{"id":782,"date":"2010-09-05T12:11:12","date_gmt":"2010-09-05T10:11:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/2010\/09\/05\/anschauungen-ohne-begriff-oder-wonach-ich-mich-sehne\/"},"modified":"2010-09-05T12:11:12","modified_gmt":"2010-09-05T10:11:12","slug":"anschauungen-ohne-begriff-oder-wonach-ich-mich-sehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/2010\/09\/05\/anschauungen-ohne-begriff-oder-wonach-ich-mich-sehne\/","title":{"rendered":"anschauungen ohne begriff &#8211; oder: wonach ich mich sehne"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" style=\"padding:0px 10px 10px 10px\" src=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/files\/2010\/09\/image1215698140.jpg\" width=\"280\" align=\"left\" alt=\"image1215698140.jpg\" title=\"image1215698140.jpg\" \/>Dann hab ich&#8217;s doch getan: Obwohl die Karte auswies, dass s&#228;mtliche erdenklichen Zusatzstoffe in dem Gericht enthalten sind und obwohl es nicht so aussah, als w&#252;rde es meinen kulinarischen Kosmos um Geschmacksnuancen erweitern, sondern lediglich um eine neue Darreichungsform elementarer Kombinationen von Eiweiss, Fett und Kohlenhydraten gehen, habe ich &#8222;Gefillde&#8220; bestellt. Darunter darf man sich nichts hehres vorstellen: Kartoffelkl&#246;sse, gef&#252;llt mit Hackfleisch und Leberwurst, verkochtes Sauerkraut, eine mit Johannesbrotkernmehl angedickte Sauce, in der Speckw&#252;rfel aneinanderkleben. Was &#8222;Dibbelabbes&#8220;, eine andere &#246;rtliche Spezialit&#228;t ist, muss ich dann unbedingt beim n&#228;chsten Mal probieren. <\/p>\n<p>Inzwischen f&#252;hle ich mich nat&#252;rlich selbst wie ein &#8222;Gefillder&#8220; &#8211; meine Trommelfelle sind aufgequollen wie meine Augenringe, meine F&#252;&#223;e sind platt wie mein Witz und  ich schwimme so tr&#252;b im Gefolge des Zuges, wie die getrocknete Nelke in der Sauce vor mir. Die Die &#220;berreizung durch die Eindr&#252;cke der vergangenen Tage k&#246;nnte sich in einer leichten Reizbarkeit bei gewissen Schl&#252;sselw&#246;rtern &#228;u&#223;ern: &#8222;Soundwalk&#8220;, &#8222;Soundspaziergang&#8220; oder &#8222;klingende Stadtf&#252;hrung&#8220; k&#246;nnten solche Worte sein. Wenn alle das au&#223;ergew&#246;hnliche schaffen wollen, dann wird das Au&#223;ergew&#246;hnliche beliebig und es entstehen Sehns&#252;chte, die nur ein Konzertsaal stillen kann. <\/p>\n<p>Diese Perspektive kann man nat&#252;rlich nur einnehmen, wenn man das Gl&#252;ck hat, f&#252;r ein paar Tage zum Gefolge des Fliegenden Holl&#228;nders, &#228;hm, des Sounding D-Zuges zu geh&#246;ren und mit sehr wenigen Menschen das exklusive Erlebnis teilt, diesen Zug zu begleiten. Neben dem Zug-Team werden es am Ende wohl vier Personen sein, die den Zug an allen Orten getroffen haben, von &#252;berall etwas mitbringen: das Filmteam der NMZ, Astrid Karger, die Fotografin f&#252;r das Netzwerk Neue Musik und Paul Paulun, der im Dienstwagen des Deutschlandradio hinterherreist, f&#252;r den er ein Stundenfeature &#252;ber den Zug gestalten will. Sein &#8222;Pudel&#8220; ist l&#228;ngst so etwas wie die heimliche Standarte geworden, wo sein Mikro aus der ersten Reihe aufragt, da ist grad was los. Meist dauert es nicht lang und man sieht J&#246;rg Lohner um das Geschehen herumt&#228;nzeln, auf der Suche nach einer Perspektive, in der nicht Pauluns &#8222;tote Katze&#8220; ins Bild hineinragt. Alle anderen werden Bruchst&#252;cke, Mosaiksteinchen beitragen, um das Ereignis dieser Zugfahrt zu dokumentieren. So wie immer. So wie ich. <\/p>\n<p>Saarbr&#252;cken war eine entspannte Station &#8211; irgendwie &#8222;privater&#8220;, &#8222;pers&#246;nlicher&#8220;. Man war zu Gast bei Menschen, die ihren Hinterhof &#246;ffneten, h&#246;chstselbst f&#252;r Tee sorgten und Kuchen servierten. Die Inszenierung war weniger