Träume vertonen I

„Na, heute schon gefickt?“

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So begann angeblich – nach Überlieferung durch Harald Schmidt – ein bekannter deutscher Schauspielregisseur regelmäßig seine Proben. Um seine Schauspieler zu provozieren – und so „mehr“ aus ihnen herauszuholen.

Ein anderer Regisseur, auch sein Name fällt mir nicht mehr ein, es mag Heiner Müller gewesen sein, hatte wohl die Marotte, dass er die Schauspieler bei Probenbeginn fragte, was sie letzte Nacht geträumt hätten. Angeblich wurden dann Szenen aus den Träumen, möglicherweise gar mit Bühnenelementen, soweit verfügbar, nachgestellt. Als emotionale Öffnung, für den stream of consciousness, als Inspiration für die Intensität der Probensituation – oder einfach, um einen schönen, privaten Anlass zur Improvisation zu haben.

Als ich das – also das mit den „Träume auf der Bühne nachstellen“ – hörte, und das war bestimmt noch in den 90er Jahren, gefiel mir das sehr sehr. Ich weiß nicht, wie das dann vonstatten ging. Aber ich wese ich wäre gerne dabeigewünscht.

Ich träume in der letzten Zeit viel. Mag an „dem Wetter!“, irgendwelchen Luftdruckdingen, oder an „oder so“ liegen. In jedem Fall – und ich meine, ich hätte das hier bestimmt schon einmal erwähnt – schreibe ich seit 26 Jahren Tagebuch. Will heißen: Ich habe tatsächlich seit meinem zehnten Lebensjahr über jeden Tag etwas geschrieben. Früher gab es sogar jeden Tag Notizen – and jetzt hold on to your seat! – zum Wetter (!)! Gäbe es die ach ja schon ziemlich geile Digitalisierung nicht, wären diese analogen Niederschriften für die Meterologennachwelt bestimmt eine „wertvolle“ Quelle. Nach meinem kümmerlichen – gefühlt Mitte 30 jeder Zeit bevorstehendem – Ableben versteht sich.

Träume sind natürlich auch Thema in meinen Tagebüchern. Meist direkt nach Aufwachen notiere ich fast immer einzelne Spotlights.

Als Kind war mein häufigster Traum das Fliegen. Selbstredend ohne jedwedes Gerät. In einem Traum, es war zu Grundschulzeiten, musste ich mir, um zu fliegen, lediglich ein weißes, sehr dünnes und leicht netzartiges Tuch umbinden. Ich kann mich an die Struktur dieses Tuches – ich bitte dieses Detail zu verzeihen – sehr genau erinnern und wüsste gern, wozu wir das in der Familie damals verwendet haben. Es hatte wirklich eine ganz seltsame Struktur!

Mein zweithäufigster Traum: Zahnausfall. Und zwar in massiver Form. Gerne so, dass ganze Zahnreihen in einem hopps gehen. Schon als Bub ersuchte ich das Traumdeutungsbuch meiner werten Frau Mutter um eine Interpretation von „Zahnausfall“. Das Ergebnis: „Verlustangst“. Ach. Ich träume den Zahnausfalltraum bis heute hartnäckig regelmäßig. Und jedes Mal wache ich nach Zahnausfallträumereien auf – das ist jetzt ausgedacht, klingt aber lustig, wenn ich das so behaupte – und sage in mittellauter Zimmerstärke: „Verlustangst. Verlustangst! Vielleicht habe ich Verlustangst. Und zwar Angst um den Verlust meiner Zähne, verdammt!“

Entschuldigung. Ich unterbreche hier. Ich möchte morgen weiterschreiben. Okay?

Arno Lücker wurde 1979 in Braunschweig geboren. Seit 2003 lebt er in Berlin. Dort arbeitet er als Moderator und Dramaturg. Er ist Künstlerischer Leiter der Astronomie-Musik-Reihe "Himmlische Partituren" im Zeiss-Großplanetarium Berlin, arbeitete für das Konzerthaus Berlin, das Brucknerhaus Linz und viele andere, schreibt Programmtexte für zahlreiche Orchester (Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic), macht Konzerteinführungen in der Elbphilharmonie Hamburg, der Kölner Philharmonie und anderswo. Außerdem ist er Bad-Blog-Autor der ersten Stunde und arbeitet als Kurator für die Musikstreaming-App IDAGIO.