Sommerloch. Zeit für hoch-investigativen Musik(marken)journalismus bei uns im Blog, wie mein werter Herr Kollege bereits etwa hier (Soundmarke) und hier (Bildmarke) gezeigt hat.
Zeit aber auch, um sich den großen Umwälzungen im Klassikbetrieb zu widmen: Etwa dem Start des Klassik-Streamingdienstes IDAGIO. (Auch hier hat das Blog-Arbeitsbienchen Dr. Huflaikhan großartige Grundlagenrecherche betrieben.)
Eleonore Büning widmet dem Launch in der FAZ einen digitalen Dreiseiter, schön fundiert geschrieben – wie immer halt.
Doch ein Absatz dort treibt mir die linke Augenbraue Richtung Haupt-Haarwirbel:

Am 5. August, in der Salzburg-Kulisse, stellten fünf Leute die erste Plattform für den digitalen Fair-Trade-Handel mit klassischer Musik vor. Vier Musiker, ein Musikmanager. Die Worte „Pop“ oder „Subkultur“ oder „Krise“ kommen in ihrem Vokabular nicht vor. Zitiert wird zunächst mal der klassische Supersommerstar Richard Wagner, der zwar anno 1850 auch schon mit dem Krisengerede vom Publikumsschwund konfrontiert war, aber weder Mikro noch iPhone kannte und erst recht keine zwei Millionen Follower in den Social Networks vorweisen konnte wie der sechsundzwanzigjährige taiwanesische Geiger Ray Chen.

Dessen Online-Gewicht wurde auch bei der IDAGIO-Pressekoferenz in Salzburg frühzeitig, prominent und stolz verkündet, wie das bei FAZ eingebettete Video zeigt.

Der gute Mann ist ein Entertainment-Genie, keine Frage, und damit im bieder-ernsten Klassikbetrieb quasi konkurrenzlos. Das kommt online gut an. Auch ich habe seiner Facebook-Seite eine Weile lang per Like Interesse entgegengebracht, folge ihm inzwischen aber „nur noch“ bei Twitter.
2 Millionen Menschen – in Worten: zwei Millionen – sollen sich für seine Aktivitäten interessieren, die er online zum Besten gibt. Da werde ich stutzig, das habe ich anders in Erinnerung. Ich goog… ich recherchiere gründlich!

Bei Facebook hat sein verifizierter Account knappe 69.000 Likes eingesammelt. SEHR! beeindruckend, besonders im – ich wiederhole mich – Klassikbereich.

Beim Bildernetzwerk Instagram hat er bereits 10.000+ Abonnenten mit hautnahen Eindrücken aus seinem Tourleben gewonnen.

Bei Twitter folgen ihm (unverifiziert, aber das ist dort so gut wie unbeeinflußbar) gut 8500 andere Twitterati und freuen sich über eine persönliche Note.

Kleine Youtube-Recherche: Der Kanal RayChenVEVO hat zwar das „Bestätigt“-Häkchen, das ist aber äußerst verwunderlich: Das Bannerbild darf nicht als solches bezeichnet werden, eine Kanalinfo fehlt, ebenso Videos. Dennoch: 289 Abonnenten, das lassen wir mal generös gelten.

Bei songkick.com (wer kennt das denn bitte?) ist er scheinbar auch. 352 Fans wollen über seine anstehenden Konzerte in ihrer Nähe informiert werden und interessieren sich für den etwas verwaist wirkenden Account.

Soooo. Ihr müsst keinen Mathe-LK gehabt haben, um festzustellen, dass die aufgelisteten Zahlen selbst bei wohlwollendster Missachtung der kaufmännischen Rundungsregeln niemals 2 Millionen ergeben, sondern vielmehr… 88141 – in Worten: achtundachtzigtausendeinhunderteinundvierzig!
Fehlen nach Adam Riese also noch – ach, sind wir nicht so! – schlappe 1,9 Millionen.

Eine für meinen Geschmack etwas zu deutliche Differenz… aber bevor ich mich zu sehr wundere, recherchiere ich dann doch noch schnell auf Ray Chens Webseite vorbei. Dort finde ich rechts oben neben dem Facebook- und dem Twittersymbol meinen Fehler:

Einen Link zu Soundcloud.

Schnell draufgeklickt, die Seite lädt smooth und BÄÄÄÄÄM! Da sind die verloren geglaubten Schäfchen. ALLE! Exakt 1.936.682 Follower (Stand: 14. August 2015, 13:43 Uhr), in Worten: EINE MILLION NEUNHUNDERTSECHSUNDDREISSIGTAUSENDSECHSHUNDERTZWEIUNDACHTZIG

https://i1.wp.com/www.intro.de/ckfinder/userfiles/images/be49e_orig-boy_that_escalated_quickly.jpg?w=676

Eine enorm große Zahl, selbst im House-DJ-Bereich muss man das erstmal hinbekommen. Nehmen wir als völlig zufälliges Beispiel Aviici, der sich nicht verdächtig macht, dass er auch nur einen zehbreit jenseits des Pop-Mainstreams wäre. Dieser hat bei Soundcloud „nur“ 1,5 Millionen Follower!

Die 1,9 Millionen Fans hat sich Ray Chen mit sagenhaft minimalen vier(!) Musik-Uploads im vergangenen Jahr (oder sogar insgesamt?!) verdient. Ansonsten keinerlei (Inter)aktivität seinerseits, wenn man die drei Selbst-Likes (wer macht denn so was?) abzieht.

In seiner aktualisierenswerten Soundcloud-Profilinfo unbekannten Datums steht:

Followed by over 500,000 people on SoundCloud, Ray Chen looks to expand the classical music audience by increasing its appeal to the young generation via all available social media platforms.

Die Bio auf seiner Webseite (definitiv im Juli 2015 zuletzt aktualisiert) weiß mehr:

Followed by over 1 million people on SoundCloud, Ray Chen looks to expand the classical music audience by increasing its appeal to the young generation via all available social media platforms.

Und etwa einen Monat später bereits fast das Doppelte an Anhängern? Irre!

So gut gepflegt wie Ray Chen sind seine Social-Media-Präsenzen nicht – mit Ausnahme von Facebook, Instagram und Twitter. Nicht, dass ich ihm seinen Erfolg nicht gönnen würde. Ich denke, dass er auf die ganze Branche abstrahlt und finde das toll! Aber abgesehen davon, dass es wesentlich schwieriger ist, Fans bei Soundcloud auf IDAGIO hinzuweisen als z.B. bei textlastigen und daher link-freudigen Kanälen wie Twitter (was sein Online-Gewicht deutlich reduziert) – irgendwas stinkt hier gewaltig… Die Fanzahlen bei Soundcloud stehen in keinem Verhältnis zum getätigten Aufwand/Engagement/Enthusiasmus dort, ebenfalls die Relation der Abonnentenzahlen der einzelnen Kanäle untereinander.

Kann man bei Soundcloud (inzwischen) auch Follower von Klickfarmen in Pakistan kaufen? Oder habe ich einen Denkfehler eingelegt?
Weitergedacht: Wem kann man dann online noch trauen, nachdem wir ja erst kürzlich einen deutlichen Schock verdauen mussten mit #bayreuthfake? ;) Wie viel sind diese Zahlen dann im Allgemeinen marketing-technisch tatsächlich wert? Was kann ich denn eigentlich (noch) glauben?