Tremé – eine dringende Empfehlung

Gestern hatte ich ein langes Gespräch fürs Radio mit dem Autoren Dirk von Gehlen (Autor des sehr empfehlenswerten Buches „Mashup: Lob der Kopie„, eine Thematik, die sehr viel mit aktueller Musik zu tun hat).

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In diesem Gespräch äußerte Dirk die wie ich finde sehr interessante These, dass die Rolle des Vermittlers oder „Auffinders“ in der Zukunft unserer explodierenden Medienwelt tatsächlich immer mehr an Bedeutung gewinnen wird, ja zu einer eigenen Kunstform aufsteigen wird. Wogegen man früher von Freunden Musikkassetten geschenkt bekam, auf denen vermeintlich interessante Musiktitel selber zusammengemixt werden (eine Praxis, die von Nick Hornby zum Beispiel in „High Fidelity“ schön beschrieben wird), nützt man heute die digitalen Medien, um dies differenzierter zu tun. So werden seit kurzem Nachrichten zum Beispiel häufiger gelesen, wenn sie als Link via Twitter oder Facebook gefunden werden anstatt dass man die Nachrichtenseiten selber aufruft. Die Empfehlung ist also das Entscheidende, man verlässt sich auf die Fährtensucher im Internet.

Daher spiele ich heute mal den Fährtensucher für euch und empfehle von Herzen eine Fernsehserie, die sehr viel mit Musik zu tun hat, und die hier trotzdem keine Sau kennt, nämlich David Simons „Tremé“. Den Lesern deutscher Feuilletons ist David Simon eventuell als Schöpfer der besten Fernsehserie in der Geschichte der Menschheit bekannt, nämlich „The Wire„, einer Serie. die mit allen Fernsehserientraditionen brach und ein zutiefst realistisches und differenziertes Abbild der Stadt Baltimore entwarf. Mit einem Fokus auf der dortigen Drogenproblematik, diese aber eben nicht allein von Seiten der Polizei oder der Dealer beleuchtend (wie üblich), sondern die komplexen Verflechtungen mit Politik, Gewerkschaften, Bildungssystem und in der letzten Staffel sogar noch dem Journalismus aufzeigend, dies alles in einem immensen Panorama von unglaublicher Vielfältigkeit und mit einem wahnwitzigen Arsenal von Darstellern, dabei die Serienkonventionen durch eine betont unaufgemotzte und authentische Erzählweise – die immer die Charaktere in den Vordergrund stellt und sogar auf jegliche Begleitmusik verzichtet – aufs Schönste ignorierend.

Viele waren daher sehr gespannt auf Simons nächstes Projekt. Dieses hat nun besonders viel mit Musik zu tun, daher erwähne ich es hier:

„Tremé“ ist der Name eines berühmten Stadtteils der Stadt New Orleans, Heimat des Jazz, Ragtime, Dixieland, Blues, R&B, Zydeco und Amerikas wahrscheinlich die einflussreichste Musikstadt für Popularmusik des 20. Jahrhunderts (quasi das Gegenstück zu Paris und Wien in der klassischen Musik), was auf der historisch einzigartigen Verschmelzung der unterschiedlichsten Kulturen beruht, siedelten in der Region doch afrikanische Sklaven, Kubaner, Haitianer, zwangsdeportierte Frankokanadier (die berühmten „Cajuns“), Kreolen und natürlich auch amerikanische Ureinwohner, die zusammen mit den verschiedenen europäischen Einwanderern eine höchst faszinierende Mischung eingingen.

Im Gegensatz zum Rest von New Orleans wurde Tremé relativ verschont von den katastrophalen Auswirkungen des Wirbelsturms „Katrina“, der die bisher größte Naturkatastrophe in den USA des 21. Jahrhunderts darstellt, zahllose Menschen das Leben kostete, und die massiven Probleme der sich zumindest finanziell schon auf dem absteigenden Ast befindlichen Stadt ins Unermessliche vergrößerte. Die allgemeine Indifferenz der damaligen amerikanischen Regierung gegenüber den Auswirkungen dieses Katastrophe und dem Leid der Menschen war einer der Hauptgründe für die folgende Abwendung von den Republikanern und ihrem Repräsentanten George W. Bush, der aufgrund seiner halbherzigen Hilfsangebote und leeren Versprechen zu den in der Region wahrscheinlich am meisten gehassten Politikern gehört.

Die Katastrophe selber interessiert David Simon, dem Drehbuchautor und Schöpfer von „Tremé“ nur am Rande. Ihn interessieren die EInzelschicksale der Menschen aus unterschiedlichsten Schichten und die Erzählung von den Problemen beim Wiederaufbau der Stadt. Ähnlich wie in „The Wire“ versucht Simon so realistisch und authentisch das Leben der Menschen in New Orleans darzustellen, wie es im Fernsehen irgendwie möglich ist. Und da New Orleans bis heute vor allem eine Musikstadt ist, spielen Musiker hier die Hauptrolle.

