Aufruf (1919)

Keine Kunst ist in Dingen der Kritik so vernachlässigt wie die neue Musik. Die führenden Zeitschriften des Expressionismus beschränken sich fast ausschließlich auf zeitgenössische Literatur und Malerei. Jeder modern Gebildete kennt Becher, Düubler, Ehrenstein, Hasenclever, Hiller, Heinrich Mann, Sternheim, Stramm, – jeder kennt Chagall, Felixmüller, Kandinsky, Klee, Kubin, Matisse, Pechstein, Picasso – aber wer von ihnen hat einen Dunst von Bartók, Busoni, Mraczek, Schönberg, Schreker, Skrjabin, Suk, Szymanowski und den vielen aderen, deren Werk gewiß nicht kleiner ist als das der expressionistischen Dichter und Maler? Welche moderne Zeitschrift tritt für sie ein? Warum beschäftigt sich der Sturm, dessen Leiter, Walden, selbst Musiker ist, so wenig mit der Musik von heute? Fürchtet Herr Komponist Walden die Konkurrenz der Kollegen? Oder fehlt es an Literaten dieser Branche?

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Die Aktion brachte im achten Jahrgange, Nr 7/8, eine sehr begeisterte Notiz des unbekannten Herrn Jakauw Arie über die Musik des Sängers Jac. Heinz Tobi. Da steht etwas von Mahler, Schönberg, Busoni, den „Befreiern vom Chaos des Musik-Militarismus“. Aber, mein Gott, Apotheosen flöten und Gemeinplätze trompeten ist noch nicht sich für eine Kunst einsetzen!

Auch Däublers wundervolles Lucidarium in arte musicae streift nur in Debussy die Moderne. In Dresden bei Stiemer erscheint eine Sammlung Zur Zeitmusik, die sich im allgemeinen damit begnügt, das Leben der Künster zu schildern und ihre Werke aufzuzählen. Wesentliches über unsere Musik wird auch dort nicht gesagt.

Es ist an der Zeit, dass endlich die neuen Künste sich zusammentun zu gemeinsamer Arbeit. Man muss einsehen, dass alle ihre Wege das eine Ziel haben: Die große Gemeinschaft der gebesserten Menschheit.

H. H. Stuckenschmidt. In: Hans Heinz Stuckenschmidt. Der Detusche im Konzertsaal. Hg. von Werner Grünzweig und Christiane Niklew. Hofheim 2010, S. 13.

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Musikjournalist, Dramaturg

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