{"id":24918,"date":"2021-10-12T13:08:40","date_gmt":"2021-10-12T11:08:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/?p=24918"},"modified":"2021-10-12T13:08:40","modified_gmt":"2021-10-12T11:08:40","slug":"die-bose-collection-chronik-eines-skandaloesen-verfahrens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2021\/10\/12\/die-bose-collection-chronik-eines-skandaloesen-verfahrens\/","title":{"rendered":"Die Bose-Collection, Chronik eines skandal&#246;sen Verfahrens"},"content":{"rendered":"<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"24919\" data-permalink=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2021\/10\/12\/die-bose-collection-chronik-eines-skandaloesen-verfahrens\/mauser_bose_2005_striche\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/10\/mauser_bose_2005_striche.jpg?fit=1112%2C717&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1112,717\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"mauser_bose_2005_striche\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/10\/mauser_bose_2005_striche.jpg?fit=1024%2C660&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-medium wp-image-24919\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/10\/mauser_bose_2005_striche.jpg?resize=600%2C387&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"387\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/10\/mauser_bose_2005_striche.jpg?resize=600%2C387&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/10\/mauser_bose_2005_striche.jpg?resize=1024%2C660&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/10\/mauser_bose_2005_striche.jpg?resize=768%2C495&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2021\/10\/mauser_bose_2005_striche.jpg?w=1112&amp;ssl=1 1112w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Die Bose Collection \u2013<\/p>\n<p><strong>Chronik eines skandal&#246;sen Verfahrens<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans-J&#252;rgen von Bose, heute 67 Jahre alt, war in den 1980er und 90er Jahren ein ber&#252;hmter Komponist. Nicht wenige sahen in ihm den legitimen Erben Hans Werner Henzes, dem vielleicht bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Ob Streichquartette, Vokal- oder Kammermusik, Orchesterwerke, Ballett oder Oper, Boses Schaffen zeugte von gro&#223;er Vielfalt, seine postmoderne Stilistik beeindruckte die Musikkritiker. In den letzten Jahren sorgte von Bose, der immer gro&#223;en Wert auf seine adelige Herkunft gelegt hat, nicht mehr mit seiner Musik, sondern mit seiner ambivalenten Pers&#246;nlichkeit f&#252;r Schlagzeilen. Dass sich seit Jahren &#214;ffentlichkeit, Polizei, Staatsanwaltschaft, Politik und Justiz gleicherma&#223;en f&#252;r das Privatleben eines Komponisten und M&#252;nchner Hochschulprofessors interessiert, zeigt den Sonderfall Hans-J&#252;rgen von Bose: Am 28. April 2015 f&#252;hrte ein Sondereinsatzkommando der Polizei eine Hausdurchsuchung bei ihm durch. F&#252;nfeinhalb Jahre sp&#228;ter, am 13. November 2020, begann vor dem M&#252;nchner Landgericht I der Prozess gegen den Professor wegen mehrfacher schwerer Vergewaltigung der Schwester eines Studenten. Am 10. Dezember 2020 wurde Professor Bose vom Vorwurf der Vergewaltigung in erster Instanz freigesprochen, obwohl das Gericht den Geschlechtsverkehr gegen den Willen des Opfers feststellte. Mit Datum vom 29. Juli 2021 hat der Bundesgerichtshof die Revision der Nebenkl&#228;gerin verworfen, das Urteil ist seitdem rechtskr&#228;ftig. Hans-J&#252;rgen von Bose kam mit einer Bew&#228;hrungsstrafe von sechs Monaten Haft wegen Drogenmissbrauchs davon.