{"id":815,"date":"2010-09-06T12:11:23","date_gmt":"2010-09-06T10:11:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/2010\/09\/06\/protestkultur-und-linzer-torte-nebst-wissenschaftlicher-auswertung\/"},"modified":"2010-09-06T17:15:23","modified_gmt":"2010-09-06T15:15:23","slug":"protestkultur-und-linzer-torte-nebst-wissenschaftlicher-auswertung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/2010\/09\/06\/protestkultur-und-linzer-torte-nebst-wissenschaftlicher-auswertung\/","title":{"rendered":"protestkultur und linzer torte, nebst wissenschaftlicher auswertung"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" style=\"padding:0px 10px 10px 10px\" src=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/files\/2010\/09\/image520389714.jpg\" width=\"280\" align=\"left\" alt=\"image520389714.jpg\" title=\"image520389714.jpg\" \/>Nicht erst, seit in Stuttgart die Massen auf den Bahnhofsvorplatz dr&#228;ngen, um gegen Stuttgart 21 zu protestieren, darf man Baden-W&#252;rttemberg als die Wiege einer neuen Protestkultur ansehen. Anders als fr&#252;her, als es den Protestierenden um Wandel und Ver&#228;nderung ging, stehen Sie heute f&#252;r &#8222;Bewahrung&#8220; auf der Stra&#223;e: konservative Revolution&#228;re, die im Tiefbahnhof eine Endlagerst&#228;tte f&#252;r ihre Zukunfts&#228;ngste gefunden haben. Wenn das mal f&#252;r den Atomm&#252;ll so leicht w&#228;re! <\/p>\n<p>Auch den Freiburger Beitrag zum Sounding-D-Tag k&#246;nnte man geneigt sein, als zivilen Ungehorsam oder als heimlichen Protest gegen&#252;ber dem Projekt Sounding D zu werten: Von den zahlreichen hochkar&#228;tigen Partnern, die im Freiburger Netzwerk mehrklang zusammen geschlossen sind, war weit und breit nichts zu h&#246;ren. (Immerhin waren einige im Publikum zu sehen.) Doch das Programm des Tages wurde von Bernhard Wulff und seinen Frauen und Mannen von der Freiburger Hochschule bestritten. Mit Kesseldruck und Bronze hatten sie ein kesses Motto f&#252;r die Aktionen des Tages gefunden, das &#8211; freiburguntypisch &#8211; auf Motorisierung setzte: Harley Davidsons zogen eine &#8222;Klangspur&#8220; durch die Stadt und machten Fotografen und Kameram&#228;nner, die auf ihrem R&#252;cksitz mitfahren durften, gl&#252;cklich. Weniger gl&#252;cklich konnte man mit der Darbietung von Kagels &#8222;Zehn M&#228;rschen um den Sieg zu verfehlen&#8220; sein, die hier besser unter der &#220;berschrift, &#8222;Zehn Verfehlungen um Kagel zu besiegen&#8220; aufgef&#252;hrt worden w&#228;ren. (<a href=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/2010\/09\/06\/thomas-schmoelz-mehrklang-freiburg\/\">Thomas Schm&#246;lz geht im zweiten Teil unseres Gespr&#228;chs weiter untern auf diese Kritik ein und verteidigt das Programm.<\/a>) <\/p>\n<p>Am Abend erf&#252;llte sich gar mein Wunsch nach einem geschlossenen Saal in einem Konzert mit Musik von James Tenney, Dieter Mack, Bernhard Wulff, Iannis Xenakis und John Cage. Weil, anders als im Saarland oder im Ruhrgebiet &#8222;Strukturwandel&#8220; noch ein Fremdwort ist, stand leider keine leerstehende oder umgewidmete Fabrikhalle zur Verf&#252;gung, um Persephassa von Iannis Xenakis an einem geeigneten Ort aufzuf&#252;hren. Nicht einmal in der Freiburger &#8222;Bronx&#8220;, in Haslach, einem &#8222;Problemviertel&#8220; &#8211; wo aber der Rasen, wie jemand bemerkte, immer noch ordentlicher geschnitten ist als in ganz Saarbr&#252;cken &#8211; wo die Veranstalter den &#8222;Melanchthon-Saal&#8220; ausfindig gemacht hatten. In einem Gemeindesaal also wurde einem das raummusikalische St&#252;ck f&#252;r sechs Schlagzeuger dargeboten, was ungef&#228;hr so ist, als wollte man die M&#246;glichkeiten eines Schnellzugs im G&#252;terbahnhof pr&#228;sentieren und ohne Ohrenschutz schon richtig weh tut. Das Dach ist dann doch drauf geblieben. <\/p>\n<p>W&#252;hlt man sich einmal mit statistischem Blick durch das Programm der Sounding D-Bahnh&#246;fe so ergibt sich ein &#252;berraschender Befund. Neben all den &#8222;Musikvermittlungsmusiken&#8220; von Schulklassen und allem M&#246;glichen f&#252;hren John Cage und Iannis Xenakis die Hitliste der Auff&#252;hrungen an. (Gez&#228;hlt wurden Komponisten, die an mehr als einem Ort