Aus Liebe zur Musik – Abschied von Peter Sadlo

Aus Liebe zur Musik – Abschied von Peter Sadlo

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Dass er nicht mehr unter uns ist, kann man kaum glauben. Ganz plötzlich wurde er aus dem Leben gerissen, stand gerade eben noch auf der Bühne. Wir hatten schon das nächste gemeinsame Konzert geplant, vor ein paar Wochen noch hatte ich ihm zugewinkt während er – umtriebig wie immer – durch die Gänge der Hochschule eilte.

Dass Peter ein ganz außergewöhnlicher Mensch war, werden alle seine Freunde bestätigen können. Er war zuallererst einmal ein absoluter Ausnahmemusiker. Peter auf der Bühne zu erleben war immer ein Geschenk. Ich kann mich noch gut erinnern wie ich – gerade erst als Erstsemesterstudent in München angekommen – zum ersten Mal in ein Konzert im Gasteig ging. Auf dem Programm stand „Schlagzeugmusik mit Peter Sadlo“. Peter war damals schon eine Größe, und das war mir durchaus bewusst, aber dass ich ein ganzes Konzert mit offenem Mund dasitzen würde hätte ich nicht geahnt. Dieser Mann konnte alles, kein Tremolo war ihm zu schwer, kein Sprung unmöglich. Dieser damals schon große und imposante Mann schien plötzlich nur noch 100 Gramm zu wiegen, so leichtfüßig sprang er hinter dem Marimbaphon umher. Dabei beeindruckte nicht nur seine phänomenale Spieltechnik sondern auch seine natürliche umfassende Musikalität, die man so an keiner Musikhochschule der Welt erlernen kann. Er war immer auch Entertainer, für die Bühne geboren. Dort fühlte er sich immer zu Hause.

In meinen ersten Jahren in München war Peter mein ständiger Begleiter, obwohl wir uns noch gar nicht kannten. Als Pauker der Münchener Philharmoniker unter Celibidache hatte er die fast schon unheimliche Fähigkeit, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, selbst wenn er hundert Takte Pause hatte. Auch in den Pausen war er präsent, weil er immer die Musik miterlebte, nie entspannte, immer mitging.

Für Celis meist langsames Dirigat hatte Peter eine spezielle Schlagtechnik entwickelt, die ich so nie wieder gesehen habe: um auf keinen Fall zu früh zu spielen (was Paukern gerne passiert) vollführte er vor jedem Ton eine Art verzögernden Doppelschlag in der Luft, der so perfekt mit Celis Schlag getaktet war, dass er immer exakt mit dem Orchester zusammen war. Man wartete im Publikum geradezu auf jede Paukenstelle um dieses Wunder zu erleben. Dabei war er immer Showman, aber eben Showman im Dienste der Musik. Diese Kombination gibt es nicht oft.

Irgendwann hatte ich dann doch mit ihm persönlich zu tun, und zwar bei einer Uraufführung einer Oper meines Freundes Jan Müller-Wieland bei der Münchener Biennale, die für 3 Schlagzeuger und 3 Pianisten besetzt war. In gewisser Weise wunderten wir uns alle, warum ein Star wie Peter überhaupt bei einer solchen „Off“-Produktion mitmachte, in einer Probenpause verriet er mir den Grund: „Ich will, dass Henze mir ein Schlagzeugkonzert schreibt“. Henze war begeistert von Peter, dennoch wurde – leider – aus diesem Projekt nie etwas. Aber das war Peter dann letztlich auch egal, denn er hatte trotzdem Spaß gehabt, hatte bei der Aufführung wieder hinter den Schlaginstrumenten getanzt und zwei seiner Studenten einen guten Job verschafft. Letzteres war ihm besonders wichtig, denn er war nie nur Lehrer sondern immer auch Kollege.

