Abschied von einem Helden der Jugend: Keith Emerson

Bei den vielen Nachrufen auf den Keyboarder und Pianisten Keith Emerson fallen immer wieder ähnliche Sätze: „er hat mir gezeigt, dass klassische Musik cool ist“, „ohne ihn wäre ich nicht zur klassischen Musik gekommen“, „durch ihn habe ich von Musik erfahren, die ich vorher nicht kannte“ etc.

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All dies kann ich unterschreiben – Keith Emerson war ein absoluter Held meiner Jugend, ohne den mein Leben vielleicht vollkommen anders verlaufen wäre.

Meine Mutter hatte bei ihren vielen Autofahrten zwischen verschiedenen Theatern immer das Autoradio an. Immer wenn etwas lief, was ihr gefiel, machte sie sich in einem extra bereit gelegten Notizblock Notizen und kaufte sich dann die Schallplatte. Dabei war ihr Geschmack extrem breit gefächert, und sie hörte diese Platten oft und gern, daher wuchs ich als Kind mit einer wilden Mischung aus Rolling Stones, Wolf Biermann, John Dowland und Miles Davis auf.
Auf diese Weise hatte sie auch Emerson, Lake und Palmer (ELP) entdeckt. Ich hatte so eine Musik noch nie gehört – zuerst einmal waren Synthesizer damals der heiße Scheiß und klangen genauso, wie ich mir als Science-Fiction-Fan die Zukunft vorstellte. Dann waren die Platten von ELP schlicht und einfach wahnsinnig mysteriös und damit hochspannend für einen 5-jährigen wie mich. Das berüchtigte Giger-Cover von „Brain Salad Surgery“ fand ich so gruselig, dass es mir schlaflose Nächte bereitete. Zu einem der Meisterwerke von ELP, „Karn Evil 9“, dachte ich mir die wildesten Horrorgeschichten aus, da ich es für eine Art Programmmusik hielt. „Tarkus“ wiederum wirkte wie eine seltsame Fantasy-Erzählung aus einer apokalyptischen Welt, bis heute weiß ja eigentlich niemand so genau, was in diesem Stück eigentlich so genau passiert, aber was man sich im Kopf dazu vorstellt ist viel besser als jede Erklärung.
Der Anfang dieser Platte gehört nach wie vor zu einem der geilsten in der Geschichte der Rockmusik. Dass Greg Lake und Carl Palmer das alles lernen mussten ohne Noten lesen zu können, ist nach wie vor ein Wunder.

Ich kann mich an ganze Sonntage erinnern, an denen ich nichts anderes tat, als die wachsende ELP-Plattensammlung meiner Mutter zu hören. Ich spielte mit den Fingern in der Luft und stellte mir vor ich könnte so toll spielen wie Keith Emerson, der damals als der absolute König des Keyboardspiels galt (und es auch war). Selbst ambitionierte Rock-Keyboarder wie Jon Lord, Rick Wakeman oder Tony Banks sehen bis heute gegen ihn ziemlich alt aus, denn er konnte einfach Sachen, die niemand sonst konnte.

Da meine Mutter einen Presseausweis hatte, konnte sie die meisten Konzerte umsonst besuchen. Eines Tages spielte ELP tatsächlich in Mannheim, und ich durfte mit. Es war einer der aufregendsten Tage meines Lebens – Keith Emerson zog seine legendäre Show ab und stach mit einem Messer in gigantische Synthesizertürme bis diese bluteten. Er spielte wie ein Teufel, und seine Mitspieler Greg Lake und Carl Palmer ebenso. Um mich war es geschehen: Nach diesem Konzert wollte ich nur noch eines: „Johnny“ werden und auf der Bühne stehen. Sicherlich eine Iniatialzündung für meine spätere Laufbahn. Das werde ich ihm nie vergessen.

In gewisser Weise ist Keith Emerson also genauso wichtig für mich als klassischen Musiker gewesen, wie irgendein Held der Avantgarde, vielleicht sogar wichtiger. In ihrer großen Zeit füllten ELP locker ganze Stadien und hatten als Band eine enorme Massenwirkung. Mit Wehmut denkt man an diese Tage zurück, als es anscheinend problemlos möglich war in einem Rockkonzert mit langen, komplexen und anspruchsvollen Werken ein großes Publikum zu begeistern. Ein beredtes Zeugnis davon ist die berühmte Live-Aufnahme von ELP’s Version der „Bilder einer Ausstellung“ (Lieblingsplatte mancher bärtiger Musiklehrer), bei der das Publikum angesichts der verrockten Mukssorgskij-Musik hörbar in Ekstase verfällt.

