Aus dem Leben eines Bad Boys (1)

(Diese und folgende Reiseanekdoten erschienen ursprünglich in „Silberhorn“, dem wohlfeilen neuen Magazin der NMZ-Redaktion, für das ich hier gerne Werbung mache)

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Das Schöne an der Musik ist, dass ich überallhin mit ihr reisen kann. Damit meine ich jetzt erst Mal nicht das physische Reisen, sondern das gedankliche. Aus aller Welt kommt Musik zu uns, und wenn ich sie höre, bin ich an einem anderen Ort. Höre ich Oum Kalsoum so reise ich innerhalb von Sekunden in Gedanken nach Kairo, höre ich die Beatles, bin ich plötzlich in Hamburg oder Liverpool, höre ich Janacek, bin ich im böhmischen Wald.

Dieses musikalische Reisen ist viel intensiver, als bewegte Bilder zu sehen, weil es ein Reisen im Inneren ist. Und wie sich unsere Phantasie ein Land vorstellt ist oft viel spannender als die Wirklichkeit.

Für uns Musiker, die wir alle fahrendes Volk sind, ist das Reisen aber auch eine sehr reale Beschäftigung. Wenn ich Leuten erzähle, wo ich überall wegen Konzerten oder Uraufführungen hinfahre, schauen sie oft ganz neidisch. Was, Du warst in Brasilien? Was, du warst in Mexiko? Was, Du warst in Malaysia? Sie ahnen nicht, dass aufgrund meistens sehr strenger Reise-, Proben- und Konzertpläne die Realität ganz anders aussieht. Man kommt an einem Flughafen an, wird abgeholt, ins Hotel gebracht, legt sich kurz hin. Dann sieht man die nächsten Tage nichts anderes als den Frühstücksraum des Hotels, dann das Innere des Kleinbusses, der einem zum Probenort fährt, dann einen Konzertsaal der meistens exakt so aussieht wie hunderte anderer Konzertsäle auf der ganzen Welt, eine Garderobe, die exakt so aussieht wie überall, dann die Kantine oder das Restaurant nach dem Auftritt, dann das Taxi, dann wieder den Flughafen. Und so weiter und so fort.

Wenn ich diesen Leuten also dann erzähle, dass ich von Brasilien nur das hässliche Sao Paulo mit lauter Hochhäusern und Betonruinen sah, zwar schon fünf Mal in Mexiko war aber noch nie eine einzige aztekische Pyramide besuchen konnte, zwar in Malaysia war, aber letztlich nur die Petronas-Towers gesehen habe, und auch nur deswegen, weil unser Hotel direkt daneben lag…dann schauen sie mich ganz entgeistert an und halten mich für einen arroganten Aufschneider.

Und sie haben natürlich auch Recht, denn in jedem dieser Länder habe ich auch das erlebt, was wir Musiker uns als „Reiseanekdoten“ gerne untereinander erzählen. Jeder von uns hat einen ganzen Schatz an diesen Geschichten: verrückte, skurrile, unglaubliche, grauenhafte, erschreckende, urkomische, bizarre.

Zu den letzteren gehört zum Beispiel eine Abreise aus Malaysia gemeinsam mit u.a. einem Cellisten, der natürlich sein Cello dabei hatte und auch brav ein extra Ticket dafür gelöst hatte. Bis zur Passkontrolle ging alles gut, dort wurde aber auch ein Personalausweis für „Mr. Cello“ gefordert. Herr Cello war aber leider in seinem Cellokasten und nicht sehr gesprächig, woraufhin der Beamte unserem Cellisten prompt die Ausreise verweigerte. Auch mehrmalige Erklärungen, dass es sich bei einem Cello keineswegs um ein lebendiges Wesen sondern um ein Musikinstrument handelte, nützten nichts – der Beamte blieb eisern bei seinen ehernen Prinzipien. Wie ich gehört habe, erleben viele Cellisten Varianten dieser Geschichte weltweit.
In Brasilien war ich Teil einer Produktion, die nur teilweise gelungen war, vor allem das Ende des Projektes wurde von allen Mitwirkenden als absolut künstlerisch hoffnungslos bis hochgradig peinlich empfunden, besonders den Schluss, wenn wir in Kondomanzügen eine Treppe hinuntergehen mussten, während wir Projektionsflächen hochhielten, auf denen die teilnahmslosen Gesichter des Publikums projiziert wurden. Singend baten wir dabei um die Rettung des Regenwaldes. Noch nie habe ich mich auf einer Bühne so geschämt. In München hatte dieser Schluss Hohn und Spott und nicht wenige Buhrufe geerntet. Umso überraschter waren wir also, als in Sao Paulo genau diese Aufführung jedes Mal damit endete, dass sich das gesamte Publikum erhob und frenetisch klatschte. Bei uns nennt man das „Standing Ovation“ und es ist die höchste aller Ehrungen, die ein Künstler erfahren kann.

