„Jetzt schweige ich“ – in memoriam Éliane Radigue ( 1932 – 2026 )
Vor etwas mehr als einem Monat, am 23. Februar diesen Jahres ist in Paris die Grande Dame der Elektronik Éliane Radigue im Alter von 94 Jahren gestorben. Jeder, der meine bisherigen Artikel gelesen hat, kann vermuten, dass ich eigentlich wenig Ahnung von elektronischer Musik habe. Umso mehr traf mich wie ein Paukenschlag das plötzliche Bekanntwerden mit der Klangwelt dieser wunderbaren Dame und Pionierin.
Es kennzeichnet unsere zerfahrene, kleinteilige Musik-Szene, dass viele im Neue-Musik-Bereich , geschweige denn in der Klassik, ihren Namen gar nicht oder nur sehr beiläufig kennen. Gleichzeitig haben Stücke von ihr wie „L´île re-sonante“ in der Ambient- und Drone-Community mittlerweile Klickzahlen von 1 Million bei Youtube.
Da Éliane Radigue in den 60er Jahren mit dem bekannten französischen Künstler Arman verheiratet war und damals auch mit Yves Klein befreundet, hätte sie es vielleicht amüsiert, wenn ich für ihre Einführung als erstes eine Analogie herstelle zum Pionier der Plastik Constantin Brâncuşi, der gerade im Moment hier in Berlin eine große Ausstellung hat. Dieser wurde ebenfalls in der klassischen Kunst geschult, ehe er dort eine komplette Revolution durch Reduktion und Konzentration auf das Essenzielle durchführte. An deren Ende er stolz verkündete, jetzt fange die Kunst erst eigentlich an.
Ebenso hat Éliane Radigue, zuerst ziemlich im Verborgenen als Praktikantin bei und Assistentin von Pierre Schaeffer und Pierre Henry, eine Revolution des Hörens mit ihrem Instrument, dem ARP 2500 Synthesizer angezettelt. Dieses wirklich einmalige Instrument zeichnet sich dadurch aus, dass alle seine elektronischen Klänge analog hervorgebracht und also auf ganz lebendige Weise von der Spielerin am Gerät erzeugt, moduliert, entwickelt, abgewandelt, fortgesponnen werden können. Es handelt sich um die analogen Qualitäten dieses Instruments – Éliane Radigue spricht selbst für ihr Werk insbesondere von der Fähigkeit des Feedbacks – und die metikulöse Weise, wie die Komponistin die erzeugten Klänge auf Tonbändern weiterverarbeitet hat, wenn immerfort bei Éliane Radigues Stücken der Eindruck von Erzählungen entsteht. Märchenhaften, zutiefst sagenhaften, ja mythischen Erzählungen.
Denn die Komponistin hat sich immer wieder praktizierend dem tibetischen Buddhismus zugewendet. Ihre Drones sind also kein Klang-Schnickschnack wie in einer Disko-Halle ( obwohl sie auch dort gespielt werden können ), sondern sie imitieren auf eine tiefen Ebene die religiösen Erfahrungen der Meditation und des Gebets.
Gegen eine immer zerklüfteter zerhackte Welt voller Gewalt und martialischen Eruptionen hat Éliane Radigue eine radikale Langsamkeit des Klangs in die Waagschale geworfen. Worin sie noch über z.B. Morton Feldman oder Giacinto Scelsi hinausgeht, das lässt sich vielleicht am ehesten als wirkliches Loslassen beschreiben, das geschieht, wenn sie ihrem elektronischen Instrument so völlig vertraut und diese Wundermaschine in ihren Klängen die Klänge für sie selbst generiert, also etwas Über-Persönliches schafft, persönlich gesteuert. Dieses Loslassen überträgt sich auf den Hörer wie in einem klärenden, reinigenden Ritual.
Wie hier in einem ihrer spirituellen Hauptwerke, dem 1 1/2-stündigen „Jetsun mila“ von 1986:
https://www.youtube.com/watch?v=uwHIsZKrZhM
Was ich persönlich absolut begeisternd finde, sind die Stellen in ihrem Werk, wo sie ihre jahrelange Erfahrung in der „musique concréte“ mit deren Tonschnipseln und Alltagsgeräuschen fruchtbar macht für ergreifendste Ereignisse, die als Zuspiele von außen in die sanfte Computer-Welle des Arp 2500 eindringen, diesen recht eigentlich entfesseln. Bei „Jetsun mila“ sind das etwa ab ca. Min. 37 tibetische Gongs und Holzglocken oder ab ca. Min. 52 tibetische Mönchsgesänge.