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Widerspr&#252;che, die Ungereimtheiten, die Auff&#228;lligkeiten, die Einseitigkeiten im Verfahren gegen Hans-J&#252;rgen von Bose sind &#8211; trotz rechtskr&#228;ftigem Urteil &#8211; bis heute nicht aus dem Weg ger&#228;umt. Auf zu viele Fragen gibt es bis heute keine schl&#252;ssigen Antworten. U.a.:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Warum wurde der Fall Bose, der &#228;lter ist als der Fall seines Freundes und Pr&#228;sidenten der M&#252;nchner Musikhochschule, Siegfried Mauser, erst nach Mauser verhandelt? Warum hat das gesamte Verfahren &#252;ber sechs Jahre gedauert und warum hat die dritte Strafkammer des M&#252;nchner Landgerichts ma&#223;geblich an der Verfahrensverz&#246;gerung mitgewirkt?<\/li>\n<li>Warum spielte die &#252;ber 2000 Seiten starke Ermittlungsakte der Polizei vor Gericht kaum eine Rolle? Warum sind die Erkenntnisse der Polizei aus der Akte so gut wie gar nicht in das schriftliche Urteil eingeflossen? Warum glaubt und gew&#228;hrt das Gericht dem Angeklagten alles und misstraut der Nebenkl&#228;gerin in vielem?<\/li>\n<li>Warum kann der Bayerische Justizminister Georg Eisenreich ein schriftliche Anfrage der Gr&#252;nen zum Fall Bose nachweislich falsch und unwahr beantworten, ohne dass er sich daf&#252;r erkl&#228;ren oder Konsequenzen f&#252;rchten muss?<\/li>\n<li>Wie kann es sein, dass ein bayerischer Hochschulprofessor wie Professor Bose &#252;ber zwei Jahrzehnte seine StudentInnen mit Sex und Drogen manipuliert, ohne dass der Dienstherr eingreift? Wie kann es sein, dass ein bayerischer Hochschulprofessor, mit guten Kontakten in rechtsextremistische Milieus, im Rahmen des Unterrichts j&#252;dische Weltverschw&#246;rungstheorien &#228;u&#223;ern kann ohne dass sein Dienstherr eingreift? Warum hat das Kultusministerium seine engen Verbindungen zu Professor Bose bis heute nicht offen gelegt? Und warum hat man bis heute das Gef&#252;hl, dass die Politik den Fall Bose nicht restlos aufkl&#228;ren will?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf vielfachem Wunsch mache ich hiermit die wichtigsten Erkenntnisse im \u201eFall Bose\u201c in chronologischer Reihenfolge der Recherche &#246;ffentlich zug&#228;nglich, damit sich jeder selbst ein Bild dieses skandal&#246;sen Verfahrens machen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Anh&#228;ngen die etwas andere <em>Bose Collection<\/em>:<\/p>\n<p>1) Bose und die Musikhochschule (Aus der \u201eFAZ\u201c vom 8. November 2020)<\/p>\n<p>2) Der Bose-Prozess (Aus der \u201eWELT\u201c vom 29. Juli 2021)<\/p>\n<p>3) Bose und die Justiz (Am 14. &amp; 20. September 2021 auf \u201eFacebook\u201c erstver&#246;ffentlicht)<\/p>\n<p>Die &#214;ffentlichkeit wartet weiterhin auf Antworten\u2026<\/p>\n<p>Thilo Komma-P&#246;llath<\/p><\/blockquote>\n<p><u>Erschienen am 8. November 2020 in der \u201eFAZ am Sonntag\u201c:<\/u><\/p>\n<h1>1) Der n&#228;chste Prozess<\/h1>\n<p><em>\u00a0Die M&#252;nchner Musikhochschule k&#228;mpft seit der Verurteilung ihres langj&#228;hrigen Pr&#228;sidenten Siegfried Mauser wegen sexueller N&#246;tigung um ihr weltweites Renommee. Am 13. November beginnt ein neuer Prozess gegen einen weiteren Professor, den Komponisten Hans-J&#252;rgen von Bose. Der