{"id":28233,"date":"2024-02-29T21:43:07","date_gmt":"2024-02-29T20:43:07","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/?p=28233"},"modified":"2024-02-29T21:53:58","modified_gmt":"2024-02-29T20:53:58","slug":"erinnerung-an-einar-schleef","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2024\/02\/29\/erinnerung-an-einar-schleef\/","title":{"rendered":"Erinnerung an Einar Schleef"},"content":{"rendered":"<p>( von Jobst Liebrecht )<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>Der Theatermensch, Schriftsteller und B&#252;hnenbildner <strong>Einar Schleef<\/strong> \u00a0w&#228;re in diesem Jahr am 17. Januar\u00a0 80 Jahre alt geworden. Ich ver&#246;ffentliche aus diesem Anlass zum ersten Mal eine Erinnerung an ihn, die ich vor &#252;ber zwanzig Jahren in der Zeit nach seinem pl&#246;tzlichen und best&#252;rzenden Tod geschrieben habe.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der erste Eindruck, als ich ihn das erste Mal sah, war der von der Sch&#246;nheit seines &#196;u&#223;eren. Wie das? &#8211;\u00a0 diese Frage entstand im selben Augenblick in mir, denn vieles an diesem &#196;u&#223;eren war &#252;beraus abweisend: eine gro&#223;e, massige, ja klobige Figur; eine von Depression und Leid zur Abwehr gefurchte Stirn; die betont schrottige, trashige Kleidung, die er am liebsten trug. All dieses aber wurde &#252;berwogen von der glasigen, seelenvollen Klarheit seiner Augen. In diesen Augen dr&#252;ckte sich auf der Stelle viel aus: seine F&#228;higkeit zum intuitiven Verstehen beim Zuh&#246;ren, sein gleichzeitiges kindliches Verharren in sich selbst, sein Klangsinn, und nicht zuletzt der Schalk, das Narrenelement, das immer auch in seinem Tun dabei war. Diese Augen waren wasserblau. Sie waren der erste Eindruck, der zweite war in Folge das, was ich wohl als Schleef-Erlebnis mit vielen teilte: die sofortigen Ablehnungen anderer Leute, die Anw&#252;rfe, das Zerworfensein mit der Welt, die demagogischen Elemente seiner Rede, das pl&#246;tzliche Grollen, der abgewandte Blick zur Seite, oft unverst&#228;ndlicher Zorn. Mit der ersten Begegnung im Foyer des Akademietheaters in Wien begann im Fr&#252;hjahr 1999 unsere f&#252;nfmonatige Zusammenarbeit f&#252;r \u201eDer Golem in Bayreuth\u201c an der Wiener Burg. Es ging dabei um ein \u201eMusiktheaterspiel\u201c, zu dem komponierte Musik zwar vorlag, aber v&#246;llig und von Grund auf f&#252;r die Auff&#252;hrung bearbeitet und eingerichtet wurde \u2013 mit Blut, Schwei&#223; und Tr&#228;nen, wie ich im Nachhinein sagen w&#252;rde.<\/p>\n<p>Da ich Musiker bin, war unser erster Bezugspunkt, und zwar von seiner Seite aus, die Musik, die er &#252;beraus liebte. Er bedauerte, keine musikalische Ausbildung gehabt zu haben, er sei immer nur im Kirchenchor gewesen. Bach und Wagner, das waren seine, fast m&#246;chte man sagen: regional mitteldeutschen Vorlieben unter den Komponisten. Unter den S&#228;ngern liebte er besonders die Sopranistin und Oratoriens&#228;ngerin Adele Stolte, deren Gesang wie ein Bogen zu den Zuh&#246;rern reiche. Von gro&#223;em Einfluss auf seine Inszenierungen war der orthodoxe Kirchengesang. Au&#223;erdem die Gospelch&#246;re in Harlem. Harlem, sofort kommt so ein Exkurs, Harlem, dort f&#252;hlte er sich besonders wohl. Als immer schon Fremder war sein Fremdsein dort aufgehoben. Er fuhr mit seinem mitgebrachten Hollandrad durch New York. Mit den