{"id":24972,"date":"2021-11-09T12:04:28","date_gmt":"2021-11-09T11:04:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/?p=24972"},"modified":"2021-11-09T12:04:28","modified_gmt":"2021-11-09T11:04:28","slug":"zu-bloed-fuer-neue-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2021\/11\/09\/zu-bloed-fuer-neue-musik\/","title":{"rendered":"Zu bl&#246;d f&#252;r Neue Musik?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Immer wieder bekomme ich Mails, in denen Menschen ihr Leid mit der Neuen Musik klagen. Sie h&#228;tten ja alles versucht, studiert, immer wieder zugeh&#246;rt, Konzerte besucht&#8230;aber dennoch k&#246;nnen sie einfach damit nichts anfangen. Sie f&#252;hlen sich &#8222;zu bl&#246;d&#8220;, f&#252;hlen sich ausgeschlossen aus einer Szene, die oft in Geheimcodes spricht und &#8222;unter sich&#8220; bleibt, f&#252;hlen sich ratlos gegen&#252;ber einer Musik, die ihnen zunehmend obskur und weltfremd vorkommt usw.<\/p>\n<p>Ich weiche solchen Unterhaltungen nicht aus, denn wer &#252;berhaupt die Frage nach dem Verst&#228;ndnis Neuer Musik stellt, hat schon einen wichtigen Schritt getan, den ich nicht abtun will, nur weil der momentane Schluss vielleicht eine Ablehnung ist. Eine besonders ausf&#252;hrliche Antwort schrieb ich letzte Woche &#8211; ich stelle sie hier in voller L&#228;nge zur Verf&#252;gung, weil bestimmt bald wieder eine Mail kommt, die mich dasselbe fragen wird. Die Antwort richtet sich bewusst an Nicht-Experten, daher benutze ich sehr popul&#228;re Beispiele &#8211; Fachjargon w&#228;re hier fehl am Platz.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lieber XXX,<\/p>\n<p>Danke f&#252;r Ihre offenen Worte. Ich glaube, das Allerwichtigste ist erst einmal zu verstehen, dass niemand \u201ezu bl&#246;d\u201c f&#252;r egal welche Musik ist, es gibt nur unterschiedliche Levels von Vertrautheit und vielleicht auch einen unterschiedlich gearteten Willen, sich auf etwas einzulassen, das einem vielleicht erst einmal fremd ist. Ich finde nicht, dass man Architekturexperte sein muss, um sich in einem Geb&#228;ude wohlzuf&#252;hlen oder nicht, und man muss auch nicht Kunsthistoriker zu sein, um ein Bild von David Hockney sch&#246;n oder doof finden zu d&#252;rfen.<\/p>\n<p>Ich erz&#228;hle Ihnen mal eine Anekdote meines lieben Kompositionslehrers Wilhelm Killmayer: ich war mal mit ihm in einer sehr modernen Theaterauff&#252;hrung, in der wirklich alles passierte, was man sich in so einer Auff&#252;hrung vorstellen kann. Es gab keine Handlung, maskierte Rollstuhlfahrer wurden hereingeschoben und nuschelten Unverst&#228;ndliches, dann stieg ein Schauspieler auf einen Stuhl und beleuchtete 10 Minuten lang stumm eine schmelzende Eiswaffel, die er vorher auf den Boden geklatscht hatte, mit einer Taschenlampe. Im n&#228;chsten Moment tauchten zwei nackte T&#228;nzerinnen auf und fragten das Publikum, ob es sich endlich langweile, usw.<\/p>\n<p>Nach gef&#252;hlt drei Stunden stand Killmayer auf und sagte zu mir \u201eSo, jetzt gehen wir\u201c, mitten in der 6-st&#252;ndigen Auff&#252;hrung. Ich folgte ihm nat&#252;rlich, und fragte ihn drau&#223;en im Foyer \u201eEs hat Ihnen sicher nicht gefallen, Herr Killmayer?\u201c. Zu meiner absoluten &#220;berraschung sagte er zu mir: \u201eGanz im Gegenteil, ich fand es gro&#223;artig!\u201c. Ich fragte ihn \u201eWarum wollten Sie aber dann gehen? Die Auff&#252;hrung war doch noch nicht zu Ende?