Zweite Lieferung zum Beginn eines polemischen Glossars zur Terminologie der neueren Musik

Als ich neulich einmal durch die Vergangenheit des Bad Blog streifte, habe ich entdeckt, dass ich wie so oft vor langer Zeit etwas begonnen und nie fortgesetzt habe: den „Beginn eines polemischen Glossars zur Terminologie der neueren Musik“. Nachdem beim ersten Mal Substantive dran waren, machen wir heute einmal nur Verben! Und blicken dabei selbstkritisch in unseren eigenen Thesaurus, wenn wir über Musik schreiben…

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Lieblingsverben

ausloten
Wer zu diesem Verb greift, suggeriert Tiefe. Dient das „Lot“ doch seit langer Zeit dem Schifffahrer, die Tiefe des Gewässers zu eruieren – und nicht zuletzt, die Untiefen zu umschiffen. Der Bedeutungsumfang des „Versenkens“ schwingt hier also gleichfalls mit, und wir nehmen jetzt mal an, dass es darum geht, in seinem Stoff zu versinken um daraus wieder aufzutauchen und nicht alle seine guten Ideen zu versenken. Typisch für das Schreiben über Neue Musik ist an dieser Vokabel, dass sie den künstlerischen Vorgang gleichsam objektiviert, in dem sie die Tätigkeit in die Nähe eines Vermessungsvorgangs rückt. Auch die Konnotation der „Richtigkeit“, der „Korrektheit“ der Ausführung schwingt darin mit, verwendet doch der Handwerker das Lot, um die „Lotrechte“ zu finden, einfach gesagt: um alles ins Lot zu bringen. Dass dabei immer Gewichte im Spiel sind, kann kein Zufall sein: Der Komponist, der ausgelotet hat, hantiert mit schwerem also wohl bedeutendem Material. Wer „ausloten“ ohnehin schon inflationär gebraucht, dem sei daher die regelmäßige Abwechslung mit: -> auspendeln, ->ausmendeln, -> versenken oder -> baumeln nahegelegt.

versuchen
Die Versuchung ist groß, im Rahmen von experimentellen Anordnungen vom „versuchen“ zu sprechen. Man sollte jedoch versuchen, respektive danach trachten, dieser Versuchung nicht zu erliegen und das versuchen durch das gelingen zu umschiffen, andernfalls schließt das versuchen das scheitern so sehr mit ein, dass es schon einiger Dialektik bedarf, den wohlwollenden Versuch, das Experiment zu beschreiben, nicht als Protokoll seines Misslingens zu verstehen. Vorsicht also mit „versuchen“!

durcharbeiten
Wie klingt das nach Fleiß und Schweiss, nach Ordnung und Disziplin. Und wie zutreffend ist dieses Verb daher für so viele Werke der Neuen Musik. Wiederum auffällig ist hier die Konnotation von Gründlichkeit, die wie im Falle von „ausloten“ ins Spiel kommt. Für besonders inspirierte Musik empfehlen wir die Verwendung von Vokabeln, die weniger nach der Beschreibung einer Brahms-Sinfonie klingen.

komponieren
Ein wenig einfallslos, auch wenn es den Vorgang des Musikschaffens wohl am neutralsten bezeichnet. Anders als in der bildenden Kunst, wo ja bereits die Verben -> malen, ->zeichnen, -> meisseln den schöpferischen Vorgang gewissermaßen in die aktivische Tätigkeit übersetzen, bleiben dem über Musik schreibenden nur poetisierende Umschreibungen wie -> aus der Feder fließen, -> aufs Papier kritzeln oder -> den algorithmus umprogrammieren, um dem unfassbaren Akt des Komponierens ein alltägliches Angesicht zu verleihen. Aufregend wird das „komponieren“, wenn es vom gebildeten Autor in seine lateinische Wurzel überführt wird: Com-Ponere bedeutet „Zusammen-setzen“. Wenn man es durch die Formulierung „Er komponiert hier im strengen Sinne des Wortes, er setzt die Bestandteile zusammen“ einführt, reicht das für das Westentaschenlatinum und die Kulturspalte der Lokalzeitung.

