Facebook Must Die

Facebook Must Die

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Wir erleben momentan die erste globale Krise der sozialen Netzwerke. Massenkündigungen bei Twitter wie Facebook und die zunehmende Enttäuschung und Abwanderung von Usern könnten der Beginn eines nicht unbeträchtlichen Relevanzverlusts der Giganten in diesem Feld sein. Und seien wir Mal ehrlich – wer von uns hofft nicht insgeheim, dass dieser ganze zeitraubende Quatsch den Bach runtergeht? Ich zumindest tue es inständig.

Aber bleiben wir realistisch – die Macht dieser Netzwerke wird am Ende ungebrochen sein, wenn es keine besseren Alternativen gibt. Gäbe es diese aber, wäre die Sache sicherlich anders.

Schon jetzt zeigt sich, dass das Internet von der jungen Generation ganz anders genutzt wird als von der mittelalten bis älteren Generation. Junge Menschen findet man auf Facebook und Twitter eher selten – sie meiden die endlosen Kommentarspalten und haben noch nicht so viele nostalgische Erinnerungen gesammelt, dass sie sie ständig mit anderen teilen müssen. Instagram und TikTok können auch toxisch sein, sind aber wesentlich flüchtiger und oberflächlicher als die Timeline bei Facebook, und vielleicht ist genau das ihre Attraktivität.

Das Internet begann mit dem heimlichen Versprechen, jeden zum Star zu machen. Aber mit dem Niedergang von zum Beispiel myspace hat sich gezeigt, dass man eigentlich nur eine öffentliche Selbstdarstellung braucht, wenn man etwas zu verkaufen hat oder freiberuflich seine Arbeit bewirbt. Ansonsten ist das viel zu anstrengend, denn letztlich ist Selbstdarstellung PR, und PR ist harte Arbeit. Influencer und Videoblogger können zwar mit Werbung viel verdienen, aber genau das prägt dann auch ihre Beiträge, die immer unfrei und in den Diensten eines Marketings sind. Sie müssen „content“ liefern, um aktuell zu bleiben, und auch das ist letztlich eine Art Job, der ganz sicher nicht nur aus Spaß besteht und mehr als ein Hobby ist. Die größte Nachhaltigkeit entsteht vielleicht noch bei youtube, wo ein gutes Video noch Jahrzehnte später Zuschauer:innen finden kann, aber youtube kann man wegen der Werbung auch nur noch in der Bezahlversion ertragen und auch dort herrschen leider die Algorithmen.

Meine Hoffnung ist ja, dass Internet, Handy und Co irgendwann so alltäglich und banal geworden sind, dass sie an Interessantheit endgültig verlieren. Auf der anderen Seite kann man sicher sein, dass die einmal möglich gemachte digitale Kommunikation inzwischen als so normal empfunden wird, dass man auch nicht mehr ohne sie kann.

Aber wir alle wissen doch ganz genau, was an den sozialen Medien nervt und was der Grund dafür ist: Kommunikation unter der Knute eines finanziellen Interesses. Ich bin sicher, dass für Twitter und Facebook die Bereitstellung der grundsätzlichen Kommunikationsfunktionen der kleinste Teil des Geschäfts ist. Der wichtigste Aspekt ist ganz sicherlich, wie sie mit Algorithmen die Vorlieben der User immer perfekter analysieren und sie möglichst lange an die Bildschirme fesseln können, denn genau das bringt Geld.

Das erzeugt die allseits bekannten „Filterblasen“, trägt aber auch konkret zur Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft bei. Warum? Weil mich die Algorithmen zum Widerspruch ermutigen.

Während der schlimmsten Coronazeit machte vielleicht mancher von uns den Fehler, einen coronaleugnenden Post auf Facebook zu kommentieren und höflich auf Fehler in der Argumentation hinzuweisen. Genau das aber ist eine „Interaktion“, die Facebook will, denn dann verbringe ich Zeit auf der Plattform. Während ich den Kommentar schreibe, bekomme ich alle mögliche Werbung um die Ohren gehauen und clevere Cookies analysieren, welche Webseiten ich sonst noch geöffnet habe, und personalisieren die Werbung dementsprechend.

Der Effekt ist also, dass ich immer mehr coronaleugnende Posts zu Gesicht bekomme, da Facebook merkt, dass ich damit interagiere. Ich rege mich also immer mehr darüber auf, schreibe noch mehr Kommentare, verbringe noch mehr Zeit auf der Plattform und die Kassen bei Facebook klingeln. Ohne soziale Medien wäre manche Diskussion mit Querdenkern vielleicht ganz anders verlaufen, vielleicht hätte es Annäherungen gegeben, stattdessen schicken uns die Algorithmen in immer neue Gladiatorenkämpfe, die wir eigentlich gar nicht wollen.

