Neverending: Neuer Konzertsaal München – eine Abrechnung

Gestern veröffentlichte die Abendzeitung eine Bilderstrecke eines Architekturbüros (Manuel Herz Architekten), die eine „Modularisierung“ der Philharmonie am Gasteig anstrebt. Die obersten Ränge werden in einen steilen Balkon verwandelt, ohne den Mittelblock. So werde die entferntesten Plätze näher an die Bühne herangebracht. Die Bühne selbst kann von grossen Orchesterbesetzungen mit Chor bis zu einem kleinem Podium für Diskussionsrunden mit Publikum auf den Chorplätzen verkleinert werden. Die Sitze im Saal selbst können rausgenommen werden, so dass Proms oder Unterhaltungsveranstaltungen mit Stehplätzen möglich wären. Aber ist dies wirklich Wogen glättende Massnahme? Denn nichts anderes ist dies: eine Mogelpackung, die es jedem und allen recht machen soll. Ohne die steileren Ränge als Balkon wäre dies mit wenigen Umbauten und einer elektronischen Unterstützung der Saalakustik auch heute schon möglich, vor allem akustisch abschätzbarer als jegliche Umbaumassnahme, die vom jetzigem Musiksaal zu einer akustisch letztlich erst einmal unkalkulierbaren Frontalheatermehrzweckhalle führt, die Suburbisierung der Philharmonie denkt man z.B. an die Feldmochinger Mehrzweckhalle. Eine schnelle Lösung für ein Dauerproblem.

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Das würde selbst die Landeshauptstadt München zum Verlierer machen, die sich ja zurecht über die staatliche, vor allem finanzielle Zusage zur Ertüchtigung oder zum Umbau des Gasteigs freuen dürfte. Aber der Teufel steckt im Detail: selbst wenn der Carl-Orff-Saal erhalten bliebe, müsste auch dieser akustisch verbessert werden. Die Musikhochschule in den alten Konservatoriumsräumen müsste sich neue Räume suchen, gar einen Neubau wagen. Das Unsinnigste aber wird der Wanderzirkus der BR-Sinfoniker und der Philharmoniker zwischen alt-neuer Philharmonie und „ertüchtigtem“ Herkulessaal samt Verlust des jeweiligen Erstbelegungsrechtes. Bekanntlich schmälert dies für andere Orchester wie die Münchener Sinfoniker oder das Münchener Kammerorchester sowie alle grossen privaten Veranstalter die „Slots“ in beiden Sälen. Auf jeden Fall steigen die Kosten für die Orchester.

Das Schlimmste ist aber momentan, wie jede Seite, Staat und Stadt mit ihrer Nicht-Neubaulösung und Konzertsaalbewfürworter miteinander umgehen: Minister Spaenle wird auf Panels ausgebuht, bestangezogene Herren und Damen schreien nur noch „burn it“ – hat Bernstein dies wirklich in einem lichten oder in einem benebelten Moment in Bezug auf die Philharmonie gesagt -, wenn jemand die kommunale-staatliche Sicht bedenkenswert findet. Der BR-Intendant, gerade als einziger Kandidat wiedergewählt, verbannt einerseits BR Klassik ins digitale Wellenabseits, mokiert sich aber, dass der Staat ihm keinen Konzertsaal spendieren will, findet aber auch keine kreative Gesetzeslücke, um z.B. einen seiner alten Sendesäle zum Konzertsaal zu ertüchtigen. Geht es um den Standort Museumsinsel, hassen einen die Freunde des Deutschen Museums, das seit Jahren keine Zwischennutzung des alten Kongresssaales hinbekommt. Geht es um den Finanzgarten, gehen Konzertsaalfreunde und Naturfreaks aufeinander los. Die Umgangsformen verrohen zusehends. Man wiederholt nur Glaubenssätze und faceliftet das eigene Saalbild.

Immerhin tut der eben zur Diskussion gestellte Entwurf der Philharmonie so, als ob man die grau-bunte Aussenhaut und die Schallbrecher der neuen Pariser Philharmonie im Inneren des Münchner Pendants vereinen wollte. Aber bei genauem Hinschauen ist das genauso Klimbim wie der Hochglanz der Pläne für einen Konzertsaal im Finanzgarten, dessen Innenansicht an ein Einkaufsparadies a la renoviertem Stachus-Untergeschoss erinnert, wo jetzt schon wieder der Boden splittert. So oder so wird das Repräsentative, die Kunst am Kulturbau unnötig teuer. Jeder löst sein Problem, will am liebsten auf der Mariensäule, also so citynah als möglich bauen. Ein Gesamtkonzept zur öffentlichen und freien Musikkultur wird nicht gewagt. Es müsste zwar nicht so radikal zentristisch wie in Paris sein, woran man sich ja im Schmuck orientiert, so dass die Salle Pleyel nun nicht mehr von Orchestern genutzt werden darf, die nun im Parc de la Villette ihre Heimat gefunden haben.