Schon mit seiner Band „The Nice“ adaptierte Emerson – der als Pianist tatsächlich nie ein klassisches Studium absolvierte und dennoch in der Lage war, perfekte Chopin-Etüden abzuliefern – populäres zeitgenössisches Repertoire wie Bernsteins „West Side Story“. Mit ELP kamen dann auch sperrigere Komponisten wie Bartok, Janacek, Copland und Ginastera hinzu. Dass deren Namen bei den Adaptionen meistens nur im Kleingedruckten oder gar nicht auftauchten, sei ihm verziehen. Immerhin hat er damit so manchen Aha-Effekt erzeugt – als ich zum Beispiel zum ersten Mal den Anfang von Janaceks „Sinfonietta“ hörte, dachte ich „das ist doch eigentlich ein Stück von ELP!“.

Emerson war hochmusikalisch und lernte das Meiste einfach durch Abhören. Dabei gelang es ihm, eine enorme stilistische Bandbreite zu amalgamieren, die der Ästhetik eines B.A. Zimmermann gar nicht fern ist. In den besten ELP-Platten treffen Jazz, Blues und Rock auf Avantgarde und Klassik, und das alles mischt sich vollkommen unverkrampft zu einem deutlich erkennbaren Personalstil. ELP waren vor allem eines: eigen. Niemand klang wie sie, niemand konnte spielen wie sie. Und sie wagten ständig Neues.

Nach der desaströsen „Works“-Tournee 1977, bei der die drei Musiker sich wegen des mitreisenden Orchesters und diversen Wirbelstürmen fast ruinierten, begann die Band sich auseinanderzuleben. Alle drei verfolgten zunehmend Soloprojekte mit eher mäßigem Erfolg. Obwohl Emerson immer die musikalisch ambitionierte treibende Kraft des Trios gewesen war, blieb er auf seinen vielen Solo-Alben relativ lasch, interessanter waren seine Filmmusiken für Dario Argento, die dem damals herrschenden Prog-Rock-Stil in Horrorfilmen entsprachen (siehe auch die Band „Goblin“, die einen eigenen Artikel wert wäre).

Aber ganz voneinander los kamen die drei doch nicht. Es gab immer wieder Bandwiedervereinigungen und neue Alben, und sie waren sich auch nicht zu schade, in kleinen Clubs aufzutreten und ihre CD’s über eigene Webseiten zu vertreiben. Emerson machte mehrere Trennungen und Ehekrisen durch, am schlimmsten traf ihn aber eine Art Sehnenentzündung, die ihn jahrelang zum Pausieren zwang und von der er sich pianistisch nie wieder erholte. Fast bitter ist es, die späteren Klavierliveaufnahmen von „Tarkus“ mit dem Original zu vergleichen – man hört richtig, wie verdammt schwer das Zeug eigentlich zu spielen war.

Emerson, der von allen Wegbegleitern als extrem warmherzig und liebenswürdig beschrieben wird, hat sich immer wieder mit Greg Lake versöhnt, obwohl die beiden sich oft bis aufs Blut über die musikalische Ausrichtung von ELP stritten. Die beiden Männer im fortgeschrittenen Alter wieder gemeinsam auf der Bühne zu sehen hatte etwas Rührendes.

Dass Emerson auch extrem sensibel war und seine depressiven Seiten hatte, wird in seiner Biografie deutlich. Und das wird ihn jetzt auch dazu gebracht haben, sich das Leben zu nehmen. Was genau aber ihn zu diesem letzten Schritt bewogen hat, zu einem Zeitpunkt an dem sich viel Schönes in seinem Leben tat und interessante Projekte anstanden, wird immer seine Privatangelegenheit sein.

Was von Keith Emerson bleibt sind tolle Platten und vollkommen verrückte Musik, die es in dieser Form wohl nicht mehr geben wird. Wer ELP noch nicht kennt, dem sei vor allem die meiner Ansicht nach perfekteste Platte des Trios ans Herz gelegt: „Trilogy“. Das ist von der ersten bis zur letzten Rille große Kunst – Rockmusik war nie mehr so avantgardistisch und frei. Man höre sich das einfach mal an:

Es ist schwer, von Helden Abschied zu nehmen.

Keith Emerson war ein Held.

„Do you not know that a man is not dead while his name is still spoken?“ (Terry Pratchett)

Moritz Eggert

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1 Antwort

  1. Vielen Dank für diesen eindrucksvollen Abriss. Ich kann dem nur zustimmen.
    Ich habe oft schon festgestellt, dass Künstler, die kein „klassisches Studium“ absolviert haben, die besseren „Ohren“ besitzen. Sie musizieren intuitiver und freier, nicht nach Regeln, wie man sie im Studium lernt. Das „freie Musizieren“, was oft schon dann ein Improvisieren ist, schafft ein verdammt feines Gehör und Gespür für Harmonien. Auch diesem Helden schien die Fähigkeit angediehen zu sein…