Vorwurf: Vergewaltigung. Von Thilo Komma-P&#246;llath \u00a0<\/em><\/p>\n<p>Es ist der dritte gro&#223;e Strafprozess in f&#252;nf Jahren, der auf die Hochschule f&#252;r Musik und Theater in M&#252;nchen zukommt, und ihr Pr&#228;sident Bernd Redmann, der gerne seine Vorreiterrolle im Kampf gegen sexuelle Diskriminierung und Machtmissbrauch betont, steht unter Druck. Sein Vorg&#228;nger, Siegfried Mauser, 65, wurde 2016 und 2019 in zwei Verfahren der sexuellen N&#246;tigung f&#252;r schuldig befunden und rechtskr&#228;ftig verurteilt. Es war der tiefe Fall eines hoch angesehenen Konzertpianisten und Hochschulpr&#228;sidenten, den die Politik bis zuletzt hofierte, einige der gr&#246;&#223;ten Intellektuellen des Landes tun es bis heute.<\/p>\n<p>Mitte November beginnt vor der dritten Strafkammer des Landgerichts M&#252;nchen I ein neuer Prozess, diesmal gegen den langj&#228;hrigen, mittlerweile suspendierten Kompositions-Professor Hans-J&#252;rgen von Bose, 66, auch er eine Ber&#252;hmtheit. Es geht um den Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung. Die Vorf&#228;lle sollen sich 2006 und 2007 ereignet haben, warum der Fall erst jetzt vor Gericht kommt ist f&#252;r Bernd Redmann \u201eein v&#246;lliges R&#228;tsel\u201c. Tats&#228;chlich ist der Fall Bose &#228;lter als der Fall Mauser. Und wie schon bei den Prozessen gegen seinen Vorg&#228;nger bef&#252;rchtet Pr&#228;sident Redmann nun wieder Schlagzeilen, die das Renommee seiner Institution weiter besch&#228;digen.<\/p>\n<p>Das mutma&#223;liche Opfer Amira Navid (Name ge&#228;ndert) ist die Schwester eines ehemaligen Bose-Studenten. Amira, zum Zeitpunkt der in der Anklage benannten Vorf&#228;lle Anfang 20, sei zun&#228;chst fasziniert gewesen vom 30 Jahre &#228;lteren Professor, aber sehr schnell sei es vor allem um die Befriedigung seiner Bed&#252;rfnisse gegangen, um Swingerclub-Besuche, um Sex mit anderen M&#228;nnern, wozu er sie gen&#246;tigt haben soll. Das geht aus der Anklageschrift hervor, die diese Zeitung einsehen konnte. Danach berichtete Amira in den polizeilichen Vernehmungen von delirischen Zust&#228;nden, die durch Schlafentzug, Hunger und Dehydrierung hervorgerufen worden sein sollen. Um sie wach zu halten, soll Bose sie zum Drogenkonsum gezwungen haben. Immer wieder berichtet sie von seinen Wutanf&#228;llen, auch soll er sie f&#252;r mehrere Tage in einem Zimmer in seinem Haus festgehalten haben. Das alles steht so in der Anklage. Sie habe sich wie eine Sklavin gef&#252;hlt, hat sie dem Kompositionsprofessor Moritz Eggert erz&#228;hlt, der einen kritischen Musikblog betreibt und die Zust&#228;nde an seiner Hochschule schon lange kritisiert. Zu ihm hatte Amira Kontakt gesucht, ehe sie am 6. Dezember 2014, mehr als sieben Jahre nach den im Raum mutma&#223;lichen Taten, Anzeige erstattete. Bei einem darauf folgenden SEK-Einsatz in Boses Haus im April 2015 wurde ein ganzes Arsenal von verbotenen Drogen \u2013 von Chrystal Meth bis Kokain \u2013 gefunden und auch eine illegale Schreckschusspistole.<\/p>\n<p>Im Mai 2018 wies Hans-J&#252;rgen von Bose in einem Interview mit dem \u201eSpiegel\u201c alle Vorw&#252;rfe als \u201eabsurd\u201c zur&#252;ck, drei Monate sp&#228;ter lie&#223; das Landgericht die Klage von Amira Navid zu.