gespielt wurden, Doppelauff&#252;hrungen eines St&#252;cks an einem Ort wurden nicht gez&#228;hlt, die Anzahl der Werke war ausschlaggebend, die Auff&#252;hrungszeit ist nicht eingeflossen.) <\/p>\n<p>So erklangen Werke von Iannis Xenakis und John Cage je sechsmal, dahinter folgt, ziemlich &#252;berraschend, Dieter Mack mit drei Werken. Georges Aperghis, Karlheinz Stockhausen und Nicolaus A. Huber folgen dahinter mit je zwei Werken. Auch Terry Riley war zweimal vertreten, zweimal mit dem Werk &#8222;In C&#8220;. <\/p>\n<p>Bezieht man die Auff&#252;hrungszeit in die Wertung mit ein, so landen &#252;berraschend Karlheinz Stockhausen und Daniel Ott dicht beieinander, auch Iannis Xenakis ist hier vorne mit dabei. <\/p>\n<p>Rebonds von Iannis Xenakis k&#246;nnte man gar als die heimliche Hymne von Sounding D bezeichen, die, Vorstellung von Sounding D in Berlin eingeschlossen, insgesamt dreimal dargeboten wurde. Am problematischsten wohl in Freiburg, wo das Solost&#252;ck von f&#252;nf (!) Schlagzeugern ausgef&#252;hrt wurde. <\/p>\n<p>Was an diesem Befund &#252;berraschend ist: entgegen mancher Vorurteile werden also tats&#228;chlich zahlreiche Neue Musik-Werke gespielt, durchaus solche der &#8222;h&#228;rteren Art&#8220;. Wie kommt es daher, dass die Wahrnehmung des Sounding D-Projekts davon nicht st&#228;rker gepr&#228;gt ist? <\/p>\n<p>Das liegt wohl zum einen Teil daran, dass die Auff&#252;hrungen eingebunden in Soundspazierg&#228;nge und &#228;hnliches stattfinden und daher nicht die Musik, sondern deren Auff&#252;hrungsform im Vordergrund stehen. Zudem entspricht die Qualit&#228;t der Auff&#252;hrungen selten h&#246;chsten Anforderungen und ist daher gerade nicht dazu angetan, &#8222;denkw&#252;rdige&#8220; Ereignisse zu schaffen, die sich einpr&#228;gen und Erinnerungsspuren hinterlassen. Oder, um eine mitreisende Person zu zitieren, die eigentlich gar nicht aus der Musik kommt: &#8222;Meine Hauptkritik am Zugprojekt w&#228;re, dass die Qualit&#228;t der Auff&#252;hrungen und der Musik nicht dazu angetan ist, vermittelnd zu wirken.&#8220; &#220;ber den ethischen Wert mittelm&#228;&#223;iger Auff&#252;hrungen neuer Musik m&#252;sste man tats&#228;chlich noch einmal nachdenken. <\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es &#252;berraschend, dass ausgerechnet Iannis Xenakis, dessen Musik sich gerade durch eine enorme, bis an die &#220;berforderungsgrenze reichende Virtuosit&#228;t auszeichnet, derart oft gespielt wird. Seine Musik scheint dazu angetan zu sein<\/p>\n<p>a) einem Bild von Neuer Musik zu entsprechen, dass von den Veranstaltern beispielhaft f&#252;r ihr Verst&#228;ndnis neuer Musik zu stehen in der Lage ist<\/p>\n<p>b) gleichzeitig aufgrund gewisser Qualit&#228;ten f&#252;r besonders vermittelbar erachtet zu werden<\/p>\n<p>Woran das nun liegt, das w&#228;re ebenfalls einer gesonderten Er&#246;rterung wert. <\/p>\n<p>Nun muss ich noch erg&#228;nzen, woran es lag, dass an diesem Freiburger Tag die Erwartungen, die man an die deutsche Hauptstadt der Profi-Neue Musik-Ensembles gestellt haben mochte, etwas entt&#228;uscht wurden: In Freiburg waren noch Ferien und Hinz und Kunz und vor allem die Musikszene war noch in Frankreich oder in Italien. Also doch nix mit Protest: Hier verband sich der Ankunftszeitpunkt des reisenden Sounding D-Zuges auf ungl&#252;ckliche Weise mit der Hauptreisezeit. Auch das ist ein Teil dieser Geschichte. <\/p>\n<p>Am Bahnhof in Freiburg gibt es &#252;brigens bei einem B&#228;cker eine sensationelle Linzer Schnitte zum Preis von 1,35 Euro. <\/p>\n<p><\/p>\n<div>Mobile Blogging from <a class=\"iblogger-location\" href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?ll=47.9968,7.8484\">here<\/a>.<\/div>\n<div class=\"iblogger-footer\"><\/p>\n<p style=\"text-align:right;font-size:10px\">[neue musik erfahren &#8211; <a href=\"http:\/\/www.nmz.de\/media\">nmz-media<\/a> hoert sounding-d]<\/p>\n<p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht erst, seit in Stuttgart die Massen auf den Bahnhofsvorplatz dr&#228;ngen, um gegen Stuttgart 21 zu protestieren, darf man Baden-W&#252;rttemberg als die Wiege einer neuen Protestkultur ansehen. 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