\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWeil ich jetzt <em>verstanden<\/em> habe, was das St&#252;ck mir sagen will\u201c, sagte Killmayer.<\/p>\n<p>Was ich Ihnen damit gerne vermitteln w&#252;rde: Etwas zu \u201everstehen\u201c ist nicht unbedingt positiv. Ein essenzieller Teil der Kunst ist das \u201egro&#223;e Nichtwissen\u201c (Hans-Ulrich Engelmann). Das, was uns R&#228;tsel aufgibt, uns Fragen stellt, uns verunsichert, ja vielleicht sogar &#228;rgert, geh&#246;rt ebenso zur Kunst, wie der Umgang mit dem Vertrauten. Killmayer war Zeit seines Lebens neugierig und liebte das Entdecken von Unbekanntem \u2013 das Zuf&#228;llige, Verr&#252;ckte und Unverhoffte interessierte ihn, die Fallh&#246;he, die entsteht, wenn Erwartungshaltungen unterlaufen werden. Er schrieb sehr melodische und oft tonale Musik, die aber viel radikaler war als manches Werk von Stockhausen, weil sie sich der schnellen Analyse widersetzt und sich auf Intuition und das Unbewusste verl&#228;sst (Stockhausen dagegen kann man wunderbar \u201everstehen\u201c und analysieren, ich pers&#246;nlich finde ihn eher zu verst&#228;ndlich als zu unverst&#228;ndlich).<\/p>\n<p>Mir geht es ganz oft beim H&#246;ren von Musik so, dass ich sie zu gut \u201everstehe\u201c und sie mich daher komplett langweilt. Ein typischer 08\/15-Popsong zum Beispiel folgt so eingefahrenen und festen Strukturen, dass man schon nach zwei Takten wei&#223;, wie das ganze Lied weitergehen wird. Ich will das dann gar nicht mehr h&#246;ren, es nervt mich richtiggehend, so als stelle sich jemand vor mich und sagte unentwegt \u201eJa, so ist es, ja, so ist es\u2026\u201c. Einen Song von den Beatles kann ich dagegen unendlich oft h&#246;ren, weil es selbst in ihren popul&#228;rsten Hits so viele ungew&#246;hnliche und unkonventionelle Elemente gibt, die nicht dem Schema F folgen, dass ich immer wieder als H&#246;rer staunen kann, gerade &#252;ber die Seltsamkeiten, die ja bekannterma&#223;en selbst in einem Lied wie \u201eYesterday\u201c existieren.<\/p>\n<p>Das gilt auch f&#252;r die Klassik, in der Sie sich ja gut auskennen \u2013 wer h&#246;rt noch die zahllosen braven St&#252;ckchen aus dem 18. Jahrhundert und 19. Jahrhundert an, die den vorgebebenen Normen der Zeit gefolgt sind, exakt die Konventionen erf&#252;llten und daher von jedermann damals sofort verstanden wurden? Die sind vergessen, weil sie niemanden herausforderten und einfach nur den Status Quo der Kunst wiedergaben. So etwas mag gefallen und kurz gefeiert werden, es stellt aber keinerlei Fragen mehr, ist schon die Antwort, und wenn man die dann kennt, ist die auch nicht mehr so interessant.<\/p>\n<p>Was h&#246;ren wir heute stattdessen aus der Vergangenheit? Das, was <em>au&#223;ergew&#246;hnlich<\/em> war, was <em>nicht der Norm folgte,<\/em> was Grenzen sprengte und auch R&#228;tsel aufgab (wie zum Beispiel so ziemlich alles vom sp&#228;ten Beethoven, der &#8211; im Gegensatz zum vergessenen Hummel &#8211; \u00a0sehr wohl umstritten war und vielen zu \u201esperrig\u201c oder \u201everr&#252;ckt\u201c erschien). Das, was uns heute noch Fragen stellt, die noch nicht beantwortet sind. Viele der St&#252;cke, die heute brav in den meist unglaublich r&#252;ckw&#228;rtsgewandten klassischen Konzertprogrammen von heute gespielt werden, selbst \u201eHits\u201c wie \u201eBolero\u201c oder \u201eClair de Lune\u201c