<\/p>\n<p>Professor Bose wollte sich vor Prozessbeginn nicht mehr pers&#246;nlich &#228;u&#223;ern, sein Anwalt Steffen Ufer teilte mit, er gehe davon aus, dass sein Mandant \u201eaus rechtlichen und tats&#228;chlichen Gr&#252;nden freigesprochen\u201c werde. Herr von Bose werde sich mit allen juristischen Mitteln gegen neuerliche Diffamierungen zur Wehr setzen, die \u201eihn offenkundig nur gesellschaftlich endg&#252;ltig vernichten\u201c sollen.<\/p>\n<p>Der heute 66 Jahre alte Hans-J&#252;rgen von Bose trat 1992 als Ordinarius f&#252;r Komposition in M&#252;nchen an, mit Unterbrechungen war er 23 Jahre Professor an der Musikhochschule. In der gleichen Zeit absolvierte Bernd Redmann in M&#252;nchen eine akademische Bilderbuchkarriere: Studium mit Meisterklassendiplom, 2005 Berufung zum Professor, ab 2011 Vize-Pr&#228;sident, seit Oktober 2014 leitet er die Musikhochschule. Wegen der BoseErmittlungen sah sich der Aufkl&#228;rer Redmann zu einem h&#246;chst ungew&#246;hnlichen Schritt veranlasst: Im Juni 2018 schrieb er einen Brief an den Senat (er liegt der Redaktion vor), dem h&#246;chsten Leitungsgremium der Hochschule. Darin offenbarte er den verbl&#252;fften Senatoren \u201eeine etwa einst&#252;ndige sexuelle Begegnung\u201c mit der sp&#228;teren Ehefrau Boses. Diese einmalige Begegnung habe sich 1994 zugetragen, als er selbst noch in M&#252;nchen Komposition studierte. Redmanns Begr&#252;ndung, warum er 24 Jahre sp&#228;ter etwas so Privates offenbart: Im Vorfeld seiner Wiederwahl als Pr&#228;sident im Juli 2018 habe der Amtschef des Ministeriums von ihm wissen wollen, ob es richtig sei, dass er eine Beziehung mit der Ehefrau von Bose unterhalte, Redmann verneinte. Mit der Offenlegung habe er einer Diskussion um seine Befangenheit zuvorkommen wollen.<\/p>\n<p>Will man die Vorg&#228;nge der letzten drei&#223;ig Jahre an der M&#252;nchner Musikhochschule aufarbeiten, wird derlei Intimes auf einmal hochschulpolitisch. Der Umgang Boses mit seinen Studenten fiel fr&#252;h auf. Der freie Komponist Alexander Strauch kam 1992, gerade 20, als J&#252;ngster in Boses erste M&#252;nchner Klasse. Laut Strauch habe Bose beinahe jeden seiner Studenten gefragt: &#8222;,Bist du der apollinische oder der dionysische Typ? Magst du Polanski, Mozart?\u2018 Mozart war f&#252;r ihn Inbegriff der sinnlichen, erotischen, ungez&#252;gelten Diversit&#228;t des Rokoko. Das hatte nichts mehr mit dem Unterricht zu tun, da ging es schon ins Intime\u201c. An anderer Stelle habe Bose gerne betont, ein Komponist m&#252;sse \u201epolymorph-pervers\u201c sein. \u201eEinmal kam einer, von dem es hie&#223;, dass er mit Bose was hatte, auf mich zu und fragte mich: \u201aWie findest du den Meister?\u2018\u201c, so erinnert sich Strauch. \u201eDabei zeigte er auf Bose, der am offenen Fenster l&#228;ssig eine filterlose Zigarette rauchte. \u201aIst er nicht geil?\u2018. Damals habe ich das nicht kapiert, aber das war ein typisches Antesten von Hans.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt nicht wenige Studierende, die Hans-J&#252;rgen von Bose erst bewundernd an den Lippen hingen und sp&#228;ter Verst&#246;rendes berichteten. Einige von ihnen vertrauten sich w&#228;hrend ihres Studiums Kommilitonen an oder sagten im Zuge der Bose-Ermittlungen bei der Polizei aus.<\/p>\n<p>Moritz Eggert, der in den 1990er Jahren in M&#252;nchen Komposition studierte und heute selbst Professor an der Hochschule ist, h&#246;rte von homoerotischen Gruppenerfahrungen, von Stalking und Schockstarre, Pornofilmen, Sex und Drogen im Unterricht in Boses Privatr&#228;umen, wie er gegen&#252;ber dieser Zeitung erkl&#228;rt. Eggert erinnert sich daran, dass er in Studientagen Bose-Sch&#252;ler auf dem Flur der Hochschule einmal mit der flapsigen Frage provozierte: \u201eUnd, habt ihr jetzt alle Gruppensex mit Hans?