R&#228;dern machte er einen Zwischenhandel. Ein Nachbar sprach ihn in New York auf das Fahrradmodell an, das sei was Tolles, ob er das verkaufe. Schleef verkaufte und hatte damit das Geld f&#252;r den Flug heraus. Das wiederholte er bei den n&#228;chsten Malen, er ist immer mit einem Fahrrad nach New York geflogen. In den Harlemer Gottesdiensten suchte er etwas, fand es vielleicht, was auch seine Inszenierungen bestimmte, ein religi&#246;ses Erlebnis der Masse, ein kollektiver Rhythmus mit gleichzeitigem Abgehobensein in einem Ton, einem Tonus.<\/p>\n<p>Der TON \u2013 das war Schleefs zentrale &#228;sthetische Kategorie, an der er jede Darbietung ma&#223;. Wenn der TON nicht stimmte, war es nichts. Im TON traf sich das Gesamte mit dem Einzelnen. H&#228;ufig brach er wie ein kritischer Musiker gleich den ersten Akkord ab. An Horowitz hatte ihn begeistert, wie er schon mit dem ersten Ton das ganze St&#252;ck und einen ganzen Komponisten hervorrief. Anders als die klassischen Musiker arbeitete Schleef jedoch dann, wenn der Ton nicht stimmte, mit kollektiven Trancemechanismen, mit Gruppenritualen eher wie im Jazz, um den richtigen Ton hinzubekommen. Ich habe da sehr viel gelernt. Dass Rhythmus etwas Kollektives ist, habe ich immer gewusst und auch vorher schon versucht, meine Dirigiertechnik immer mehr vom Rhythmusbestimmen und \u2013 einengen wegzubekommen. Dass und wie aber auch der Ton kollektiv erzeugt wird, war eine tief beeinflussende Erfahrung.<\/p>\n<p>Einar Schleefs Geh&#246;r war au&#223;erordentlich fein. Dass\u00a0 S&#228;nger den richtigen Ton, jetzt im fachlichen Sinne von absoluter Tonh&#246;he, nicht trafen, war ihm ein R&#228;tsel: \u201eWieso, das h&#246;rt man doch!\u201c\u00a0 &#220;ber die Tonh&#246;he hinaus aber war es etwas Unbedingtes, Existenzielles, was er verlangte, man k&#246;nnte da von Exhibitionismus reden, die Entbl&#246;&#223;ung der Person im Ton. K&#252;nstler, die dazu nicht f&#228;hig waren, hatten in ihm keinen Zuh&#246;rer, und zwar durch alle Qualit&#228;tsschichten hindurch, ich war immer wieder &#252;berrascht durch kategorische Urteile &#252;ber arrivierteste K&#252;nstler. Der Ton war das Material, das ihn affizieren musste. H&#228;ufig liebte er gerade deswegen die Laien oder die Abseitigen, weil sie den Ton hatten, den er suchte. In seinem Buch \u201eDroge Faust Parsifal\u201c gibt es in einer &#220;berschrift den Begriff \u201eSound-Sog\u201c. Den Ton, so wie er ihn vorfand, wollte er nicht durch die Ausf&#252;hrung behindert sehen. Ein zweites also war es, den Ton zu behalten in der Darbietung. Ein h&#228;ufiger Satz von ihm war: \u201eBriketts gibt\u2019s nicht mit mir!\u201c \u2013 die klassische Abformung des Materials war ihm fremd und langweilig. Der Ton sollte wild und ungeb&#228;ndigt und frei flie&#223;end bleiben. Das war wohlgemerkt eine Kategorie &#252;ber Genauigkeit und Pr&#228;zision, die er sehr sch&#228;tzte. Der Ton als Substanz war etwas von der Klangfarbe ganz verschiedenes. Bei den Klangfarben hatte Schleef expressionistische Vorlieben. Er war gleicherma&#223;en begeistert von &#228;therisch fahlen Flageolett-T&#246;nen der Geigen wie von wummernden B&#228;ssen und bolzendem Schlagzeug. Das Klavier mochte er dagegen nicht, zumindest nicht im Zusammenklang mit der menschlichen Stimme. Es war lediglich geduldet in seiner poetisch-perlenden Ausformung, der Rest \u201edudelt so\u201c. Gedudel war ihm zutiefst zuwider, Verunklarung einfacher Linien durch Elaborate und Kontrapunkt. \u201eVoller Tonsto&#223;!