Umgekehrt nervt es auch: „like“ ich einen Post von Freunden, bekomme ich immer mehr davon zu Gesicht, fühle mich immer mehr verpflichtet, weiter zu „liken“. Vielleicht will ich aber gar nicht jeden Tag Katzen- und Babyfotos dieses Freundes sehen, da ich diese ganzen Infos nicht immer brauche und damit überfordert bin. Auch das kann anstrengen: „Freundschaften“ die plötzlich in Angelegenheiten verpflichtend werden, die gar nicht nötig sind. Will ich wirklich sehen, wie mein Chef aus dem Büro sich auf den Malediven am Strand räkelt? Brauche ich das? Facebook sagt ja.

Und natürlich unterscheidet Facebook auch nicht die wirklich engen von den nicht so engen Freunden, man selbst erstellt ja auch nicht ständig Ranglisten. Man interagiert also ständig mit wesentlich mehr Personen, als es einem eigentlich guttut, und man bekommt auch mit, wenn der Onkel der Freundin des Freundes der Cousine im Krankenhaus liegt und macht sich Sorgen, obwohl man diese Person noch nie in seinem Leben kennengelernt hat.

Das alles überfordert uns und macht uns unglücklich. Verbringen wir Zeit auf Facebook und Twitter, schaut uns das ganze Leid wie auch die ganze Eitelkeit der Welt an. Wir machen uns Gedanken über Personen, mit denen wir nicht das Geringste zu tun haben, werden mit Informationen überflutet, von denen wir nur die wenigsten wirklich brauchen.

Nun gut, dass ist bekannt. Aber was wäre die Alternative?

Ich denke, es gäbe sie.

Mir kam neulich ein ketzerischer Gedanke, den ich immer mehr Menschen erzähle, und vor wenigen Tagen erfuhr ich sogar, dass diesen Gedanken schon andere hatten.

Facebook muss sterben, und wir brauchen eine Alternative.

Wer sorgte eigentlich in unserem Land einst dafür, dass wir miteinander kommunizieren können? Die Deutsche Bundespost, der staatseigene Fernmeldebetrieb, der das Kommunikationsnetz aufbaute und bis zur Privatisierung weiterentwickelte. Und wer sorgte einst allein dafür, dass wir Nachrichten bekommen, stellte Entertainment und Bildung bereit für die gesamte Bevölkerung? Die Öffentlich-Rechtlichen. Es gibt nur noch wenige staatliche Betriebe, aber die Öffentlich-Rechtlichen gibt es (gottseidank) noch.

Und daher wünsche ich mir ein soziales Netzwerk der Öffentlich-Rechtlichen.

Ein solches Netzwerk hätte einen entscheidenden Vorteil: es wäre nicht kommerziell motiviert. Stattdessen hätte es einen Bildungsauftrag und die Verpflichtung, demokratische Strukturen zu unterstützen. Und genau das brauchen wir im Moment. Wir müssen die Kommunikation mit unseren Mitmenschen wieder aus den Händen derjenigen befreien, die damit Geld machen wollen.

Wenn man früher beim vielbeschworenen „Stammtisch“ in der Kneipe saß und über Gott und die Welt redete, hatte vielleicht der Wirt das kommerzielle Interesse, uns Bier zu verkaufen. Aber er setzte uns nicht an von ihm ausgesuchte Tische und mischte sich auch nicht in unsere Gespräche ein. Genau das tut aber Facebook. Facebook ist kein netter Wirt, so viel kann man sagen.

Die Öffentlich-Rechtlichen wären ein besserer Gastgeber – denn sie haben keinerlei Interesse daran, mehr oder weniger zu verdienen, solange es einen funktionierenden gleichbleibenden Rundfunkbeitrag gibt. Und das ist gut so.

Wir mögen alle darüber schimpfen, wenn uns der neue „Tatort“ nicht gefällt, oder Gottschalk zum tausendsten Mal „Wetten das“ moderiert, aber im Grunde ist es sehr liebenswert und schön, dass weder der „Tatort“ noch Gottschalk uns penisverlängernde Medikamente verkaufen wollen und sie auch nicht mit Verschwörungstheorien und der Ermöglichung von Hate Speech um Aufmerksamkeit heischen. Ich verzweifle manchmal an drögen und wenig wagemutigen Entscheidungen von Fernsehredakteuren, aber wären sie zuständig für ein unauffällig funktionierendes soziales Netzwerk, das mich nicht nervt und in Ruhe lässt, fände ich es super, denn da fände ich eine gewisse Gediegenheit angenehm. Ein gutes soziales Netzwerk muss weder große Kunst noch eine Geldmaschine sein, es muss eigentlich einfach nur Funktionen der Kommunikation zur Verfügung stellen.

