht das Problem über diesen Weg auch zu klären. Ausserdem wäre ein weiterer offizieller Weg, sich entsprechend in Verbänden mit oder neu zu organisieren, diese auf die Thematik hinzuweisen. Natürlich ist es auch gut, dies künstlerisch zu verarbeiten. Allerdings dürfte Johannes Kreidlers GEMA-Aktion “product placements” 2008 heute kaum zu toppen sein. Und zu guter Letzt sollte man sehr genau überlegen, was man unternimmt, denn allzu schnell wird aus GEMA-Kritik GEMA-Bashing. Und daran sollte uns E-Komponisten am allerwenigsten gelegen sein.

badboy_gaelic

14. Juli 2014
von Alexander Strauch
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BR-Klassik-Frequenztausch: Zeitgewinn, ärgerliche Selbstkommentare des BR, sinnloses Entweder-Oder

Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks beschloss am Donnerstag letzter Woche mit 75% Zustimmung die Verschiebung des Sendemediumtausches von BR Klassik und Puls. Die Klassikwelle soll nun statt 2016 erst 2018 nur noch digital über DAB+ und Internet empfangbar sein. Gegen diesen Mediumwechsel, denn er ist nicht ein simpler Frequenztausch, wie manche Berichterstattung sagt, organisierte der Bayerische Musikrat, der Deutsche Kulturrat und die Deutsche Orchestervereinigung sowie etliche diesen nachgeordnete Verbände der Profimusiker und des Laienmusizierens die Petition „BR-Klassik muss bleiben“, die bayernweit immerhin knapp 50.000 Menschen mobilisierte, deutschlandweit wohl an die 60.000. Es ist zwar nicht die Mehrheit der BR-Nutzer, die BR-Klassik hören.

Aber doch sind es genügend durch alle Alters- und Gehaltsklassen, die trotz bereits heute existierender paralleler Digitalangebote den Klassikfunk vorzugsweise über die klassische UWK-Welle empfangen. Mit der Umstellung auf rein digitale Empfangsmöglichkeiten wird diesen eine Verbesserung der Klangqualität versprochen. Angesichts der heute üblichen Signalkomprimierung auf DAB+ verliert der Sound allerdings eher an Brillanz als dass dies einen Gewinn darstellt. Nun versuchen die deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten seit einigen Jahrzehnten und die Hersteller von digitalen Empfangsgeräten die Hörerschaft insgesamt ins Feld des Digitalen zu locken. Doch bisher blieb die Nutzung wohl weit hinter den Möglichkeiten zurück, wird ausserhalb des BR-Sendegebiets dessen Angebot eher über Internet, Kabel und Satellit genutzt. Wobei die Vergrösserung des Sendegebiets durch DAB+ aktuell eine Augenwischerei ist: ausser in Bayern wird BR-Klassik über diesen Verbreitungsweg nur noch in Berlin zur Verfügung gestellt.

Am Sonntag kommentierte nun der BR selbst im B5-Medienmagazin den beschlossenen Mediumwechsel und seine gleichzeitig beschlossene Verschiebung um zwei Jahre. Eine der grössten Befürchtungen der dort an der Verschiebung geäusserten Kritik ist, dass 2018 das jetzt 2014 junge Hörerpublikum 2018 viel älter als zum ursprünglich anvisierten Tausch im Jahre 2016 sein wird. Denn, um es zu überspitzen, dieses finanziell arme Puls-Publikum wird dann genauso per Alterung wegbrechen wie das besser situierte, aber sehr alte BR-Klassik-Publikum: die einen lernen den BR nicht kennen und die ihn schätzen, sterben über kurz oder lang.

Aber kann man das mit einem Mediumwechsel wirklich aufhalten? Einerseits soll laut Kommentatorin Sissi Pitzer die Klassik digital fit gemacht werden, andererseits ist besonders die Jugend digital affin. Und wird diese eben nicht bisher bestens im digitalen Bereich des BR mit Puls-Internetempfang, Puls-App und Puls-Gastslots am Wochenenden auf der UKW-Welle von B3 bestens versorgt? Im Prinzip ist es die Umkehrung der Argumente der Klassik-Petition: was vom Angebot eines deutschen öffentlich-rechtlichen Senders nur digital verfügbar ist, hat es schwer, darüber hinaus eine Hörerschaft zu finden, die in etwa der von B2 Kultur oder BR-Klassik entspräche. Nur ein klassisch auf UKW verfügbares Programm und digital vernetztes Angebot haben heute überhaupt eine Chance, die Hörerschaft zu erreichen.