stie&#223;en bei ihren jeweiligen Erstauff&#252;hrungen keineswegs auf uneingeschr&#228;nktes Verst&#228;ndnis und wurden oft kontrovers diskutiert. Lesen Sie mal die Neue Zeitschrift f&#252;r Musik aus der Schumann-Zeit \u2013 wie leidenschaftlich stritt man sich &#252;ber Komponisten (in dieser Zeit leider nur M&#228;nner), die heute entweder vergessen oder uneingeschr&#228;nkt bewundert werden. Keineswegs \u201everstand\u201c man alles. Man stritt &#252;ber Deutungen und Irrwege und manches, was heute als \u201eKuschelklassik\u201c verkauft wird, wurde damals gar als kompletter Verrat an der Musik deklariert, und zwar mit &#228;hnlichen Argumenten wie den Ihren, es sei \u201edem menschlichen K&#246;rper fremd\u201c, die \u201eMelodien seien nicht melodisch genug\u201c etc. \u00a0Das k&#246;nnen Sie alle nachlesen, die Formulierungen &#228;hneln Ihrer Kritik, nur mit der Sprache der damaligen Zeit.<\/p>\n<p>Ich bin ehrlich gesagt sicher, dass schon im alten &#196;gypten &#252;ber solche Dinge gestritten wurde und es immer irgendetwas gab, an dem sich die Menschen rieben. Und das ist auch gut so, denn es ist essenziell f&#252;r jede Kunst, Teil der menschlichen Kommunikation zu sein, daher freue ich mich auch &#252;ber Ihre E-Mail, denn Sie wollen ja sichtlich &#252;ber dieses Thema kommunizieren. Und das ist gut. Ich k&#246;nnte z.B. sehr gut damit leben, dass Sie mir sagen, dass Sie mich nicht verstehen, auch damit, dass Sie meine Musik nicht m&#246;gen. Was mich aber zutiefst traurig machen w&#252;rde: wenn Sie mir sagten, dass meine Musik Sie vollkommen kalt lie&#223; oder exakt ihren Erwartungen entsprach. Das empf&#228;nde ich als fatal, denn dann w&#228;re ich als K&#252;nstler gescheitert.<\/p>\n<p>Wenn Sie fordern, dass Neue Musik \u201everst&#228;ndlicher\u201c sein soll, dann ist es ungef&#228;hr so, wie wenn Sie von einem Krimiautor verlangen w&#252;rden, schon im ersten Kapitel alles minuti&#246;s zu erkl&#228;ren, sodass auf keinen Fall irgendwelche Missverst&#228;ndnisse dar&#252;ber aufkommen, wer der M&#246;rder ist und was sein Motiv war. Gerade die &#220;berraschungen sind aber das, weswegen wir Krimis lesen, und so geht es mir auch bei der Musik. Grunds&#228;tzlich haben wir es bei allen K&#252;nsten mit vollkommen offenen und unendlichen imaginativen R&#228;umen zu tun (ich nenne das \u201ewilder Raum\u201c), in denen alles m&#246;glich ist und sein sollte. Jede Regel, die wir darin aufstellen, hat nur so lange Bestand, wie sie mit der jeweiligen Zeit kommuniziert. Genau wie sich Sprache, Traditionen und Kulturen stetig ver&#228;ndern, vermischen und sich gegenseitig beeinflussen, so ist auch Musik Teil einer komplexen Kommunikation, die auf ganz vielen gesellschaftlichen Ebenen stattfindet, weil sie ganz unterschiedliche Funktionen erf&#252;llt, sei es als sogenannte \u201eHochkultur\u201c, popul&#228;re Kultur oder einfach nur als Hintergrundmusik im Supermarkt. \u00a0So wie Sie sich scherzhaft als \u201ezu bl&#246;d\u201c gegen&#252;ber Neuer Musik empfinden, f&#252;hlen sich die meisten Menschen schon einem Menuett von Mozart gegen&#252;ber als \u201ezu bl&#246;d\u201c, da sie nicht in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem eine solche Musik selbstverst&#228;ndlich ist, zum Beispiel wenn Vater oder Mutter Musiklehrer in einem Gymnasium sind.