thielemann im 20. jahrhundert angekommen

Sensation! Heute wieder eines dieser ganzseitigen speichelleckerischen Interviews mit Christian Thielemann in meiner Zweitesfrühstücklektüre. Und ich traue meinen Augen nicht. Auf die investigative und mutige Frage der Anbetenden, „Ist es dann nicht gerade interessant, etwas völlig anderes kennenzulernen?“, kommt die für das ZDF und das Dresdner Publikum vermutlich schreckliche, Ungutes verheißende Antwort:

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„Sie haben recht, irgendwann muss man die bekannten Pfade verlassen, und genau das tue ich auch. Ich werde im Oktober 2010 in München die Achte Symphonie von Mahler dirigieren.“

Wahrlich: Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Was er anschließend bloß meint mit „Man kann auch nicht immer nur erlesenen Rotwein trinken und Huhn in Zungensoße essen. Irgendwann sehnt man sich nach Currywurst.“ Sollte es möglich sein, dass Herr Thielemann von seinen edlen Dienstherren und Höflingen niemals in anständige Restaurants ausgeführt worden ist?

Herr Thielemann: Es muss ja nicht unbedingt Molkeluarküche sein. Aber die Nouvelle Cuisine ist schon lange erfunden. Und wäre sicherlich eine herrliche Abwechslung. Nicht nur auf ihrem Speiseplan.

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Musikjournalist, Dramaturg

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5 Antworten

  1. Adabei sagt:

    „Nimm mich, jetzt…“, fleht Julia und Christian erhört sie, indem er der Himmelnden sein herrisches Antlitz zuwendet und in schnarrendem Ton verkündet :“ In vollen Zügen werden die Menschen kommen, um den Rosenkavalier in Dresden zu genießen. Diese Kraft, die sich langsam, aber dann immer machtvoller und unwiderstehlicher durch die Freude am Nordischen Bahn bricht, wird das Südliche verdrängen. Wir spielen dunkler, tiefer..“ Julia stöhnt leise auf. Jetzt hat Christian sie da, wo er sie am liebsten mag, winselnd auf dem makellosen Rücken liegend, ihre ebenen Gliedmaßen sperrig vom bebenden Körper gespreizt. „Wir werden von den Terrassen der Elbphilharmonie zum Fest des Neuen Jahres auf ein Feuerwerk blicken, in dem der gerade verklungene Walkürenritt kaum vernehmbar nachhallt!“ Julias kurzer, schriller Schrei, dem ein tiefer, erleichterter Seufzer folgt, läßt Christian kalt. Sein Blick senkt sich, kurz hält er inne, seine rechte Hand sucht tastend in der rechten Hosentasche seines Fracks etwas Unbestimmtes. Un er murmelt mit dem Unterton resignierender Verzweiflung: „Die 68er, die 68er sind an allem Schuld!“

  2. @Adabei:
    Dein Kommentar ist von einer unglaublichen Geschmacklosigkeit und …SO GUT! Genau dasselbe habe ich mir beim Lesen des Artikels auch vorgestellt, obwohl die Ehre es in treffende Worte zu fassen allein Dir gebührt:-)
    @Patrick:
    Danke, einfach nur danke…das musste mal ausgesprochen werden. Ich dachte auch „das kann doch nicht wahr sein“ als ich heute die FAZ aufschlug. Aber wahrscheinlich war wieder viel zu viel Zeit seit dem letzten ganzseitigen Thielemann-Artikel in der FAZ vergangen (ca. gefühlte 5 Minuten). Man musste ihn uns einfach mal wieder ins Gedächtnis rufen, sonst hätten wir ihn wohl fast vergessen!
    Eigentlich sollte die FAZ eine wöchentliche „Thielemann-Sonderseite“ einführen, das wäre zumindest konsequent!

