radiopreis ohne radiokunst

über sinn und unsinn von preisen wurde hier ja unter anderem schon anlässlich von gema-autoren-preisen gestritten, odr? [http://blogs.nmz.de/badblog/tag/gema-musikautorenpreis/] also wissen wir alle, dass es hierbei um veranstaltungen geht, die nicht nur der selbstfeier dienen, der auszeichnung toller mitarbeiter, dem verzehr von genussmitteln und der anbahnung neuer (arbeits-)beziehungen. in erster linie investieren menschen gern geld in preise um aufmerksamkeit für eine angelegenheit herzustellen. radio hat diese zweifellos nötig, hat das fernsehen doch heute zweifelsohne die größere reichweite und mehr geld und glamour sowieso. (selbst die menschen in den medienredaktionen aus der holzverarbeitenden industrie scheinen nichts besseres zu tun zu haben als nachts manisch aufzuschreiben, was menschen in sogenannten Talkshows im huch!fernsehen von sich geben!) über den anlass des deutschen radiopreises http://www.deutscher-radiopreis.de/index.html darf man sich also ohne weiteres freuen.

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und alle so: ha!

beim deutschen radiopreis wird, so erfährt man als erstes, der für seinen einsatz um das deutsche radio so weithin gerühmte künstler robbie williams zu gast sein. dem vernehmen nach will er sich nun auch der pflege eines besonderen wiegenliedprojektes widmen. die idee dazu kam ihm nach seinem letzten rückfall, als seine therapeutin ihm zum einschlafen eine endlosschleife der letztjährigen preisverleihung vorgespielt hat.

angefixt blickt man auf die nominierten kategorien. Weit oben: „Die beste Reportage“. Im Rennen: „Picasso im Krisengebiet – Wie ein Kunstwerk ins Westjordanland gelangt“ von Ellen Häring-Vazquez und Fredy Gareis (Deutschlandradio Kultur), „Sehnsucht nach Leben: Zwischen Marburg und Lomé – Die Geschichte einer Abschiebung“ von Katja Marx und Alexander Göbel (hr iNFO) sowie „Muamar al Gaddafi: Aufstieg und Fall eines Despoten“. Welch ausgewogene Wahl: Ein bisschen Kunst, ein bisschen Krise, ein bisschen Terror, ein bisschen Multikulti, so lokal wie regional, ich meine: interregional.

Weiter geht’s mit der besten Programmaktion: Beethoven für Alle“ (Klassik Radio), „Herzfunk“ (WDR KiRaKa) sowie „1000 Gründe für Sachsen-Anhalt“ (Radio Brocken) konkurrieren hier um die Krone. Genial: ein bisschen Klassik, ein bisschen Kids, ein bisschen Hochkultur, ein bisschen Heimatkunde. So Kuschel wie Kultur.

Des weiteren werden prämiert „Beste Morgensendung“, „Bestes Nachrichtenformat“, „Bestes Interview““Beste Moderatorin“ und „Bester Moderator“, „Beste Comedy“ und „Beste Innovation“.

Auf der Suche nach den typisch radiophonen Kategorien: Bestes Radiofeature, bestes Hörspiel, beste Musikproduktion, beste Radiokunst begegnen einem allerhöchstens noch Fotos der schwangeren Barbara Schöneberger, des greisen Frank Elstner oder des zombiehaften Johannes B. Kerner, ach, und da ist ja noch Christoph M. Orth und Caren Miosga.

Freunde: seid ihr nicht einmal selbstbewusst genug, RADIO-Leute aufzustellen, um die Arbeit von Radio-Leuten zu würdigen? Ein größeres Misstrauensvotum als ihr euch selbst damit ausstellt geht ja gar nicht. Sobald es offiziell wird, braucht ihr Fernsehen um euch gut zu fühlen? Klar, die meisten Fernsehmenschen haben mal beim Radio begonnen – aber gleich so ausschließlich???

Natürlich hat sich der Begriff von Radio gewandelt und vielleicht wissen gar 75 Prozent der Radiohörer nicht, was ein Radiofeature, ein Hörspiel oder gar so etwas exotisches wie eine Musikproduktion ist. Aber genau das ist ein Grund, warum sie prämiert werden müssten, wenn das Medium Radio sich selbst feiert. Aber ein Deutscher Radiopreis, der sich für die Spitzenprodukte seines Mediums schämt, wie peinlich bitteschön ist denn das?

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Musikjournalist, Dramaturg

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1 Antwort

  1. 23. September 2012

    […] nur von zwei Suchbegriffen getoppt: Barbara Schöneberger, die uns zu Beginn von Patrick Hahns Radiopreis-Artikel anschaut oder Copacabana, von deren Strand uns Moritz Eggert einst anlässlich einer Tournee […]