<\/p>\n<p>Die \u201eRegeln\u201c, die Sie f&#252;r eine \u201everst&#228;ndliche\u201c Musik benennen, sind zudem auch sehr abendl&#228;ndisch gepr&#228;gt \u2013 ich k&#246;nnte Ihnen aus dem Stegreif ein Dutzend au&#223;ereurop&#228;ische Musikkulturen nennen, in denen diese Regeln nicht gelten. Gamelang-Musik zum Beispiel besteht aus hochkomplexen rhythmischen Patterns ohne Bezug auf einen menschlichen \u201eAtem\u201c, die auf einem vollkommen abstrakten Tonsystem basieren, das nicht im Geringsten auf die Obertonreihe zur&#252;ckzuf&#252;hren ist und die Oktave recht willk&#252;rlich unterteilt hat. Dennoch ist diese Musik f&#252;r Menschen aus dieser Kultur vollkommen leicht \u201everst&#228;ndlich\u201c, weil sie Teil ihres Alltags ist und sie sich organisch aus dieser Kultur heraus entwickelt hat. Wir m&#252;ssen uns immer wieder bewusst machen, wie vielf&#228;ltig der \u201ewilde Raum\u201c der Musik ist, und was darin alles m&#246;glich ist. Deswegen liebe ich (wie zum Beispiel Ligeti einst auch) die Musik der nordafrikanischen Pygm&#228;en, die eine komplexe Polyphonie singen, in denen jede Stimme ihrem eigenen Rhythmus folgt, ohne einen erkennbaren Takt. Oder die Musik der nordamerikanischen Indianer, die komplexe melodische Linien im Unisono singen, die keiner von uns spontan nachsingen k&#246;nnte, dazu einen immer wieder unmerklich langsamer oder schneller werdenden Trommelrhythmus schlagend.<\/p>\n<p>Schon ein simpler t&#252;rkischer Popsong ist f&#252;r unsere Ohren unglaublich \u201eschwierig\u201c, die meisten w&#252;rden sich schwertun, die Melodie nachzusingen, weil uns die typischen Melismen dieser Musik nicht vertraut sind. Sind wir \u201ezu bl&#246;d\u201c daf&#252;r? Nein, wir sind es einfach nicht gewohnt. Schlie&#223;lich muss ich darauf hinweisen, dass schon ein simpler Mollakkord aus der Obertonreihe nicht abzuleiten ist (er kommt darin nachweislich nicht vor) und eine eigentlich abstrakte \u201edissonante\u201c Konstruktion ist, die als solches Konzept einzig und allein in der abendl&#228;ndischen Musik existiert und uns daher vertraut ist. Chopin ist also ein Komponist, der vornehmlich \u201eDissonanzen\u201c verwendete, die nicht den Grundregeln der Obertonreihe folgen, das m&#252;ssen Sie sich klarmachen, ebenso wie die Tatsache, dass die Musik von 1650 von Menschen heute als \u201eschr&#228;g\u201c empfunden w&#252;rde, wenn sie mit den damals &#252;blichen Stimmungssystemen aufgef&#252;hrt w&#252;rde, die der wohltemperierten Stimmung vorausgingen. Auch die wohltemperierte Stimmung ist eine rein abstrakte und mathematische Konstruktion, die mit der Obertonreihe nicht das Geringste zu tun hat, dennoch wird heute fast alle Musik damit gespielt, obwohl sie alles andere als \u201enat&#252;rlich\u201c ist, eigentlich sogar richtiggehend unnat&#252;rlich.<\/p>\n<p>Jemandem, der nicht in der abendl&#228;ndischen Kultur aufgewachsen ist, entgehen viele Feinheiten, die wir in der allein in Europa erfundenen Dur-Moll-Tonalit&#228;t wahrnehmen k&#246;nnen. Dennoch ist bekannterma&#223;en die 9. Symphonie in Japan ungemein beliebt, obwohl die dortigen H&#246;rer ganz sicher nicht von Anfang an Experten der Sonatenhauptsatzform waren und sie sicherlich vieles nicht \u201everstanden\u201c. Ist dies Ausdruck f&#252;r die gro&#223;e &#220;berlegenheit der Musik Beethovens? Nein, es ist Ausdruck einer gro&#223;en Neugier, die in der japanischen Kultur mit ihrem eigenen Wirtschaftswunder nach Jahrhunderten der Isolation entstanden war. Aus demselben Grund lieben Chinesen klassische Musik \u2013 weil diese in der Kulturrevolution verboten und verfemt war und alle verfolgt wurden, die sich damit besch&#228;ftigten. Als sich China der Welt gegen&#252;ber &#246;ffnete, galt es als Privileg reicher Schichten, sich abendl&#228;ndische Musik ins Heim zu holen oder selbst zu spielen. Aus demselben Grund gibt es in Arabien Scheichs, die die Opern von Wagner lieben.