schreiben
Nur scheinbar ein äußerst zurückgenommenes Tätigkeitswort, um die Arbeit des Komponisten zu fassen. In Zeiten der digitalen Revolution ist das „schreiben“ von Musik bereits von einer pathetischen Emphase unterfüttert, deren Bedeutung man als Schreibender über Musik nicht unterschätzen darf. Und nach wie vor gilt: Nur wer schreibt, der bleibt.

niederschreiben
Kommt der Vorliebe des 20. Jahrhunderts für die Gattung „Protokoll“ sehr entgegen, ist jedoch etwas niederschlagend die Vorstellung, dass all diese schöne Musik nur niedergeschrieben sein soll. Das Gegenteil, das „hochschreiben“ ist anders als das „hochschlafen“ im Musikbetrieb allerdings nicht verbreitet. „Aufschreiben“ ist als Alternative sicherlich nicht zu verachten und dietet immerhin keine Abwärtstendenz an.

Positivistische Metaphern

Über ein metaphorisches Verhältnis zur Welt kommen wir mit der Sprache ja kaum hinaus. Und was für die Welt gilt, gilt eben auch für die Musik. Damit man aber trotzdem zum Mond fliegen oder über Beethoven-Sinfonien schreiben kann, muss man diese Einschränkung einfach mal ausblenden. Einige der folgenden Wörter sind also nur unter postkonstruktivistischem Vorbehalt zu genießen.

verwandeln
Dass Musik die Welt verwandeln kann wussten schon Hänsel und Gretel, die allein, nackt und frierend, bedeckt von nichts als einem modrigen Blätterhaufen im Wald übernachten müssen. Sie singen und schon kommen die Engelein herbei. Musik, das ist hiermit bewiesen, hat die Kraft, die Welt zu verwandeln. Unvorsichtige Autoren übertragen diese zauberischen Fähigkeiten unmittelbar auf Komponisten, die also allenthalben etwas verwandeln: sei es nun Motive und Rhythmen, literarische Vorlagen oder bedeutende Bauzeichnungen. Dass sie dabei natürlich in erster Linie „verunklaren“, „verschweigen“, „verändern“, „schummeln“ und „lügen“ verschluckt der vornehme Ausdruck der Verwandlung, der schon viel korrekter wäre, wenn man davon spricht, dass Komponisten eine Vorlage „wandeln“. Damit spielte man zugleich der Vorliebe der Neutöner für eine technische Objektivierung ihres Tuns in die Hände, handelt sich aber natürlich zugleich theologische Implikationen ein, wo die Wandlung wiederum etwas ganz anderes bedeutet. Nichtsdestotroz scheint der theologische Begriff der Transsubstantation gar nicht so fehl am Platz und ob man ihn profanieren müsste, ist im Angesicht der Musikmetaphysik des 19. Jahrhunderts mit Bestimmtheit nicht einmal zu sagen.

übersetzen
„Traduttore – tradittore“ sagen die Italiener und meinen damit, dass der Übersetzer lügt. (Mit Ausnahme des Übersetzers dieses Sprichworts, der natürlich die Wahrheit sagt.) Wenn ein Komponist Sternenkarten in Musik übersetzt oder angolanische Küchenrezepte, so haben wir es genaugesagt meist mit einer Übertragung von Strukturen zu tun, die der semantischen Dimension des Übersetzens nicht gerecht werden. Was niemanden davon abhält, es gerne und häufig zu tun.

abbilden

ist insofern natürlich eine problematische Angelegenheit, als wir es mit Klangbildern zu tun haben und dann die Übersetzungsleistung sich auch noch auf den Gesichtssinn bezieht.

in Töne setzen
sollte streng vermieden werden, wo bleibt dann da die Gleichberechtigung für die Geräusche und dann sitzt man schnell selbst in den Nesseln.

