„Futuristengefahr“ [1] Pfitzner vs. Busoni

Moritz Eggerts Lektüre des offenbar unsäglichen Buches von John Borstlap (keine Ahnung, wie er es schafft, sich da durch zu quälen und dann auch noch so anständig darüber zu schreiben!) hat mich dazu angeregt, auf meiner Festplatte noch einmal nach anderen Fällen von Vergangenheitsfanatikern, Historie-Hysterikern und Wahrnehmungsnostalgikern zu wühlen. In loser Folge werden hier einige weitere Beispiele erscheinen. Wir fangen natürlich an bei Hans Pfitzner, dessen Streitschrift wider Busoni der Titel der Serie entlehnt ist.

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Zu allen Zeiten ist irgend ein Kitsch obenauf. Wir haben und hatten den ausländischen, den trivialen, den glänzenden Orchesterkitsch, den Salon- und andere Kitscharten; unserer Generation ist es vorbehalten, den futuristischen Kitsch in unserer Mitte aufgenommen zu haben. Dieser unterscheidet sich von seinen Brudersorten dadurch, daß er keinem Menschen Vergnügen macht, auch den Futuristen nicht. Die schlechte italienische Oper, der Salonschmarren, die Kinooperette, die Musikführer-Musik, sie haben alle ihr ehrliches Publikum, von dem sie leben. Die Futuristen dagegen leben von einem in mehrfacher Hinsicht unehrlichen Publikum, in der Hauptsache aber voneinander. Vergnügen, Genuß oder Höheres haben diese Armen nicht von ihrem Treiben, denn sie fassen Kunst überhaupt nicht als ein zu Genießendes auf. Unentwegt, keinen Spaß verstehend, im Schweiße ihres Angesichts schleppen diese armen Kärrner das Material herbei für zukünftige Schöpfungen, zukünftige Schöpfer, von denen sie nichts wissen.

Ein Zitat des Komponisten Hans Pfitzner. Ausfälle gegen Neue Musik sind so alt wie ihre Geschichte selbst: Das Pamphlet ist ja von jeher die Königsgattung der ästhetischen Auseinandersetzung. Doch es überrascht gelegentlich mit welcher Regelmäßigkeit es inzwischen wieder aus dem Blätterwald tönt: „Futuristengefahr“! Unter dieser irreführenden Überschrift hatte 1917 der Komponist Hans Pfitzner eine Polemik gegen seinen Kollegen Ferruccio Busoni aufgesetzt, den Verfasser des „Entwurfs einer neuen Ästhetik der Tonkunst“.

Man braucht gar nicht erst in den Text hineinlesen um den ersten Haken an der Geschichte herauszugreifen: Busoni, der geistige Vater einer „jungen Klassizität“, die die Errungenschaften vorausgegangener Experimente in sich aufnimmt, war sicher vielseitig: Doch er war niemals Futurist.

Der italienischen Avantgarde-Bewegung mit ihren faschistischen Tendenzen stand – vielleicht ohne es zu ahnen – der stramm-nationaldeutsche, zu antisemitischen Äußerungen neigende Hans Pfitzner vielleicht näher als Busoni. Doch es ist typisch für die sich überschlagenden Stimmen wider die neue Musik: Vor lauter Erregung verlieren sie den Gegenstand aus dem Blick, im Windmühlenflügelkampf gegen ästhetische Objekte, vor denen sie die Ohren verschließen. Wer so unscharf die Moderne-Bewegungen über einen Kamm schert, wird es schwer haben, in seiner eigenen Musik etwas Neues zu entdecken.

Zielscheibe von Pfitzners Einlassungen ist aber weniger die Musik Busonis, als sein „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“, die erstmals 1907 in Triest erschien, dann 1910 und erweitert 1916 in Leipzig. Busoni schwebte eine freie Musik vor – die auch die Grenzen des temperierten Tonsystems hinter sich lässt. In Zeitschriftenartikeln hatte Busoni auch über seine Experimente mit Drittel- und Sechsteltönen berichtet, die zum Ausgangspunkt für eine Pfitznersche Sottise werden.