aufw&#228;ndig, die Orte waren weniger markiert: es war Musik im privaten Raum, nicht im &#246;ffentlichen. Es ging um Zwiesprache, wie es das Gespr&#228;ch am Fenster zwischen Saxophonist und Pianist &#8211; das auch im NMZ-Film abgebildet ist &#8211; versinnbildlicht. (Die &#228;ltere Dame, die im Film zu sehen ist, hat &#252;brigens wenige Augenblicke sp&#228;ter das Fenster mit lautem Knall geschlossen: rhythmisch perfekt! Man h&#228;tte es als wiederkehrendes Element einbauen sollen!) <\/p>\n<p>Ebenso am Abend, in der Omnibuswerkstatt, als das InZeit Ensemble loslegte: Eine Art &#8222;Neue Musik&#8220;-Bigband, die sich vorgenommen hatte, die gro&#223;e, stillgelegte Halle zu bespielen. Zahlreiche der Mitwirkenden hatte man im Laufe des Tages bereits in anderen Besetzungen gesehen &#8211; Beispiel f&#252;r gelebtes Netzwerk. Oder anders ausgedr&#252;ckt: die Saarbr&#252;cker haben das gemacht, was sie ohnehin immer machen. Irgendwie sympathisch, denn sie hatten Spa&#223; dabei. <\/p>\n<p>&#220;brigens hat mir die Pressedame des Netzwerks, die am Nachmittag auf der Mainzer Stra&#223;e selbst ins Rohr geblasen und Jazz gesungen hat, noch verraten, dass nach einer Studie jeder sechste Saarl&#228;nder in einer Band aktiv ist &#8211; und es seien nur die gez&#228;hlt worden, die auch tats&#228;chlich mit ihrer Band auftreten. Eine beachtliche Zahl. Ob es am Bier liegt? <\/p>\n<p>Seit Barbara Barthelmes zur Reisegruppe dazu gesto&#223;en ist steigt nat&#252;rlich das Diskussionsniveau auf der R&#252;ckbank der Staatskarosse betr&#228;chtlich, Objektivit&#228;t und wissenschaftliche Genauigkeit erhalten Einzug. Sie evaluiert unter anderem die Vermittlungsstrategien, die von den Netzwerkpartnern eingesetzt werden. Sie unterscheidet vor allem zwischen zwei Formen: <\/p>\n<p>A) Projekte im Fahrwasser von Response<br \/>Projekte mit Sch&#252;lern, die sich auf ein Modell beziehen, im Regelfall eine Komposition, die als solche installiert wird. <\/p>\n<p>B) Projekte ohne Modell <br \/>Hier wird das Weltwissen und die Kreativit&#228;t der Sch&#252;ler zum Ausgang genommen. Hans Schneider in Freiburg steht f&#252;r diese Position. <\/p>\n<p>Zwei weitere Formen erg&#228;nzen wir dann aber doch im Gespr&#228;ch: <\/p>\n<p>C) Musik in narrative Zusammenh&#228;nge integrieren<br \/>Jemand wie Bernhard K&#246;nig arbeitet sehr stark dar&#252;ber. <\/p>\n<p>D) Szenische Interpretation von Musik <br \/>Barbara Barthelmes nennt hier vor allem Wolfgang Martin Stroh. <\/p>\n<p>Ich bin gespannt auf diese Evaluation des Netzwerkprojekts. Nicht zuletzt im Hinblick darauf, welche neuen Formen der Vermittlung durch dieses Netzwerk-Projekt auch tats&#228;chlich entstanden sind. <\/p>\n<p>Ein anderes Vorhaben von Frau Barthelmes hat mit neuen Begrifflichkeiten zu tun, die f&#252;r neue Musik gefunden werden m&#252;ssten. Spannende Frage. F&#252;r den Abend hat Frank Reinisch vom Breitkopf-Verlag das richtige Stichwort fallen lassen: Borderline. Auf der Grenze zwischen Neuer Musik und Jazz, auf schmalem Grat haben sich die InZeit-Leute bewegt. Das ist jetzt nat&#252;rlich wissenschaftlich noch nicht wasserdicht. Aber zum Weitedenken langts. <\/p>\n<p>Damit nicht zu viel gedacht werden musste, hatte Sigrid Konrad neben allerlei lustigen Fluxus-Aktionen &#8211; spanne einen Regenschirm auf, iss das Pulver und schmecke den Regen &#8211; auch eine Teilurauff&#252;hrung eines Werks von Marino Rosenmann vorgesehen. Sie bestand ungef&#228;hr aus folgender Anweisung: <\/p>\n<p>Man nehme zwei Flaschen eines chilenischen Tresterschnapses. Die zwei Ausf&#252;hrenden trinken eine der beiden Flaschen. Anschlie&#223;end schenken sie die zweite an ihre Freunde und G&#228;ste aus. Und beobachten dabei die Ver&#228;nderung an sich und ihnen. <\/p>\n<p>Leider konnte es zur Urauff&#252;hrung nicht kommen, das Sigrid Konrad der Partner daf&#252;r fehlte. (Dank der eingangs erw&#228;hnten &#8222;Gefillden&#8220; konnte ich gefahrlos einige Takte dieser Komposition mitspielen.)