Andante con moto assai vivace quasi Allegretto ma non troppo
- über eine Tempoangabe bei Beethoven.
Ich habe mich in der augenblicklichen Weltlage in die Kunst der Vergangenheit geflüchtet, halte mich da fest und versuche, sie zu bewahrheiten. Wo sind meine Experimente geblieben? Vielleicht auf diese Weise: Ich komponiere eine Sinfonie Nr. 8 / Missa mit lateinischen Texten, mit gregorianisch anmutenden Melodien, mit poppigen a-moll und d-moll-Akkorden, aber auch mit Geräuschen.
Abends um acht nach einem Unterrichtstag warte ich auf die letzte Schülerin, die mal wieder zu spät oder überhaupt nicht kommt. Ich sitze eine Viertelstunde am Klavier und hole aus einem verstaubten Eckschrank der Musikschule ein vergilbtes Exemplar von Beethovens „Messe in C-Dur“ heraus. Am Beginn steht diese Tempoangabe, die mich fesselt und die die Überschrift meines Artikels bildet. Ich spiele am Klavier durch das „Kyrie“ hindurch, versuche das beschriebene Tempo zu treffen. Ich erfreue mich sofort an der noblen Haltung des Komponisten, der bewusst die einfachsten Kunstmittel für die allgemeinsten Gegenstände wählt, die uns alle betreffen. Er nimmt einfach C-Dur und E-Dur und stellt sie gegenüber, das pendelt so dazwischen hin- und her – in musikalischer Alltagssprache. Ist das Leben so banal, ist es das? Ja, so banal kann es sein, und so darf es auch dargestellt werden.
Es ist aber hier nicht nur banal, sondern eben auch aufs Höchste auf den Punkt gebracht. Beethoven war nicht umsonst der Meister, der die „Bagatellen“ geschaffen hat. „Von meiner Messe wie überhaupt von mir selbst sage ich nicht gerne etwas, jedoch glaube ich, dass ich den Text behandelt habe, wie er noch wenig behandelt worden“ so schrieb Beethoven selbst darüber an seinen Verlag. Und so entstand auch diese witzige, vielleicht sogar aberwitzige Tempoangabe zu Beginn: auf der Suche, den Sprachrhythmus abzubilden, genau wiederzugeben.
Aber auch nicht nur den Sprachrhythmus, nein, die menschliche Bewegung insgesamt, die äußere und die innere, wollte Beethoven genau erfassen damit, schrieb später 1811 darüber ( in seiner Orthographie ):
„in dem Kyrie ist innige Ergebung, woher innigkeit religiöser Gefühle ‚Gott erbarme dich unser‘ ohne deswegen Traurig zu seyn, sanftheit liegt dem Ganzen zu Grunde, … obwohlen ‚eleison erbarme dich unser‘ – so ist doch heiterkeit im Ganzen, Der Katholike tritt sonntags geschmückt festlich Heiter in seine Kirche das Kyrie Eleison ist gleichfalls die Introdukzion zur ganzen Messe, bey so starken ausdrücken würde wenig übrig bleiben für da, wo sie wirklich stark seyn Müßen.“
Andante con moto
: Wir gehen durchs Leben. So lange wir aktiv leben, gehen wir, oder selbst wenn wir nicht mehr gehen können, werden wir im Rollstuhl gegangen – con moto – in Bewegung, in äußerer und innerer Bewegung. Joachim Kaiser hat irgendwo mal über Hindemith geschrieben, er sei quasi der letzte Komponist gewesen, der noch ein richtiges Andante komponieren konnte. Man muss sich schon fragen, wo das selbstbewegte Tempo der Klassiker heute geblieben ist. Von Beethoven wissen wir, dass er rastlose Spaziergänge machte. Auf denen er auch seine Stücke im Kopf Gestalt annehmen ließ. Ich selbst habe häufig Erfahrungen gemacht, wie die, dass bei einem zügigen Jogginglauf im Wald das richtige Tempo vom ersten Satz von Mozarts Nachtmusik plötzlich wie in den Füßen liegt. Hier bei Beethoven hat der Anfang des Stückes natürlich auch noch den Charakter eines Introitus. Der Katholike tritt in seine Kirche. Er tut dieses
- assai vivace
- denn nichts kann nervtötender in der musikalischen Wiedergabe sein als tote Tempi, als mechanische, stumpfe, abgestorbene, unbelebte, festgefahrene Rhythmen. Und auch die weihevolle Verschleppung wollte Beethoven mit diesen beiden Wörtchen vermieden haben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie leicht diese eintreten kann, wenn Ergriffenheit und lyrische Durchleuchtung einen erfassen. Viele Aufnahmen der Beethoven-Messe beginnen zu langsam. Hier geht es noch:
Das kleine Wörtchen „assai“, das die Klassiker so gern benutzten, gibt ein inneres Korrektiv mit auf den Weg: lebendig genug eben, nur so viel, nicht überdreht überlebendig, was ja wiederum genauso nervtötend werden kann.
