Mitteilen statt Austeilen

Eine deutschsprachige Musikzeitschrift hat für ihre Novemberausgabe als Grabbeigabe für die Österreichische Zeitschrift für Neue Musik eine Rundfrage gestartet. Unter latenter Bezugnahme auf Hansjörg Paulis berühmte Frage: „Für wen komponieren Sie eigentlich?“ erbat sie Antwort zum Thema „Warum schreiben sie über neue Musik?“. Gute Frage, dachte ich mir. Die offenbart doch genau das Problem, in dem der Musikjournalismus steckt. Nicht, dass es nicht unterschiedliche Arten von Musik gäbe. Aber der Dünkel, dass über neue Musik zu schreiben etwas ganz Besonderes wäre, erschien mir als Teil des Problems. Ich entschloss mich also insgeheim, die Frage doch eher im ursprünglichen Pauli’schen Sinne zu verstehen. „Für wen schreiben Sie eigentlich über (neue) Musik?“ Das Jammern und das Bibbern wurde anderen überlassen.

Werbung

Damit hatte ich aber den eigentlichen Zweck der Aufgabe übersehen. (Heulen und Zähneklappern.) Ja, man schrieb mir die denkbar schlechteste Bewertung ins Klassenbuch: Thema verfehlt, sechs! Dabei habe ich mich ja zunächst noch geschmeichelt gefühlt, als man mir sagte, dass mein Text anders sei als andere. „Heureka“, rief ich! „Meine Existenzberechtigung als Textknecht ist approbiert.“ Doch als man dann begann, mich vor mir selbst bewahren zu wollen – weil ich neben den schlotternden Knien und abgeknabberten Fingernägeln „naiv“ wirken könnte – habe ich die Reissleine gezogen.

Sorry, für diesen Zweck lasse ich mich nicht missbrauchen. Wenn diese Szene mal mit dem Jammern aufhören würde und ein bisschen mehr kreative Energie in neue Lösungen stecken würde, dann würden vielleicht auch mehr Menschen Texte über neue Musik lesen wollen.

Hiermit also schon zum zweiten Mal eine Kaufempfehlung in diesem Monate. Kaufen Sie alle die Novemberausgabe der deutschen Musikzeitschrift Po. Dort werden Sie vermutlich das gesammelte Elend des deutschen Musikjournalismus versammelt finden. Meinen Text finden Sie dort nicht. Den kriegen Sie nämlich hier: Gratis. Warum ich das tu? Ach, wissen Sie: weil Sie mich gern haben können. Und dass Sie mich dann doof und naiv finden? Berufsrisiko.

Herr Hahn, Sie sind Musikkritiker, …. // Nein. // Nicht? // Ich schreibe über Musik. Aber anders als viele Kollegen, die sich als Musikkritiker bezeichnen, sehe ich mich nicht als Torhüter zur Musikgeschichte. // Sie sind also einer von jenen, die dafür sorgen, dass die Kultur der Kritik vor die Hunde geht. // Nein. Das altgriechische Verb „krinein“, von dem unsere „Kritik“ wortgeschichtlich abstammt, bedeutet nichts anderes als unterscheiden. Im Sinne der Systemtheorie machen wir dies beständig: Unterscheidungen treffen, indem wir aus der großen Möglichkeit an Mitteilenswertem etwas auswählen – von dem Standpunkt aus, den wir in diesem Moment einnehmen. Dass dieser Punkt ein blinder Fleck ist, dessen sollte man sich bewusst sein. Geht man einer anderen Bedeutungsnuance nach, so kommt man vom „scheiden“ zum „teilen“. Das (Mit-)Teilen eines Erlebnisses liegt mir beim Schreiben näher als das Austeilen. // Steckt dahinter nicht einfach eine große Unsicherheit? Flüchten Sie sich dann nicht in Atmosphärisches, wo analytische Genauigkeit gefragt wäre? // Sie haben recht, gerade wenn man beginnt zu schreiben hat man Angst davor, sich festzulegen – auch weil einem die Kriterien fehlen. „Man muss viel gegessen haben, um Kotzen zu können“, hat mir ein Kunstprofessor einmal zum Thema „Kritik“ gesagt. Und solange man noch hungrig ist, finde ich es legitim, seinem Gegenüber nicht den Anzug zu beschmutzen. Es geht um eine Form von Zivilisiertheit. // „Kunst ist eine Form der Kritik, die unsere Zivilisation zum Bestandteil ihrer selbst erklärt hat – eine Art Selbstbeobachtungsmodus.“ // Könnte fast von mir sein. Nur scheint mir dieser Modus mit einer gewissen Trägheit ausgestattet und wir erleben gerade, dass diese Beobachtungen offenbar auf eine Gesellschaft ausgerichtet sind, die es so nicht mehr gibt. Hier hat das Schreiben über Musik eine echte Vermittlungsaufgabe. Man muss die Rezeptionskontexte immer zugleich reflektieren und herstellen. Und sich endlich von einer ontologischen Musikkonzeption verabschieden und sich eingestehen: Es gibt viele Musiken. Was das ist, ist ein kulturelles Konstrukt. // Wo bleibt da die Wahrheit? // Nirgends scheint mir Nietzsches Wort, dass die Wahrheit nichts als „ein bewegliches Heer von Metaphern“ ist, treffender zu sein, als in Bezug auf das Schreiben über Musik. Denn aus einem metaphorischen Bezug auf Musik kommt man ja schreibend nie hinaus. // Sind sie objektiv? // Es kann nur objektiv werden, was einmal subjektiv war. Ich glaube, der Satz stammt von Harald Szeemann und ich stimme ihm zu. Musikerfahrung ist höchstindividuell. Was man hört, erfährt, durchlebt, hängt ganz stark von der Hörbiographie ab. Wer von seinen eigenen Erfahrungen spricht, sensibilisiert andere Menschen vielleicht für ihre eigenen Erfahrungsräume. // Eigentlich wollte ich Sie ja bloß fragen, warum Sie über neue Musik schreiben… // Es gibt pragmatische Gründe: Arbeit, Nahrung, Wohnung. Darüber hinaus ist es für mich eine wunderbare Form der Telekommunikation. Wer schreibt, tritt in ein Gespräch mit sehr vielen Menschen ein. Und oft ist es einfach schön, jemandem der „tele“, also „fern“ ist, etwas mitzuteilen. Nicht als Flaschenpost, sondern eigentlich eher wie Zettelchen, die man sich früher unter der Schulbank zugeschoben hat.

Musikjournalist, Dramaturg