{"id":712,"date":"2010-09-04T13:52:02","date_gmt":"2010-09-04T11:52:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/?p=712"},"modified":"2010-09-04T13:53:54","modified_gmt":"2010-09-04T11:53:54","slug":"geisterschiff-oder-turborollstuhl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/2010\/09\/04\/geisterschiff-oder-turborollstuhl\/","title":{"rendered":"geisterschiff oder turborollstuhl?"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" style=\"padding:0px 10px 10px 10px\" src=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/sounding-d\/files\/2010\/09\/image2007562781.jpg\" width=\"280\" align=\"left\" alt=\"image2007562781.jpg\" title=\"image2007562781.jpg\" \/>Was ist der Unterschied zwischen K&#246;ln am Rhein und Engers am Rhein? In K&#246;ln wird offen am Bahnsteig beim K&#246;lsch gemaggelt, in Rheinland-Pfalz verzieht man sich mit Blauschiefer in den Schlosskeller. Da kann man am n&#228;chsten Tag froh sein, dass es den Zug gibt mit seinen H&#246;rst&#252;hlen &#8211; da kann man sich nicht nur seine t&#228;gliche Portion guter Schwingungen abholen. Wenn man&#8217;s lange genug macht, weicht sogar der Blauschieferdunst und es wird wieder etwas heller im Hirn. <\/p>\n<p>Wie in einem <a href=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2010\/08\/31\/dr-zoch-kuett\/#comment-2109\">Kommentar im Bad Blog of Musick<\/a> bereits bemerkt worden ist, zieht der Sounding D-Zug Musikfunktion&#228;re und -beobachter, Politiker und Strippenzieher geradezu magnetisch an. Wie die Motten um das Licht schwirren sie um Klangstelen und H&#228;ppchen, beklatschen hier ein Sch&#252;lerprojekt und nicken dort, wenn es hei&#223;t, &#8222;h&#246;ren findet ZWISCHEN den Ohren statt&#8220;. ohja, hmhm. <\/p>\n<p>Und: dagegen ist ja zun&#228;chst einmal gar nichts zu sagen. Politik lebt nun einmal davon, dass Anl&#228;sse geschaffen werden, die Austausch erm&#246;glichen, Begegnung, Kommunikation &#8211; und sei es, um sich im einigen Gef&#252;hl zu trennen, dass das Gesehene und Geh&#246;rte eher mau war und man das in Zukunft irgendwie besser und anders machen m&#252;sse. Dazwischen sind vielleicht wieder 3-5 andere Projekte besprochen, angedacht und verworfen worden. Und davon haben dann vielleicht auch wieder all die anderen etwas, die gerade daneben stehen und sich &#252;bergangen f&#252;hlen. <\/p>\n<p>Aber, um das Gespr&#228;ch wach zu halten und eine andere Perspektive als der Kommentator einzunehmen, ja, auch zu provozieren und ich bitte daher jetzt schon um Nachsicht f&#252;r die ketzerischen Gedanken, die da gleich kommen, ist es vielleicht noch einmal wichtig, das Konzept dieses Zuges ein bisschen klarer zu kriegen &#8211; nach einigen Tagen wage ich zu glauben, die Idee etwas besser verstanden zu haben. <\/p>\n<p>Da ist auf der einen Seite DER ZUG. Und der ist eigentlich nichts anderes als das Schiff des Fliegenden Holl&#228;nders &#8211; ein Geisterschiff. Ohne soweit gehen zu wollen, jedem, der ihm begegnet, ein Ungl&#252;ck zu prognostizieren, ist der Zug doch eigentlich nichts anderes als die Materialisierung einer virtuellen Angelegenheit &#8211; einer Verbindung zwischen unterschiedlichen lokalen und regionalen Beziehungen. Anders als beim Fliegenden Holl&#228;nder sind es nur vier anstatt sieben Jahren, nach denen er an Land darf, daher empfiehlt es sich durchaus, schon Ausschau zu halten &#8211; auf Brautschau zu gehen, auf Suche nach Erl&#246;sung. Oder auch um junge Dinger vom Irrweg abzuhalten: &#8222;Erfahre das Geschick, vor dem ich Dich bewahr&#8220;. <\/p>\n<p>Nach Ansicht von Spicciolino schreckt das Projekt Sounding D geradezu vor nichts zur&#252;ck: &#8222;Nein, wie originell aber auch, in einem DB-Waggon oder auf einem ICE-Bahnsteig Zugger&#228;usche zu installieren, kenne ich sonst von Studenten im ersten Semester!