Problembewusste Metaphern

nachzeichnen
Wer etwas nachzeichnet, bildet nichts eins zu eins ab, wer also vom nachzeichnen spricht, macht zugleich deutlich, dass er lediglich von einer Analogiebildung spricht.

in Beziehung setzen
Damit ist man fein heraus, denn so bewegt man sich tautologisch durch die Beziehungen zwischen Musik und Welt, die man ja selbst auch lediglich in Beziehung setzt. Schade eigentlich.

sich annähern
Nicht nur der romantische Gedanke der unendlichen Annäherung lebt hier fort, auch der gleichsam sich anpirschende, lauernde und forschend-wache Komponistengeist erhält hier ein Gesicht. Aber hier gilt wie für das versuchen: wer sich annähert, will etwas erreichen. Ob es dazu reicht?

Verrufene Ausdrücke

erträumen
Wer heute seine Musik ->erträumt, der ist ein zu spät geborener Surrealist oder aus einem anderen Kulturraum, weder das eine noch das andere ist schlimm, im Gegenteil. Vielleicht sollten Komponisten heute wieder mehr träumen.

phantasieren

Ähnliches gilt vielleicht auch für das phantasieren, was ja nun einmal sogar eine recht beliebte musikalische Gattung war. Vielleicht muss man warten, bis es wieder Salons gibt, bis man wieder darüber sprechen darf, dass Komponisten etwas phantasieren, ohne dass man ihnen nahe legt, den Arzt aufzusuchen.

erfinden
Viel zu skeptisch ist man heute der Erfindung gegenüber. Zumal ja das erfinden das eine, das damit arbeiten das andere ist. Daher ist also auch das erfinden vielleicht viel weniger wichtig als das finden für einen Komponisten und das sollte man beim Schreiben nicht vergessen.

ablauschen
Wie das lauschen ja eine viel flauschigere Vokabel zu sein scheint als das hören oder gar das ge-horchen, so ist der grat zwischen dem sensibel seiner umwelt oder was auch immer die phänomene ablauschenden Komponist ungewollt in die Nähe des Abhörenden, was nur im Tonstudio gestattet ist, bei vielen Kompnisten über 30 aber immer noch unangenehme Gefühle weckt. Wiederum manifestiert sich darin ein quasi-objektiver Umgang mit den Phänomenen.

Briefträgervokabeln

Es gibt eine Reihe von Vokabeln, die von der Unkenntnis auch nicht mehr so neuer Medientheorien zeugen und die ein gewissermaßen unilineares „Rohrpostmodell“ unterschiedlicher Transferleistungen ins Spiel bringen. Der Komponist wird hier an erster Stelle zum Apportierhund, wenn er die Dinge „zum Klingen bringt“, „zum Singen bringt“ oder auch „zum Schwingen bringt“. Die Variante „zum Swingen bringen“, kann auf neue Musik leider viel zu selten angewendet werden, ebenso wie die folgende, die wir besonders schmerzlich vermissen und die wir daher ausdrücklich von der Ausnahme ausnehmen wollen, wenn sie denn mal passt: „zum Schmelzen bringen, Herzen“

Euphemistische Vokabeln

Kreative Klau- und Abschreibemethoden waren schon von jeher ein Fortschrittsmotor in der Musik. Früher hat man sie dann Parodie gennant, später Borrowing, im weitesten Sinne bewegt man sich hier auf dem Feld der Bearbeitung. Das 20. Jahrhundert hat nicht nur ein neues Problembewusstsein für das Verhältnis von Original und Kopie hervorgerufen, es hat zugleich etliche neue Begriffe geprägt, die das Herstellen von Originalkopien künstlerisch nobilitieren.