<\/p>\n<p>Umgekehrt stehen wir ratlos gegen&#252;ber den Feinheiten der indischen klassischen Musik, auch diese eine langgewachsene kulturelle \u201eErfindung\u201c, die ganz anderen Regeln folgt als bei uns. Wir k&#246;nnen aber trotzdem indische Musik genie&#223;en und bewundern (so wie einst George Harrison), obwohl wir eigentlich \u201ezu bl&#246;d\u201c daf&#252;r sind.<\/p>\n<p>Im Grunde ist jede Art von Musik \u201einteressant\u201c, vor allem, wenn sie uns erst einmal fremd ist. Macht nichts, wir k&#246;nnen sie \u201ekosten\u201c wie ein uns bisher unbekanntes Gericht. Sicherlich erinnern Sie sich daran, wie Sie als Kind bestimmtes Essen nicht mochten und ablehnten, sp&#228;ter aber daf&#252;r einen besonderen Geschmack entwickelten? Genauso ist es mit Musik. Ich fand genau wie Sie Neue Musik erst einmal schr&#228;g und seltsam, aber <em>genau deswegen fand ich sie faszinierend<\/em> und wollte immer mehr davon! Und egal, mit was man sich besch&#228;ftigt, es kann auch eine Abnutzung entstehen. Inzwischen sitze ich manchmal in einem Konzert mit Neuer Musik, die Sie wahrscheinlich als komplett abartig und unh&#246;rbar empfinden w&#252;rden, und langweile mich &#8211; aber nicht, weil ich die Musik nicht verstehe, <em>sondern weil ich sie zu gut verstehe.<\/em> Sie ist mir zu vertraut \u2013 die Musik gibt mir eine Antwort, die ich schon kenne, die ich hundert Mal geh&#246;rt habe. Welche Wahrnehmung ist jetzt \u201erichtig\u201c, welche \u201efalsch\u201c? Hauptsache es gibt eine &#228;sthetische Erfahrung, w&#252;rde ich sagen. Ihre Bewertung, meine Bewertung \u2013 beides ist ein \u201eErlebnis\u201c.<\/p>\n<p>Was Sie ehrlich in Ihrer Mail zum Ausdruck gebracht haben, ist im Grunde ein Gef&#252;hl des <em>Fremdseins<\/em> gegen&#252;ber Neue Musik. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn sie ist nicht mehr Teil unseres Alltags, so wie es einst die Musik von Komponisten wie Bach oder Haydn war. Sind Sie sicher, dass die damaligen Kirchg&#228;nger der Thomaskirche in Leipzig die Musiken von Bach so \u201everstanden\u201c haben, wie Sie es als gelernter Musikkenner ganz sicher tun? Dass sie wussten, wie Fugen und Kontrapunkte funktionieren und es zu sch&#228;tzen wussten, wie viel Mathematik und komplexe Symmetrie in seiner Musik steckt? Ganz sicher nicht. Aber diese Musik war einfach \u201eda\u201c, es gab jede Woche eine Kantate, bei der auch Laienmusiker mitwirkten, man ging jeden Tag in die Kirche und es gab halt dort die Musik von Bach, sie war einfach da, Teil des t&#228;glichen Lebens. Und das ist das Entscheidende auch bei der Entstehung dieser Musik, war also wichtig f&#252;r Bachs Komponieren. Er war jeden Tag \u201eVermittler\u201c seiner Musik, musste sie im \u201eechten Leben\u201c managen, schlug sich mit Trompetern herum, die zu sp&#228;t zur Probe kamen oder musste noch sp&#228;t nachts irgendein St&#252;ck transponieren, weil der S&#228;nger die hohen T&#246;ne nicht traf. Er befand sich also in direkter Kommunikation mit seiner Umwelt, seine Musik war Teil des Lebens, aber gleichzeitig kam das Leben auch in seiner Musik vor.