Gastartikel von Stefan Hetzel: Besuch der Darmstädter Ferienkurse 2016

Nach den Auseinandersetzungen in seinem letzten Gastartikel um Theorie und Praxis in Akademien und Musikleben, wagte sich Stefan Hetzel nun persönlich auf die Darmstädter Ferienkurse. Er gewann einen interessanten Einblick in die Kontroverse zwischen Harry Lehmann und Komponisten um den Topos „Politische Musik“ und setzte sich dann weiteren Präsentationen und einem Konzert mit Musik von Rihm aus. Hier sein Bericht!

Es ist verhältnismäßig früh am Tag und die Lichtenbergschule, in der das von mir angepeilte Panel „Das Politische“ stattfindet, verweigert noch den Eintritt. Habe also Zeit und Muße, mich der lokalen Flora zuzuwenden:

70 Jahre haben sie auf dem Buckel, die Ferienkurse, über die ich zwar allerlei gehört und gemutmaßt, die ich aber bisher niemals besucht habe. Jede/r fromme Muslim/a sollte einmal im Leben in Mekka gewesen sein –  und da ich mich als „Kunstmusikkomponist“ verstehe, habe ich demzufolge die Pflicht, mir den Laden hier zumindest einmal einen Tag anzusehen.

Da immer noch nichts passiert (es ist 9:20 Uhr) beäuge ich das diesjährige Plakat der Kurse:

Das inkludierte Foto zeigt eine junge, offenbar Luftgitarre spielende Frau, die im Postpunk-Stil der frühen 1980er-Jahre (remember Annette Humpe?) aufgemacht ist. Ihr geöffneter Mund lässt aggressiv gefletschte Zähne erkennen, der Kopf ist geneigt, die Knie leicht angewinkelt. Links von diesem Foto steht unter anderem „Think Tanks“, „Komposition“ und „Theorie“. Überbrückt wird das Ganze durch ein grafisches Objekt, das deutlich phallische Merkmale trägt und dessen eines Ende auf den Schoß der Luftgitarrenfrau gerichtet ist. Man könnte es aber auch als phallische Verlängerung der Luftgitarrenfrau begreifen.

Ich fühle mich ratlos und exkludiert.

Die Diskussion findet in der Schulmensa statt, deren Gestaltung durchaus an die Minimal Art des frühen Sol LeWitt erinnert:

Also „Das Politische“, was im hiesigen Kontext eigentlich nur als „Das Politische und die Kunstmusik“ verstanden werden kann (da „Neue Musik“ für mich eine historisch bereits vergangene Epoche – sie dauerte von 1945 bis 1989 – darstellt, schreibe ich grundsätzlich „Kunstmusik“, wenn von dem die Rede ist, was in Darmstadt weiterhin anachronistisch, aber aus historischer Pietät heraus verständlich, „Neue Musik“ genannt wird.) Und so ist es denn auch. Das Panel besteht aus zu einem Rechteck zusammengeschobenen bestuhlten Tischen in der Mitte des Raums, um die sich ringförmig Zuschauerstühle gruppieren. In der (von mir aus gesehen) linken Ecke sitzen Chaya „Haja oder Chchaja, aber bitte nicht Tschaja“ Czernowin und Dror Feiler, zwei israelische KomponistInnen,  in der rechten hat der deutsche Philosoph Harry Lehmann Platz genommen.

Lehmann legt vor: Kunstmusik und „das Politische“, das gehe nicht zusammen, denn Musik könne einzig dann als politisch bezeichnet werden, wenn sie in einem gesellschaftlichen Konflikt Partei ergreife, sich also bewusst in den Dienst einer (meist im weitesten Sinn emanzipatorischen) Sache stelle. Breite Wirkung könne eine derartig gemeinte Musik allerdings nur entfalten, wenn sie sich einer mehr oder minder populären Ästhetik bediene, ansonsten werde ihr Anliegen einfach nicht verstanden.

Czernowin bezeichnete Lehmanns Definitionsvorschlag als „zu eng“, für sie sei Musik ganz im Gegenteil gerade dann besonders politisch, wenn sie auf derartige Inhalte verzichte. Auch Feiler, selbst seit Jahrzehnten ein international bekannter politischer Aktivist (er gehört zur streitbaren Fraktion der „israelkritischen Israelis“) möchte sich mit Lehmanns Definition nicht anfreunden, allerdings aus anderen Gründen: Er habe durchaus die Erfahrung gemacht, dass sich auch kunstmusikferne Kreise mit seiner, Zitat Feiler, „chaotischen Noise-Musik“ anfreunden könnten, solange sie sich weltanschaulich mit ihm verstünden.

