Ausdruckswaisen

neulich bei einer premierenfeier. nicht irgendeiner: ruhrtriennale-eröffnung! kreation mit musik von samir odeh-tamimi. text von albert ostermaier. inszenierung von willy decker. bochum jahrhunderthalle. bei der anreise fällt auf: dem festspiel fehlt die burg. oder nicht? ganz anders: das festspiel ist in der burg! der industrieburg, warum sagen bloß immer alle kathedrale. (wegen der höhe, wegen der andacht, wegen des erhabenen, furcht und schrecken.)

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Leila und Madschnun / © Paul Leclaire

Leila und Madschnun / © Paul Leclaire

auf der premierenfeier darf frau ministerpräsidentin kraft die ersten worte sprechen. „wie immer in sachen kultur“, sei sie sehr offen an den abend herangegangen, sagt sie eingangs. das ist natürlich schade, ich für meinen teil gehe mit einer ganzen menge vorurteile an kultur heran, habe da einen ganzen packen an erziehung, bildung, erinnerungen, vorlieben, geschmack, den ich mit mir rumschleppe und der ist so groß, dass ich ihn kaum unter meinen theatersessel quetschen kann, aber nun gut, man wird wohl nicht politikerin, wenn man nicht so ganz und gar offen sein kann. und insgeheim bewundere ich auch die ernsthaftigkeit, mit der frau kraft, nicht anders als norbert lammert, diesen musiktheaterbesuch betreibt: selbst die einführung um viertel nach acht haben sie sich anständig angehört – und das bei (arbeits)zeitplänen, die mir schon in der vorstellung furcht einflößen. (das meine ich ganz unironisch!)

sie ringt in ihrer freien rede um eine deutung dessen, was sie gesehen hat, sucht selbst nach worten für das, was sie gehört hat, kein staatssekretär oder abteilungsleiter kann einem das abnehmen. und als es um die musik geht, spricht sie plötzlich von klängen. das ist mir schon häufig aufgefallen, dass menschen, die neuer musik begegnen, und – oft vollkommen zurecht – den eindruck haben, dass das mit der vorstellung, die sie von musik haben, nicht recht übereinstimmt, dann auf den ausdruck „klang“ ausweichen. das ist ja auch insofern naheliegend, als zahlreiche komponisten des 20. und 21. jahrhunderts die arbeit am „klang“ als ihre ureigene domäne empfinden. ja und auch die klangkunst besetzt in der öffentlichen wahrnehmung ein irgendwie identisches feld. soll man also jemandem vorwerfen, dass er von „klängen“ spricht, wo es doch im ganz ureigentlichen sinn bei einer musik wie der gehörten um rhythmus, (ornamentreiche) melodik, harmonik und – ganz grundsätzlich – um die freisetzung von energie geht? nein, darf man nicht. weil einem ja niemand beibringt, wie man über so was spricht. und dass sich politiker nicht nur von berufs wegen für neue musik begeistern lassen. das klingt gut.

weitere aufführungen von leila und madschnun: siehe ruhrtriennale.de

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Musikjournalist, Dramaturg

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5 Antworten

  1. Klang ist eindeutig das überschätzteste Wort in der Neuen Musik – „Neue Klänge“, ich kann’s schon nicht mehr hören. Wäre schön, wenn es mal um die von Dir angesprochenen Dinge ginge, die ich auch für viel wichtiger halte. Statt dessen geht es immer um „zerschründete Klänge“, „aufgebrochene Klänge“, „Klangforschungen“….Gähn…

  2. Klang ist eindeutig das überschätzteste Wort in der Neuen Musik

    Ja und nein.
    Das Problem ist seit Mitte der 80er Jahre bekannt:
    Klang als Ausgangspunkt für Entwicklungen:
    Hier ein schönes Beispiel von Toshio Hosokawa

    http://www.youtube.com/watch?v=Ji0gxsRp71M

    oder Klang als Demonstration, katalogartig zusammengestellt von Chaya Czernowin:

    http://www.youtube.com/watch?v=kE7VECaN4nU

    beste Grüße aus dem Labor

    – wechselstrom –

  3. Das Problem ist seit Mitte der 80er Jahre bekannt:

    …um so schlimmer, oder?
    Grüße zurück ins Labor!

  4. Da wird mir ganz anders. Was? Eine so kulturinteressierte Landeschefin haben wir nun hier im u.a im NRW Rheinlande?
    Das beeindruckt mich.

    Also, Moritz, was hast Du gegen KLang? Ich find
    KLang super. Die ganze Welt klingt. Und unsere Kulturpolitiker nehmen wenigstens mal auf Großevents
    davon Notiz. Ist doch klasse eigentlich.

  5. /sms ;-) sagt:

    du notierst dir: „… weil einem ja niemand beibringt, wie man über so was spricht.“

    das tut so, als wenn wir alle das „richtige“ gelernt hätten, die wörter dann „richtig“ angewendet, das „richtige“ bezeichnet hätten.

    statt klang also: „rhythmus, (ornamentreiche) melodik, harmonik und – ganz grundsätzlich – um die freisetzung von energie geht?“

    ob jetzt die elektrotechniker mit der „falschen“ anwendung von „energie“ intervenieren würden? keine ahnung.

    das wort „klang“ kenne ich nicht erst, seit mama schlingensief ihrem schlingel das wort „dada“ näher bringen wollte: http://tv.rebell.tv/p2461.html

    clever an den wort klang scheint mir insbesondere, dass es eben gerade sich der präzision – und deiner vorgeschlagenen vierteilung des vermeintlich gleichen – entzieht.

    oder um es an anderen sinnen zu erklingen zu bringen:

    wenn schon sehen, dann mit dem herzen.
    und wenn das herz denken könnte, stünde es still.

    (ich rase jetzt richtung ligerz http://tv.rebell.tv/20080815 und denke über deine frage – hier und im eMail – nach… spontan: ich finde die diskussion fast zu produktiv, als dass ich auf den refrain verzichten wollte ;-)))

    fühle dich umärmelt!