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Deutschland im Herbst ( IV ): Altes Brot / Mittwoch aus Licht

 

Vor drei Wochen waren wir in der Stockhausen-Premiere „Mittwoch aus Licht“ an der Deutschen Oper Berlin. Das Foyer des ehrwürdigen Hauses erstrahlte in stolzem Glanz. Elektronikklänge wallten und schwirrten durch den Raum. Gleichzeitig schien nachmittags um fünf die letzte Septembersonne über die Köpfe der angeregt sich unterhaltenden Premierengäste. Aufgeregt versammelten sich alle in dem bekannten und geliebten großen Zuschauerraum.

Wie essen seit Monaten altes  Brot. Altes Brot schmeckt nicht viel schlechter als neues Brot, einige sagen sogar besser. Wir haben eigentlich schon seit Jahren immer beim Bioladen morgens das Brot vom Vortag zum halben Preis gekauft. Bei den Preisen seit dem Ukrainekrieg und dem Irankrieg und der Energiekrise macht das ganz schön viel aus.

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Priesterlich gekleidete ChoristInnen betraten als erstes die Bühne und hielten a capella, angeführt von dem tollen Chorleiter Jeremy Bines, eine „Welt-Parlament“ genannte, heiter-euphorische musikalische Versammlung ab. 50 Minuten Chorklang aus der Tiefe der Stimme, schlichtweg überwältigend war das, ein großartiges Erlebnis. Auch mal humoristisch, auch mal dramatisch. Fulminant wie ein Gospelchor!

Seit einigen Monaten hat sich das aber nochmal gesteigert! Wir haben nämlich Nachbarn, also genauer gesagt die Verwandten von den Nachbarn, und einen Gartennachbarn, also genauer gesagt den Freund von dem Gartennachbarn, die sind bei „Good to Go“ und „Foodsavers“, oder so ähnlich heißen die, das sind so Essensrettungsorganisationen per Smartphone gegen das Wegwerfen. Seit geraumer Zeit also klingelt bei uns abends unser Nachbar oder aber es ruft unser Gartennachbar über den Zaun, und beide halten in ihren Händen riesige Stoffbeutel bis oben gefüllt mit alten Brötchen und Broten: „Nehmt so viel ihr wollt! Es ist sowieso viel zu viel!“

Nach der folgenden Pause lungerten solistische MusikerInnen des französischen Ensemble Le Balcon in reich verzierter bunter Tracht  auf der Bühne herum, einige hatten Zöpfe wie Asterix und Obelix. Sie spielten ein jazzig-intuitives Jamboree, alles auswendig . Etwas ermüdend war die nach kürzester Zeit ersichtliche Reihenfolge der MusikerInnen mit jeweils immer einer solistischen Episode. Auch war der durchwegs tolle organische Klang der MusikerInnen, für den Stockhausen ja durchaus auch berühmt ist, auf die Dauer zu eintönig. Es fand auch selten ein wirklicher Tempowechsel statt. Der Bauplan bestand darin, dass die MusikerInnen immer einem ihnen speziell zugedachten wuseligen elektronischen Zuspielband folgten. Das dauerte alles so etwa eine Stunde.

Wir gehen dann unsererseits wiederrum noch zu unseren Nachbarn über uns oder im Falle des Gartens zu anderen Gartenfreunden, und geben auch nochmal so viel weiter, wie wir bekommen haben. Es ist fast wie ein biblisches Brotvermehrungswunder! Und alles umsonst! Wo kommt all dieses Brot her?

Und dann kam direkt die Filmeinspielung des  Helikopterquartetts, das mittlerweile ja bereits Kultstatus hat. Ich habe davon mal als alleiniger Gast in einem Szenekino in Kreuzberg einen Kinofilm gesehen, ein tolles Erlebnis! Hier war alles durch die moderne Technik noch perfektioniert. Die Helikopter, gelb, perfekt gefilmt mit Drohnen. Das Klanggemisch von Propellern und Streichinstrumenten, perfekt als bratziger Sound zusammengefasst. Der anarchische Charme der ganzen spleenigen Idee blieb dabei etwas auf der Strecke. Auch hatte die majestätische Kulisse der Salzburger Alpen in dem Kinofilm meiner Erinnerung natürlich eine andere Wucht als brandenburgische Fläche, gefilmt wie in einer rbb-Heimatsendung. Jubelnder Szene-Applaus von allen, die in diese Premiere so reingerutscht waren. Es folgte wieder eine längere Pause.