So sind in Augen des Kommentars vor allem die privaten bayerischen Verleger, die sich von Puls auf UKW bedroht sehen sollen – aber vor allem an der Rechtmäßigkeit eines Tausches einer Welle aus dem Digitalen ins Analoge zweifeln, wie es der bundesdeutsche Rundfunkstaatsvertrag als höheres Recht im Gegensatz zur bayerischen Landesgesetzgebung verbietet –, die von diesen wie der Musiklobby beeinflussten CSU-Politiker und die nach dieser Meinung von allen Seiten manipulierten Unterzeichnenden der Petition daran schuldig, dass erst 2018 getauscht werden soll. Vielmehr sollte man froh sein, nochmals vier Jahre gewonnen zu haben! Denn die grundlegenden Rezeptionsprobleme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Bild und Ton werden damit nicht gelöst, nicht einmal die Symptome werden verarztet.

Ein wichtiger Baustein der reinen BR-Klassik-Digitalisierung soll eine „digital concerthall“ sein, wie man sie von den Berliner Philharmonikern kennt. Dieses Orchester kann diese sich heutzutage nur Danke eines mächtigen Sponsors leisten. Und wo soll dafür beim BR das Geld herkommen? Die Rundfunkgebühren werden schon stark für den sündteuren Ausbau von DAB+ strapaziert werden. Da wird nicht viel für ein digitales Archiv und dessen Anreicherung mit alten und vor allem neuen Aufnahmen bleiben. Denn jedes Konzert wird im Extremfall eine Aufzeichnung in Bild und Ton darstellen. Bedenkt man den spürbaren Rückzug des BR aus Klassikkonzerten, die nicht seine Orchester und sein Chor produzierten, wird sich der BR dann noch mehr auf seine eigenen Klangkörper konzentrieren und Aufzeichnungen von externen Konzertveranstaltern in Bayern schier unmöglich sein.

In Komponistenkreisen munkelt man an Stammtischen, dass durch den Mediumwechsel letztlich die heute noch passablen GEMA-Einnahmen aus dem noch analogen Funkbereich wegfallen könnten. Irgendwer im Anstaltscontrolling wird schon die Meinung lancieren, dass es sich dann bei der nur noch digitalen Ausstrahlung von Musik lebender und noch nicht 70 Jahre verstorbener Kunstschaffender nur noch um ein einfaches Streaming handelt, wo eine Vergütung im Promillbereich stattfindet. Oder hat sich da schon jemand seitens des BR getraut, Zusicherungen des Erhalts des heutigen Status von sich zu geben? Zuletzt versuchte der BR seine Spacenight auf GEMA-freie Musik umzustellen, interveniert er immer wieder, wenn vom BR aufgenommene und klassisch verlegte Orchesterstücke ausgestrahlt werden sollen, wo neben der GEMA ja noch ordentliche Lizenzgebühren fällig werden. Aber dies ist Kleinklein!

Vielmehr ist und bleibt das Ausspielen der Generationen der Hörer von Klassik und Puls das Machtgeplänkel der Intendanz des BR gegen jegliche Vernunft, hat man sich die Kollegen aus den SWR-Leitungsetagen eben mit seiner Entscheidung so verrannt, dass jetzt nur eine Verschiebung das BR-interne Porzellan vor weiterem Zerschlagen bewahren kann. Vergleicht man die Entstehungsgeschichte z.B. von B3, welcher als Sender mit einem alternativen Jugendprogramm an den Start ging und heute ein „Adult Contemporary Format“-Sender ist, also ein Dudelfunk, wenn man dazu die Definition auf Wikipedia liest, der Hörer zwischen 25 und 49 Jahren mit Rock- und Pop-Oldies und ganz wenigen Neuheiten versorgt. Statt das Wochenendfenster von Puls dort auszubauen, um diese Welle kräftig zu verjüngen, scheint man sich vor dessen mächtiger Redaktion zu fürchten.

Seit Pensionierung des Hörfunkdirektors Johannes Grotzky, der wohl eine starke Stütze von BR-Klassik gewesen sein soll, scheint diese Säule nun um so mehr zu fehlen. Natürlich wird der BR in Zukunft, wie die Anstalt stets beteuert, seine Klassik-Klangkörper mehr promoten müssen als bisher. Daran wird aber ausschliesslich das Fehlen der naturgemäßen Promotion UKW-Welle schuldig sein, welche aktuell noch den Bestand der Orchester und des Chores ohne große Umschweife automatisch bewirbt: Die Mehrheit der Bundesbürger stimmt einem traditionellen Kulturprogramm in Theatern und anderen Institutionen wie dem Rundfunk zu, auch wenn diese jene Angebote niemals nutzen. Wenn, wie oben beschrieben, der rein digitale Erhalt des Klassikprogramms später enorme Mehrkosten verursachen wird, können wir uns auf die nächsten Orchesterfusionspläne einer neuen, profilierungssüchtigen oberen Etage des BR heute schon freuen. Der einzige Weg wird sein, auch die anderen Wellen auf DAB+ umzustellen und die Hörerschaft bei diesem teuren Unterfangen in ihrer Gesamtheit mitzunehmen. Oder schlichtweg besonders Bayern 3 zu erneuern und die alten analogen Verbreitungswege zu fördern und das Internetangebot anstelle des Abenteuers DAB+ auszubauen. Eine Welle aber nur digital oder analog anzubieten, wird weder die eine noch die andere befördern.