\u201c Auch der Student Redmann hat w&#228;hrend einer gemeinsamen U-Bahn-Fahrt in Boses erstem M&#252;nchner Jahr einen unmissverst&#228;ndlichen Ann&#228;herungsversuch des Professors erlebt, best&#228;tigt Pr&#228;sident Redmann im Gespr&#228;ch.<\/p>\n<p>Hochschulprofessoren wie Siegfried Mauser oder Hans-J&#252;rgen von Bose genie&#223;en in der akademischen Welt eine herausragende Stellung. Die Frauenbeauftragte Professorin Christiane Iven, nennt es den \u201eGeniekult\u201c. Im Bayerischen Hochschulpersonalgesetz (Art. 18 (3)) gibt es die sogenannte \u201eGenieklausel\u201c, mit der Professorenstellen in Ausnahmef&#228;llen ohne &#246;ffentliche Ausschreibung vergeben werden k&#246;nnen. Sie schien wie gemacht f&#252;r Bose und dessen \u201ein besonderer Weise qualifizierte Pers&#246;nlichkeit\u201c. Ein ber&#252;hmter Komponist, der schon mit seinen ersten Streichquartetten ab Mitte der 1970er Jahre &#246;ffentliche Aufmerksamkeit erhielt, mit Einladungen zu den gro&#223;en Festivals in Donaueschingen und Schwetzingen. Er erhielt Kompositionsauftr&#228;ge f&#252;r Ballett, Opern- und Orchesterwerke von der Hamburger Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin und der Berliner Philharmoniker und etliche Auszeichnungen, sp&#228;ter auch den Preis der Kaske-Stiftung als Anerkennung f&#252;r seine p&#228;dagogischen Verdienste. Der legend&#228;re Wilhelm Killmayer bestand darauf, dass Bose ihm in M&#252;nchen nachfolgt, dabei hatte Bose sein Klavier- und Kompositionsstudium in Frankfurt ohne Abschluss abgebrochen, als 19-j&#228;hriger Sch&#252;ler war er in M&#252;nchen gar durch die Aufnahmepr&#252;fung gefallen.<\/p>\n<p>Pr&#228;sident Redmann sagt, dass &#220;bergriffe heute nicht mehr passieren k&#246;nnen, weil im Meister-Sch&#252;ler-Verh&#228;ltnis das Pers&#246;nliche und das Musikalische strikt getrennt werde. Er spricht von einer \u201eNull Toleranz-Politik\u201c. Der Unterricht in Privatr&#228;umen wurde verboten, es gibt eine externe psychologische und eine juristische Ombudsstelle, Aktionstage und eine Arbeitsgruppe gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung.<\/p>\n<p>Im Dezember 2007 hatte sich Bose als dienstunf&#228;hig in den Ruhestand versetzen lassen, er sei wegen seiner konservativen Art gemobbt worden, das habe ihn krank gemacht, sagte er vor zwei Jahren im \u201eSpiegel\u201c. F&#252;r seine R&#252;ckkehr im Herbst 2012 hatte ihm der Amtsarzt trotz 50-prozentiger Schwerbehinderung und vier Bandscheibenvorf&#228;llen wieder volle Dienstf&#228;higkeit bescheinigt. Als Boses R&#252;ckkehr an die Hochschule feststand, beschwichtigte Pr&#228;sident Mauser seine Professoren f&#252;r Komposition Jan M&#252;ller-Wieland und Moritz Eggert mit der Kenntnis, dass Bose \u201eseine Sexbesessenheit &#252;berwunden hat, er ist jetzt sexged&#228;mpfter\u201c. Beide best&#228;tigen unabh&#228;ngig voneinander den Wortlaut. Im Gespr&#228;ch verneint Bernd Redmann, dass Mauser jemals mit ihm &#252;ber das Intimleben von Bose gesprochen habe.