Wenn man falsch bei Wikipedia abschreibt – oder: Warum sich gute Programmheft-Autoren lohnen
Selbst Oma Lehmann weiß: Wikipedia irrt manchmal – beziehungweise die Autorinnen und Autoren, die dort Artikel anlegen beziehungsweise bearbeiten.
Und Opa Lehmann weiß, dass sich seit Bestehen von Wikipedia (seit 2001) dort selbstverständlich auch viele Spaßvögel tummeln. Diese finden es witzig – und eventuell war ich vor ungefähr zwei Jahrzehnten davon auch in einem einzigen Fall (einen angeblichen Barockkomponisten betreffend) nicht ganz frei –, Quatsch in die Wikipedia hineinzuschreiben. Offensichtliche Falschbehauptungen fallen vor allem im Zeichen häufig besuchter Artikel auf – und werden meistens binnen Sekunden wieder getilgt beziehungsweise erst gar nicht zugelassen.
Begibt man sich aber eben in die allerabgründigsten, gesellschaftlich randständigsten, unbeliebtesten, unpopulärsten Wikipedia-Gefilde hinein – sprich: liest man ab und zu Artikel aus dem Themenfeld „klassische Musik“ –, dann merkt man alsbald: Vor allem hier bleibt viel Quatsch einfach stehen. Teilweise über sehr lange Zeit.
Im Wikipedia-Artikel über den Komponisten Claus-Steffen Mahnkopf stand dort noch vor einigen Jahren …

Den dort erwähnten Cellisten beispielsweise hat es nie gegeben.
Schon fast legendär ist eine frühe Version des Artikels über Manfred Trojahn …


Es geht natürlich auch etwas weniger lustig, aber dafür fast genauso falsch.
Schon wiederum vor vielen Jahren fiel mir in dem Artikel über Joseph Haydns Sinfonie Nr. 88 G-Dur die angeblich von Johannes Brahms stammende Aussage zu dem Largo-Satz bei Haydn auf. Brahms, der zu solchen Begeisterungsstürmen in seinen Briefen nun wirklich nicht neigte, soll gesagt haben: „So wie dieser Satz sollte meine Neunte Sinfonie klingen!“ Das ist nicht besonders subtil und im Grunde sehr auffällig falsch. Brahms hat schließlich nur vier Sinfonien komponiert und er konnte absehen, dass es nie zu der Fertigstellung einer neunten Sinfonie (das Ganze soll natürlich ebenso larrymäßig auf Beethoven „anspielen“) kommen wird.
Irgendwann beschwerte sich auch mal jemand über dieses Zitat und forderte eine Quellenangabe ein. Die wurde auch eingesetzt. Nur: Ich habe die Quelle überprüft – und nichts dergleichen steht bei dem als „Überlieferer“ angegebenen Donald Francis Tovey.
Das hat aber etwaige Dramaturg:innen nicht davon abgehalten, das angebliche Brahms-über-Haydn-Zitat zu verwenden …

Ein letztes Beispiel: Im Wikipedia-Artikel über Alban Bergs Violinkonzert findet sich bis heute (6. Mai 2026) folgender Hinweis …

Das ist der besagte Takt 222 …

„Nacheinander folgen die Töne b, a, c, h“: Ähm … nein!
Vielleicht hätte der Kollege, der dieses Programmheft zu verantworten hat, besser mal selbst in die Partitur geschaut. In dem Programmtext heißt es aber …

Das Problem: KI-Tools verstehen Wikipedia-Artikel als seriöse Quelle – und so werden diese falschen Behauptungen in die Welt getragen.
Hier zeigt sich final: Es lohnt sich, in echte, gute Programmheft-Autoren zu investieren. Zwinkersmiley.
Arno Lücker wuchs in der Nähe von Hannover auf, studierte Musikwissenschaft und Philosophie in Hannover, Freiburg - und Berlin. Er arbeitet als Autor (2020 erschien sein Buch »op. 111 – Beethovens letzte Klaviersonate Takt für Takt«, 2023 sein Buch »250 Komponistinnen«), Moderator, Dramaturg, Pianist, Komponist und Musik-Satiriker. Seit 2025 ist er Dramaturg an der Staatsoper Hannover. Seit 2004 erscheinen regelmäßig Beiträge von ihm in der TITANIC. Arno Lücker ist Bad-Blog-Autor der ersten Stunde, Fan von Hannover 96 und den Toronto Blue Jays.