11. Juli 2014
von Arno
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Samstag, 14. Juni 2014, 03.00 Uhr: Elfenbeinküste gegen Japan

In Erinnerung an das einzige Fußball-WM-Spiel,
das um 3 Uhr morgens (MEZ) stattfand.

Frei nach August von Platen-Hallermünde (Rückennummer 10)

Wie rafft’ ich mich auf in der Nacht / in der Nacht /
Und fühlte mich fürder gezwungen /
Die Kissen verließ ich vom Teddy bewacht /
Durchwandelte sacht
In der Nacht / in der Nacht /
Die große Wohnung des Jungen.

Kalou rauschte / die gefährliche Acht /
Ich lehnte mich über die Kante
meines Stuhls und hielt ermüdet noch Wacht /
doch das Spiel der Nacht /
War so schwach / war so schwach /
Weil niemand wirklich mal rannte.

Das Spiel drehte sich / im schwülen Manaus /
Indes funkelten hier schon die Sterne /
Japan kam derweil kaum noch raus* /
Wie einst der Klaus
Augenthaler aus
Bayern in entlegener Ferne.

Ich blickte hinauf in die Nacht / in die Nacht /
Und blickte auf den Bildschirm aufs Neue:
Wie hast du hier 90 Minuten verbracht?
Nun stille du sacht /
In der Nacht / in der Nacht /
Im pochenden Herzen die Reue!

*Original-Liveticker-Meldung aus der 69. Minute: „Japan sucht nach einer Antwort, kommt aber noch kaum hinten raus.“

11. Juli 2014
von Arno
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Pariser Kleben

Ja, es ist heiß draußen. Wir alle kleben. Weil wir damit kleben müssen. Daher diese Liste.
Ich bedanke mich für die Mitwirkung bei allen meinen Facebook-Freundinnen und Freunden. Danke. Ohne euch wäre das Kleben nicht so schön.

Gefunden im Juli 2014 in Weimar

“Wohnst du noch – oder klebst du schon?”

Das Kleben der Anderen

Das Kleben des Brian

Das Kleben ist schön

Überkleben in freier Wildbahn

Wolfgang Amadeus Mozart: Kleben und Werk

Kleben und kleben lassen

“Hoch soll er kleben, hoch soll er kleben, drei Mal hoch!”

“Man klebt schließlich nur einmal!”

“Als hätte ich nur noch einen Tag zu kleben…”

Freunde für’s Kleben

Kleben mit Behinderung

Klebe glücklich, klebe froh…

Hunde, wollt ihr ewig kleben?

Abenteuer Kleben

Mitten im Kleben

“Ich möchte mein Kleben ändern.”

“Ohne Dich ergibt mein Kleben keinen Sinn mehr!”

Die besten Geschichten schreibt immer noch das Kleben.

“Mit Dir könnte ich den Rest meines Klebens verbringen!”

Überklebenswille

Erste Hilfe kann Kleben retten!

Das Kleben ist kein Ponyhof!

“Das Kleben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man bekommt.”
(Forrest Gump)

Gibt Dir das Kleben eine Zitrone, frag nach Salz und Tequila!”

“Ich will ja noch ganz lange kleben!”

Jeder ist für sein Kleben selbst verantwortlich!

Wie das Kleben so spielt…

Überklebenstraining

“Das Kleben ist einfach zu kurz!”

Johann Sebastian Bach: Herz und Mund und Tat und Kleben, BWV 147

In den Tag hinein kleben

Wolfgang Amadeus Mozart: Reich mir die Hand, mein Kleben (Don Giovanni)

Das Kleben ist eine Baustelle

“Misao Okawa ist mit 116 Jahren und 99 Tagen der aktuell älteste klebende Mensch.”

“Irgendwann würde ich gerne in den Alpen kleben.”

Jacques Offenbach: Pariser Kleben

“Ohne Musik wäre das Kleben ein Irrtum.” (Friedrich Nietzsche)

Johann Sebastian Bach: Ich will nur dir zu Ehren kleben (Weihnachtsoratorium, BWV 248)

Udo Jürgens: Mit 66 Jahren, da fängt das Kleben an (JWV 1012)

“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Kleben.”

Klebensmittelvergiftung

Klebensabschnittsgefährte

“Hallooo??!!?? Bist du klebensmüde, oder was?”

Eingetragene Klebensgemeinschaft

Marius Müller-Westernhagen: Lass uns kleben

“Ein Zusammenkleben mit dir kann ich mir leider nicht vorstellen.”