<\/p>\n<p>Hans-J&#252;rgen von Bose fiel auch durch bizarre &#196;u&#223;erungen in seinen Seminaren auf, wie der fr&#252;here Kompositionsstudent Markus Boden berichtet. Boden belegte im Studienjahr 2013\/14 bei Professor Bose das Seminar \u201e&#196;sthetik und Geschichte der neuen Musik\u201c, &#252;ber das, was im Unterricht passiert sein soll, hat er eine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Danach wetterte der Professor offen gegen Arnold Sch&#246;nbergs Zw&#246;lftonmusik, die gesamte Avantgarde sei f&#252;r ihn die Musik des H&#228;sslichen, die die Kunst zerst&#246;ren wolle. Bezogen auf die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima verschickte Bose YouTube-Videos der rechtsextremen amerikanischen Verschw&#246;rungsplattform Infowars.com mit angeblichen Beweisen, dass dunkle M&#228;chte aus Satanisten und Freimaurern die Welt verstrahlen wollen.<\/p>\n<p>Im privaten Gespr&#228;ch und in den Raucherpausen des Seminars soll Bose erz&#228;hlt haben, Satanisten und Au&#223;erirdische wollten das Strahlenlevel auf der Erde anheben, damit Aliens die Menschheit ausl&#246;schen k&#246;nnen. Putin und Obama seien eingeweiht, Adorno und CIA h&#228;tten im kalten Krieg die Beatles und die 68er-Bewegung als popkulturelle Gegenbewegung zum sozialistischen Realismus ins Leben gerufen, der Familie Rothschild geh&#246;re 75 Prozent des gesamten Reichtums auf der Welt, die BRD sei eine GmbH der Vereinigten Staaten. Bose l&#228;sst &#252;ber seinen Anwalt Steffen Ufer ausrichten, er habe \u201eniemals ernsthaft irgendwelche Verschw&#246;rungstheorien vertreten\u201c. Soweit er gegen&#252;ber seinen Studierenden auf die Existenz derartiger Theorien hingewiesen haben sollte, sei dies allenfalls geschehen, um deren Reaktion zu testen. Keinesfalls habe er sich derartige Theorien zu eigen gemacht. Herr Bose habe auch zu keinem Zeitpunkt &#252;ber den Reichtum irgendeiner j&#252;dischen Familie gesprochen, sagt Ufer: \u201eEr hatte nie den geringsten Anlass, derart Unsinniges von sich zu geben\u201c. Bei den Studierenden kam das offenbar anders an. Markus Boden erkl&#228;rt, keiner der Studenten, mit denen er gesprochen habe, habe in den &#196;u&#223;erungen eine ironische oder &#228;sthetische Brechung erkennen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>&#220;ber seine Erlebnisse mit Bose wollte Markus Boden reden, bevor er im Sommer 2019 mit seinem Master die Hochschule verlie&#223;. Er war einer der letzten Studenten, der eine pers&#246;nliche Erfahrung mit dem Professor gemacht hatte, er pochte auf eine protokollierte Aussage vor der Arbeitsgruppe gegen Machtmissbrauch. &#220;berraschend kam auch Bernd Redmann hinzu. Boden aber f&#252;hlte sich nicht ernst genommen und registrierte \u201estarke Relativierungsversuche\u201c von Seiten seines Pr&#228;sidenten. \u201eEin so brillanter Kopf, der k&#246;nne kein Rechter sein, das sei nur belanglose Spinnerei.\u201c Im Gespr&#228;ch mit dieser Zeitung erkl&#228;rte Redmann, dass er Boses Fukushima-Theorien kannte und f&#252;r kindisch hielt. Dass Bose rechten Ideen nachh&#228;ngen soll, sei f&#252;r ihn, als er als Pr&#228;sident davon erfahren habe, ein ganz neues Kapitel gewesen.