Macht und Missbrauch

Wer sich an Macht gewöhnt, gewöhnt sich auch an eine Aura der scheinbaren Unverletzlichkeit. Man hat die Vorstellung, dass für einen selber vielleicht andere Grenzen gelten als für andere Menschen, dass man sich gefahrlos mehr erlauben kann, dass einem nichts geschehen kann. Bei Politikern und Prominenten ist oft zu beobachten, dass sie bis zum allerletzten Moment an diese Unberührbarkeit glauben. Barschel gab bis zuletzt sein „Ehrenwort“ und glaubte wohl auch selber daran, Christoph Daum hatte seine Haarprobe schon längst abgegeben und musste eigentlich wissen, dass alles herauskommen würde, stritt dennoch alles ab.

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Sexuelle Übergriffigkeit und Nötigung bis hin zur Vergewaltigung an Schulen, Hochschulen und Universitäten sind Themen, die immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Es wird immer klarer, dass hier in der Vergangenheit scheinbare Toleranz und lässige Freizügigkeit als Deckmantel für sexuelle Ausbeutung fungierten, wie zum Beispiel an der Odenwaldschule. Oft gibt es auch strenge hierarchische Strukturen, wie bei Klosterschulen oder Internaten, in denen sich ohnehin schon niemand traut, überhaupt irgendetwas zu sagen. Die Täter sind Personen mit Macht über andere: Aufsichtspersonen, Lehrer, Professoren. Dass die Dunkelziffer viel höher ist, kann man allein daran erkennen, dass absolut jeder erwachsene Mensch entweder selber solche Erfahrungen hatte oder Menschen gut kennt, denen etwas in dieser Richtung passiert ist.

Natürlich gibt es diese Vorgänge auch an Musikhochschulen. Anders als an Universitäten ist hier der Unterricht wesentlich intimer und besteht zum größten Teil aus Einzelunterricht. Professoren und Studenten haben sehr oft auch private Beziehungen miteinander, wissen viel übereinander, sehen sich häufig. So etwas wie Kompositionsunterricht ist zum Beispiel gar nicht möglich, ohne näher miteinander zu tun zu haben – es geht um Kreativität, die immer auch mit inneren Emotionen und Befindlichkeiten zu tun hat. Es ist unmöglich, das Private auszublenden.

Musikprofessoren haben durch dieses intime Wissen über ihre Studenten natürlich eine erhöhte Verantwortung, können diese Macht aber auch nutzen, um Studenten zur Befriedigung ihrer Gelüste zu benutzen, wie es immer wieder geschieht. Dann sind junge Studenten schlicht und einfach Frischfleisch für die Geilheit alternder Säcke.

Mir sind auf meinem akademischen Weg zahllose solche Fälle begegnet. Schon als Student tuschelt man über bestimmte Professoren und das Verhältnis zu deren Studenten, oder erlebt vielleicht dieses Interesse am eigenen Leib. Später erlebt man Kollegen, für die eine Musikhochschule eine Art Selbstbedienungsladen für Sex darstellt. Und hier betritt man nun heikles Territorium, denn es geht ja um Macht, und die Mächtigen sind durchaus in der Lage, sich Abhängigkeiten durch Vergünstigungen zu erzeugen. Was soll man als Studentin zum Beispiel machen, wenn sich der für die eigene Laufbahn wichtige Professor, der über zahlreiche wichtige Stipendien und Fördermittel entscheiden kann, in dutzenden von wichtigen Entscheidungsgremien sitzt, sich auf nicht angenehme Weise heranmacht? Rennt man gleich zur Frauenbeauftragten, wenn ein solcher Schritt massive Konsequenzen für die eigene Karriere haben könnte? Die Notgeilen unter den Professoren wissen diese Mittel virtuos und kunstvoll zu bedienen, und wenn sie bei der einen Studentin nicht funktionieren, kommen jedes Jahr neue nach (die man auch noch selber bei der Aufnahmeprüfung auswählen kann) und das Spiel beginnt von Neuen.

Da die direkte Abhängigkeit vom Professor bei Musikhochschulen viel höher ist als an einer anonymen Großuniversität, sollte es daher nicht erstaunen, dass es zu relativ wenig Anzeigen oder Beschwerden deswegen kommt, zu groß ist die Scham, die Angst von persönlichen Konsequenzen. Schon anderswo verhindert Scham die Anzeige von zahllosen sexuellen Delikten, an den Musikhochschulen kommt noch die Furcht vor dem Karriereaus hinzu.

Natürlich gibt es Studenten, die der Verlockung verfallen, auf persönliche Vergünstigungen hoffen und sich aus diesen Gründen auf Dinge einlassen, die sie vielleicht selber erst einmal gar nicht wollen. Dann stellt sich aber die Frage, inwieweit man diesen Studenten diese Verführung angedeihen lassen soll, denn es handelt sich faktisch um noch sehr junge, unsichere und noch formbare Menschen. Wer ist schuldiger, derjenige der die verbotene Droge kauft und ihr verfällt, oder derjenige, der sie zum eigenen Vorteil herstellt und anbietet? Der Verführer ist immer schuldiger als der Verführte.