In ihrem grandiosen Meisterwerk von 1998-2000 „L´île re-sonante“
https://www.youtube.com/watch?v=1RrsiGmLp_E
kommen spezielle Zuspielungen nach einem langen meditativen Beginn auf einem tiefen As des Synthesizers etwa ab Min 9 langsam wie durch die Hintertür immer stärker hinzu. Es handelt sich um aufgenommene Sopranstimmen ( vielleicht auch gemischt mit gesangsartigen Klängen des Arp selbst?), die gemeinsam mit dem Synthesizer einen fast 13minütigen euphorischen Höhepunkt bilden, einen wirklichen atemberaubenden Engels-Chor, eine magische Stelle, die man immer, immer wieder hören möchte.
Wer auf dieses Stück architektonisch von oben blickt, bemerkt einen klaren strukturellen Formaufbau. Hierin ist Éliane Radigue dem französischen Erbe zutiefst verpflichtet, sie hat auch immer wieder betont, dass nichts an ihren Stücken improvisatorisch sei, sondern alles vollkommen durchgeplant: Exposition ( Drone ) – Zweiter Teil ( Engelsstimmen )- Durchführung ( Drone mit perkussiven, sprengenden Klangereignissen als Entwicklung ins Rätselhafte, Offene)- Reprise/Coda. Der Titel, darauf hat die Komponistin hingewiesen, spielt also auch auf die „Sonate“ an. Wobei die bündigen klassischen Sonaten hier zu einer fast einstündigen Riesen-Elektronik-Sonate ausgeweitet werden.
Es war ungefähr in dieser Zeit um 2000, dass die damals 68-jährige Komponistin sich einem neuen Kapitel in ihrem Leben zuwandte, der akustischen Musik mit MusikerInnen und Musikern, also mit uns um sie herum in der offenen Welt außerhalb des Tonstudios. Ein wesentlicher Antrieb, wie sie in diesem ausführlichen Interview von 2019 erzählt,
https://www.mondayeveningconcerts.org/eacuteliane-radigue-interview.html
war der Wunsch, nicht immerfort allein und isoliert zu arbeiten. Sie entwickelte von da ab Konzepte für live gespielte Stücke auf akustischen Instrumenten, auch seltene und exquisite sind dabei wie etwa die litauische Birbyné. Es entstanden mehr als 70 Werke. Eine Werkgruppe heißt, durchnummeriert , OCCAM OCEAN und einige Stücke dieser Gruppe können im Internet als Aufführungen angesehen werden. Für die Weitergabe dieser im wesentlichen in der praktischen Arbeit durch Anweisungen, nicht ausnotierten Stücke kommt es jetzt nach dem Tod von Éliane Radigue auf die orale Tradition der jüngeren Musikerinnen und Musiker an, die als AssistentInnen diese Stücke mit ihr erarbeitet haben.
Ebenso ist zu hoffen, dass ihr Nachlass, ihre handschriftlichen Kompositionspläne, ihre Partituren gesichert und zugänglich gemacht werden.
Es ist außerdem zu hoffen, dass eine fundierte und ausführliche Biographie über ihr Leben bald geschrieben bzw. ins Deutsche übersetzt wird. Wer noch etwas weiterlesen möchte über sie, hier eine kenntnisreicher Kurztext ihres französischen Biographen Emmanuel Holterbach:
https://ima.or.at/de/biografie/eliane_radigue/
Wer Èliane Radigues wunderbar sprudelnden Darlegungen – intuitiv, assoziativ, ohne Punkt und Komma wie ihr komponierter Klangstrom, aber im Gegensatz zu diesem mehr nervös, feinervig, bestimmt, vivid, lustig, pointiert und nicht zuletzt gut erzogen und prononciert – nachhören will, sei auf folgende Internetdokumente hingewiesen:
-ein komprimiertes viertelstündiges Portrait aus England
https://www.youtube.com/watch?v=D2U0q4lZiFg
-und ein schönes ausführliches Ein Stunden-Interview, das Ludger Brümmer für das ZKM mit ihr geführt hat
https://www.youtube.com/watch?v=YH4DwKaJktA
Aber ebenso wie die Komponistin selbst in dem zitierten Porträtfilm sollten wir lieber sagen: „Jetzt schweige ich“ und lieber darauf hören, wie sie mit ihrem Zeigefinger und Daumen an den Reglern des Arp-Synthesizers feinste Regungen des Klanges für immer geschaffen hat.
RIP.
Jobst Liebrecht 31.3. 2026