&#8220; So h&#252;bsch die Idee der Klangkarte Deutschlands ist, h&#228;tte man sich ja durchaus entscheiden k&#246;nnen, sie im Virtuellen zu belassen. (Ohne damit das &#228;sthetische Erlebnis beim Besuch von Minards Zuginstallation kleinreden zu wollen.) Und den Zug als echtes Simulakrum, als alleinige Behauptung durch das Land zu schicken. Nur ach, das gibt so schlechte Bilder. Der Zug jedenfalls ist ein fahrendes Werbemobil mit Kunstapplikationen. <\/p>\n<p>Was jedoch VOR ORT geschieht, ist mitnichten von der Berliner Zentrale geplant. In den Aktionen wie jener, die vom Kommentator spicciolino im Bad Blog beklagt worden sind, manifestiert sich die Arbeit der Netzwerker vor Ort. Entsprechend unterschiedlich fallen diese aus. In Essen waren sie gepr&#228;gt von der Folkwang Hochschule, in Moers von improvisers in residence, in Engers von Musikklassen, die sich in einer gigantischen Lichtshow und in historischer Kulisse k&#252;nstlerisch bet&#228;tigt haben. <\/p>\n<p>&#8222;Musikalische Unverbindlichkeiten, austauschbar, beliebig allerorten, ein bi&#223;chen dissonant daherkommender Muzak, ein bi&#223;chen DJ. Und Scelsi halt mal am Bahngleis spielen, naja.&#8220;<br \/>Dieser Vorwurf w&#228;re nicht &#8222;dem Zug&#8220; zu machen, sondern allein den Veranstaltern vor Ort, den K&#246;lner Kollegen. Wobei man hinzuf&#252;gen muss, dass K&#246;ln sich innerhalb der von mir erlebten Stationen durchaus positiv ausgenommen hat: Hier gab es n&#228;mlich auch Neue Musik und nicht nur musikvermittelte Sch&#252;lergruppen. Hier gab es intelligente und humorvolle Interventionen im Stadtraum &#8211; bitte h&#246;rt auf von &#246;ffentlichem Raum zu sprechen: der Konzertsaal ist das auch, bittesch&#246;n!!! &#8211; und p&#228;dagogische H&#252;pfspielchen zur zw&#246;lft&#246;nigen Permutation. Die Performance &#8222;Ohr am Gleis&#8220; war gewisserma&#223;en der popul&#228;re Ausklang des Tages. Was der Scelsi nach dem Klangbrett von Joseph Suchy, C-Schulz und FX Randomiz noch sollte, bleibt allerdings r&#228;tselhaft. <\/p>\n<p>Diejenigen, die im Netzwerk ON meiner Beobachtung nach aktiv sind, sind genaue jene, von denen von spicciolino beklagt wird, dass sie &#8222;ausgetrocknet&#8220; werden:  &#8222;Andernorts werden die Kulturetats zusammengestrichen, der musikalische Humus der kleinen lokalen Initiativen ausgetrocknet.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt mal provokant gesagt: Es sind doch vielerorts gerade &#8222;die Kleinen&#8220;, die vom Netzwerk profitieren. Und vielleicht krankt die vielerorts beklagte k&#252;nstlerische Qualit&#228;t vieler Projekte ja gerade daran, dass &#8222;die Gro&#223;en&#8220; im Konzert nicht mitspielen &#8211; zumindest nicht in dem Sinne, wie es f&#252;r alle Parteien am sinnvollsten w&#228;re. Ein Logo ist schnell abgedruckt, ein paar tausend Euro schnell verplant &#8211; oder nachgeschossen bei Dingen, die ohnehin schon l&#228;ngst in der Pipeline sind. Dass dies alles nicht im Sinne der Kulturstiftung des Bundes w&#228;re, ist klar &#8211; doch wer die Planungsrealit&#228;t von gro&#223;en Ensembles und Klangk&#246;rpern kennt, der wei&#223;, wie weit im Voraus manches gesetzt ist&#8230; <br \/>So gesehen w&#228;re der Sounding D-Zug kein Geisterschiff, sondern so etwas wie der Turborollstuhl f&#252;r die Fu&#223;lahmen, die andernfalls keinen Schritt mehr vor den anderen setzen k&#246;nnten. Ob sie am Ende der vier Jahre die Kr&#252;cken &#8211; wie erhofft &#8211; von sich schmeissen werden, oder wie Lazarus aus der H&#246;hle marschieren? Zu w&#252;nschen w&#228;re es. Doch ist das der frommen W&#252;nsche und Erwartungen wohl zu viel, gerichtet an ein Projekt, das von der Vielfalt und Individualit&#228;t der zahlreichen Partner lebt. Und daran krankt.<\/p>\n<div>Mobile Blogging from <a class=\"iblogger-location\" href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?ll=49.2316,6.9999\">here<\/a>.<\/div>\n<div class=\"iblogger-footer\"><\/p>\n<p style=\"text-align:right;font-size:10px\">[neue musik erfahren &#8211; nmz-media hoert sounding-d]<\/p>\n<p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist der Unterschied zwischen K&#246;ln am Rhein und Engers am Rhein? 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