Ein beliebtes Argument der sexuellen Ausbeuter ist, dass es sich ja um Erwachsene handele, Studenten tun und lassen könnten was sie wollten und viele es ja auch gut fänden, etwas mit dem Professor zu haben, weil das ja so dufte Typen sind. Es gibt natürlich Fälle von echter Liebe zwischen Professoren und Studenten, verboten sollte das nicht sein. Meistens kann man aber die verschiedenen Typen von Professoren sehr wohl unterscheiden – diejenigen die an einer ernsthaften Beziehung interessiert sind und eine solche durch die mögliche Abhängigkeit heikle Beziehung verantwortungsvoll und sensibel angehen, und diejenigen, die diese Abhängigkeiten eher geheim halten und ständig wechselnde studentische Partner haben. Letztere sind selten an echter Liebe interessiert, es geht ihnen vor allem um Selbstbestätigung.

Wie kann es im guten Sinne funktionieren? Ein Beispiel: Ein sehr guter Freund von mir verliebte sich ernsthaft in eine Studentin und sie in ihn – sofort machte er die Beziehung öffentlich und verließ alle Entscheidungsgremien, die diese Studentin betrafen, verhielt sich also so korrekt wie möglich. Er wollte damit auch die Studentin schützen, der sonst zu Unrecht vorgeworfen worden wäre, sich Vorteile zu verschaffen. Allein dies war natürlich schon ein Anzeichen dafür, dass ihm die Sache ernst war und es ihm hier nicht um das Abhängigkeitsverhältnis als Druckmittel ging. Dass diese Beziehung tatsächlich in einer schönen dauerhaften Beziehung mit Heirat und Kindern mündete, ist erfreulich aber natürlich nicht vorauszuplanen. So geht man mit einer solchen ja nicht grundsätzlich verwerflichen Beziehung verantwortungsvoll um, aber das ist an den Hochschulen sehr selten. Wesentlich häufiger sind ein geheimes Spiel mit Gefälligkeiten und Abhängigkeiten, ständig wechselnde studentische Partner und eine Ausnutzung der Machtposition. Das mag alles einigermaßen gut gehen und Menschen nicht dauerhaft schädigen, der „Spaß“ hört aber auf, wenn Gewalt oder Minderjährige im Spiel sind, und das ist viel häufiger der Fall, als man meint. Jede Hochschule hat minderjährige Jungstudenten, Professoren geben auch außerhalb der Hochschule Meisterkurse und Workshops – wenn sie also Dunkles treiben wollen, gibt es dafür zahlreiche Gelegenheiten. Und es ist erstaunlich, wie viele manchmal jahrzehntelang ungeschoren davonkommen, da sie das engmaschige Netz aus Abhängigkeiten perfekt und virtuos bedienen.

Verschiedene Länder gehen mit der Thematik unterschiedlich um. Schrecklich ist sicherlich eine puritanische Welt, in der es eine Hypersensitivität gegenüber dieser Thematik gibt und hinter jeder kleinen Geste und jedem kleinen Flirt schon ein sexueller Übergriff vermutet wird. In den USA zum Beispiel – dem Land der ewigen Gerichtsprozesse – unterrichten Hochschulprofessoren meistens bei offener Tür. Ich kenne Kollegen, die ihre Einzelstunden heimlich mit ihrer Laptopkamera aufnehmen, damit ihnen nachher nicht vorgeworfen werden kann, dass sie sich unsittlich verhalten haben.
Wenn man sich hierüber lustig macht, vergisst man aber, dass das Gegenteil viel schlimmer ist. Denn dann stehen diejenigen, die Opfer sexueller Belästigung bis hin zu schwerer Nötigung oder Vergewaltigung sind, einer Mauer des Schweigens und der Indifferenz gegenüber. Ich kenne Studenten, auf die dies schwere psychische Auswirkungen hatte, die in der Psychiatrie landeten oder das Land verlassen haben, um sich möglichst weit vom Ort erlebter Schande zu entfernen. Einfach nur, weil niemand ihre Beschwerden ernst nahm.

Natürlich sind Skandale für keine Hochschule etwas Schönes. Jede Musikhochschule hat ihre „Geschichten“, man redet nicht so gerne darüber, will keine schlechte Publicity. Dass man in den USA so streng ist, hat auch einen pekuniären Grund. Die meisten Universitäten sind eigenfinanziert, Skandale und Gerichtsprozesse haben also massive Auswirkungen auf die Einnahmen eines solchen Instituts. In Deutschland dagegen sind Professoren meist Staatsbeamte, die Vertuschungen bekommen also plötzlich eine politische Komponente. Mir sind Fälle bekannt, bei denen das Ministerium selber Druck ausübte, dass nichts herauskommt. Oder Fälle, bei denen sich in Institutionen richtiggehende Altherrenseilschaften bilden, die einerseits Telefonnummern von ihren aktuellen Eroberungen austauschen oder sich gegenseitig schützen und Studenten solange unter Druck setzen oder bestechen, dass Beschwerden oder sogar Anzeigen zurückgezogen werden. Wenn dann etwas Schlimmes herauskommt, will niemand etwas gewusst haben.