Nicht für die Schule, sondern für das Kleben lernen wir!

Richard Strauss: Ein Heldenkleben

Robert Schumann: Frauenliebe und -kleben, op. 42

Dietrich Buxtehude: Jesu, meines Klebens Kleben, BuxWV 62

Arnold Schönberg: Ein Überklebender aus Warschau

“Mein Großvater hat den Holocaust überklebt.”

Jan Pieterszoon Sweelinck: Mein junges Kleben hat ein End’, SwWV 324

Bedřich Smetana: Streichquartett Nr. 1 e-Moll (“Aus meinem Kleben”)

Wiederbeklebung

“Das war der Kampf meines Klebens!”

Klebensversicherung

Person des öffentlichen Klebens

Stellenausschreibung: “Der Klebensmittelpunkt sollte in Berlin sein.”

Das gaaaaanze Kleben ist ein Quiz…

“Du siehst ja echt total verklebt aus…”

Johann Strauss: Künstlerkleben. Walzer, op. 316

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kleben sie noch heute.

“Kleb wohl!”

Steffi

9. Juli 2014
von Moritz Eggert
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In die Tiefe des Traumes

Was da gestern in Brasilien passiert ist – das war ein Traum. Ein Traum, der Wirklichkeit geworden ist.
Und natürlich ist das noch kein Titel, und natürlich ist es keine Garantie dafür, dass das nächste Spiel genau so gut wird.

Aber es ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ein Traum, den der Autor Michael Klaus und ich gemeinsam vor nunmehr 9 Jahren hatten, als wir für die Ruhrtriennale das Fußballoratorium “Die Tiefe des Raumes” schrieben. In diesem Stück geht es um einen Star-Spieler, der in einem WM-Spiel gegen Brasilien an sich zweifelt. Seine Gedanken schweifen ab, gehen durch die Fußballgeschichte hindurch, vom DDR-Fußball bis zu Pasolinis Tod, vom Bolzplatz hinter der Kohlegrube bis in die Betten voller Fußballgroupies. Von “Tugend” und “Laster” bedrängt besinnt er sich am Ende auf die wichtige Erkenntnis, dass alles nur ein Spiel ist, und dass dieses Spiel am Anfang aller Dinge steht. Mit den Worten “Vergesst das Bolzen nicht” vom Chor stürzt er sich wieder ins Geschehen und schießt das entscheidende Tor.

Es war Michael und mir klar, dass in diesem Stück die absolute Überhöhung nur durch ein Spiel gegen Brasilien dargestellt werden könnte. Denn letztlich träumen wir alle davon, so leicht wie die Brasilianer in ihren besten Momenten zu sein, so unbeschwert den Ball kreisen zu lassen. Während wir das Stück schrieben war ich viel mit Michael, dem eisernen Schalke-Fan, im Stadion. Besonders unvergesslich ist mir ein Spiel Bayern gegen Bremen im damals noch benutzten Olympia-Stadion in München. Michael fror bitterlich und vermisste die Atmosphäre des Ruhrpotts, die er in seinem wunderbaren Libretto so meisterlich beschwor. In ihm wütete schon der Scheiß-Krebs, der ihn kurz darauf hinraffte.

Das verlorene Spiel gegen Brasilien 2002 lag da noch nicht so weit in der Vergangenheit, und natürlich hofften wir, dass die WM 2006 den ersehnten 4. Titel bringen würde, aber trotz wunderbarer Leistung der Deutschen Mannschaft wurde der Traum eines gewonnenen Spiels gegen Brasilien nicht erfüllt. Und natürlich auch 2010 nicht.

Nun gab es ihn aber, den Sieg gegen Brasilien. Man hätte unserer Mannschaft verziehen, wären sie als Verlierer vom Platz gegangen, gegen Brasilien zu verlieren war noch nie eine Schande. Aber die brasilianische Mannschaft war von den Sorgen von 200 Millionen Brasilianern so beschwert, dass sie Füße aus Blei hatten. Während die deutschen Spieler über den Platz flogen und so leicht und unbeschwert kombinierten, als seien sie an der Copa Cabana geboren worden. Vielleicht sind gestern Abend die Brasilianer ein bisschen deutscher, und die Deutschen ein bisschen brasilianischer geworden. Vielleicht ist das nicht das Schlechteste. Vielleicht kann man einen Gegner auch nur besiegen, wenn man ihn liebt.

Noch in vielen Jahrzehnten wird man sich an das Wunder vom 8.7.2014 erinnern, Titel hin oder her, und ich bin froh, dass Michael Klaus mit seinem Text dieses Wunder vorhergesehen hat. Daher möchte ich diesen Bad Blog – Artikel seinem Gedenken widmen.