\u201c war dagegen ein begeisterter Ausruf von ihm, der im Orchester Gel&#228;chter hervorrief und von den Musikern als Aufzeichnern neuer Unerh&#246;rtheiten mit Bleistift im Notenmaterial verewigt wurde, neben anderen Spr&#252;chen wie \u201eWieder ein St&#252;ck Lebenszeit zu Schei&#223;e gemacht!\u201c\u00a0 Auch an Bach und Wagner war f&#252;r Schleef entscheidend das einheitliche Zur-Geltung-Bringen der Sprache, das Plastische.<\/p>\n<p>Max Liebermann sagte einmal &#252;ber Degas: \u201eStets verschm&#228;ht er den sogenannten sch&#246;nen Strich, das Kalligraphische.\u201c In einer seiner r&#252;de vorgetragenen Attacken schm&#228;hte Schleef die \u201eGirlande\u201c in der Kunst, die den \u201eStamm\u201c verdecke. Alles, was seine Kritiker absto&#223;end an ihm fanden, war in dieser Attacke. Er stand gegen eine Epoche der &#228;sthetischen Feinzeichnung, des Manierismus. Kenzo-J&#228;ckchen belustigten ihn eher, s&#252;ffisante und coole Intelligenz dagegen hatte ihn zu h&#228;ufig verletzt, er lie&#223; sofort das Burgtor herunter. Undeutlichkeit war ihm verhasst, besonders wenn sie sich mit dem verband, was in den 60er Jahren so treffend \u201eHerrschaftswissen\u201c genannt wurde. Schleef kam aus einer Kleinstadt, er kam aus dem kleinen, eingegrenzten Land \u201eDDR\u201c, er sah &#252;bergenau und alles aus der Besch&#228;digung heraus. Seine Schrift, als bildnerische Kunst betrachtet, war dick geschwungen, eckig und schwer. W&#228;re er Dirigent, k&#246;nne er eben nicht so gut die Boh\u00e8me dirigieren wie den Parsifal, sagte er einmal. Einen Sinn f&#252;r das Feine hatte Einar Schleef trotzdem.<\/p>\n<p>An dem Tag, als die Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert werden, bin ich zur selben Zeit im St&#228;del\u2019schen Kunstmuseum in Frankfurt. Wenig Besucher, helle R&#228;ume, ich gehe versunken von Bild zu Bild. Beckmann, Liebermann, Degas, Vuillard. Schleef liebte besonders Velasquez. Mit belustigter Miene, so einer Art zwinkernder Augenbraue, Schleef lachte sowieso viel, nicht lauthals aber in der Mimik, erz&#228;hlte er, der sei Spitze. Er ging bevorzugt in den Velasquez-Raum im Kunsthistorischen Museum in Wien hinten rechts in der Ecke mit den Portr&#228;ts der kleinen Infanten. Ernst und K&#246;nnerschaft, dann die Farben, was ihn wohl alles da anzog. Ich bin in den schwierigen Schlussphasen der \u201eGolem\u201c-Produktion zweimal ebenfalls ins Kunsthistorische Museum gepilgert, allerdings zu der Raffael-Madonna, die mir all das verk&#246;rperte, was in mir das Helle und Klare suchte, das es im \u201eGolem\u201c nicht gab. Der \u201eGolem\u201c, unsere gemeinsame Leidensarbeit, stand ganz unter dem Eindruck des Kosovo-Krieges. W&#228;hrend wir probten, waren jeden Tag die Bilder der Bomber im Fernsehen, waren jeden Tag skandierende Jugoslawen vor dem Stephansdom. \u201cEs ist Krieg!