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Drei Tage NRW. Drei unterschiedliche Szenen. Essen, eine Großstadt mit einer aktiven Musikhochschule und einer feinen Philharmonie – ein Tag, geprägt von der Energie von jungen Musikern: folkwang modern, die mit großem Einsatz sowohl die Musik ihrer Kommilitonen – wie Tim Keinäcker mit einem Ensemblestücke, das subtil live-elektronische Erweiterungen integrierte – eines Lokalmatadors – Nicolaus A Huber, der viele Jahre als Kompositionsprfoessor die Neue Musik an Folkwang mit geprägt hat – sowie von Iannis Xenakis. „Viele der Musiker werden vielleicht nie wieder in ihrem Leben einen Xenakis spielen – aber Sie werden von dieser Erfahrung zehren“, sagte Günter Steinke beim Nachkonzertbier voraus. Zustimmung in der Runde.

Die Philharmonie Essen liegt nahe am Bahnhof, unweit der Rüttenscheider Str. Und doch kommt kein wirklich urbanes Gefühl auf – man ist im Kultursatelliten, neben dem wunderschönen Aalto-Theater – und dem großen Hotelschuppen, in dem die Philharmonie ihre Gäste unterbringt. Das ist ja eine alte Frage, ob man mit Hilfe von Konzerthäusern und dergleichen Urbanität herstellen kann – Scharoun hat sich ja nichts anderes gedacht, als er den Masterplan für Philharmonie und Stabi in Berlin gemacht hat. Doch so schön im Park, wie die Essener Philharmonie sich findet, kann man wirklich auf die Idee kommen, hier sei kein öffentlicher Raum – im besten Sinne, ein bisschen Hügel, ein bisschen Festspielraum umgibt die alte Stadthalle. Und auch für die kommenden Jahre sind die Aussichten interessant: Intendant Johannes Bultmann hat eine interessante Dramaturgie entwickelt, die Netzwerker von Folkwang und GNM sind glücklich, in ihm einen offenen Partner, auch zur Verwirklichung ihrer Ideen gefunden zu haben.

Der Sprung nach Moers ließe sich größer kaum denken. Nicht allein, was die Größe angeht, auch hinsichtlich der Musik, die hier vorgestellt und vorgelebt wurde. Das Bollwerk in Moers ist ein Jugendzentrum unweit des Bahnhofs. Und trotz der Nähe zur Industrie stellt sich ein ländliches Gefühl ein, wenn man in die weite blickt. Und der alte Lokschuppen – oder was immer das Bollwerk war – wirkt wie eine Scheune, der gegenüber zufällig statt eines alten Heuwagens ein schicker weißer D-Zug steht. Ein Sounding D-Zug, um genau zu sein. Morgens bevölkern Schulklassen das Areal, besuchen das Multimedia-Jazztheater „Bienenkino“ (siehe der Film aus Moers!). Man ist stolz: alle Erst- und Fünftklässler der Stadt wurden mit Konzerten des Quintetts, betsehend aus Erzähler, Pianist und Schlagzeuger erreicht! Und das sie erreicht wurden, spürt man an den Reaktionen überdeutlich. Für den etwas größeren Hörer wirkte der Hauptteil des Programms etwas konstruiert – weniger improvisiert als angekündigt, die Interaktionsmomente waren auch eher spärlich. Viel aufregender dann die Zugabe, als sich das Gefühl einstellte, dass in diesem Moment auf Zurufe aus dem Publikum eine Geschichte entsteht. Bis hin zu dem spannenden Prozess, dass auf dem Zeichenbrett eine andere Geschichte entstand als auf der Textebene. Aber statt „die Giraffe“, die zuvor mit allerlei Lebensmitteln gefüttert wurde, bis sie ganz grün wurde, „übergibt sich“, wählte der Sänger die vornehmere Variante: die Giraffe ist müde und muss jetzt nach Haus. Die Kinder wussten es besser: „Die Giraffe kotzt!“ Der Rest ist Vermittlung…

Die abendliche Reunion der drei bisherigen Improviser in residence führte eindrücklich vor Augen, welch unterschiedliche musikalische Handschriften Rainer Michalke für die Moerser als Künstler gewonnen hatte – und welch unterschiedliches Erlebnis von „improvisierter“ Musik die Schüler der Stadt erfahren konnten.

Die abendlichen Politikerreden, auch die neue Schulministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann, waren zugegen – „ich sag ja immer, kinder sind nicht gefäße, die man füllen, sondern feuer, die man entfachen muss“ – bezeugten, das hier an einem kleinen Ort etwas entstanden ist, was sich Chancen ausrechnen darf, fortgeführt zu werden – und dabei eine spezifische lokale Tradition der improvisierten Musik aufgreift und im besten Sinne an ein junges Publikum vermittelt. Auch so entsteht Identifikation, vielleicht gar Identität.

Nun bin ich bereits in Köln, „meiner“ Stadt, als Gast mit dem Zug. In Köln macht man großen Bahnhof. Die Kölner Philharmonie öffnet heute Mittag ihre Pforten für die Zuggäste, das Ensemble musikFabrik – der größte freie „Player“ in der Kölner Neue Musik-Szene – wirkt mit. Aber auch Thürmchen-Ensemble und viele andere unterstreichen, dass diese Stadt immer noch zu Recht als ein Zentrum für neue Musik gilt.

Es könnte ein schöner Tag werden. Das Wetter jedenfalls spielt mit.

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