NYC – Dreamhouses

Dreamhouse 2 - Klingeln, warten, Schuhe ausziehen

Dreamhouse 2 - Klingeln, warten, Schuhe ausziehen

Ein bisschen Anleitung schadet nicht, wenn man durch die urbanen Wüsten stapft. Unwahrscheinlich, dass ich alleine das unscheinbare Haus in Tribeca gefunden hätte, in dem einer der Väter der Minimal Music lebt, und wo er 1996 eines seiner berühmten „Dream Houses“ eingerichtet hat: La Monte Young.
Dreamhouse 1 - Öffnungszeiten hinter Gittern

Dreamhouse 1 - Öffnungszeiten hinter Gittern


1964 schrieb er zum ersten Mal von “Dream Houses [that] will allow music which, after a year, ten years, a hundred years of constant sound, would not only be a real living organism with a life and tradition of its own, but one with a capacity to propel itself by its own momentum.” 1979 haben La Monte Young und seine Partnerin Marian Zazeela dann begonnen, ihr erstes „Dreamhouse“ zu realisieren. 1996 haben Sie eine Etage ihres Hauses 275 Church Street in einen Dreamfloor verwandelt. Dank Jo Lake haben wir die Tür gefunden und ein Volunteer ließ uns ein, nicht ohne uns über die strengen Benimmregeln aufzuklären: was so ein lebendiger Organismus ist, der will mit Respekt betreten werden. Es war dann doch zu verlockend, die Kamera ganz auszuschalten – auf eigenes Risiko, hatte der Volunteer noch gesagt und so gibt es hier ein paar wackelige Bilder von einem der lauschigsten Plätze in der Stadt.

[Video folgt!]

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Wenn man Räucherstäbchen nicht mag, dann sollte man sich lieber fernhalten. Doch wenn man Zeit mitbringt und sich auf die Drones einlassen kann, dann bekommt man hier eine feine Seelenmassage.

in the dronehouse 2

in the dronehouse 2

in the dronehouse 1

in the dronehouse 1

Damit kommt man aber nicht weit, sobald man den Ort verlässt, denn das unvermeidliche Schlangestehen scheint hier ein Lieblingssport in allen Gesellschaftsschichten zu sein und bringt noch den gechilltesten Minimalpuls wieder auf Touren, wenn hektische Ordner mit lauten Stimmen die Schlange ordnen und den Publikumsverkehr sortieren. Sie scheinen alle den selben Lehrer zu haben, denn egal ob bei der Einreise, der Straßenkreuzung, an der Museumsgarderobe oder der Metropolitanopera herrscht der gleiche harsche Ton. Wahrscheinlich kriegt man das hier schon an der Grundschule beigebracht. Ich nehme an, dass es darum als Korrektiv gestattet ist, sich als Fußgänger nur im Falle äußerster Lebensgefahr an die Farbe der Ampeln zu halten. Ich bin jetzt schon drei Mal vor den Augen eines Polizisten bei Rot über die Ampel gegangen. Eigentlich hatte ich gehofft, auf diese Weise zu erfahren, ob denn meine Fingerabdrücke, die ich bei der Einreise abgegeben habe, schon beim NYPD angekommen sind. Doch niemand hat mich beachtet. In Deutschland wäre ich wohl wegen terrorverdächtigen Verhalten ausgewiesen worden.

Dreamhouse 2 - Met-Foyer, sich leerend

Dreamhouse 2 - Met-Foyer, sich leerend


In der Metropolitan Opera werden trotz umstehender 300 Dollar Ticketinhaber und allgemein saftigen Preisen moussierende alkoholhaltige Getränke im Plastikbecher ausgeschenkt, dafür gibt es Wasserspender im Foyer und das Programmheft gratis. Der preisbewusste CEO schüttet gleich noch einen zweiten Becher hinterher.

Janaceks „Aus einem Totenhaus“ (nach Dostojewski) ist nun nicht gerade das, was man einem vergnügungswilligen Publikum an einem Samstagabend zur Erbauung vorsetzen darf, zumal Chereaus Inszenierung mit einem Lagerrealismus aufwartet, der Janaceks epische Monologe mit der nötigen Drastik nachzeichnet. Merkwürdig oratorisch geht es stellenweise in diesem Stück zu, keine süßen Frauenstimmen, die einen Kontrast böten zu den Schilderungen von Tod und Verderben der Gefangenen. Ob die Dame mit der dicken Perlenkette neben mir bereut, ihre kleinen Tochter zu diesem Abend mit zu nehmen, an dem Frauen nur als erniedrigte, geknechtete, genommene, verlassene, verachtete vorkommen?

Wahnsinnssänger waren mit von der Partie, da bleiben kaum Wünsche offen. Nur Esa-Pekka Salonen scheint – nicht nur für das Publikum überraschend – etwas zu rasch an sein Pult gehüpft sein, die Philharmonics im Graben brauchten fast die ganze Ouvertüre, bis sie sich von der Plötzlichkeit des Beginns um 10 nach 8 – ob die Schlange vor dem Boxoffice bis dahin tatsächlich abgearbeitet war? – erholt hatten.

Zwei Freunde kamen zu spät, sie hatten sich 15 Dollar-Tickets in der letzten Reihe des obersten Ranges gesichert. Als sie zum zweiten Akt eingelassen wurden, saßen sie in einer Loge, auf diesen Tickets stand ein mittlerer dreistelliger Betrag. Dem Inhaber der Karten hatte diese Art des „modern staging“ nicht im Mindesten zugesagt und er gab sie gern dem jungen Paar. Wäre er bis zum Ende geblieben, er hätte wohl auf gleiche Weise „Bravough“ gebrüllt, wie der Mann schräg links hinter meinem Ohr. Der Enthusiasmus hält genau einen Vorhang. Dann ruft wohl noch das Operadinner – immerhin dafür ist das frühe Ende gegen 21.40 Uhr hervorragend geeignet. Der rote Samt des Foyers schenkt Wärme, die sich verstärkt, wenn man sie mit der Erinnerung an den Klangteppich in den Church Street überblendet. Auch wir haben noch gefeiert bis halb vier in der Nacht. (Danke Lexi, Hanna, David, Alex, Marc, Jo!)

Musikjournalist, Dramaturg

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