<\/p>\n<p>Und das ist der Punkt, wo ich Sie tats&#228;chlich gut verstehen kann. Neue Musik ist nicht mehr Teil des Alltags. Die Opernh&#228;user und b&#252;rgerlichen Konzerts&#228;le sind nicht mehr Treffpunkte der Gesellschaft, wie sie es einst tats&#228;chlich einmal waren. Was auch daran liegt, dass wir kein B&#252;rgertum mehr kennen, wie es im 18\/19. Jahrhundert entstand \u2013 stattdessen haben wir eine immer schwerer zu definierende Mittelschicht, die immer mehr an den R&#228;ndern ausfranst, solange die Einkommensschere zunehmend w&#228;chst. Neue Musik findet \u2013 da ihr in den unglaublich spie&#223;igen und musealen Konzertprogrammen unserer Zeit nur selten ein kleines Pl&#228;tzchen gelassen wird \u2013 fast ausschlie&#223;lich in \u201eExpertenkreisen\u201c statt, einer Art \u201eGeek Culture\u201c, die sich um bestimmte Festivals und Orte versammelt und mehr oder weniger unter sich bleibt. Die Frage ist aber nun: ist das wirklich die \u201eSchuld\u201c dieser Musik? Oder ist es Ausdruck von komplexen gesellschaftlichen Prozessen wie oben beschrieben? Ich denke letzteres.<\/p>\n<p>Dass Sie Neue Musik nicht \u201everstehen\u201c, liegt daran, dass Ihnen \u2013 genauso wie einem Gro&#223;teil des Publikums &#8211; die Zwischenschritte, die von Schumann direkt zu Stockhausen f&#252;hren (und das &#252;brigens mit einer vollkommen verst&#228;ndlichen Logik, die jedem einleuchten kann, der sie analytisch im R&#252;ckblick betrachtet) nicht genauso vertraut sind, wie die Zwischenschritte, die von Bach zu Schumann f&#252;hren. Warum? Weil besonders spektakul&#228;re Zwischenschritte &#8211; zum Beispiel die Wiener Schule oder Stravinsky in den 1910er und 1920er Jahren &#8211; <em>zeitgleich mit dem Ersten Weltkrieg<\/em> stattfanden, einem entsetzlichen und bisher in dieser Form noch nie dagewesenen globalen Ereignis, das viel Aufmerksamkeit beanspruchte. Direkt danach ging es in Europa und vor allem bei uns in eine ganz besonders dunkle Zeit, in der diejenigen, die gerade an den spannendsten musikalischen Entwicklungen arbeiteten, entweder umgebracht oder als \u201eentartet\u201c verboten wurden, viele davon \u2013 wie Sch&#246;nberg \u2013 flohen ins Ausland und &#252;berlebten als Kompositionsprofessoren in Universit&#228;ten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fehlten also den meisten Menschen das Wissen um 30-40 Jahre musikalische Entwicklung, gerade im schnellen 20. Jahrhundert eine ganz besonders dramatische L&#252;cke, ungef&#228;hr so, als w&#252;rde man direkt von Mozart zu Wagner springen. Da w&#228;re Wagner dann auch komplett \u201eunverst&#228;ndlich\u201c! Jemandem, der diesen Sprung machte, w&#252;rde Wagner als perversen L&#228;rm empfinden, und genauso ging es dann vielen Musikh&#246;rern, als sie pl&#246;tzlich Boulez und Stockhausen h&#246;rten. Ihnen fehlten die Zwischenschritte \u2013 es war wie Musik von einem anderen Planeten. Boulez und Stockhausen sahen sich aber \u2013 und das &#252;brigens v&#246;llig zu Recht \u2013 als logische Konsequenz der Kunstmusik bis zu diesem Punkt, da sie aufgrund ihrer jeweiligen (privilegierten, da aus gebildeten Elternh&#228;usern) Biografien die Zwischenschritte individuell nachvollzogen hatten und von da aus weitermachten.