Der Otto-Katalog der Akkorde

Der Komponist Tom Johnson ist ein interessanter Fall: vordergründig sind seine Kompositionen frei von dem, was wir gemeinhin „musikalisch“ oder „kreativ“ nennen. Sehr oft sind seine Werke mathematische Exerzizien, in denen bestimmte Algorithmen gnadenlos durchgerechnet- und dann auch gespielt werden. Dabei  lässt er die Musiker zuerst erklären, was sie nun treiben, oder sie zählen laut während dem Spielen der Stücke mit. Das Seltsame ist aber: trotz des Fehlens einer persönlichen Handschrift (Johnson greift eigentlich nie in seine musikalischen Spiele ein, sondern lässt sie nach bestimmten, oft sehr strengen Regeln ablaufen) haben seine Stücke einen großen Reiz und entwickeln auch bei Aufführungen eine Faszination, die Hörern wie Spielern Spaß macht. Gegen den krampfhaften intellektuellen Überbau, der sonst gerne in der Neuen Musik allem aufgepropft wird, sind seine meist sehr klaren und sich selbst erklärenden Stücke ein probates Heilmittel, „vermitteln“ sie sich doch ohne große Mühe quasi von selber auch Menschen, die von Musik vielleicht wenig verstehen, dafür aber begeistert über die Vielfalt der Kombinationsmöglichkeiten von Tönen sind. Schlicht und einfach zelebriert seine Musik die Schönheit der Vielfalt, und das ist ja nicht das Schlechteste.

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Für viele Mathematiker (zum Beispiel Douglas Hofstadter) sind Musik und Mathematik eng verwandt, und die Schönheit einer Formel ist durchaus mit der Schönheit eines musikalischen Werkes vergleichbar. Auf dieser Tatsache beruht der Erfolg von Johnsons unterhaltsamen Stücken, und nicht umsonst ist seine lexikalische und nur auf wenigen verschiedenen Tönen basierende „Riemann-Oper“ (nach dem gleichnamigen Musiklexikon) ein echtes Erfolgsstück der Neuen Musik, eben weil es sich auch selber nicht so ganz ernst nimmt.

Ein rühriger holländischer Kollege – der spielebegeisterte Pianist und Komponist Samuel Vriezen – hat nun auf der Crowdfunding-Seite „indiegogo“ ein ambitioniertes Projekt begonnen: die bisher virtuoseste Realisation von Tom Johnsons „Chord Catalogue“ zum ersten Mal auf CD, einem Stück, dass alle 8178 möglichen Akkorde innerhalb einer Oktave hintereinander enthält. Das Stück ist schwieriger als es auf den ersten Blick klingt, denn Samuel Vriezen bemüht sich um ein extrem schnelles und präzises Spiel, wie man im Video zum Projekt sehen kann. Das Ganze soll mit einem eigenen Werk Vriezens kombiniert werden: „Within fourths/ Within Fifths“, dass eine Hommage an Johnson ist. All dies ist sehr gut auf der Seite beschrieben, und man kann auch Vriezen hören wie er das Stück spielt und erklärt.

Erfreulicherweise ist das Ganze auch schon finanziert, daher muss ich hier gar nicht speziell zum Spenden aufrufen, aber wer will, kann natürlich noch zum Unterstützer werden und exklusive und signierte CDs erhalten (nur noch wenige Tage!).

Ich bin sicher, dass dies nicht das letzte Mal sein wird, dass wir über ein schönes „Crowdfunding“-Projekt berichten – wo den CD-Labels aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation immer mehr der Mut fehlt, ungewöhnliche Projekte wie dieses zu realisieren, scheint Crowdfunding ein vielversprechender Weg für uns zu sein. Mehr davon!

Moritz Eggert

Am Rande der Sehnenscheidenentzündung: Samuel Vriezen spielt "Chord Catalogue"

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