<\/p>\n<p>Der Kater am heutigen Morgen war denn auch mehr seelischer Natur. Mit Unruhe sehe ich den &#8222;Klangspuren&#8220; des Tages entgegen. (Hat mit Schwaz nichts zu tun, sondern mit Harley Davidsons&#8230;) Nach guten Konzerten ist es ja oft so, dass man sie energetisiert verl&#228;sst, dass man frisch wird durch die geistig-sinnliche Anspannung, durch die man hindurchgegangen ist. Nach f&#252;nf Tagen &#8222;Klangspuren und Soundspazierg&#228;ngen ist meine innere Ungeduld eher gr&#246;&#223;er geworden als kleiner. Noch eher melden sich Abschaltimpulse, Fluchtgedanken, Ausweichman&#246;ver, wenn die ersten zehn Sekunden eines Ereignisses noch nicht fesseln. Hier wird mir noch einmal die zivilisierende Wirkung eines Konzertsaales deutlich, die einen immer wieder wenigstens &#252;ber diesen ersten Fluchtimpuls hinweg verhilft. Er lenkt und richtet das H&#246;ren &#8211; man darf nicht vergessen, dass all das, was bei einem &#8222;Soundwalk&#8220; m&#252;hsam erlatscht wird, dem abendl&#228;ndischen Begriff von Musik intrinsisch ist: die Intentionalit&#228;t des H&#246;rens. <\/p>\n<p>Die Erweiterung des Begriffs der Musik ist gut. Der inflation&#228;re Einsatz und Genuss musikalischer Ereignisse im weiteren Sinne k&#246;nnte jedoch dazu f&#252;hren, dass der Bezugspunkt &#8211; der nach wie vor der &#8222;konventionelle&#8220;, abendl&#228;ndische Begriff von Musik bleibt &#8211; aus der Sicht ger&#228;t. Wenn einer die Denkbewegung gelernt hat, bei einem Gang durch die Stadt seine Wahrnehmung zu lenken &#8211; wird er sie zu lenken wissen, wenn er im Konzertsaal den Ameriques von Var\u00e9se gegen&#252;bersitzt. Oder ist es nicht eher umgekehrt so, dass in jemandem, der die Ameriques von Var\u00e8se geh&#246;rt hat, etwas von dieser Erfahrung bei einem Gang durch die Stra&#223;en nachhallt? <\/p>\n<p>Ja, ich sehne mich heute nach der Dekadenz eines gro&#223;en Sinfonieorchesters, nach der &#8222;F&#252;lle des Wohllauts&#8220;, nach der polierten Spitze unserer abendl&#228;ndischen Kulturgeschichte. Morgen dann gern wieder Hobel und Sp&#228;ne &#8211; doch wenn man nicht wei&#223;, bei welcher Arbeit sie abgesplittert sind, bleiben die Erlebnisse &#246;d und leer. Das klang ja jetzt schon fast wie Kant &#8211; Anschauungen ohne Begriffe sind blind und Begriffe ohne Anschauungen sind leer. Manchmal denke ich, Sounding D ist die Anschauung von etwas, zu dem wir den Begriff verloren haben. <\/p>\n<p><\/p>\n<div>Mobile Blogging from <a class=\"iblogger-location\" href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?ll=49.2412,6.9925\">here<\/a>.<\/div>\n<p><\/p>\n<div class=\"iblogger-footer\"><\/p>\n<p style=\"text-align:right;font-size:10px\">[neue musik erfahren &#8211; <a href=\"http:\/\/www.nmz.de\/media\">nmz-media<\/a> hoert sounding-d]<\/p>\n<p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dann hab ich&#8217;s doch getan: Obwohl die Karte auswies, dass s&#228;mtliche erdenklichen Zusatzstoffe in dem Gericht enthalten sind und obwohl es nicht so aussah, als w&#252;rde es meinen kulinarischen Kosmos [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[587],"tags":[],"class_list":["post-782","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog","has_no_thumb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/782","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=782"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/782\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=782"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=782"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=782"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}