\u201c, der erste Satz des St&#252;ckes, den Schleef herausbr&#252;llte. Er stellte sich diesen Erfahrungen auf seine ureigene Weise. Der Sog der Arbeit, die tiefen \u201eGolem\u201c-Ch&#246;re wurden bis in eine Hilflosigkeit getrieben, einen fast l&#228;cherlichen &#220;berexpressionismus, in dem sich Schmerz, Scham und kneipenartiger Rausch verquickten. Es war bohrend und durchaus nicht angenehm. Jetzt ist fast wieder Krieg, in einer Weise, dass ich denke, das hat er nicht mehr erleben m&#252;ssen. Der Schlusschor des \u201eGolem\u201c\u00a0 war vom Komponisten als Musicalnummer geplant, in der die Worte des Psalms verpoppt werden sollten, die Jesus am Kreuz gebetet hat: \u201cEli, eli, lama asaptani\u201c \u2013 mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Schleef verweigerte sich einer Verpoppung dieses Textes. Hier war eine Basis unseres Vertrauens. Er wollte das Tempo der Melodie fast viermal so langsam. Jede einzelne Note sollte qu&#228;lend sein wie die N&#228;gel am Kreuz. Seine Vision einer Leidensmelodie war monumental, es war wie das Anrennen gegen den Himmel, auch gegen die Musik, die dabei zersprang, kaputtging, ins Hilflose, L&#228;cherliche umschlug. Der Schlusschor dauerte auf diese Weise zwanzig Minuten. Es war nicht mehr musikalisch, es war nervt&#246;tend und furchtbar. Es war trotzdem eine Katharsis darin. Nach der Probenarbeit am \u201eGolem\u201c hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Viele eigene traumatische Erinnerungen an den Tod waren hervorgeholt worden. Nach dem Zusammenbruch war Ruhe und Frieden. In ruhigen Monaten nahm ich wieder zu. Etwas war abgeschlossen. Der kultische Grund von Theater.<\/p>\n<p>Meine Sicht auf das Theater und auch auf Auff&#252;hrungen von Musik wurde entscheidend beeinflusst. Einar Schleefs Buch \u201eDroge Faust Parsifal\u201c habe ich seit der \u201eGolem\u201c-Zeit immer wieder gelesen, es ist ein Steinbruch f&#252;r alle, die auff&#252;hren. Auch in vielen damaligen Konfliktsituationen mit ihm hat mir das Verstehen im Geiste dessen, was er erreichen wollte, weitergeholfen. In seiner Sicht von Chor und Individuum, wie er sie in \u201eDroge Faust Parsifal\u201c von immer anderen Seiten aus bearbeitet, sehe ich eine gro&#223;e Chance f&#252;r die Erneuerung des Konzertbetriebs. Er sah zum Beispiel bei Wagner den Dirigenten als Chor-F&#252;hrer, dessen Position als fast allwissender Erz&#228;hler, Kommentator es notwendig mache, ihn aus der zentralen Position zu entfernen; wie in der antiken Trag&#246;die sei der Darsteller, der S&#228;nger nicht einem Menschen unterworfen, sondern befinde sich in Auseinandersetzung mit den G&#246;ttern; wie in der antiken Trag&#246;die sei das Orchester ein Chor, &#252;ber den Schleef an einer Stelle schreibt: \u201eFiguren rotten sich zusammen, stehen dicht bei dicht, suchen Schutz beieinander, obwohl sie einander energisch ablehnen, so, als verpeste die N&#228;he des anderen Menschen einem die Luft.\u201c Den B&#252;hnenraum, entsprechend also den Konzertraum sah er zun&#228;chst als Gesamtes an, das allem zugrunde liegt. Dieser Raum wurde bei den Bauproben mit dem ganzen Orchester \u201eerspielt\u201c, es wurde detailliert und penibel ausprobiert, wie verschiedene Stellen an verschiedenen Orten wirken. Immer wurde direkt durch die Sinne entschieden. Ein Aha-Erlebnis ersten Ranges war zum Beispiel eine Probe, bei der wir feststellten, dass ein tiefer Ton des Chores im Zuschauerraum am besten klang, wenn der Chor mit dem R&#252;cken zum Publikum gegen die r&#252;ckw&#228;rtige Holzwand sang. Die auratischen Momente der Schleef-Inszenierungen, die immer und &#252;berall bemerkt wurden, kamen durch diese penibelsten Proben zustande, auf denen immer die Sinne ganz elementar befragt wurden. Es war puristisch und gleichzeitig &#252;berw&#228;ltigend. Aber nur so entsteht f&#252;r das Publikum das Au&#223;er-Gew&#246;hnliche. Hier&#252;ber m&#252;sste man einen ganz eigenen Bericht schreiben.