Hans Peter Haller – Hommage an seine Homepage

Nein, es handelt sich hier nicht um einen Homepage-Wettbewerb. Auch wenn es um Gewinn und Verlust gehen wird. Fangen wir mit letzterem an. Seit 16. Juli 2006 liegt Hans Peter Hallers Seite brach. Damals wurde sie zum letzten Mal aufgefrischt, wohl mit dem traurigen Eintrag unter CV, dass der Seiteninhaber Hans Peter Haller am 16. April 2006 verstorben sei. Grast man die Linkseite ab, sind die zu seinem ehemaligen Arbeitgeber SWR mit Fehlermeldungen versehen, nur zu Ensemble Modern, Nomos Verlag und Beckmesser funktionieren sie noch. Eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man die ins Leere führenden Links auf den alten Seiten unserer Blogs verfolgt. Immerhin gibt es die Seite immer noch. Von einer Freundin hörte ich vergleichbares aus einem sozialen Netzwerk: Sie fand nach langer Zeit einen Sänger wieder, der nach wie vor jetzt mit ihr dort verknüpft ist; allerdings starb der Sänger ganz real bald nach dem virtuellen Wiederfinden.So ging es mir vor ein paar Monaten mit Hans Peter Hallers Internetseite: Ich recherchierte über Live-Elektronik und stieß nach Jahren wieder auf diese Seite. Und fand sie vor, aber ihr Inhaber ist nun unerreichbar. Aber wiederum auch nicht! Wie ein weitertickendes Lebenszeichen steht sie lebendiger vor uns als jeder Erinnerungsstein. Bleibt nur zu hoffen, dass sie noch lange nicht abgeschaltet wird oder sie gar einem Museum für „Homepages Neuer Musik“ anvertraut wird. Jetzt hängt neben Rechtsnachfolgern wohl alles von der Telekom ab. Verführerisch prangt auf der Eingangsseite immer noch die damalige Mailadresse. Ausprobiert habe ich ihn noch nicht, regt er so doch an, in der Fantasie Mails ins Jenseits zu senden. Das Internet als Schnittstelle zwischen wirklich getrennten Erlebnis- und vielleicht auch Denkwelten. Eben fantastisch! Aber nur gedacht. Wundersam auch der Verweis auf den Internet Explorer 5 und eine Monitorauflösung von 800×600. Was waren das für Zeiten. Auch erinnert das gesamte Layout an die erste Zeit des jedermann zugänglichen Internets. Somit ein analoges wie digitales „memento mori“.

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Strenggenommen habe ich überhaupt keinen reale Anknüpfungspunkt zu Hans Peter Haller. Und doch geriet ich 2001/02 in den Sog seiner Internetseite. Im Bamberger Künstlerhaus hatte ich den niederländischen Kollegen Eric Verbugt kennen gelernt, einen der unholländischsten Komponisten. Er befasste sich intensiv mit Sekundärliteratur zum Nonoschen Spätwerk, ich selbst redete viel mit ihm über diese Arbeit. Sofern ich auf der damaligen Künstlerhausbaustelle Zugang zum Internet hatte, begann ich neben intensiven Hören der Musik Nonos mit der Recherche nach weiteren Bausteinen über ihn. Dabei stieß ich erstmals auf die Seite Hallers, seine Tagebuchnotizen zur Uraufführung und vorangehenden elektronischen Einrichtung des „Prometeo“. Ich warf auch einen Blick auf seine theoretischeren Abhandlungen zu seiner Musikelektronik und Arbeit am heutigen Experimentalstudio des SWR. Verstanden habe ich leider nicht all zuviel. Immerhin führte mich mitunter diese Lektüre während eines spätherbstlichen Venedigbesuchs in das dortige Archivio Luigi Nono, wo ich erstmals die Prometeo-Partitur in Händen halten durfte und eine total verrauschte Minidisc- oder gar Cassetten-Aufnahme, quasi aus Nonos Westentasche, der Mailänder Aufführung des Prometeo lauschen durfte. Man empfahl sie mir als die ihm genehmste. Und wirklich, was für ein Klangbild, sofern man es sich in jenem Format überhaupt vorstellen durfte. Aber sie wirkte musikalischer, atmender als Alles, was ich bisher von diesem Stück auf Konserve oder Live erlebte.