- quasi
- dieses wunderbare Wörtchen „quasi“ hat es von Beethoven ja auch in den Titel des wunderbaren Stückes „quasi una fantasia“ des in diesem Jahr 100jährigen Jubilars György Kurtag geschafft. Es steht stellvertretend für den ganzen Budenzauber, den wir schaffende Künstler so veranstalten, ein großes Quasi eben. Wir stellen etwas in die Welt, was quasi die Welt nochmal darstellt, mit kleinen Korrekturen, kleinen Verbesserungen, wesentlichen Eingriffen, unvollkommen vollkommen eben, so auch quasi
- Allegretto
- geschmückt Festlich heiter tritt der Katholike in seine Kirche. Immer wieder, wenn die Messe denn gelobt und nicht in Grund und Boden verrissen wird wie bei ihrer ersten Aufführung vom Fürsten Esterhazy, wird versucht zu beschreiben, wie Beethoven in dieser Messe zu einer fast kindlichen Einfachheit findet. Und wie er dieses tut mit einer Gruppe von Menschen, dem Chor, das macht ihm ja auch so bald keiner nach. Nicht umsonst singen alle auf der Welt immer noch sein „Freude schöner Götterfunken“. Also, es ist schon mal eine Grundentscheidung, zu sagen, das Religiöse wird von mir Allegretto dargestellt. Ich nehme nicht ein belastetes, schweres, ergriffenes Tempo wie dann in der Spätromantik bei Brahms und Wagner. Ich nehme auch nicht die Monumentalität wie mitunter bei Strawinsky etwa. Ich bleibe bei Allegretto
- ma non troppo
- auch hier wieder das Korrektiv. Lustig und dudelig soll es ja nun überhaupt nicht werden. Es soll verständlich bleiben, fasslich, geordnet, gesammelt. An verschiedener Stelle habe ich schon geschrieben, wie sehr die Klassiker mit diesem „nicht zu sehr“ ein Korrektiv auch für unsere heutige Musik sein könnten. Wenn zum Beispiel der Gesang sich auch mal in der Mittellage abspielen dürfte. Wenn die Kunstmittel eben nicht immer restlos ausgeschöpft werden müssten, nicht immer und nicht zu sehr. Wenn es auch nicht immer so laut oder so leise werden müsste. Und wenn vor allem, vor allem ein Stück nicht immer wieder viel zu lang wird. Ma non troppo, möchte man häufig ausrufen. Und so italienisch ausgerufen hat es auch sofort so einen vernünftigen Grundton, so im Sinne von : Leute, kommt mal runter, denken wir mal alle einen Moment in Ruhe nach.
Diese Stimme der Vernunft, die in dieser Tempoangabe Beethovens auf verdrehte Weise zur Sprache kommt, die sich verklausuliert auf die Suche nach dem Menschlichen macht, die den „human factor“ zu beschreiben versucht, die könnten wir heute sehr gut gebrauchen. Amen.
( Jobst Liebrecht, 30.3.2026 )