<\/p>\n<p>Einar Schleef hasste es, verf&#252;gbar sein zu m&#252;ssen. F&#252;r die Schauspieler seiner Truppe war er immer ansprechbar, gewiss, sie konnten ihn morgens um f&#252;nf anrufen, er sagte, er sei sowieso wach. H&#228;ufig allerdings war er einfach verschwunden, nicht auffindbar, selbstbestimmt, ganz mit sich allein. Manchmal erschien er nicht bei der Probe, manchmal reiste er irgendwo hin. Als Schriftsteller benutzte er moderne Technik, hatte immer einen Laptop dabei in seinen kahlen Wohnungen. &#220;ber das Unbehagen an diesem Laptop &#228;u&#223;erte er einmal folgende Theorie: es gebe immer ein kurzes &#220;bertragungsmoment, hemmend, zwischen tippendem Finger und Bildschirm, das sei das Unspontane dabei. Die L&#246;sungen f&#252;r seine Inszenierungen kamen h&#228;ufig aus diesem Ganz-mit-sich-allein-sein, in das er sich begab. Mir als Musiker ist eine Szene besonders deutlich in Erinnerung, wo er ungef&#228;hr zehn Tage vor der Premiere zur Probe kam mit einem computerausgedruckten Zettel in der Hand, er habe jetzt die Schlussszene komponiert. Er dr&#252;ckte mir den Zettel in die Hand, da st&#252;nde alles drauf, wie es aufeinanderfolge, er habe jetzt die L&#246;sung f&#252;r den Schluss. Auf dem Zettel standen ungef&#228;hr zwanzig notizartige Beschreibungen etwa wie \u201eGebr&#252;ll der Hasskappen\u201c oder \u201eJetzt volles Orchester\u201c. Als die Probe begann, wurde Schleef verzweifelt, als er merkte, dass ein zwanzigk&#246;pfiges Orchester und vierzig Darsteller auf der B&#252;hne nicht wussten, was sie machen sollten. Er hatte die Nacht durchgearbeitet, hatte eine klare Vision, was wie ert&#246;nen solle, konnte es aber nicht notieren. Doch er erreichte, mit mitunter brutalen Methoden, dass alle versuchten, diese Vision zu erf&#252;llen, sie war \u201eunresistable\u201c. Einmal br&#252;llte er voller Zorn: \u201eSie sind mein Instrument \u2013 sonst spiele ich nicht!\u201c<\/p>\n<p>Schleef probte immer mit Ganzk&#246;rpereinsatz. Er tanzte ungeheuer gern. Manchmal kam er morgens zur Probe und t&#228;ndelte, dann wurde klar, heute ist Spa&#223;tag, es wird getanzt. Einmal wurde zu dem einem Motiv aus H&#228;ndels \u201eHallelujah\u201c zwei Stunden lang getanzt. Schleef war trotz seines massigen K&#246;rpers sehr leichtf&#252;&#223;ig. Er hatte auch die Theorie, man merke den Schauspielern immer an, mit welchem Verkehrsmittel sie zur Probe gekommen seien oder zu Fu&#223;. Er liebte die physischen Extreme, die Verausgabung. Stolz erz&#228;hlte er, wie sie mit einigen Leuten der \u201eSportst&#252;ck\u201c-Besetzung jeden Tag, im Winter wohlgemerkt, in der eiskalten Donau baden gegangen sind. Er mochte es, wenn das Herz dann so pummert, und wenn man aus dem Wasser kommt, sind die Gliedma&#223;e so kalt, dass es ungeheuer schmerzt. Mit der \u201eGolem\u201c-Truppe wollte er eigentlich von Wien nach Bayreuth wandern. Er machte immer alles mit in seiner Truppe. Auch F&#252;hrungspersonen tragen St&#252;hle, ja sie erst recht, denn sie werden besser bezahlt. Am Ende der \u201eGolem\u201c-Zeit in Wien, als klar war, dass das Ensemble zum Ende der Spielzeit aufgel&#246;st werden w&#252;rde, kam einer der jungen Schauspieler zu Schleef, um ihn um Rat zu fragen, er k&#246;nne in der n&#228;chsten Spielzeit nach Gie&#223;en gehen ans Theater, er habe dort zu tun, k&#246;nne jede Menge Rollen spielen, sich ausprobieren. Schleef reagierte &#228;u&#223;erst skeptisch: Gie&#223;en, na ja, er wisse nicht, ob das so gut sei. Er habe die Erfahrung gemacht, so ein Jahr in der Luft sei f&#252;r die Entwicklung immer sehr gut. \u201eAber was soll ich da machen?