<\/p>\n<p>Von dieser \u201eL&#252;cke\u201c hat sich die Neue Musik nie wirklich erholt \u2013 pl&#246;tzlich war sie abgetrennt vom klassischen Musikbetrieb und fand im Alltag nicht mehr statt, gleichzeitig wollte sie aber auch nicht die Errungenschaften verraten, die sie zum Teil unter gro&#223;em Leid und dramatischen pers&#246;nlichen Schicksalen erreicht hatte. Ich kann Adornos Argumentation damals durchaus verstehen \u2013 er ist f&#252;r mich heute nicht mehr aktuell, aber ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man nach Jahrzehnten von \u201edeutschnationaler\u201c oder \u201estalinistischer\u201c Musik und der krassen Verfolgung und Ermordung alles Andersartigen nicht unbedingt Lust darauf hatte, mit einer einem \u201eVerst&#228;ndlichkeitsdogma\u201c folgenden Musik weiterzumachen und brav \u201ev&#246;lkisch\u201c zu komponieren, wie es die Nazis und Kommunisten forderten (oder heute die AfD).<\/p>\n<p>Die Komponisten zogen sich also in eine Art gesicherte Isolation zur&#252;ck \u2013 finanziert von einer im Grunde sehr noblen und guten Idee der F&#246;rderung einer freien Kultur seit den Nachkriegsjahren machen sie seither eher Musik f&#252;r Spezialisten und es gibt nur wenig Ber&#252;hrungspunkte mit einer gr&#246;&#223;eren &#214;ffentlichkeit. Vielleicht haben sich es manche in dieser Isolation allzu bequem gemacht, vielleicht sind manche auch mit rein akademischen Lorbeeren zufrieden oder kruschteln gerne in ihrer eigenen \u201eGeek Culture\u201c vor sich hin. Aber ich kann Ihnen versichern, die meisten Kolleginnen und Kollegen wollen einfach tolle, spannende, verr&#252;ckte und wunderbare Musik schreiben, und das gelingt ihnen auch, selbst, wenn viele das nicht mitbekommen. Und jede Woche erlebe ich bei meinen Studierenden eine spannende und hungrige neue Komponistengeneration, voller neuer Ideen und neuer Themen, voller Brillanz und Talent. Es wird heute genauso gute Musik geschrieben wie vor 200 Jahren, das ist sicher. Diese Musik ist auch sicher kein \u201eIrrtum\u201c, sie ist Konsequenz des Vorhergehenden, genauso wie das Leben an sich, das ja nun auch nicht wirklich ein \u201eIrrtum\u201c ist, sondern einfach entstand.<\/p>\n<p>Ich pers&#246;nlich w&#252;rde mir nichts mehr w&#252;nschen, als dass diese unsere Musik wieder mehr Teil Ihres Alltags ist. Und es nicht mehr darum geht, ob sie mehr oder weniger \u201everst&#228;ndlich\u201c ist, sondern dass sie einfach da ist. Was da ist, mit dem wird umgegangen. Es ist Teil des Alltags und einer t&#228;glichen Auseinandersetzung mit den Wundern und Geheimnissen unserer Welt, zu der die K&#252;nste einen Beitrag leisten.<\/p>\n<p>Wie k&#246;nnen wir dieser Vision n&#228;herkommen?<\/p>\n<p>Sie, in dem Sie sich eine grunds&#228;tzliche Neugier bewahren und z.B. Musik nicht nur nach dem \u201eVerst&#228;ndnis\u201c sondern auch dem \u201eErlebnis\u201c befragen (und etwas zu \u201eerleben\u201c hei&#223;t nicht, dass immer alles so passiert, wie man es erwartet oder f&#252;r gut befindet, das ist ganz wichtig).<\/p>\n<p>Die IntendantInnen und KonzertveranstalterInnen k&#246;nnten ihre immer unbegreiflichere Politik der schlaffen und zunehmend lustloseren Befriedigung eines schwindenden Publikums beenden und die Gegenwart endlich <em>gleichberechtigt<\/em> in die Konzerts&#228;le lassen, ihr einen gleichen Anteil an den Konzertprogrammen geben wie die Musik der Vergangenheit (die selbstverst&#228;ndlich weiterhin erklingen muss, als Chronik der Gef&#252;hle und Leidenschaften vergangener Epochen).