Das, denke ich mir, ist aber ein ganz anderes Phänomen, das weniger mit Ästhetik als mit Psychologie zu tun hat.

Lehmann nennt zwei historische Beispiele aus den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, in denen Musik nach allgemeiner Auffassung „politisch relevant“ gewesen sei: Die Songs von John Lennon im Rahmen der internationalen Friedensbewegung, z. B. „Give Peace a Chance“ und die Lieder von Wolf Biermann, die man zu DDR-Zeiten regelmäßig beim Ostseeurlaub nachts am Lagerfeuer gesungen habe, was allgemein als Protest gegen das herrschende SED-Regime verstanden worden sei.

Dem hatten Czernowin und Feiler im Grunde nichts entgegenzusetzen, außer dass Czernowin Lehmanns Definition nun gar als „diktatorisch“ einzustufen versuchte, was dieser aber entschieden zurückwies: Er habe lediglich eine griffige Definition politisch relevanter Musik liefern wollen, um zu verhindern, dass die Debatte in Gemeinplätzen wie „Alles ist politisch“ oder „No sound is innocent“ versande.

Feiler, physiognomisch eine Mixtur aus Ernest Hemingway und Peter Brötzmann mit Mini-Dutt, raffte sich schließlich zu folgender Anekdote auf: Im Rahmen seiner Tätigkeit als politischer Aktivist habe es ihn einst in den südamerikanischen Urwald verschlagen, wo er das Privileg hatte, irgendwelchen FARC-Guerilleros, denen westliche Musik bisher unbekannt gewesen sei, etwas auf seinem Saxofon vorzuspielen. Diese seien tief beeindruckt gewesen. Eine ganze Zeit später sei er jemandem aus dieser Gruppe wieder über den Weg gelaufen, und dieser habe entsetzt berichtet, mittlerweile habe er erneut einen weißen Mann dieses Schlangeninstrument spielen hören, aber es sei eine Katastrophe gewesen, der Kerl habe einfach nicht spielen können. Feiler forschte nach, um wen es sich wohl gehandelt haben könnte und fand heraus, dass es ein durchaus respektabler Musiker gewesen war, der aber freilich: – Bebop gespielt hatte.

Nun ja, dachte ich mir, Feiler ist also Begründer eines musikalischen Cargo-Kults, anthropologisch sicherlich durchaus aufschlussreich – aber was hat das mit dem Thema des Panels zu tun?

Nach einer Pause wurde das Panel für Zuschauerbeiträge geöffnet, was aber nicht weiter zur Erhellung der Sachlage beitrug.

Ein exzellentes Chili con carne im Pausenhof, dann ging es auch schon weiter mit einer „Intervention“ überschriebenen Veranstaltung. Sie bestand im Wesentlichen aus einem mäßig witzigen Wortschwall von Fahim Amir, einem orientalisch gekleideten österreichischen Philosophen mit afghanischem Migrationshintergrund, sowie einer Power-Point-Präsentation über musikalische Experimente mit Spinnen (!), die der argentinische Künstler Tomás Saraceno in teils schwer verständlichem Englisch kommentierte. Amir refererierte zunächst durchaus kundig und kohärent über Leben und Werk der us-amerikanischen Feministin Donna Haraway, während Saraceno seine bizarren Arachniden über die Leinwand krabbeln ließ (alle SpinnenphobikerInnen hatten zu diesem Zeitpunkt längst entsetzensstarr das Weite gesucht). Ich wartete die ganze Zeit darauf, ob sich zwischen beiden Vorträgen ein irgendwie gearteter semantischer oder auch nur metaphorischer Zusammenhang ausmachen ließ – aber leider vergeblich. Lediglich einmal hatte ich ganz kurz den Eindruck, der Begriff des „Netzes“ (Web) könne ein solcher sein, denn in Haraways Denken, so Amir, spiele das WordWideWeb eine gewisse Rolle und Spinnen weben ja bekanntlich … aber nein, so platt konnte es doch nicht sein! – Nun gut, es war nicht das erste und es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich das Konzept hinter einer intellektuell ambitionierten Veranstaltung einfach nicht verstanden habe. Muss halt noch viel lernen.