\u201c \u201eDa machen Sie einen Flamenco-Kurs!\u201c<\/p>\n<p>Vor den Proben rauchte er gern eine Zigarre, Huldigung an Brecht und Heiner M&#252;ller, er hatte es von seinem Gro&#223;vater, wie in \u201eGertrud\u201c beschrieben ist. Seine Haare schnitt er am liebsten selbst vor dem Badezimmerspiegel, sie ragten dann mitunter punkig in die Luft. Das Wildeste, was er an bestimmten Tagen gern trug, waren hellblau-rosane Hawaiihemden. Seine Schuhe hatte er selbst mit der Nadel geflickt. Seine Brille, darauf war er sehr stolz, hatte 9 Mark 90 gekostet. Diese Sachen kaufte er bei Woolworth. Auch ein olivgr&#252;ner Parka geh&#246;rte zu seinen Kleidungsst&#252;cken. Er liebte es aber auch, das erw&#228;hnte er dann immer gleichzeitig, sich im Frack unter den Wiener Opernball zu mischen. Dorthinein kam er &#252;brigens mit einigen Theaterarbeitern, zu denen er immer ein hervorragendes Verh&#228;ltnis hatte, durch einen unterirdischen Geheimgang.<\/p>\n<p>Ich falle in Halbschlaf. \u201eRoland! Roland!\u201c ruft auf der Stra&#223;e ein kleines M&#228;dchen. Auch Roland wird irgendwann gestorben sein, und es wird dann keiner mehr an dem Platz sein, wo man ihn gehabt hat. Schleef liebte Kinder. Eine meiner sch&#246;nsten Erinnerungen ist die, wie wir zusammen die Kinder des Kinderchores auf die Treppe des B&#252;hnenpodestes hochgehoben haben. Schleef hatte da ungeheure Angst, dass ihnen etwas passiert. Er konnte sehr zart sein. Die schmerzlichen und komplizierten Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit ihm haben sich abgelegt, immer mehr treten diese anderen Begegnungen hervor, die ungeheure Bereicherung und Best&#228;rkung, die ich durch ihn erfahren habe, so dass am Ende &#252;brig bleibt Liebe, tiefer seelischer Bezug, seine Augen haben gesiegt.<\/p>\n<p><em>( Jobst Liebrecht &#8211; \u00a0Berlin, September 2001- M&#228;rz 2003)<\/em><\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" style=\"display:none\"><div class=\"ShariffHeadline\"> <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Erinnerung%20an%20Einar%20Schleef https%3A%2F%2Fblogs.nmz.de%2Fbadblog%2F2024%2F02%2F29%2Ferinnerung-an-einar-schleef%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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Januar\u00a0 80 Jahre alt geworden. Ich ver&#246;ffentliche aus diesem Anlass zum ersten Mal eine Erinnerung an ihn, die ich vor &#252;ber zwanzig Jahren in der Zeit nach seinem pl&#246;tzlichen und best&#252;rzenden&#46;&#46;&#46;<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" style=\"display:none\"><div class=\"ShariffHeadline\"> <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Erinnerung%20an%20Einar%20Schleef https%3A%2F%2Fblogs.nmz.de%2Fbadblog%2F2024%2F02%2F29%2Ferinnerung-an-einar-schleef%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#6364FF; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"75\" height=\"79\" viewBox=\"0 0 75 79\" fill=\"none\" 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