Elliott Carter ruhe sanft

Er war New Yorker durch und durch und lebte bereits in Greenwich Village als dort noch Edgard Varèse durch die Cafés zog, noch lange bevor die Komponisten der New York School sich dort zu Hause fühlten. Eine Fotografie scheint Carters New York in einem Bild zu bannen: Die Spitzen der Wolkenkratzer verschwinden im Nebel. Ebenso die Hälfte der Brooklyn Bridge. Der Schirm, mit dem sich der einsame Spaziergänger am Hudson vor dem Nieselregen schützen möchte, hält den Kräften des Windes kaum stand. Sein Blick ist nach innen gerichtet, seine Beine kennen von allein den nächsten Schritt in diesem unwirtlichen Ufergelände. Unregelmäßig staken hölzerne Befestigungen aus dem Wasser. Der Spaziergänger bildet das Zentrum des Bildes, alle übrigen Elemente gruppieren sich um ihn. Seine Gestalt ordnet die Dinge, korrigiert die Abstände und verleiht Hintergrund und Vordergrund ihren Sinn. Der Spaziergänger ist Carter selbst. –
Mit diesem Bild im Kopf, kann man sich auch dem Solisten in seinem Clarinet Concerto anvertrauen – er ist es hier, der durch New York spaziert, gelegentlich bei einer Gruppe verweilt, im Getümmel verschwindet und wieder aus ihm auftaucht. Im siebten Satz dann sieht sich die Klarinette für wenige Augenblicke der geballten Wand des Ensembles gegenüber. Der Einzelne im Angesicht der Monumente des urbanen Lebens gibt nicht auf – er schlägt den Kragen hoch, schließt den Regenschirm und taucht unter: Er ist beweglicher als die Stadt.
Wahrscheinlich hätte sich Elliott Carter gehütet, solche programmatischen Ideen im Zusammenhang mit seinem Klarinettenkonzert zu äußern. Doch dem niederländischen Dokumentarfilmer Frank Scheffer hat er in einem Interview verraten, dass er mit seiner Musik durchaus auch eine Sicht auf die Welt verbindet. „Ich betrachte meine Musik als ein Abbild von Gesellschaft“, heißt es da. „Beziehungsweise eine Gesellschaft, wie ich sie mir wünsche. Es geht mir um Individuen, die sich miteinander abgeben, die aufeinander reagieren und zusammen arbeiten, und dennoch ihre Individualität behalten. So müsste jeder Staat beschaffen sein.“
Der Titel seiner Oper verrät, dass ihn bis zuletzt eine große Neugier angetrieben hat – auch nach dem Tod seiner Frau, der Bildhauerin Helen Frost-Jones, die ihn 2003 verließ: „What’s next“ lautet der Titel der Oper und in wundersamer Leichtigkeit schrieb Carter in den vergangenen Jahren weiterhin Meisterwerk um Meisterwerk. Der Ausdruck vom „lichten Spätwerk“ hätte für ihn erfunden werden müssen.
Man liest, Elliott Carter sei am 5. November 2012 in New York verstorben, knapp einen Monat vor seinem 104. Geburtstag.

phahn

Musikjournalist, Dramaturg

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