<\/p>\n<p>Dass Hans-J&#252;rgen von Bose ein K&#252;nstler ist, der mit rechten Narrativen jongliert, wei&#223; man an der Hochschule seit Mitte der 1990er Jahre. Die Urauff&#252;hrung seiner \u201eDeutsche Motette\u201c, aus Anlass des 350. Jahrestages des Westf&#228;lischen Friedens in M&#252;nster, wurde 1998 abgesagt. Das rot-gr&#252;ne Stadtparlament sah in den von Bose recherchierten historischen Texten zum Bombenkrieg der Alliierten und zum Versailler Vertrag reaktion&#228;re Gedankengut. Im M&#228;rz 2018 unterzeichnete Bose neben Vera Lengsfeld, Uwe Tellkamp oder Matthias Matussek eine \u201eGemeinsame Erkl&#228;rung\u201c von 300 Kulturschaffenden gegen die Fl&#252;chtlings- und Asylpolitik der Bundesregierung mit der Forderung, die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Dar&#252;ber hinaus wurden Verbindungen Boses zum Rechtsextremisten und Waffenh&#228;ndler Mario R&#246;nsch bekannt, der im Dezember 2018 vom Berliner Landgericht zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt wurde. R&#246;nsch verkaufte im Internet als Betreiber des illegalen Waffenshops \u201eMigrantenschreck\u201c von Budapest aus in Deutschland illegale Schreckschusswaffen und warb mit rassistischen Spr&#252;chen und Videos gegen Migranten und Ausl&#228;nder. Bei der Durchsuchung von Boses Haus im April 2015 stellte die Polizei eine solche illegale Schreckschusspistole sicher. Im Juni 2016 schickte R&#246;nsch per Post eine weitere Pistole nach Zorneding bei M&#252;nchen, dem Wohnort Boses. Eine \u201eZeit\u201c-Recherche dokumentierte die Lieferung. Die Best&#228;tigung f&#252;r die Verbindung zu R&#246;nsch kam im zweiten Mauser-Prozess im April 2018: Der damalige Justiziar der Musikhochschule, Oliver Umlauf, erkl&#228;rte vor Gericht, dass die Polizei ihn &#252;ber diese \u201eMigrantenschreck\u201c-Lieferung in Kenntnis gesetzt und gesagt habe, dass Bose die Waffe \u201edie Tage\u201c abgeben werde. HansJ&#252;rgen von Bose, der sich auf Anfrage auch &#252;ber seine Beziehung zu R&#246;nsch nicht &#228;u&#223;ern m&#246;chte, ist bis heute Mitglied in der Akademie der sch&#246;nen K&#252;nste.<\/p>\n<p>Die Vorg&#228;nge an der M&#252;nchner Musikhochschule sind auch deshalb ein R&#228;tsel, weil man kaum versteht, warum die Politik so lange nicht eingriff. Seit sp&#228;testens 1995 wusste das zust&#228;ndige Kultusministerium von Hans-J&#252;rgen von Bose, wie der \u201eSpiegel\u201c vor zwei Jahren &#246;ffentlich machte. In dem Jahr hatte ein 16-J&#228;hriger Jungstudent berichtet, Bose habe ihn bedr&#228;ngt, sich als homosexuell zu outen. Der Professor war offensichtlich in ihn verliebt und konnte das kaum verbergen, erinnert sich ein Kommilitone gegen&#252;ber dieser Zeitung: \u201eDer wusste gar nicht wohin mit seiner Lust\u201c.<\/p>\n<p>Drei Wochen sp&#228;ter bekam der Kommilitone unvermittelt einen Anruf von Bose. Dieser zeigte sich erbost, dass die Klavierlehrerin des 16-j&#228;hrigen Jungstudenten ein Telefonat mit ihm mitgeschnitten und Untersuchungen losgetreten habe: \u201e,Und wenn einer fragen sollte, da war nat&#252;rlich nichts, du wei&#223;t von nichts\u2018\u201c, erinnert sich der fr&#252;here Mitstudent an Boses Wutausbruch am Telefon. Ohne Eltern und ohne juristischen Beistand wurde der Jungstudent erst in der Hochschule, sp&#228;ter im Ministerium befragt, recherchierte der<\/p>\n<p>\u201eSpiegel\u201c 2018. Der Jungstudent lie&#223; die Anzeige fallen, der politische Skandal blieb aus. Das Kultusministerium hatte die Bose-Oper \u201eSchlachthof 5\u201c, die im Sommer 1996 die M&#252;nchner Opernfestspiele er&#246;ffnete, mit 100.000 Mark gef&#246;rdert. Der Jungstudent von damals, der heute an einer Berliner Musikschule Klavier unterrichtet, will sich zu dem Fall nicht mehr &#228;u&#223;ern.