Einhelliger Konsens: das wird ja sonst weggeschmissen. Manchmal zögern wir dann: na ja, eigentlich sollte es ja dann der „Tafel“ oder anderen Obdachlosenvereinen zukommen, aber die können das gar nicht mehr annehmen, und klar, irgendwie unlogisch, dass jetzt die privilegierten Schichten mit Smartphone-Apps dieses ganze Brot abgreifen, aber es wird ja zumindest großzügig gestreut.

Mittlerweile war es Abend geworden, die Tageszeit, wo mein Biorhythmus so langsam in den Keller geht. Aber darin lag es nicht allein, wenn der letzte Teil, das sogenannte „Michaelion“ bei mir so langsam mehr und mehr im Sumpf der kompletten Verständnislosigkeit versank. Hätte man beispielsweise die verdrehten Texte des Meisters  – meine Frau fragte mich irgendwann verständnislos: „war der vielleicht völlig bekifft?“ –  nicht als Videotext mitlesen können, hätte man also vielleicht gar nicht erst versucht, irgendetwas zu verstehen, wäre es insgesamt vielleicht leichter gewesen.

Ich erinnere die Zeit vor diesen Ereignissen. Da war das Brot so teuer geworden, dass wir Brötchen eigentlich überhaupt nicht mehr gekauft haben. Die gab es sozusagen nur noch aus Zufall irgendwo am Rande mal, aber gekauft haben wir sie nicht mehr. Die plastikverpackten Großmengen zum Selbstaufbacken lehnen wir nämlich auch ab. Und die einzelnen Brötchen waren uns einfach zu teuer.

Es spielte ein Kamel, das von Pantominen gegeben wurde, eine irgendwie hervorgehobene Rolle. Es kackte zum Beispiel farbige Kugeln. Es wurde als Präsident gewählt. Die ChoristInnen und MusikerInnen betraten immer nach strenger Choreographie die Bühne, spielten oder sangen kurz und traten dann wieder ab. Einmal formierten sie sogar ein fast klassisches Opern-Ensemble, das zusammen nach vorn an die Rampe trat. Aber die Musik – ich muss es sagen und weiß gleichzeitig: was steht es mir an, Stockhausen zu kritisieren – mäanderte so vor sich hin, fand kein Ende, ging immer wieder los. Große Ermüdung am Schluss.

Jetzt essen wir also alte Brötchen. Dabei kann man feststellen, dass sich die Biobrötchen viel, viel länger halten als konventionelle, die superschnell staubtrocken werden. Wir sind dazu übergegangen, die überzähligen alten Brötchen auch noch einzufrieren. Also liegen bei uns neben dem Brotkorb jetzt immer so Gefrierbeutel mit einer kleinen Menge an Brötchen, die auf den Toaster kommen.

Die geschilderte Reihenfolge der Reaktionen auf die Teile: Überwältigte Begeisterung, sich verlierende Langatmigkeit, anregende bis nervige Zumutung, völlige Erschöpfung und innere Grenzziehung , trifft eigentlich ganz gut mein Verhältnis zu dieser Opernmusik. Andere können damit besser umgehen als ich. Ein König, der ihm wie Wagner ein eigenes Opernhaus geschenkt hätte, fand sich in unseren Zeiten nicht mehr.

Neulich gab es plötzlich auch belegte Brötchen oder Kuchenteile, auch das war irgendwo übrig geblieben. Oder sogar veganer Kräuterkäse. Was kommt als Nächstes? Das sind so unsere Probleme.

 

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