Denn letztlich ist ein „langweiliges“ und vollkommen absichtsloses soziales Netzwerk das Beste, was uns passieren kann. Man stelle sich vor: ich logge mich in ein Netzwerk ein, dass mir vollkommen freistellt, wie viel Information ich preisgebe, weil es ihm vollkommen egal ist und es mir nichts verkaufen will. Ich kann dort Videos und persönliche News teilen, aber nur an echte Freunde und nicht an anonyme Bots, denn in diesem Netzwerk kann ich nur einen einzigen Account mit meinem Namen haben, und der darf auch nicht anonym sein.

In diesem Netzwerk werde ich nur zufällig ausgesuchte Posts in meiner Timeline haben, oder nur die Posts, die mich wirklich interessieren, weil ich gezielt danach suche. Keinerlei Algorithmen erzwingen meine Aufmerksamkeit. Ich kann jederzeit selbst bestimmen, was mich interessiert und was mich nicht interessiert.

Ein solches öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk hätte einen weiteren Vorteil: Zugang zu den umfassenden Archiven unserer Sendeanstalten. Wenn ich will, kann ich mir jederzeit die Tagesschau aus dem Jahre 1952 anschauen, finde Kultur- und Sportsendungen aus der gesamten Geschichte der Bundesrepublik und sehe Nachrichtensendungen, die mich weder manipulieren noch aufhetzen wollen (dass daran hartnäckige Verschwörungsgläubige beständig zweifeln, ist für mich das beste Argument, eher diesen Nachrichten zu trauen als zum Beispiel Bodo Schiffmanns Telegram-Channel, in dem es von bewussten Fehlinformationen und Lügen nur so wimmelt).

Ganz ehrlich, Freunde, wäre das nicht schön? Ein Netzwerk, das nur der Kommunikation dient, und damit eine Verpflichtung erfüllt, die einst Staatssache war, von Steuergeldern und Grundgebühren finanziert und zu großer Zufriedenheit aller erfüllt wurde? Selbstverständlich wäre das nicht das Ende der kommerziellen Netzwerke wie Facebook und Co, aber gäbe es ein solch öffentlich-rechtliches „ARD/ZDFbook“, würden es immer mehr Menschen als praktische und weniger nervenaufreibende Basis nutzen und die kommerziellen Netzwerke eher als wilde Spielwiese, die nicht alle interessieren muss. Mit einem solchen nichtkommerziellen sozialen Netzwerk würde auch ein Gigant wie Google deutlich an Macht verlieren, denn dessen Macht basiert auch auf den Werbealgorithmen der kommerziellen Netzwerke.

Und: diese Netzwerke gab es ja eh schon. Wer erinnert sich noch an die Anfänge des Internets und an dessen Vorläufer BTX (oder in Frankreich Minitel)? Diese Plattformen ermöglichten damals genau das mit noch bescheidenen technischen Mitteln, was wir heute auch nutzen. Das Ganze war also schon einmal in staatlicher Hand, und das hat auch niemanden gestört oder frustriert, denn auch das Telefonieren wurde einst als Bürgerservice konzipiert, nicht als kommerzielles Geschäft.

Aber leider ist es nicht so einfach. Obwohl es (wie ich neulich erfuhr) durchaus erfolgreiche Versuche gab, in den 90er Jahren so etwas wie öffentlich-rechtliche Netzwerke und Diskussionsplattformen zu errichten, wurden diese Initiativen im Keim erstickt, da sie nicht dem staatlichen Rundfunkauftrag entsprachen.

Diesen könnte man aber ändern, das wäre einfach nur eine Frage eines Gesetzesentwurfes. Schließlich sollte es im Interesse unserer Demokratie sein, gesellschaftlicher Polarisierung vorzubeugen und die Kommunikation wieder in die Hand der Bürgerinnen und Bürger zu geben – ohne jegliches Interesse, damit Geld verdienen zu wollen.

Daher: Facebook must die. Es lebe die Kommunikation. Es lebe die Demokratie.

Wären wir nicht alle froh, wenn eine solche Idee realisiert würde? Ich zumindest wäre User Nummer 1, das verspreche ich.

 

Moritz Eggert

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