„Futuristengefahr“ [4] Hubert Stuppner vs. Endzeit

Hören Sie doch mal bitte hier hinein: http://www.hubertstuppner.info/Track06.WAV

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Der Link oben für zur Homepage des ehemaligen Direktors des Bozener Konservatoriums, des Pianisten und Komponisten Hubert Stuppner. Doch nicht seine Musik, sondern seine schriftstellerischen Ambitionen verschaffen Stuppner Einlass in diese Serie: Endzeit-Sonate. Frankenstein oder Die Minnesänger des Untergangs. Eine Satire, ein Totentanz, eine Parabel heißt ein Roman, den er 1999 veröffentlichte. Er spielt in einer Musikklinik in Donaueschingen, dem „Schönebergschen Sanatorium“, einer Nervenheilanstalt für die monströsen Musikvernichter der Gegenwart, der Ich-Erzähler erfährt zufällig von ihr. Dr. H.C. Frankenstein, assistiert vom zynischen Dr. Scardanelli führen das Regiment in der Anstalt, die zwölf Pavillons vorhält, geschlossene Abteilungen mit schweren Fällen. Alle „Minnesänger des Untergangs“ findet der Erzähler versammelt: Stockhausen, Xenakis, Bussotti, Maderna, Schnebel, Cage, Ligeti, Lachenmann, Messiaen, Scelsi, Reich, Kagel und Henze. Auf der Station der „avantgardistischen Tonspalter und elektronischen Klangzertrümmerer“, der „musikalischen Zahlenfetischisten und Formeln-Ingenieure“ oder der „Synästhetiker und musikalischen Voyeure“ lassen sie sich zwangsbehandeln. Selbst „surrealistische Geräuschemacher und dadaistische Provokateure“, „Klang-Pazifisten und musikalische Vegetarier“ nebst „musikalischen Triebanbetern“ sind darunter.

In der Nacht vor seinem Besuch in Frankensteins Sanatorium überkommen den Ich-Erzähler „Traumgespräche“ zwischen je einem Philosophen und einem Komponisten, etwa zwischen Parmenides und Xenakis.Von den vorgenannten Titeln nimmt sich Hubert Stuppners Roman vornehm aus, als er nicht dreihundert Seiten lang um die vermeintlichen Vergehen der Schönbergschule kreist, sondern durchaus kenntnisreich die Musik seiner Kollegen aufs Korn zu nehmen sucht. Schwierig wird es allerdings beim Humor des Autors, der, nun ja, im besten Falle eigenwillig zu nennen wäre, im mutwilligen Versuch, durch Inszenierung dialektaler Sprechweisen Komik zu erzeugen, allerdings auch derbe scheitert. Doch überspringen wir den Stil, was hat er in der Substanz zu sagen, in seiner Generalabrechnung mit der Neuen Musik?

Die Metaphorik des Kranken, des Unartigen, das Wahnhaften dient Stuppner zur Charakterisierung des Neuen. In seinen Formulierungen spült er, wie ein Rezensent feststellte, das „ganze braune Gedankengut des faschistischen Antiintellektualismus“ an die Oberfläche. Und kommt dadurch über das Postulat einer gesunden und natürlichen Musik nicht hinaus. Der Ruf nach „Menschlichkeit“ durchzieht als unbestimmte Sehnsucht die gehässigen Zeilen. Am Ende lässt Stuppners Erzähler solche Menschlichkeit mit einer scheinbaren Zurücknahme des Gesagten auch noch den von ihm Pathologisierten Komponisten angedeihen.

Ein schrecklicher Verdacht durchkreuzte meine Gedanken. Kann es denn sein, fragte ich mich, dass irgendeine öffentliche oder private Hand den musikalischen Utopien, unter dem Vorwand, dass sie der Gesellschaft zur Gefahr gereichen, auf solche Weise den Garaus macht? War es möglicherweise ein geheim gehaltenes Sicherheitsgremium im Staate, das die Komponisten unter dem Verdacht, dass sie mit ihren radikalen Utopien die Gesellschaft anarchisch kontaminierten, aus dem Verkehr zog und schlueßendlich mit der Brandmarkung „verrückt“ liquidierte? Die vollkommen genormte, von der sogenannten Staatsräson gelenkte und auf absolute Sicherheit bedachte internationale Gemeincshaft hätte ja schließlich Grund grnug, die radikale utopische Zukunftsmusik als Manifest einer vollständig emanzipierten Menschheit zu fürchten. Die Wachstumsraten-Gesellschat, die mit genau definierten Größen und kontrollierbaren Parametern rechnet, fürchtet naturgemäß das Unberechenbare von avantgardistischer Utopie wie der Teufel das Heilige Wasser, dachte ich: sie erträgt nicht die frei fluktuierenden Schemata von Erfindung, die Oppositionalität des Surrealen, die Projektion von Einfällen ins Phantastische und Paranormale. Der moderne Konsum- und Dienstleistungsstaat, in dem schon lange nicht mehr Philosophen und Künstler das Rückgrat der Gesellschaft bilden, sondern die Staatsanwälte des genormten „Common sense“, erschrickt vor den Exzessen des sogenannten musikalischen Unnatürlichen, er haßt die Manifestation des Abnormen, die Installation des Absurden, die Gegenlogik des Paradoxen, die Frostschauer, die Schweißausbrüche, die Phantasmagorien. Ob sich in diesem Frankenstein „mutatis mutandis“ nicht vielleicht unser aller philisterhaftes Unbewußtes verbrigt, das sich schon immer darauf verstand, die eigene Stabilität und Bequemlichkeit dadurch zu sichern, dass es zur Abschreckung der freien Kreativität den Teufel an die Wand malt? Es wäre ja durchaus möglich, dass dieses Sanatorium die Inkarnation der Urangst des Spießers darstellt, sozusagen die Projektion seiner philisterhaft gutmütigen Intoleranz gegenüber dem Fremdartigen und Ungewohnten.

Nein, lieber Herr Stuppner, es ist nicht unser Unbewusstes um dass es hier geht: der Spießer sind ganz alleine sie. Und mit Schriften wie diesen machen sie sich zum Handlanger jener Gesellschaft, die sie vorgeben zu kritisieren. Wer auf der Suche nach Unterhaltung versehentlich in ihr Irrenhaus gerät, wird es schwer haben, sich zwischen lustig gemeinter Satire und frustriertem Kollegenbashing auszukennen. Das wäre alles zu verkraften, wenn solche Bücher nicht statt der heiß ersehnten Ironie im Umgang mit Musik den heiligen Ernst der Rache über dem Neuen ausgössen. Sie führen eben nicht dazu, dass sich an klischeehafter Neuer Musik etwas ändert, sondern allein dazu, dass sich Klischees über Neue Musik reproduzieren.

Musikjournalist, Dramaturg

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Eine Antwort

  1. sehr gute Serie, Patrick! Stuppner war aber dennoch ein interessanter (und widersprüchlicher) Typ – seine Ausführungen gegen das Wettbewerbsunwesen fand ich immer recht amüsant, und die Neue Musik darf durchaus ein bisschen Satire vertragen, hier ist es ja wenigstens wirklich Satire und nicht ein Kreuzzug wie bei manch anderen….