Gehe nie spazieren, wenn Du ins Theater gehen könntest – Gerhard Rohde zum Abschied

Es war mit ihm wie mit dem Hasen und dem Igel. Wo auch immer der enthusiastische Kulturpilger mit seinem Rollkoffer eintraf – der Kulturnomade Rohde war schon da. Das Nachtblau seines Anzugs und seiner weinroten Krawatte, die Uniform dieses unentwegten Chronisten der Gegenwartskunstmusik, stach sofort heraus aus der Masse des Publikums. Seine bloße Anwesenheit konnte einer Premiere, einer Uraufführung, einem Konzert in den Augen des heranwachsenden Kunstbeobachters den Status der Relevanz verleihen, denn für potentiell langweilige, bornierte und retrograde Kulturereignisse hätte Gerhard Rohde sein Auto, in dem er zu leben schien wie eine Schildkröte in ihrem Panzer, wohl kaum an diesen Ort bewegt. Dabei hat wahrscheinlich kein Mensch in den letzten Jahrzehnten so viele Stunden langweiliger, bornierter und retrograder Kunstausübungen über sich ergehen lassen, wie dieser Mann. Denn meistens traf man ihn auch an Orten, wo man vorher noch nicht genau wissen konnte, was passiert, dort wo Neue Musik erklang, wo neue Regiehandschriften sich der alten Stoffe bemächtigten, wo Kunst nicht allein der soignierten Pflege gesellschaftlicher Repräsentationsbedürfnisse diente.

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Für angehende Musikjournalisten war er eine Gefahr. Wer einmal in den Genuss gekommen ist, den Frotzeleien des unermüdlich weit gereisten Kritikers zu lauschen, genau zu lauschen, denn er sprach stets mit leiser Stimme, war bedroht: Weil man zwangsläufig das Gefühl bekommen musste, dass man noch lange nicht genug gesehen hat, um zu einer fundierten Bewertung zu gelangen, ja, dass man niemals so viel sehen und hören wird können wie dieser Mann, der offenbar alles gesehen und gehört hatte. Wie hart er auch immer mit den Künstlern und mit der Kunst im Gespräch ins Gericht zu gehen vermochte, so war der Tonfall des schreibenden Musikkritikers doch stets so gewählt, dass er den Leser mit hinein geholt hat in das Fachgespräch über die Musik und ihre Interpretation, das Theater und seine Stoffe, Festspiele als Orte utopischer gesellschaftlicher Kommunikation. Dabei war sein Stil so klar wie Doppel-Wachholder.

Zuletzt traf ich Gerhard Rohde am 16. Januar im Staatstheater Mainz, anlässlich der deutschen Premiere von Pascal Dusapins Perelà in der Inszenierung von Lydia Steier. Da war er schon gar nicht mehr gut zu Fuß. Gefragt nach der Ursache raunte er mir eine Geschichte zu, die gleichnishafte Züge trägt: Als er im vergangenen Sommer nach Avignon reisen wollte zu einer Theaterpremiere, fiel diese aufgrund eines Streiks aus. Statt im Theater zu sitzen, wie es seine Berufung war, ging er spazieren. Dabei lief er sich die Füße wund. Die Wunde entzündete sich. Seine Beweglichkeit nahm ab. Nun ist er verstorben.

Ich werde es mir in Zukunft zweimal überlegen, ob ich einen Spaziergang einem Theaterbesuch vorziehe. Wobei die Frage ist, ob es überhaupt noch irgendwo Theater geben kann, das die Reise lohnt, jetzt, da Gerhard Rohde nicht mehr dort sein wird.

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Musikjournalist, Dramaturg

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