Er sitzt am Klavier. Wie eigensinnig von den Tasten, daß zwischen dem h und c da nicht ein sanfter Übergang möglich ist. Diese Grenzen müssen fort! Er hört ein Orchester: das ist ja noch beinahe dieselbe Klarinette und Trompete und Violine, die schon zu Beethovens und Wagners Zeit im Orchester figuriert hat. Wie langweilig sind diese Grenzen! Er schlägt Noten auf: was fällt dem tyrannischen und pedantischen Komponisten da ein, von mir zu verlangen, hundert Takte lang in demselben Zeitmaß zu spielen? Länger als acht Takte halte ich das nicht aus! Das unterbindet meine Freiheit! Und die schwarzen Punkte, Striche und Linien da, das soll dasselbe sein, wie die hohen Gedanken des Menschen? Fort mit diesen Begrenzungen! Und der Violinschlüssel und der Baßschlüssel da vorn, die sind ihm nun ganz besonders verdächtig! Ich kann mir wohl denken, daß solche Empfindungen bei jedem Menschen und zwar in bezug auf sich selbst, sein ganzes Dasein und Fühlen, einmal Platz greifen; daß man bei schlechter seelischer und körperlicher Disposition es seltsam und unerträglich findet, daß man sich, solang man lebt, jeden Tag des Morgens anzieht und des Abends auszieht; daß der Körper im Raume immer denselben Platz wegnimmt; daß man jede Minute seines Lebens mit einem Atemzug erkaufen muß; daß man es höchst langweilig findet, immer dieselbe Nase im Gesicht zu haben. Werden solche Zustände bleibend, so hängt man sich eines Tages auf. So will unser Ästhetiker auch, daß unsere Musik Selbstmord begehe, und es wird sich zeigen, ob sie gesund genug ist, es nicht zu tun.

„Gesunde Musik“. Es ist einerlei ob es sich um Rasse- oder Kunstdiskurse handelt. Was ausgemerzt werden soll, wird dann gern als degeneriert und krank dargestellt – die Metapher wird uns im Laufe dieser Untersuchung mehrfach wieder begegnen.

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Musikjournalist, Dramaturg

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3 Antworten

  1. „Wie eigensinnig von den Tasten, daß zwischen dem h und c da nicht ein sanfter Übergang möglich ist. Diese Grenzen müssen fort!“ Letzthin sagte ich da was über offen und geschlossen zu beiden Tonnamen als Tonhöhen von Septe und None. In Bezug auf Pfitzners 1910 verliehene Straßburger Ehrendoktorwürde weiß man nun, wie wichtig die Punkte nach h und c des Dr. h. c. sind: an Würden klammernd und gegen Kollegen hetzend, ja nicht zwischen den Zeilen und Punkten nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Der 1917 entstandene Text war zur Entstehungszeit noch als ernster, satirischer Schlagabtausch zu lesen. 16 Jahre später kostete es den Kollegen Schönberg sein Professorenamt, bereits 1910 Terzen aufgegeben zu haben.

  2. kulturtante sagt:

    … nicht zu vergessen Pfitzners 1920 entstandene Folgeschrift: „Die neue Ästhetik der musikalischen Impotenz“…

    Eine Schmähschrift der übelsten Sorte im Geist nationaler Radikalisierung, die Thomas Mann in „Betrachtungen eines Unpolitischen“ apostrophierte:

    „In diesem Augenblick, am Ende des dritten Kriegsjahres, veröffentlicht Pfitzner eine Schrift, betitelt ‚Futuristengefahr‘…Gelegentlich ästhetischer Fragen also spricht der deutsche Tondichter…, ist seine Kenntnis der Tatsache, daß die Perspektiven seiner fünfundvierzig Seiten überall weit über das bloß Ästhetische hinausreichen. Wirklich vergriffe man sich kaum im Namen, würde man die Broschüre eine politische Streitschrift heißen…die Politik ist eine furchtbare Macht. Weiß man auch nur von ihr, so ist man ihr schon verfallen. Man hat seine Unschuld verloren… Der Komponist des ‚Armen Heinrich‘…erfuhr durch den Krieg die unsausbleibliche Politisierung seines nationalen Empfindens…“

  3. Eberhard Klotz sagt:

    Ohne Hans Pfitzners Dummheiten verteidigen zu wollen, der selbst nach dem 2. Weltkrieg noch verbohrt und uneinsichtig an der NS-Ideologie festhielt, möchte ich doch darauf hinweisen, dass die Ikone der Neuen Musik, Anton von Webern, begeisterter Anhänger des Nazi-Regimes war, wie seine Briefe an Josef Hueber um 1940 deutlich belegen. Auch ist von der besonderen Rasse des Volks der Japaner etc.
    bei ihm die Rede. Ausführlicher habe ich im „Bad Blog of Musik- Läppische Kunst“ dazu
    geschrieben. Kurz: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.