eingebildete kranke

Moliere war gut darin, menschliche Unzulänglichkeiten zu beobachten, diesen Beobachtungen eine unterhaltsame, dramatische Form zu geben und dadurch seine Beobachtung auch anderen Menschen zugänglich zu machen. Ein erkenntnisstiftender Prozess, wenn man so will.

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Eines seiner berühmtesten Stücke ist „Der eingebildete Kranke“- „Le malade imaginaire“. Molières letzte Komödie. (An der er gewissermaßen verstarb – noch im Kostüm der Hauptrolle, die er selbst übernahm.) Es handelt von einem wohlhabenden gebildeten Herrn, der aber insbesondere sein medizinisches Wissen vor allem dazu einsetzt, neue, eingebildete Krankheiten an sich zu diagnostizieren. Geldgierigen „Heilern“ kommt dieser Umstand sehr zupass, denn an ihren überteuerten Rechnungen verdienen sie ein hübsches Sümmchen.

An dieser Stelle Vergleiche zu ziehen zu Beratungsagenturen und anderen Gesundschrumpfern, die für horrendes Geld im Auftrag blinder, tauber und desinteressieter Kulturpolitiker daran mitwirken, bspw. intakte Bühnenhäuser bis zur Betriebsunfähigkeit herunterzusparen um sie dann umso leichter achselzuckend abzuwickeln, das wäre leicht. Darum lassen wir’s und lesen weiter.

Der gute Monsieur Argan, wie der eingebildete Kranke heisst, steht im Kreuzfeuer der Meinungen irgendwann vor der Situation, dass er nicht mehr weiss, wem er trauen kann. Auf Anraten seines Bruders und seiner Zofe Toinette, beschließt er, sich Tod zu stellen, um herauszufinden, wer ihn wirklich liebt. Ein Experiment mit überraschenden Folgen.

Wer an dieser Stelle glaubt, ich möchte nun „der Neuen Musik“ raten, sich Tod zu stellen, um die Wahrheit über die emotionale Bindung mit ihrem Publikum herauszufinden, auch den muss ich enttäuschen. Die Neue Musik ist nicht Friedrich Gulda, der sich eine selbst lancierte Todesmeldung erlauben und anschließend, Hunderte von Nachrufen später, zum eigenen Auferstehungsfest aufspielen kann.

Alles was ich damit sagen möchte ist, dass ich es schade fände, wenn das Erkenntnispotential der Hervorbringungen der Neuen Musik-Szene sich darauf beschränken würde, dass sie in besonders eklatanter Weise ihre eingebildeten Krankheiten vorführt und damit ein grassierendes Modell der Opferperformance zur Vervollkommnung bringt. („Schwer zu vermitteln“, „sperrig“, „unsinnlich“, „unterfinanziert“, „erniedrigt“, „geknechtet“, „verlassen“, „verachtet“, „UNGERECHT BEHANDELT“.)

Molières Protagonist Argan trifft am Happy End eine vernünftige Entscheidung. Er entschließt sich, sein Wissen nicht länger gegen sich selbst anzuwenden. Er beschließt, sein eigener Arzt zu werden.

BERALDE. Aber Bruder, da fällt mir etwas ein. Werde doch selbst Arzt! das ist ja noch bequemer, und du findest dann alles, was du brauchst, in dir selbst.

TOINETTE. Das ist auch wahr. Das wäre das rechte Mittel, Euch bald zu kurieren: es ist ja keine Krankheit so frech, daß sie sich an einem Arzt vergreifen sollte.

Wie? Molières Komödie ist hier noch nicht zu Ende? Genau das wollte ich ja damit ausdrücken. Dass die Geschichte unter diesen Umständen noch nicht am Ende ist.

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Musikjournalist, Dramaturg

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