  3. Adabei sagt:

    Inzwischen war Julia eingeschlafen. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart absolut sicher, so unendlich sicher. Wohlig-erschöpft im dämmrigen Halbschlaf wusste Sie, dass manch anderer, große Stabkünstler Ihre hilfsbedürftige Situation der schutzlosen Fragestellerin auf der langen, großen Celi-Couch im Dirigentenzimmer der Philharmonie im Gasteig schamlos ausgenutzt hätte. Aber Christian? Niemals! Zugegeben, manchmal hätte Sie sich schon gewünscht, dass er Ihr nicht nur in der Berührung ihrer beider geistigen Spähren näher gekommen wäre, so nah, dass…Hier versagte ihre Phantasie unvermittelt, die Kraft der Gedanken erlosch und der sanft Schlafenden war es plötzlich, als wenn ein kleiner, schmuddeliger Zwerg in einer, alten, verrosteten Schubkarre einen wunderschönen, weißen Schwan in das Dirigentenzimmer schöbe. Wer bist Du, schöner Vogel mit dem sich lang windenden Hals? Da erklang es vom völlig verbauten Hügel des Münchner Gasteigs wie Spährenmusik in Richtung des Müllerschen Volksbades, wo sie schon oft mit Christian munter in den Wellen toben durfte: Nie, nie sollst Du mich befragen. Nie, nie…Und Julia fiel in einen traumlosen Tiefschlaf.
    Christian betrachtete ihren im Schlaf gekrümmten, alabasterfarbenen Körper mit Wohlgefallen. Etwas Knabenhaftes war ihrer Figur eigen, selbst war sie so dünn wie ihre Fragen, die er in lang gepflegter Gewohnheit wie seine geliebten, mit Schokolade überzogenen Pfefferminzplättchen genussvoll weggeputzt hatte.
    (Fortsetzung „Julia & Christian“ folgt)

  4. Stefan sagt:

    Aber er sagt auch, Neue Musik soll in Zukunft einen festen Platz haben im Konzertprogramm. Details bleiben unbekannt. Aber die gilt es fairer Weise abzuwarten.

  5. Adabei sagt:

    Die Reise nach Dresden war beschwerlich, die Neigetechnikzüge der Bahn verursachten in jeder Rechtskurve bei Julia ein säuerliches Aufstoßen, das sich erst legte, als vor dem Neustädter Bahnhof in der Ferne die Kuppel der Frauenkirche zu sehen war. Dort, ja dort, so hatte es Christian ihr versprochen, wolle er in einem ekstatischen Transzendenzakt die Missa Solemnis von Ludwig dem Titanen ehrfurchtsvoll in ihrer immer noch unbegriffenen Größe zelebrieren. Homophone Klangwände reflektieren einen unnahbar-überpersönlichen Ton: So, ja genau so, wollte er dem unbedarften Ostvolk im Tal der Ahnungslosen die Kunde von der wahren Größe deutscher Musik nahebringen, als Prometheus für all die, die dieser Kunde im innersten bedürftig wären, ohne dass sie alle es und jeder einzelne für sich vielleicht wüssten.

    Und alles, alles wurde wahr: Adorno erschien ihr vor ihrem geistigen Ohr, als Christian stablos nur mit seinen Heiland-Händen (sie schämte sich nach innen für ihre geheime, religiös-verbrämte Unterwürfigkeit) zu dirigieren anhob. Der Gestus des Monumentalen, vermeidend den persönlichen Ausdruck, stieg ihr unter den gefütterten Wintermantel und umschmeichelte ihren bebenden Busen. Nichte feste Glaubensdogmen noch titanischer Zweifel, unter dem Christian in gemeinsamen Stunden oft litt, war jetzt zu hören. In einer musikalischen Vision ward ihm eingegeben das neue Gesetz von Raum und Zeit. Nicht ganz wollte die frische rosé-bleusé-Freskomalerei der Kuppel zu diesen Offenbarungen passen, an Stelle des lächerlichen Schweinchen-Rosa beim Engels-Inkarnat und der schlüpferblauen Töne zwischen den sich ballenden Wolkenbäuschen wäre ihr eine feldgraue Monochromie mit Grisaille-Tönen lieber gewesen, die das Empfinden um so reiner hätten begleiten können. Christian hatte auf Weichspüler verzichtet, so kristallisierte der Einbruch der Kriegsmusik im Agnus Dei beinahe zum orgiastischen Dies Irae. Völlige Hingabe, Grenzen überschreitend, jenseits aller Konventionen: Und obwohl Tausende um sie herum gebannt lauschten, konnte Julia wieder nicht anders – als zu schreien. „Ah, ah, Agnus, Christian, Dei..ich bin…“
    Zum Glück bedeckten die luxurierenden Timbres der Sängerr die akustischen Spitzen ihres leisen Schreis. So blieb der Ausbruch, der sie sofort erröten liess, fast ungehört. Nur Christian wendete kurz seinen Kopf zurück. Und es war ihr, als blinzele aus seinen Augen für eine Lichtsekunde die Gewalt der – Liebe. Sie hätte klatschen mögen, jubeln, doch ein grausames Dresdner Ritual liess es lediglich zu, dass sie Minuten still verharrte. Und der Bähr-Bau schickte sie einsam und allein in die klirrende Kälte des Neumarkts.