Nun ist die Darstellung des Lebens von Musikern im Fernsehen selten realistisch, meistens werden wenige sensationalistische Highlights präsentiert, oftmals ist die Darstellung verfälschend oder schlichtweg Quatsch (wie die unsäglich schlechten Darstellungen von z.B. Dirigenten in manchen deutschen Serien), von löblichen Ausnahmen wie z.B. Edgar Reitz‘ „Heimat“ mal abgesehen. In „Tremé“ wurde dies bewusst vermieden. Die Musikerfiguren in „Tremé“ sind alle keine Superstars, sie erleben Durststrecken, sind pleite, arbeiten als Straßenmusiker und schlagen sich mehr schlecht als recht durchs Leben, so wie zum Beispiel der hochsympathische Posaunist Albert Baptiste, dargestellt vom großartigen Wendell Pierce, der auch schon in „The Wire“ eine Hauptrolle spielte. Es wird hier also nichts glamourös heroisiert oder mit dem Weichzeichner dargestellt. Aber gerade die Darstellung dieser Musiker macht das Besondere an der Fernsehserie „Tremé“ aus – obwohl es vordergründig um die Schwierigkeiten beim Wiederaufbau der Stadt geht, ist New Orleans eben eine Stadt, die einen Großteil ihrer Identität und auch ihres Stolzes aus ihrer Musik bezieht. Noch nie gab es so viel Musik in einer Fernsehserie, alles live gespielt und live aufgenommen, niemals Playback, die meisten der Darsteller spielen ihre Instrumente tatsächlich selber (zum Beispiel die großartige Geigerin Lucia Micarelli als „Annie“) oder beherrschen sie zumindest so, dass alle Bewegungen exakt stimmen (und off camera ein Musiker live ihren Part übernimmt).

Und anders als in Fernsehserien kommen nicht immer nur kurze Ausschnitte und Appetithäppchen, sondern es werden ganze Nummern komplett gezeigt, man nimmt sich Zeit, die Musik selbst ist absolut im Vordergrund, ein Erlebnis, das man im Fernsehen nicht oft hat. Und es spielen auch nicht irgendwelche anonymen eingeflogenen Hollywoodmusiker, sondern tatsächlich Musiker von dort, zum Beispiel „Dr. John“, odern John Boutté (der auch das Titellied singt). Man sieht Musikern beim Proben zu, beim Komponieren, beim Rumalbern, beim Philosophieren über Musik, und kein einziges Mal wirkt es unecht oder gestellt, die Sprache stimmt und auch die Inhalte, dafür sorgen die zahllosen Berater der Serie, die peinlich genau darauf achten, dass alles so echt wie möglich ist.

Insofern ist „Tremé“ für jeden, der sich auch nur ansatzweise für die dortige Musik interessiert, eine wahre Schatzgrube, mal abgesehen davon, dass einem die vielen lebendig und mit allen Fehlern gezeigten Figuren mehr ans Herz wachsen, als die in Serien typischen Kunstfiguren aus Pappe. Die reine Fülle an dargebotenen Musikstilen ist so reichhaltig, dass für jeden etwas dabei ist – ich würde behaupten, dass selbst der hartnäckigste und autistischste Popularmusikverächter von der einen oder anderen Nummer gerührt oder überwältigt sein wird. Vielmehr: ich verspreche es.

Insofern von mir eine ganz dringende Kaufempfehlung, zumindest an die Englisch sprechenden unter uns, denn leider ist die Serie von unseren Fernsehsendern noch nicht endeckt worden. Aber im Original ist es eh besser – unvorstellbar, dass man das mit den üblichen deutschen Synchronstimmen synchroniseren kann. Trotz hinreißender Kritiken ist die HBO-Serie auch in den USA eher ein Geheimtipp – gerade ist die vierte und letzte Staffel genehmigt worden, die Serie wird also richtig im Sinne von David Simon abgeschlossen werden (und wer die wunderbare letzte Episode von „The Wire“ kennt, kann sich schon jetzt auf die letzte Folge von „Tremé“ freuen, die ganz sicher auch nicht enttäuschen wird). Ganz wichtig: Man muss sich auf die Serie einlassen, sich Zeit nehmen. Sie reift wie ein guter Wein und wächst einem ans Herz, selbst wenn einen die erste Folge eventuell erst einmal nicht umhauen sollte, dran bleiben, dann wisst ihr, was ich meine. So wie es bei richtig guter Musik eben oft der Fall ist.

Und jetzt muss ich mir ein Flugticket nach New Orleans besorgen.

Euer
Moritz Eggert

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