Unten kann man einen Ausschnitt aus “Der Tiefe des Raumes” hören, der das Spiel gegen Brasilien beschreibt. An einer Stelle ist die deutsche und die brasilianische Hymne gleichzeitig zu hören. Es spielen und singen die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane, Joachim Krol (Trainer), Peter Lohmeyer (Alt-Internationaler), Christoph Bantzer (Reporter), Sprecher, Claudia Barainsky (Tugend), Ursula Hesse von den Steinen (Laster), Corby Welsh (Spieler), Thomas Bauer (Reporter), Chor der Ruhrtriennale, Einstudierung:Walter Zeh

Hier der Text des Ausschnitts

Hier ein alternativer Link, falls der integrierte Player nicht funktioniert (bei mir nämlich nicht)

Ausschnitt Blog

(man möge die zum Teil veralteten Spielernamen verzeihen, noch nicht mal der “Opa” (Müller über Klose) ist schon dabei:

Chor     Willst du mit mir gehen?! Ja?! Nein?! Vielleicht?! Wir folgen alle einem Ball….Oh Spiel, Abbild der Wahrheit

Reporter     Schöner Ball!

Journalist    Bola perfeita!

Reporter     Er macht es großartig

Journalist  Ele é fantastico!

Reporter     Was haben wir mit ihm gezittert! – Haben ihm auch oft was auf die Ohren gegeben!

Journalist     Este teame é fantastico!

Reporter     Hätten ihm vielleicht noch mehr auf die Ohren geben müssen, denn sein Image eines….

Spieler     Wehe du sagst Sündenbock! Ich kann’s nicht mehr hören!

Reporter     Eigentlich hat er alles im Blick. Er beherrscht die Netzertechnik. Aus der Tiefe des Raumes…

Spieler     Und doch ist der Knoten nicht geplatzt! Und ich weiß nicht, wo’s mir fehlt!

Trainer     Vergiss das Bolzen nicht!

Journalist    Sie zaubern! Was diese junge Mannschaft zaubert! So schön, so effektiv!

Alt-Internationaler     Ich habe nie gegen Brasilien gespielt! Wisst ihr überhaupt, was das heißt?

Chor     Ouviram do Ipiranga as margens placidas…/Deutsche Frauen, Deutsche Treue….(Nationalhymnen)

Alt-Internationaler     Nie, das ist…nie! Nie!

Chor     Uns zu edler Tat begeistern, Unser ganzes Leben lang!

Reporter     Hinkel auf Mertesacker, Mertesacker auf Schneider, Schneider auf Ballack…Cicinho dazwischen…..

Journalist     als ginge es um eine Ballstafette…Cicinho Robinho…..

Chor     Huuuuuuh!

Journalist     Maravilhoso, que jogo perfeito!

Alt-Internationaler     Ins Jünglingsalter kehr ich zurück!  Mit jungen Beinen eines jungen Mannes!

Reporter     Den nimmt er direkt! Klasse Parade! Ganz elegant! Er hat so viel drauf, wie kein anderer auf der Welt!

Trainer/Chor     Vergesst das Bolzen nicht!

(Blechdose)

Spieler     Gegen Brasilien! Im tiefen Traum ein leuchtender Biltz! Und ich weiß nicht, was mir fehlt!

Die Tugend     Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt, als zu spielen!

Spieler….als zu spielen!

Die Tugend/Chor Im Anfang war das Spiel!

Spieler Das Spiel!

Chor     Willst Du ein ganz Großer werden? Ja?! Nein?! Vielleicht?!

(Blechdose, erneut, magischer Moment)

Spieler     Ich spiel für euch! Ich kann die Fans nicht leiden seh’n!

Die Tugend     Wuselt sich durch, gibt ab, kriegt den Ball hoch zurück….

Das Laster     Ele dribla tudo mundo, da um toque, a bola volta alto…..

Die Tugend    ….fischt ihn mit der linken Hacke aus der Luft….

Das Laster     ….ele mata no peito, chuta forte, a bola passa entre as pernas….

Die Tugend    …zockt ihm den Torwart durch die….

Reporter    …und er schießt den Ball durch die Beine des Torwarts!

Die tugend/Chor      Toooooooor! Tooooooooor! Toooor für Deutschland!

Tape: Eine Kulmination aller vorstellbaren Tor-Schreie

 

(aus: “Die Tiefe des Raumes”, Fußballoratorium von Michael Klaus und Moritz Eggert)

Michael Klaus. Wir vermissen Dich!