Frustriert ging’s zur (für mich) abschließenden Veranstaltung, die nun endlich ganz der Musik gewidmet sein sollte. Auf dem Programm stand die gut einstündige „Musik für drei Streicher“, für die Wolfgang Rihm vor knapp 40 Jahren den Kranichsteiner Musikpreis erhalten hat. Es spielten drei gepflegte, der Hitze entsprechend luftig gekleidete Damen, die, wenn ich das richtig verstanden habe, auch bereits die Uraufführung der Komposition besorgt hatten. Damals, 1978. Die Welt der „Neuen Musik“, habe ich den Eindruck, ist voll von derart langwährenden Loyalitäten. Sehr untypisch für die (post-)moderne Welt. Und sehr sympathisch. Eigentlich, denn die Kehrseite derartiger Nibelungentreue kann natürlich eine gewisse „Mafiosität“ sozialer Strukturen sein.

Rihms Spätsiebzigerjahrestück regnet einstündig auf mich herab und ich fühle mich unwillkürlich an Wim Wenders‘ Schwarzweißepos „Im Lauf der Zeit“ aus dem Jahr 1976 erinnert, wo Rüdiger Vogler und noch jemand an der damaligen deutsch-deutschen Grenze von Dorfkino zu Dorfkino tuckern, auf der Suche nach … keine Ahnung. Aber das sind wohl mal wieder die falschen Assoziationen, folgt man Ulrich Moschs ganz ausgezeichnetem Werkeinführungsvortrag (wir sind schließlich in Darmstadt, wo Apoll und Dionysos sich freundlich die Hand zu reichen haben), der der Perfomance vorausging. Laut Rihm entstand diese Musik in Zeiten einer intensiven Verliebheit in eine „Eva“, weshalb, so Mosch, ein Motiv aus den Tönen e, f und a eine gewichtige Rolle im Werk spiele. Ich überlege kurz, in welcher Sprache „Eva“ mit „f“ geschrieben wird, schelte mich aber sofort der Kleingeistigkeit, für die der Meister vermutlich nur Verachtung übrig hätte.

Weiterhin widmet sich Mosch hingebungsvoll der Dekonstruktion des Rubrums „Neue Einfachheit“, unter welchem Rihms und bsp.weise auch von Boses Musik damals „gelaufen“ sei. Es habe sich hierbei um eine falsche Vereinnahmung gehandelt, die eigentlich „Einfachen“ dieser Zeit seien die amerikanischen Minimalisten gewesen, mit denen Rihm und von Bose ästhetisch nichts gemein gehabt hätten. Ich nicke zunächst innerlich, stutze dann aber und rufe mir die „Einfachheit“ der Texturen von Reichs „Music for 18 musicians“ in Erinnerung, die gegen Rihms notwendig dreistimmiges Stück doch eher: – komplex wirken. „Ich bin einfach zu dumm und ungebildet!“, muss ich mir schließlich erneut eingestehen.

Obwohl ich gegen Minute 42 mal kurz einnicke und mein großer Kopf sich bedrohlich in Richtung des zierlichen chinesisch-japanischen Nachwuchskomponisten zu meiner Linken zu neigen droht, hat mir Rihms Musik gut gefallen, vor allem der letzte (?) Satz mit heftig pulsierenden Haltetönen. So was kann man halt auf dem Klavier nicht machen, denke ich neidvoll.

Dennoch frage ich mich, ob das Stück als Halbstünder nicht einen noch vorteilhafteren Eindruck gemacht hätte und es kommt mir der zwangsblasphemische Gedanke, nein, denn dann wäre die Bewunderung für den Komponisten ja auch nur halb so groß.

Etwas erschöpft, aber auch erleichtert tausche ich mit dem chinesisch-japanischen Nachwuchskomponisten Visitenkarten aus und gehe dann ein Eis essen. Letzteres war der mit Abstand am leichtesten verdauliche Event dieses Tages. Dennoch, gut, dass ich mal vor Ort war, danke Darmstadt!

Stefan Hetzel

Stefan Hetzel
Stefan Hetzel
Artist |

publicist, composer and a piano player

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