Bei dieser Produktion freundeten wir uns an, und seitdem hatte ich zu meiner großen Freude immer wieder mit Peter zu tun. Er suchte immer den Kontakt zu Komponisten, denn wie alle Schlagzeuger war er ständig auf der Suche nach herausforderndem neuen Repertoire. Zahllose Komponisten erfüllten ihm diesen Wunsch, und so sind allein durch Peters Einsatz Werke entstanden, die nun fester Teil des Repertoires sind. Auch ich schrieb gerne und oft für ihn, und das waren immer Glücksmomente, denn bei Peter wusste man, dass die Stücke in besten Händen waren.

Schlampigkeit war seine Sache nie – mit einer gewissen fränkischen Beharrlichkeit ging er alles an: Das Üben, das Lernen, das Proben, das Unterrichten und nicht zuletzt auch Honorarverhandlungen (für die er berüchtigt war). Peter kannte seinen Wert, war extrem selbstbewusst, war aber dann auch von einer unendlichen Großzügigkeit anderen gegenüber. Einmal verriet er mir, wie er ein neues Stück lerne: ganz langsam und gründlich, maximal eine Seite pro Tag. Jeden Bewegungsablauf trainierte er so lange ein, bis er ihn total verinnerlicht hatte. Daher wirkte auf der Bühne alles so leicht!

Bis heute denke ich beim Üben oft: wie würde Peter das üben? Und dann gehe ich es ganz langsam an, bis alles sitzt. Das vermittelte er auch seinen Studenten – seine Studenten forderte er heraus wie einer Art strenger Vater der gleichzeitig auch Kumpel sein konnte. Die Probenräume der Schlagzeugklasse zu besuchen war immer eine Freude, denn dann wusste man, dass mit Spaß und viel Gelächter geprobt wurde. Dabei blieb Peter immer auch kleiner Junge: er konnte sich wahnsinnig über von ihm gefundene Effekte oder neu entdeckte Instrumente freuen und führte diese dann stets stolz vor. Er trommelte auf allem was er fand, getrieben von einem nicht enden wollenden Spieltrieb der ihm auch in anderen Bereichen des Lebens antrieb, unter anderem in der Wahl seiner Autos.

Wer ihn besuchte, wurde mit großer Herzlichkeit auf seiner Terrasse bewirtet, dann durfte man ins Allerheiligste und seinen eigens für ihn gebauten Probenraum besuchen. Dort war Peter in seinem Element und zeigte seltene afrikanische Trommeln, Mülltonnen die wie Gongs klangen und seltsam geformte Rohre in die man rhythmisch hineinblasen konnte. Als Komponist hatte ich dann immer das Gefühl, dass selbst mehrere Leben nicht ausreichen würden, um Musik für Peter zu schreiben, so unerschöpflich war seine Neugier nach neuen Klängen.

Ach Peter, wie gerne hätten wir Dich alle noch möglichst lange erlebt. Du warst eine musikalische Naturgewalt wie es sie nie wieder geben wird. Wo Du warst ist nun ein riesiges Loch, das man nicht zu füllen vermag. Aber Deine Legende, Dein Erbe lebt weiter – durch Deine wunderbaren Studenten, durch die Neuerungen im Schlagzeugspiel, durch Deinen unermüdlichen Einsatz für Musik, aus Liebe zur Musik. Nicht nur Steve Reich – gerade zu Besuch in München – schwärmte von Dir und Deinem pädagogischen Erfolg („This guy – Peter Sadlo – he is incredible“), wir alle waren wahnsinnig stolz auf Dich und was Du für die Musik und ganz besonders für die Neue Musik getan hast. Man hätte Dir noch oft persönlich dafür danken wollen, am besten bei einem guten fränkischen Wein, zusammensitzend, nach dem Konzert.

Mach es gut, mein Lieber. Danke Dir für Deine Musik.

Der Himmel hätte noch warten können, aber nun wird dort auf jeden Fall viel schöner getrommelt als bisher.

Moritz Eggert

 

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