Musikgeschichte – Mediengeschichte [2] Die Botschaft des Radios

[Fortsetzung einer kleinen Serie zum Kulturabbau im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk]

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Das Pferderennen, der Schwergewichtskampf, das Sechs-Tage-Rennen. Sportliche Ereignisse waren auch in der Frühzeit der Massenmedien ein Katalysator für deren Erfolg, für deren Beliebtheit, aber auch für die Massenkommunikation selbst. Einige der spannendsten und schönsten Texte aus der Frühzeit des Radio verdanken sich der Suche nach dem idealen Reporter, der durch „das kühne Wort“, „den prägnanten Satz“ seinen „Eindruck“ in „Ausdruck“ wandelt und dadurch das Radiohören zu einem Erlebnis macht.
Aber auch Konzertereignisse gehörten von Anfang an dazu: Bereits 1910 schepperte Carusos „Vinceror“ in die angeschlossenen Wohnzimmer, in einer Direktübertragung von der New Yorker Metropolitan Opera.
Und auch in Deutschland übertrug man alsbald Konzerte, ich zitiere aus dem Erlebnisbericht eines Zuhörers, der auch seine Kritik am neuen Medium formuliert. (Hervorhebungen vom Verfasser.)

Dieser Tage wurden die Funkfreunde nach Bonn zu Gaste geladen, wir sollten teilnehmen an dem Fest, das die Geburtsstadt Ludwig van Beethovens dem Gedächtnis ihres größten Sohnes weihte. Ein Fest verlangt auch von uns Unsichtbaren festlich-frohe Einstellung. Was hörten wir? Die „Übertragung“ eines Orchesterwerkes, die „Übertragung“ eines Chorliedes, die „Übertragung“ einer Ansprache und zum Schluß wieder die „Übertragung“ eines Chores. Wir ‚hörten’ das im ersten Teil, wir ‚hörten’ auch noch einen zweiten Teil, bei dem die Übertragung von Reden im Vordergrund stand. Wir hörten, hörten, hörten, hörten, aber die festliche Stunde ward kaum einem von uns zum Erlebnis. Weniger noch; sie zerfiel durch die dazwischen gesprochenen, ernüchternden Ansagen in ihre Bestandteile. Es kommt bei solchen Übertragungen nicht auf die mehr oder minder bedeutsame künstlerische Leistung an, nicht die Einzelleistung als solche bestimmt den Wert des Ereignisses, sondern der liegt ausschließlich in der bunten Farbigkeit// des großen Mosaikbildes ‚Leben‘. Wie sich uns aber auch kein wirkliches Mosaikbild in seiner Wirkung offenbart, wenn man uns Stein um Stein in die Hand geben wollte und betrachten ließe, genau so gehört zur aktuellen Übertragung die geschlossene Erhaltung des Gesamtbildes. Und seines Rahmens! […]
[W]enn wir solchen aktuellen Ereignissen drahtlos beiwohnen, dann wollen wir nicht nur hören, wir wollen durch das Ohr auch sehen: wir wollen ‚teilnehmen‘ an dem Ereignis, wollen es in uns zum Erlebnis steigern.

In diesem kurzen Ausschnitt ist in nuce alles enthalten, was für das Radio als Massenmedium als signifikant erachtet wird. Zunächst ist auffällig, dass es sich um einen Bereich des Unsichtbaren handelt, der durch die Rundumstrahlen – Rundfunk strahlt eben nicht von A nach B, sondern, der Name drückt es korrekt aus, rundum – berührt, geweckt, erreicht wird. Er wird unterschieden von einem Ort des Sichtbaren, der per definitionem fern ist – so fern, dass er nur von Tele-funken erreicht werden kann. In diesem Bereich des Unsichtbaren kristallisiert nun gewissermaßen die Vorstellung von der unkontrollierbaren Masse, die sich des Zugriffs der Gesellschaft entzieht.

Trotzdem, und das ist das Entscheidende: Durch das Radio gelingt es, eine Erlebnis zu kreieren, in dem der Bereich des Sichtbaren und des Unsichtbaren sich vereinigen. Dafür hat die katholische Kirche, das älteste Medienhaus in der westlichen Welt, einen schönen Ausdruck: Kommunion. Bei der Live-Übertragung geht es um nichts Geringeres als um die Vereinigung des Reiches der Lebenden mit dem Reich der Toten, der Immanenz mit dem Reich der Transzendenz, der Allgegenwart mit dem hic et nunc.

Säkularisieren wir diese Redeweise ein wenig, ohne ihr dabei von ihrer Bedeutung zu nehmen. Und ohne die christlich-religiösen Zusammenhänge zu negieren, in denen die Medientechnologie immer steht. Als Einführung in den Dreischritt: Theologie – Telelologie – Medientechnologie empfehle ich Jochen Hörischs Mediengeschichte: „von der Oblate zum Internet“.

Etwas weltlicher ausgedrückt, ist spezifisch für das „heisse Medium“ Radio – für McLuhan zeichnen sich heisse Medien dadurch aus, dass sie nur einen Sinn affizieren und dadurch den Detailreichtum steigern – für das Medium Radio ist es typisch, dass es sich auf „abwesende Empfänger“ bezieht.

„Bezieht sich das Kino auf eine anwesende Menge, zielt das Radio auf abwesende Empfänger. […] [D]as Dispositiv Rundfunk imaginiert eine anwesende Masse, indem es sich an eine abwesende wendet.“ So drücken Albert Kümmel und Petra Löffler es aus. Beispielhaft deutlich wird dieser Zusammenhang in der Diskussion der Live-Übertragung. „Das Erlebnis der Anwesenden soll mittels des metabolischen Gefäßes Rundfunk zu einem Erlebnis von Abwesenden werden, die kraft dieser Verwandlung zu einer Gemeinschaft virtuell Anwesender werden.“

Was sich hieran zugleich nachvollziehen lässt ist die Verschmelzung der „realen Masse“ und der „realen Einzelnen“ zur psychologischen Masse, die über das Medium steuerbar werden soll. Die Kommunion der An- und Abwesenden ist die Voraussetzung für die geistigen La-Ola-Bewegungen, in denen wir heute von Hype zu Hype zu Flop zu Flop zu Katastrophe zu Krieg torkeln.

Der Germanist Arno Schirokauer drückte dies 1927 am Beispiel des Sportreporters so aus:
„Aufgabe des Sportsprechers ist: Vorsänger zu sein. Führer durch die Erschütterungen des Wettkampfs. Nach Ruf soll als tausendfach dröhnende Bestätigung der Chor, die Menge, die brüllende Bestie sich entsetzen, jubeln, feiern, jauchzen.“ In dieser Phantasie verwischt die Differenz zwischen realer und virtueller, anwesender und abwesender Masse.

Musikübertragungen aus bürgerlichen Konzerthäusern eignen sich kaum zur hier ersehnten Agitation der Massen. Sie sind geradezu das Antimodell für die Gleichschaltung und Steuerung einer Masse. Sie dienen allein der Kommunion, die gesellschaftliche Werte bekräftigt. Es ist dies ein Grund, weshalb sie von Marktforschungsinstituten und Unternehmensberatern so wenig gemocht sind.

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Musikjournalist, Dramaturg

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