 

Schenker

7. Juli 2014
von Moritz Eggert
2 Kommentare

Eine Analyse der Analyse

Eine Analyse der Analyse

Eine der Lieblingsklagen jeder Theorieabteilung an jeder Musikhochschule die ich kenne ist diese: Der Standard der musikalischen Bildung bei den Studenten sinkt! Was bedeutet: Die Studenten werden immer schlechter in Disziplinen wie Gehörbildung, Blattlesen, Analyse und Harmonielehre/Kontrapunkt. Natürlich bedeutet dies nicht, dass sie auch schlechtere Musiker sind – tatsächlich ist der Standard des musikalisch-praktischen Könnens und die Vielseitigkeit der Interpreten eher ansteigend, weil der Kampf um die wenigen freien Orchesterstellen aufgrund sinkender freier Stellen intensiver wird.

Manche Universitäten haben sogar Angst, dass ihr eigener Standard in Musiktheorie zu gering ist – kürzlich bekam ich eine Email einer Musikhochschule in Tokyo die mich nach dem Standard der Analyse von zeitgenössischen Partituren in meinem eigenen Unterricht befragte. Ich konnte das nicht wirklich beantworten, da ich selber zwar gelegentlich, aber nicht regelmäßig Partituren mit meinen Studenten analysiere und dies bei uns die Aufgabe anderer Professoren in speziellen Kursen ist. Aber wenn ich diese Studenten dann bei Prüfungen mit Analyse erlebe, merke ich deren Angst und Unsicherheit bei diesem Subjekt. Und das sind immerhin Kompositionsstudenten, deren „Brot und Butter“ die Analyse eigentlich ist.

Ich zweifle nicht im Geringsten den Sinn von musikalischer Analyse von Partituren an. Ich habe das mein ganzes Leben lang getan und viel dabei gelernt. Aber ich frage mich, ob wir Analyse auf die „richtige“ Weise lehren, oder, um es anders auszudrücken – übersieht unsere Weise, Analyse zu lehren vielleicht genau die Aspekte an einer Musik, die viel wichtiger für das Verständnis des Stückes wären?

Weil die Kunst der Musik teilweise eine Kunst der mathematischen Proportionen und Symmetrien ist wird oft viel Energie darauf verwendet, genau diese Aspekte eines Stückes zu untersuchen. Wir haben alle Bücher wie „Gödel, Escher, Bach“ gelesen, in dem Douglas Hofstadter brillant die faszinierenden Symmetrien in Bachs Werk aufzeigt und sie in einen Bezug zu geometrisch komplexer Kunst (Escher) und hochgelehrter Mathematik (Gödel) zu bringen. Aber nirgendwo im ganzen Buch wird die latente Möglichkeit diskutiert, dass auch eine noch so genial konstruierte Fuge mit „perfektem“ Kontrapunkt am Ende letztlich ein langweiliges Stück Musik sein könnte. Selbst wenn sie – und das werden manche als Sakrileg empfinden – vom Meister selbst, Bach, geschrieben wurde. Und ja, ich habe es schon erlebt, dass ich bei den Präludien im Wohltemperierten Klavier wieder aufgewacht bin, nachdem ich bei einer Fuge schon halb weggenickt bin, einfach weil die Form des Präludiums mehr Möglichkeiten für echte musikalische Überraschungen und spontane Inspiration bietet. Natürlich gibt es aber auch geniale Fugen!
Manche musikalische Analyse ist so komplex, dass sie letztlich bei banalen Antworten endet. Ich lache oft über z.B. Schenkers Analysen von Beethoven-Sonaten, bei denen selbst ein wildes und verrücktes Stück wie op. 111 letztlich auf eine simple Folge von Tönen und Akkorden reduziert wird, mit ein bisschen Gekritzel zwischendrin. Ist das wirklich die Essenz von op. 111? Dass eine Art gestreckte Kadenz darunter liegt?

Es gibt das Sprichwort von dem “Wald vor lauter Bäumen….“, oder das indische Gleichnis von dem Blinden der den Elefanten nicht begreift, weil er immer nur seine Einzelteile erfassen kann. Natürlich treffen diese Wahrheiten auch auf die musikalische Werkanalyse zu – sehr oft geht diese in großes Detail über Aspekte eines Werkes, denen der Komponist höchstwahrscheinlich nur sehr wenig Zeit gewidmet hat, weil er intuitiv entschieden hat (ich weiß, dass ich dies tue!). Ein Großteil des heutigen Verständnisses von Barockem Kontrapunkt basiert auf rückwirkend erstellten Regeln die die Komponisten der Epoche intuitiv befolgten, sehr oft aus einfachen ästhetischen Gründen die nur zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort Sinn machten, nicht früher, nicht später. Und natürlich wird gerne übersehen, dass diese Komponisten stets mit diesen Regeln brachen – weil sie sie selber gar nicht in der heutigen Form kannten!
Wenn aber nun ein Student heute einen besonders inspirierten aber nicht regelkonformen Kontrapunkt in einer barocken Stilstudie abliefert, wird ihm dieser angestrichen. Originalität wird also bestraft! Das habe ich nie verstanden – dass wir (an einer KUNSThochschule immerhin) schlechte Noten für etwas geben, dass außerhalb der Norm ist…wenn es doch das tiefste Wesen großer Kunst ist, mit Normen und Zwängen zu brechen – denn sonst ist es keine Kunst.