Zur Zeit arbeite ich nun selbst immer wieder elektronisch, natürlich am eigenen PC. Dies wäre selbst 2001 noch nicht wirklich befriedigend ausgefallen. Dank all den schnelleren Rechnern und preiswerter oder opensource-Software ist dies heute jedermann möglich. Allerdings ist man sich allzu oft selbst überlassen, mögen noch so viele Foren Lösungen anbieten. Ich behelfe ich der Tutorials, gerade bei Nutzung von PureData gerne dies dort implementierte wie jenes von Kollege Kreidler. Da gibt es natürlich Möglichkeiten, die weit über den Prometeo-Technikstand hinausgehen. Dennoch finde ich es gerade heute befruchtend, sich den einfacheren Dingen wie Sinustönen oder Verzögerer zu widmen. So kann man die ganze Elektronik für sich selbst durchdenken, gerade anhand der Ausführungen Hallers zu Nono sie als das Atmen erweiterndes Instrument auffassen, sie sich sehr simpel und pur vorstellen. Aber was gibt es schöneres als Duette von Sopran und Sinuston oder einen live-elektronisch verzögerten Proportionskanon, der natürlich viel einfacher per Zuspielung zu haben wäre. Wie erhebend, wenn Mensch und Elektronik aufeinander reagieren. Mag heute jeder Elektronik benutzen, so kleben doch Alle an Midipedal oder Clicktrack. Ich gehe lieber ein paar Schritte zurück! Es ist ja momentan überhaupt nicht nur Anwendung sondern vor allem Aufarbeitung all der bisher unbewältigten Neuerungen der letzten fünfzig Jahre angesagt. Das kann zumindest die nächsten zehn, zwanzig, ja dressig Jahre noch spielend ausfüllen, vielleicht sogar noch länger als das fossile Zeitalter andauert, wenn uns mal nicht Luft und Strom dabei ausgehen werden.

Es ist natürlich gefährlich, sich zu sehr in Nonos Klangschönheiten zu verlieben. Dennoch lernt man aus dem Verhältnis Haller-Nono, wie Arbeit befruchtet wird, wenn zwei unterschiedliche Metiers wie Technik und Kunst aufeinanderstoßen. Natürlich wird dies immer technikbegeisterte Kunst sein, so dass man alsbald zu einer gemeinsamen Ausdrucksweise finden kann. Das Ideal einer Symbiose aus dem Geiste der Musik ist meist dann spürbar, wenn beide je ein wenig zurückstecken und sich immer wieder neu gegenseitig beeinflussen. Das ist in unserer anwendungsorientierten Zeit immer schwieriger. Man lernt zwar ein Programm von allen Seiten kennen. Es bräuchte aber so unendlich mehr Zeit, es zu durchleuchten, so dass es auch veränderbar ist. Manche Programme kann man so zumindest als Programm auf dem Weg zum eigenem Programm nutzen, wie o.g. PureData. Meist aber komponieren uns in all den anderen Fällen die Default-Einstellungen, als dass wir mit diesen Programmen wirklich komponieren, abgesehen mal von den Schreibprogrammen, so sehr die uns auch oft Tücken bereiten.

So bleibt nur der Weg über eine gewisse Reduktion oder man leistet sich ein Zusatzstudium. Oder man denke wiederum an eine Weiterführung der alten SWR-Experimentalstudioarbeit unter ganz neuen Vorzeichen. In Zeiten von Kürzungen und Verfestigungen im Förderwesen der Rundfunkanstalten wird dies aber immer schwieriger. Man traut sich kaum noch, an ein deutsches IRCAM zu denken, das natürlich viel offener als das Pariser Vorbild sein müsste und genau andersherum denken sollte, wo die Technik durch die Musik wird. (Eigentlich sollte da das Versailles/Duodezfürstprinzip herrschen: Wie vor 300 Jahren jeder Mini-Monarch seine Versailleskopie hatte, müsste jedes Bundesland sein eigenes Elektronische Musikzentrum haben.) Aber in Zeiten von Informatikerparteien wird dies immer diffiziler kommunizierbar. So bleiben wenige Stipendien oder eben so wertvolle Seiten, wie die Hans Peter Hallers. Möge Hans Peter Hallers Seite noch viele von uns begeistern, mag sie manchem auch ein wenig überholt erscheinen. Mit dem abschliessenden Zitat wird Hans Peter Haller aber noch hoffentlich länger Recht behalten: „Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, dass für mich nicht die digitale oder analoge Funktion der Geräte wichtig ist, sondern ein akustisches Ergebnis, das meinen Klangvorstellungen entspricht.“ (analog oder digital, 2003)

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