Mich nimmt diese Thematik im Moment sehr gefangen, da sich quasi vor meinen Augen ein solcher Fall abgespielt hat. Schlimme Dinge sind passiert, Personen wurden schwer geschädigt oder richtiggehend kaputt gemacht. Und dennoch konnte der Betroffene über einen Zeitraum von fast Drei Jahrzehnten ungehindert wirken, wurde allseits hofiert und geschützt, alles wurde ihm verziehen, alles wurde ihm ermöglicht. Man tolerierte seine Wutausbrüche und seine Exzentrik und manch einer sonnte sich in seinem vermeintlichen Ruhm, in der Hoffnung ein klein wenig Glamour abzubekommen.

Im Jahr 1992 studierte ich an der Guildhall School of Music in London. Meine Freundin Naomi Graham war Blockflötistin und studierte bei einem der renommiertesten Lehrer der Welt der Alten Musik: Philip Pickett. Pickett galt als eine Art Popstar der Klassik, er war jung zum Professor berufen worden und hatte Macht und Einfluss, leitete Festivals, vergab Preise. Naomi erzählte bald von merkwürdigen Geschichten um diesen Professor, der sich hauptsächlich weibliche und hübsche Studentinnen suchte. Sie selber erlebte nichts Schlimmes, aber einige ihrer Kommilitoninnen veränderten plötzlich sichtlich ihr Verhalten. Von einem Tag auf den anderen wurden sie still oder verschlossen, oder brachen plötzlich das Studium ab. Von einer sehr schüchternen und fast autistischen Studentin hieß es plötzlich, sie lebe bei Pickett zu Hause und sei ihm auf irgendeine Weise sexuell gefügig. Viele der Geschichten glaubten wir nicht, sie schienen zu übertrieben oder absurd. Und Pickett war sehr extrovertiert, gutaussehend, selbstsicher. Dann gab es Studentinnen, die plötzlich von einem Tag auf den anderen nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Er tat es damit ab, dass sie nicht mit seiner Kritik umgehen konnten.

Ich verließ London wieder, die Jahre gingen dahin, und ich dachte nicht mehr viel an Pickett, mit dem ich ja selber auch wenig zu tun gehabt hatte. Dann las ich es zufällig im Internet: Anzeige gegen Pickett, wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung in mehreren Fällen. Pickett hatte mitten im Einzelunterricht plötzlich das Licht gelöscht, Studentinnen vergewaltigt, und sie dann einfach gehen lassen. Er war sich seiner Sache sehr sicher, denn er suchte sich immer die Studentinnen aus, die am wenigsten Selbstsicherheit besaßen, von denen er nichts befürchtete. Er war ja mächtig und angesehen – wer sollte den Studentinnen denn glauben? Die waren doch nur frustriert oder eifersüchtig, er war der berühmte Phil Pickett. Einige beschwerten sich tatsächlich, versuchten die Hochschulleitung zu informieren. „Suchen Sie sich doch einfach einen anderen Lehrer, wenn Sie mit Herrn Pickett nicht zurecht kommen“, war die Antwort. Man kanzelte ab, setzte Studentinnen unter Druck, die meisten gaben auf oder zogen sich aus Angst und Scham zurück.

Viele Jahre ging das so, Pickett fühlte sich sicher und unverwundbar. Doch manchmal fassen Menschen plötzlich nachträglich Mut, gewinnen an Stärke anstatt Stärke zu verlieren. Manche Anzeigen kommen spät, aber sie kommen dennoch. Es ist ganz typisch, dass solche Verbrechen nicht sofort angezeigt werden, dass es manchmal Jahre dauert, bis ein Schritt in die Öffentlichkeit gewagt wird. Das geht meistens erst, wenn man auf eigenen Füßen steht, nicht mehr abhängig ist.

Dieses Jahr wurde Pickett verhaftet, mitten in den Vorbereitungen von mehreren Festivals. Er widersetzte sich seinem Gefängnisaufenthalt bis zuletzt mit dem Argument, er müsse doch noch seine Konzertverpflichtungen erfüllen, dafür sollte man doch bitte Verständnis haben. Bis zuletzt glaubte Pickett an seine Unverwundbarkeit. Er bekam 11 Jahre Haft.

In dem Artikel über das Urteil platzierte die Polizei eine Adresse, an die sich ehemalige Opfer weiterhin wenden können. Es werden sich noch viele gemeldet haben, die es vorher nicht wagten, manchmal tritt eine Anzeige eine ganze Welle von weiteren Anzeigen in Bewegung, weil sich plötzlich mehr Menschen trauen, die Wahrheit zu sagen.

Wahrscheinlich begreift Pickett auch jetzt im Gefängnis immer noch nicht, dass es eine unumstößliche Wahrheit gibt: Missbrauch ist nie ein Kavaliersdelikt.

Und der einzige Weg, Missbrauch zu verhindern, ist der Mut, darüber offen zu reden.

Moritz Eggert, 2.5.2015

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