Es ist vielleicht interessant, musikalische Analyse mit zum Beispiel literarischer Analyse oder Kunstanalyse zu vergleichen. Die Analyse eines guten Drehbuchs zum Beispiel würde sich nicht mit dem Feststellen der berühmten „dreiaktigen“ Form begnügen oder gar Wörter oder Seiten zählen, nicht danach suchen wie oft ein bestimmter Charakter einen Satz sagt oder ob mehr Figuren mit dem Buhstaben „A“ oder mehr mit dem Buchstaben „B“ anfangen-. An irgendeinem Punkt müsste der Untersuchende über die Charaktere sprechen, über ihre Beziehungen zueinander innerhalb der Geschichte, wie sie eingeführt werden, wie Dialog gehandhabt wird….und natürlich auch darüber, um was es in dem Drehbuch eigentlich geht, und ob es mit der Vermittlung dessen auch erfolgreich ist.

In der Bildenden Kunst wiederum spricht man natürlich auch einmal über den goldenen Schnitt oder rein handwerkliche Aspekte des Malens z.B.. Aber irgendwann würde man auch darüber reden, was eigentlich abgebildet ist, was die Wirkung des Gemäldes ist, wie der Künstler Aufmerksamkeit auf bestimmte Details lenkt, welche Emotionen er erzeugen will.

Wenn ich Werkanalyse mit Gemäldeanalyse vergleiche, dann habe ich konstant das Gefühl, dass mir die Musiktheorie erklärt, welchen Weg einzelne Haare eines Pinsels genommen haben, aber sehr wenig, WARUM sie diesen Weg genommen haben. Ich lese über Intervallbezüge, Spektralanalysen, Modi, polyphone Satztechniken….kurz: ich lese viel über das Material, wenig über den Geist eines Stückes. Ist es spannend? Ist es langweilig? Ist es heiter? Ist es verrückt?
Die Analyse des “Materials” scheut sich, über die eigentlich wesentlich wichtigeren Dinge wie “Inspiration” oder “das Interesse des Hörers wach halten” zu sprechen. Ein Hörer wird ein Stück nicht deswegen mehr lieben, weil er darin einen perfekt realisierten seriellen Kontrapunkt hört, es muss andere Dinge geben, die sein Interesse wach halten: Dynamik, Vielfalt, Überraschung und….ja….simple Verrücktheit! Es gibt keine Regel dafür, wie man ein aufregendes Stück schreibt, gerade deswegen können wir von aufregenden Stücken so viel lernen. Es gibt immer unbestimmte Elemente, spontane, intuitive. Natürlich können wir fest stellen, dass ein Komponist wie Feldman leise Klänge bevorzugt hat, aber es gibt kein System dahinter, es ist eine Entscheidung des persönlichen Geschmacks, von Augenblick zu Augenblick, ohne die Regel “Du musst vor allem leise Töne schreiben”. Wenn es diese Regel gäbe, wäre Feldmans Oeuvre wesentlich uninteressanter denke ich.

Es gibt keine „perfekte“ Werkanalyse, das weiß ich. Aber vielleicht kann der Fokus auf Dingen liegen die etwas interessanter sind, als Takte zu zählen, Modulationen aufzulisten, Tonmaterial zu sichten und statistisch zu untersuchen, Permutations- und Verwandlungstechniken zu diskutieren. Ich finde diese „Fünde“ oft unglaublich langweilig, obwohl es sicherlich Menschen geben mag, denen das irgendeinen Kick gibt.

Dennoch: Einen anderen Ansatz zur Werkanalyse zu finden der vielleicht mehr im Einklang mit der tatsächlichen Erfahrung des erstmaligen Stückhörens ist (wo man noch keine Gelegenheit hat, Takte zu zählen oder Umkehrungen zu entdecken), wäre etwas, dass auch die Studenten mehr interessieren könnte.

Moritz Eggert

Schenker

4. Juli 2014
von Moritz Eggert
2 Kommentare

An Analysis of Analysis

An Analysis of Analysis

One of the pet peeves of every theory department of every Music University I know is: The general level of musical knowledge in the student body is falling. Which means: the students become worse and worse in tasks like aural training, sight reading, analysis and harmony. Of course this doesn’t mean they become worse as musicians – in fact the general level of musicianship and versatility as a musician is most certainly still rising, as the battle for the coveted orchestra jobs becomes more and more intense as there are increasingly less opportunities.