Wir spielten das Stück mehrmals, teilweise schon angetrunken um es irgendwie durchzuhalten, und jedes Mal dasselbe: Kaum war der letzte Ton verklungen, stand das gesamte Publikum auf, klatschte unglaublich herzlich (wenn auch eher kurz). Für uns war das vollkommen unerklärlich. Bis ich einen brasilianischen Freund fragte und er es mir erklärte. „In Sao Paulo wird immer im Stehen geklatscht. Das liegt daran, dass die letzten Busse recht früh gehen, und man es sonst nicht mehr rechtzeitig aus dem Konzertsaal schafft. Je lauter die Zuschauer klatschen desto weniger schämen sie sich, wenn sie direkt danach recht schnell den Saal verlassen. Mit der künstlerischen Leistung hat das nicht das Geringste zu tun.“

In Mexiko wiederum flog ich einmal nach Tijuana, einer nach allen möglichen Kriterien wirklich potthässlichen und furchtbaren Stadt. Drei Tage lang wurde ich von einer Betreuerin durch die Stadt gefahren, die mir – erfolglos – die Vorzüge ihrer Heimatstadt anpries. Schließlich kam der Tag des Konzertes. Ich wurde in einen Slum gefahren und dort vor einer Art Ruine abgesetzt. In dieser riesigen leerstehenden und verwahrlosten Schule befand sich überraschenderweise ein großer Konzertsaal mit einem miserablen Flügel. Es gab nur ein Problem: der Flügel hatte keinen Flügelhocker! Zuerst war ich nicht entmutigt, es müsste sich ja irgendwo ein Stuhl finden lassen. Auf und hinter der Bühne war aber nirgends ein Stuhl zu finden. Auch die Klappstühle im Saal waren nicht verwendbar, denn die waren alle wie in einem Kino aneinander angeschraubt. Ich durchstreifte die verwaisten Räumlichkeiten der Schule nur um festzustellen, dass das Mobiliar absolut aller Räume ausgeräumt worden war, vermutlich aus Verzweiflung, von den verarmten Slumbewohnern. Als ich wieder auf die Bühne zurückkehrte, probte dort plötzlich eine Amateurtanzgruppe, die – wie sich schnell herausstellte – exakt zur selben Zeit gebucht war wie mein Konzert. Weitere Recherche brachte zutage, dass sehr wohl deren Auftritt in der Zeitung angekündigt war, meiner aber nicht. Ich rief die Veranstalter an, von denen keiner vor Ort war. Sie sagten mir ich solle Ruhe bewahren, und einfach nach der Amateurtanzgruppe auftreten. Ich sagte, dass würde ich ja gerne machen, es gebe aber keinen Klavierhocker und ich könne ja wohl schlecht im Stehen spielen. Am anderen Ende der Leitung war nun verunsichertes Schweigen. Dann krachte es, und die Verbindung war unterbrochen. Inzwischen war auch der vertraglich vereinbarte Zeitpunkt des Konzertes erreicht, aber nach wie vor kein Publikum da, weder für mich, noch für die Amateurtanzgruppe. Die Amateurtanzgruppe ließ sich davon nicht stören und schaute sich selber zu – man gab die Geschichte Amerikas, von den Ureinwohnern bis heute. Ein Flügel wurde nicht benötigt, die Musik kam vom Band. Seltsamerweise gab es auch keinerlei Personal, das Karten hätte verkaufen können, nirgendwo wies ein Schild oder ein Plakat auf die Veranstaltung hin. Und vermutlich wagten sich überhaupt nur Menschen mit Waffenschein in dieses Viertel.

In diesem Moment beschloss ich, mit einem geliehenen Handy der Amateurtanzgruppe ein Taxi zu rufen, und diesen ungastlichen Ort zu verlassen. Auf dem Parkplatz begegnete ich einer einsamen alten Frau. Sie fragte mich, wo denn das Konzert von „Moritz Eggert“ sei. Ich schämte mich, sagte ihr aber die Wahrheit und erklärte ihr, dass das Konzert jetzt leider nicht stattfinden könne. Sie schaute mich verwirrt, aber nicht besonders enttäuscht an, dann ging sie wieder. Ich hoffe, sie hatte eine Pistole in der Handtasche. Sie wäre wohl mein einziger Zuschauer gewesen. Dann kam das Taxi. Einen Tag später flog ich unverrichteter Dinge wieder zurück. Ich hatte in Tijuana keinen einzigen Ton gespielt, seltsamerweise wurde ich aber ausgezahlt. Bis heute weiß ich nicht so recht, ob ich unwissend bei einer Art Geldwäsche für ein Drogenkartell mitwirkte.

Das sind nur drei Geschichten aus meinem persönlichen Reiseanekdotenschatz. Ich könnte noch viel mehr solcher Geschichten erzählen, aber leider habe ich keine Zeit dafür.

Ich muss nämlich zum Flughafen.

Moritz Eggert

Tijuana

Tijuanas Klassikpublikum um 1900

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