Unterschätzte Komponisten aus dem Mitgliederhandbuch des DKV (4)

Bei „Aufstand der Fritzen – Vive le Tempelhof“ handelt es sich um die wichtigste Operette des „Operettenkönigs von Neukölln“, Ulrich Bauer. Wie so oft in seinen Werken – z.B. in der berühmten Sean Connery -Parodie „Der Name der Rübe“ (1987), kann man die Handlung nur als ein unübersichtliches Konglomerat von skurrilen Vignetten beschreiben, in denen immer wieder neue Personen auftreten, die jeweils nichts mit den vorhergehenden Figuren zu tun haben. Gerade dies macht aber die Meisterschaft von Bauer aus, denn durch gezielte Publikumsverwirrung bei gleichzeitiger Reizüberflutung in den Sparten Melodie, Harmonie, Ironie und gepflegte Feinrippunterwäsche erlangt seine Musik eine Intensität und Tiefe, die den Werken anderer Operettenkomponisten fehlt (z.B. Stockhausen: „Samstag ist Schicht“).

Worum es geht ist nicht schnell erzählt: Die Anwohner von Tempelhof (die sich selbst als Hommage an den großen kleinen Preußen „die Fickfritzen“ nennen, was aber überraschend der Zensur zum Opfer fällt) wollen ihren Flughafen retten. Dieser soll aufgrund einer Sonderverfügung des intriganten und mit den Fritzen verfeindeten Marzahner Bürgermeisters Peter Tausendprotz in eine Saunabar mit angeschlossenem Ganzkörpermassageninstitut mit dem widerlich denglischen Namen „Templehof“ umgewandelt werden soll. Das darf, das kann und das muss nicht sein, daher machen die Fritzen sich auf, in einer konzertierten Aktion ganz Marzahn mit Musikschulen zu überziehen, was den ohnehin schon angeschlagenen Etat des Berliner Problembezirks endgültig zum Kollaps bringen soll. Tausendprotz schwört auf Rache und heuert eine Krautrockgang an, die die Fritzen in den Größenwahnsinn treiben soll.

Die Fritzen vereiteln mit Hilfe eines überraschend erschreckenden Auftritts des abgehalfterten Schlagerduos „Zündi und Bert“ beim jährlichen Betriebsfest diesen diabolischen Plan und planen daraufhin eine Revolution, die nach und nach ihre Kreise durch ganz Berlin zieht und jeden in Mitleidenschaft zieht, sogar Potsdam.

Mitten in den Trubel gerät die junge und unverschämt geile Reporterin Lisa Mösch, die für das aufstrebende Stadtmagazin „Titty“ über den „Aufstand der Fritzen“ berichtet. Ohne es zu wissen, verliebt sie sich während der Recherche in einem heruntergekommenen Pediatriesalon in Charlottenburg (der dem Chef der vietnamesischen Mafia – Hai Shang Chung – als Geldwäscheinstitut dient, was er in einer Arie voller abgefucktem Kalkül auch besingt) in den Sohn der bösen Bürgermeisters Tausendprotz, den jungen Rocker Atze, der dort dem Mafiachef die Stange hält und gelegentlich auch massiert. Doch schnell wird dieses scheinbar bedeutungsvolle Handlungselement komplett verlassen, und macht einer verwirrenden Nummernrevue Platz, in der die bizarrsten Charaktere sich eine Schlacht um die beste Berliner Currywurst liefern, was scheinbar unentschieden endet. Es treten u.a. auf: „Popopunk“, der Partykönig von Zehlendorf, Darius Müller Mastmagen, der schmierige Türsteher des schlechtesten Nachtclubs von Wedding und „Angela Merkel“ als sie selbst. Als die gesammelte, widerlich sämige Currysoße den Kuhdamm zu überschwemmen droht, flüchten die Protoprotagonisten in die Bedeutungslosigkeit, wo sie es sich im Folgenden recht gut einrichten.

Nun droht aber eine neue Gefahr: der Currystrom reißt tausende von bemalten Bären mit sich und eine der größten und auch letztlich einzigen* Touristenattraktionen Berlins scheint dem Untergang geweiht.

*seitdem das Brandenburger Tor in einer Nebenhandlung einem McDonalds weichen musste (hier ist – wie auch in vielen anderen Operetten Bauers – sein soziales Engagement deutlich zu spüren)

Doch in diesem Moment tritt Johnny Cash (der selbe Johnny Cash aus Michael Bauers zweiter Erfolsoperette, „Johnny Cash aus Schwäbisch Hall“) auf und besänftigt die wabernden Currymassen mit seinem ätherischen Gesang, der Arie „Alles hat ein Ende, auch die Wurst (wenn man es ganz genau betrachtet)“. Und das Schönste ist: Tempelhof ist gerettet und ersetzt Tegel als „verdammtes Tor zur Welt“. In einer feierlichen Schlussnummer beschließen die beiden schwulen Lufthansapiloten Piet und Schiet nie wieder einen Massagesalon zu betreten und außerdem die Welt zu retten.

„Ein schönes, ein wichtiges, ein sogar mich provozierendes Stück.“ (Roberto Carlos Penelope Blanco, taz)

aus: Das Opernlexikon, Kurt Pahlen, Heyne 2002

Anmerkung von Moritz Eggert: Bei Ulrich Bauer scheint es sich übrigens um einen ziemlich kultigen und tatsächlich unterschätzten Komponisten gehandelt zu haben, dem seine Freunde hier ein Denkmal gesetzt haben, denn leider verstarb er 2001. Ich hätte ihn gerne kennengelernt! Als praktisch einziger Operettenkomponist der Neuen Musik sollte er auf jeden Fall einmal hier ausführlicher gewürdigt werden….

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