Wie gesagt, der Vorschlag des Architektenbüros Manuel Herz modularisiert die Bühne. Bleibt aber weit hinter den hydraulischen Versenkungs- und Akustiksegelmöglichkeiten der Pariser Philharmonie zurück, die wirklich flexible Lösungen zu versprechen scheinen. Nachdem ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag an Baukosten zu erwarten ist, sollte man nochmals eine Atempause machen und sich z.B. den wirklich modularen Saal des Ircams ansehen. Auch wenn man dies nicht eins zu eins auf eine grössere Philharmonie übertragen kann, so ist dies ein fantastisch wandelbarer Raum, dessen Boden, Decke und vier Wände, Bühne und Zuschauerpodest in alle Richtungen gefahren werden können. Dies wäre zum Beispiel der Masterplan für einen neuen Carl-Orff-Saal oder ein Zentrum der Musik im Kreativquartier. Aber die provinzielle Münchner Sicht wird sich nicht nur an der Mariensäule, sondern auch im Frontaltheater festbeissen. Aktuell diskutiert man immerhin einen neuen Konzertsaal im Olympiadorf am nördlichen Mittleren Ring, was gefühlt der Aussenlage der neuen Pariser Philharmonie entspräche. Ein anderer Ort wäre die riesige Posthalle an der Friedenheimer Brücke, bestens mit der S-Bahn erschlossen. Man munkelt ja, dass die Deutsche Post kein Problem haben würde, das Gebäude zu anderen Nutzungen freizugeben. Nur die Aussenhülle, wirklich spektakulär, müsste erhalten werden, im Inneren könnte man vielleicht alles mögliche an progressiven Saaljuwelen einbauen.

Bleibt nach wie vor das Problem Probenraum für das Münchener Kammerorchester! Wie man hört, kommen die bereits mit den jetzigen Notlösungen an ihre Grenzen. Nicht dass der Bestand des Orchesters gefährdet wäre. Aber deren Raumfrage ist ein wirkliches Problem. Nur spricht davon keiner. Vielmehr fühlt sich jeder Fachfremde zum Meinungsmacher berufen und gibt seinen unqualifizierten Senf zur Debatte, mäkelt man über die Akustik des Gasteigs, die Enge des Herkulessaales. Interessant war zuletzt ein Satz des ehemaligen Solohornisten Gaag der Münchener Philharmoniker über den Gasteig: gerade seine akustische Gefährlichkeit, die für grosse Orchesterwerke durchaus sehr gut geeignet ist, zwingt zu genauem Aufeinanderhören, Reagieren auf den Dirigenten, zu höchster Konzentration. Und wie man in der Chronik sehen kann, wurden die Philharmoniker vor allem in der alten, schrecklichen Kongresshalle wie dem Gasteig unter Maestro Celibidache zu dem Weltorchester, wovon sie noch heute zehren. Ja, Wiener Konzertverein, das KKL Luzern, etc., sind wunderbar. Allerdings entsteht dort auch ein Mischklang, der nicht so differenziert ist, wie die Philharmoniker unter Celibidache musizierten oder die BR-Sinfoniker selbst laute kompositorische Schwerenöter im Herkulessaal hinbekommen. Machen also Saalprobleme Orchester vielleicht sogar besser als akustische Lindtschokoladenpetitessen?

Die Welt geht unter, wenn das Münchner Kammerorchester keinen neuen Probenraum findet, wirklich neue Raumkonzepte für Konzertsäle verschlafen werden zugunsten von Mehrzweckhallen oder falsche Entscheidungen bei der Besetzung von künstlerischen Leitungspositionen wie im Falle Gergievs getroffen werden. Die Welt geht nicht unter, wenn Gasteig und Herkulessaal vernünftig renoviert werden, ein neuer Konzertsaal in ein paar Jahren nach gelungener Finanzierung und Raumplanung ohne Klimbim entsteht und vor allem die Programme der Orchester aufregender werden und letztlich nicht das Grau-bunt der Herz-Philharmoniepläne sich auf der Mehrzahl der Häupter der Zuhörer widerspiegelt. Aber Vernunft geht in Glaubenskonflikten immer baden. Also glaubt nicht, buht nicht, nein, denkt und handelt gesamtverantwortlich und nicht egozentrisch, wie es jetzt Usance ist!

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