Some Universities are even insecure if their own level of theory is high enough – I recently got an email from a college in Tokyo asking me about the level of musical analysis of contemporary music in my composition department, to compare it with their own. I could not really answer them, as I’m not forced to do in-depth analysis with my students as they have to go to special classes with other professors to do it. But when I see them appear at exams I can usually note that there is a lot of suffering and angst with the subject of analysis, even with composition students who actually have to focus on such things.
I am not in the least doubting the usefulness of analysis of scores. I have done it myself countless times and have learned a lot. But sometimes I doubt if the way we teach analysis is the correct way – or to put it differently: is our way teaching analysis overlooking some aspects that are actually much more important to understand the meaning of a piece?

Because the art of music is partly an art of mathematical proportions and symmetry a lot of focus is spent on exactly these subjects. We all have read books like “Gödel, Escher, Bach” in which Douglas Hofstadter brilliantly goes on at length about the fascinating symmetry in Bach’s fugues and brings them in a context with geometrically complex visual arts (Escher) and highly erudite mathematics (Gödel). But nowhere in the whole book is there any discussion about the possibility that even a most ingeniously constructed fugue with “perfect” counterpoint might actually end up being a completely boring piece of music. Even if – and I know that some people will see this as a sacrilege – it is written by the master himself, Bach. And yes, I have found myself waking up at a prelude when listening to the well-tempered piano, simply because the amount of musical surprises here is usually higher than in the sometimes mechanical Fugues (still, some of these fugues are of course masterworks, no doubt).

Some musical analysis is so complex that it arrives at quite banal answers. I always had a good laugh when looking at Schenker’s analysis of Beethoven’s Sonatas for example, where even a wild and crazy piece like op. 111 ends up summed up in some isolated notes and chords with scribble in-between. Is this actually the essence of op. 111? A simple cadence?

There is this nice German proverb about the forest that you can’t see because of all the trees. Or the Indian story about the blind man who cannot grasp the concept of an elephant because he is only touching parts of it. Of course these truths also apply to musical analysis – very often it goes into great details about aspects that the composer has probably not spent a lot of times on, working more intuitively probably when making his decisions (I know I do!). A lot of the current understanding of Baroque counterpoint is based on retroactively making up rules about things that the composers of the time intuitively found beautiful, very often out of simple aesthetic considerations that only made sense in a certain period of time, not later, not earlier. And it usually overlooks the fact that these composers constantly broke these rules – because they were not even aware those were rules themselves.

But if a student today creates a weird counterpoint in a style copy of a Baroque fugue today, he will get a bad mark. For originality! This is something that I have never understood – that we (at an arts university after all) give bad grades for things outside the norm, when art itself is outside the norm by definition, otherwise it’s not art.

It is interesting to compare musical analysis to let’s say text analysis or fine art analysis. The analysis of a good screenplay for example would only partly be about the typical tropes of today’s screenplays, for example the famous “3-act form”. At some point the analyzer would have to talk about characters, their relationship in the story, how they are introduced, how dialogue is handled….and most certainly about what story the screenplay actually tries to tell and if it is successful or not in doing this.

In (fine) art analysis there is also talk about things like the golden mean, or what materials the artist used, and how he used them. At some point though there absolutely would have to be talking about psychological elements: how the painting is perceived, how the artist draws attention to certain details, what emotions the picture conveys.

When I compare musical analysis to the analysis of the painting I feel constantly that the musical theory tells me which way the single hairs of the brush went, but very little about WHY the brush went this or another way. I read about intervallic relationships, spectral analysis, modes, techniques for the organization of polyphony….in short: I read a lot about “material”, very little about the spirit of a piece. Is it exciting? Is it boring? Is it funny? Is it crazy?

The analysis of “material” is very shy talking about important aspects like “inspiration” or “keeping up the interest of the listener”. A listener will not like a piece more because he hears a perfectly realized serial counterpoint, there have to be other things that keep up his interest: dynamics, variety, surprise and yes….mostly good old craziness! There is no rule that you can make up to create an exciting piece, there always is an element of indeterminacy, of spontaneity, of intuition by the composer. Of course we can all tell that a composer like Brahms preferred the low registers, but there is no system behind it, it was simply a decision of personal taste, from instance to instance, with no specific rule behind it like “you have to write in the low register”. Actually, if there had been a rule like this at work in Brahms’ oeuvre his music would be much more boring than it actually is (and it isn’t).

There is no “perfect” musical analysis, I know. But perhaps we can try to put the focus on things that are more interesting than counting the bars of the exposition, or when the piece modulates to what, or what tone material was used, or which techniques were used to transform and permutate it. I personally find these “findings” extremely trite and boring, even though I know that there a lot of people who get a kick out of them.

Still, if we find a different approach to musical analysis that perhaps resonates more with the actual experience of listening to the piece for the first time (where you don’t count bars or listen to inversions) our students might actually become more interested in it.

Moritz Eggert