übermalen
Lieblingsbegriff von Wolfgang Rihm, der ihn vom Maler Arnulf Rainer übernommen hat. Wenn vom Vorgang des Übermalens die Rede ist, meint der Komponist respektive der Rezensent meist, dass der Autor in eine bestehende Partitur eine oder mehrere neue Stimmen hineingeschreiben hat, diese an seinen Verleger zurückschickt und dieser eine neue Partitur herausgibt.

erweitern
Kann alles heißen von der Ergänzung eines Taktes bis gegen unendlich. Die meisten Erweiterungen tendieren eher zu einem Takt. Heißt also schlimmstenfalls nichts anderes, als dass der Veranstalter vom Komponisten ein bereits hinlänglich bekanntes Werk als Uraufführung angedreht bekommen hat, das im Werkverzeichnis als Variante dieses Werks firmieren wird und Musikwissenschaftlern sicherlich lohnende Arbeit schenkt. Schöner ist der Begriff des ->wucherns, der eine quasi-natürliche komponente mit ins Spiel bringt und dadurch angetan ist, vom kompositorischen Kalkül ablenkt. Dass der Ausdruck zugleich die Assoziation der übertriebenen Preisgestaltung ins Spiel bringt, ist sicher ein unglücklicher Zufall.

transkribieren
Was in der Schule höchst verboten ist, gehört beim Komponisten zum Beruf: das Abschreiben. Heißt zunächst nichts anderes, als dass ein Komponist eine Musik aus einem Medium – meist also auch einer Besetzung – in ein anderes Medium – auch eine andere Besetzung überführt. Geradezu mönchische Assoziationen stellen sich ein von einem Autor, der als treuer discipulus das Werk seines Vorbildes studiert und dadurch, dass er mit der Feder oder dem Bleistift in jede Note eindringt, sich gewissermaßen in jedes Detail des Werkes versenkt. (Siehe auch -> ausloten) Vielen Komponisten gelingt es jedoch nicht, den Originalitätsmotor auszuschalten und im Rahmen des Abschreibens gelangen sie zu einer -> komponierten Interpretation, einer -> Relektüre oder auch zu einer -> Ausarbeitung.

kopieren
außer bei sich selbst streng verboten. kommt es doch vor, sollte man es tunlichst als ->samplen bezeichnen und am besten auch noch ->loopen, wenn man es schon ->wiederholen muss.

Viel zu selten verwendete Vokabeln

Es mag an der Qualität der besuchten Veranstaltungen, an der Höflichkeit des Rezensenten oder schlicht am hohen Ethos der hierzulande schaffenden Künstler liegen, dass man selten liest, dass jemand eine Partitur „hingerotzt“ hat, oder sich wie ein -> Malschwein auf seiner Leinwand auf dem Papier „ausgekotzt“ hat. Selbst bedeutende Komponisten wie Salvatore Sciarrino sprechen von einem „Ausscheidungsvorgang“ hinsichtlich ihres Komponierens, da sollte man doch wohl mal von „nur halb gegarten“, bloß „anverdauten“, „kompostierten“ oder auch „vor sich hinfaulenden“ Werken lesen können. Und ich spreche noch nicht von jenen, die die Ohren malträtieren, foltern, die exorzieren oder perforieren, von den Werken, die man einfach nur perhorreszieren kann, ganz zu schweigen…

Weitere Vorschläge werden in der Kommentarspalte wie immer gern aufgenommen.

Musikjournalist, Dramaturg

2 Antworten

  1. olehuebner sagt:

    danke, herr hahn, endlich hat mal jemand ganz problembewusst auf den punkt gebracht, das weder komponist ein synonym für tonsetzer noch andersrum ist. begegnet einem ja, auch im seriösen journalismus, leider immer wieder, diese fatale verwechslung. … hmfff.

  2. TamonYashima sagt:

    lustig, dass man durch Moritz Eggerts Newsletter auf Ole Hübner stößt.