Muss sich die GEMA anpassen?
Eine Frage, die sich mir immer wieder stellt, ist die: Muss sich die GEMA wirklich anpassen?
Ich persönlich sage: nein.
Die GEMA impliziert durch verschiedene Aussagen, dass sie sich an einen veränderten Musikmarkt anpassen müsse („Die Zeiten ändern sich. Und uns.“; „Die Musikwelt ist im Umbruch: Die Rahmenbedingungen für das künstlerische Schaffen und für den Erlös hieraus haben sich sehr verändert.“). Ja, der Musikmarkt hat sich enorm verändert. Gleichzeitig steht er jedoch vor einem weiteren tiefgreifenden Umbruch. Durch generative KI ist ein erheblicher Einbruch der Umsätze im kommerziellen Musikbereich zu erwarten – teilweise ist dieser bereits spürbar. Die aktuellen Entwicklungen in den USA werden sich zudem auf den weltweiten Musikmarkt auswirken, mit Konsequenzen, deren Ausmaß sich derzeit kaum abschätzen lässt. In dieser weltpolitisch und ökonomisch fragilen Lage streben Aufsichtsrat und Vorstand der GEMA offenbar an, die Marktlogik weiter auszubauen.
Gerade in solchen Zeiten sollte man eher darauf schauen was einen stark macht.
Gerade die Entwicklungen in den USA seit der letzten Mitgliederversammlung zeigen mir, dass gilt: Je stärker wir uns einer reinen Marktlogik unterwerfen, desto schneller geraten kulturelle Räume in Gefahr, gleichgeschaltet oder ökonomisch vereinnahmt zu werden. In den Vereinigten Staaten lässt sich derzeit eine problematische Vermischung staatlicher exekutiver Macht mit kapitalkräftigen Unternehmensinteressen beobachten – eine Konstellation, die es ermöglicht, Plattformen wie TikTok politisch oder wirtschaftlich zu instrumentalisieren oder Sendungen wie die Late Night Show von Stephen Colbert aus dem Programm zu nehmen.
Gerade in solchen Zeiten wird deutlich, wie essenziell eine freie, unabhängige Kunst ist, die nicht allein nach Reichweite, Klickzahlen oder kurzfristiger Rentabilität bewertet wird, sondern als gesellschaftliches Korrektiv wirken kann. Kunst, die sich dem Zeitgeist widersetzt, die irritiert, widerspricht und Diskurse eröffnet, ist jedoch per Definition selten massenkompatibel. Sie braucht Strukturen, die sie schützen – auch vor dem Markt.
Eine Reform der GEMA sollte genau diesen Aspekt berücksichtigen. Ein Umstieg auf eine Direktverteilung, die Einnahmen primär nach Marktperformance und unmittelbarer Verwertbarkeit ausschüttet, würde jedoch genau das Gegenteil bewirken. Sie verstärkt bestehende Ungleichgewichte, privilegiert ohnehin erfolgreiche Akteur:innen und setzt künstlerische Produktion unter den permanenten Druck ökonomischer Optimierung. Langfristig würde dies nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern zu einer Verarmung der musikalischen Vielfalt führen.
Die GEMA ist – oder sollte es zumindest bleiben – mehr als ein reines Inkassosystem. Sie ist eine Institution, die Verantwortung für die strukturellen Bedingungen künstlerischen Schaffens trägt. Anpassung darf daher nicht bedeuten, sich widerspruchslos der Marktlogik zu unterwerfen, sondern muss im Gegenteil die Frage stellen, wie kulturelle Autonomie und künstlerische Freiheit auch unter veränderten Rahmenbedingungen gesichert werden können.
Auch die geplante Leuchtturmförderung (neuer Name: Fokus Impuls) der GEMA, die projektbezogen und auf Antrag vergeben werden soll, wirft grundlegende Fragen auf. Solche Fördermodelle folgen strukturell einer selektiven Logik: Sie begünstigen wenige sichtbare Projekte und Einzelpersonen, während die alltäglichen Produktionsrealitäten der Mehrheit der Urheber:innen unberührt bleiben. Statt nachhaltige Arbeitsbedingungen zu verbessern, erzeugen sie zusätzlichen Konkurrenzdruck und verlagern Aufmerksamkeit auf symbolträchtige Einzelvorhaben.
Damit besteht die Gefahr, dass Förderung weniger als strukturelles Instrument verstanden wird, sondern primär als repräsentatives Mittel nach außen wirkt. Eine solche punktuelle Sichtbarkeit kann jedoch keine langfristige kulturpolitische Verantwortung ersetzen. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus wäre es wirksamer, die Basis der Mitglieder zu stärken – insbesondere junge und noch nicht etablierte Urheber:innen – durch breit angelegte, solidarische Systeme, die unabhängig von Markterfolg oder Antragssituation greifen und allen zugutekommen.
Eine zukunftsfähige Reform der GEMA müsste daher weniger in Richtung Marktöffnung, sondern stärker in Richtung struktureller Absicherung gedacht werden: transparente und solidarische Verteilungsmodelle, eine Stärkung der Basis, niedrigere Eintrittshürden für junge Urheber:innen und eine klare kulturpolitische Positionierung gegen rein ökonomische Bewertungsmaßstäbe. Anpassung darf nicht heißen, sich dem Markt anzupassen, sondern ihn dort zu begrenzen, wo er kulturelle Vielfalt und künstlerische Freiheit gefährdet.