<\/p>\n<p>Und wir KomponistInnen k&#246;nnten uns mehr daf&#252;r interessieren, was in der Welt au&#223;erhalb unserer meist akademisch gepr&#228;gten Lebenswirklichkeit geschieht, wir k&#246;nnten \u201eatopischer\u201c denken, au&#223;erhalb von Stilkonventionen und Genres, einen neuen Blick werfen nicht nur auf eine Musik der Spezialisten, sondern auf ALLE Musik, so wie es eigentlich die Komponisten der Vergangenheit mit ihren jeweiligen Mitteln immer getan haben.<\/p>\n<p>F&#252;r mich pers&#246;nlich wird das sicher ein Lebensthema bleiben, f&#252;r Sie hoffentlich auch,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Herzlich,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Moritz Eggert<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"24974\" data-permalink=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2021\/11\/09\/zu-bloed-fuer-neue-musik\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?fit=1000%2C1100&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1000,1100\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?fit=436%2C480&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?fit=931%2C1024&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-medium wp-image-24974\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?resize=436%2C480&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"436\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?resize=436%2C480&amp;ssl=1 436w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?resize=931%2C1024&amp;ssl=1 931w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?resize=768%2C845&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?resize=600%2C660&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/11\/kurbeltheater-balduin-baehlamm-wilhelm-busch-1-kapitel-00.png?w=1000&amp;ssl=1 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 436px) 100vw, 436px\" \/><\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" style=\"display:none\"><div class=\"ShariffHeadline\"> <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Zu%20bl%C3%B6d%20f%C3%BCr%20Neue%20Musik%3F https%3A%2F%2Fblogs.nmz.de%2Fbadblog%2F2021%2F11%2F09%2Fzu-bloed-fuer-neue-musik%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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Sie h&#228;tten ja alles versucht, studiert, immer wieder zugeh&#246;rt, Konzerte besucht&#8230;aber dennoch k&#246;nnen sie einfach damit nichts anfangen. Sie f&#252;hlen sich &#8222;zu bl&#246;d&#8220;, f&#252;hlen sich ausgeschlossen aus einer Szene, die oft in Geheimcodes spricht und &#8222;unter sich&#8220; bleibt, f&#252;hlen sich ratlos gegen&#252;ber einer Musik, die ihnen zunehmend obskur und weltfremd vorkommt usw.<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\" style=\"display:none\"><div class=\"ShariffHeadline\"> <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Zu%20bl%C3%B6d%20f%C3%BCr%20Neue%20Musik%3F https%3A%2F%2Fblogs.nmz.de%2Fbadblog%2F2021%2F11%2F09%2Fzu-bloed-fuer-neue-musik%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#6364FF; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" 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