<\/p>\n<p>Das Protokoll der Unterredung im Ministerium ist bis heute unter Verschluss. In einer schriftlichen Anfrage forderten die Gr&#252;nen im Landtag im Mai 2018 Aufkl&#228;rung. Eine Antwort gab es nicht. Die Sprecherin von Kultusminister Bernd Sibler verweist auf Nachfrage auf die Verschwiegenheitspflicht im Beamtenstatusgesetz. Im Sommer 2020 unternahm die kulturpolitische Sprecherin der Gr&#252;nen, Sanne Kurz, einen neuen Anlauf, Ergebnis offen: \u201eWenn ein Regierungsdirektor, was offenbar geschehen ist, darum bittet, das m&#252;sse alles sehr diskret behandelt werden \u2013 ein Regierungsdirektor wird ja nicht gew&#228;hlt, der sitzt vermutlich heute noch da \u2013, dann sieht man, was das f&#252;r verfilzte, verkrustete Strukturen sind.\u201c<\/p>\n<p>Fast sechs Jahre nach Erstattung der Anzeige durch Amira Navid muss sich Hans-J&#252;rgen von Bose jetzt vor Gericht verantworten. Das Landgericht hat bis zum 10. Dezember sieben Sitzungstermine anberaumt, die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vergewaltigung in drei F&#228;llen vor in Tatmehrheit mit unerlaubtem Besitz von Bet&#228;ubungsmitteln in nicht geringer Menge. Seine politischen Ansichten sind nicht Gegenstand des Verfahrens und werfen doch neue Fragen auf. Der ganze Fall, sagt Kompositions-Professor Moritz Eggert, die mutma&#223;liche Verquickung aus Sex, Macht und Missbrauch und einer Politik des Wegschauens, erinnere ihn an Jeffrey Epstein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Erschienen am 29. Juli 2021 in der Tageszeitung DIE WELT:<\/u><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h1>2) Der Fall Hans-J&#252;rgen von Bose<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein gefeierter Komponist und Hochschulprofessor wird der Vergewaltigung angeklagt und freigesprochen. Schaut man sich das Verfahren gegen Hans-J&#252;rgen von Bose an, offenbart sich eine merkw&#252;rdig nachl&#228;ssige Justiz. Wer wusste was? Wurde etwas vertuscht? Eine exklusive Recherche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Von Thilo Komma-P&#246;llath<\/u><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Dezember vergangenen Jahres ging vor dem Landgericht M&#252;nchen I ein Prozess zu Ende, der bis heute die Musikwelt spaltet. Hans-J&#252;rgen von Bose, 67, 23 Jahre lang Kompositionsprofessor an der M&#252;nchner Musikhochschule, wurde vom Hauptvorwurf der mehrfachen Vergewaltigung der Schwester eines Studenten freigesprochen.<\/p>\n<p>Verurteilt wurde Bose lediglich wegen Versto&#223;es gegen das Bet&#228;ubungsmittelgesetz zu sechs Monaten auf Bew&#228;hrung. In der &#214;ffentlichkeit und bei der Opposition in Bayern wurde das Urteil mit Emp&#246;rung aufgenommen, Staatsanwaltschaft und Nebenklage k&#252;ndigten umgehend Revision an.<\/p>\n<p>Der Fall Hans-J&#252;rgen von Bose ist der zweite seiner Art nach den beiden Urteilen gegen dessen Freund und langj&#228;hrigen Chef Siegfried Mauser. In zwei aufsehenerregenden Prozessen war der ehemalige Pr&#228;sident der M&#252;nchner Musikhochschule 2016 und 2017 wegen sexueller N&#246;tigung in vier F&#228;llen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und zwei Monaten verurteilt worden.<\/p>\n<p>Auch im Fall Mauser ist die &#214;ffentlichkeit bis heute emp&#246;rt: Als die Urteile rechtskr&#228;ftig wurden, setzte sich Mauser mit seinem &#246;sterreichischen Pass ins Nachbarland ab und weigert sich seitdem, mit Verweis auf seine angeschlagene Gesundheit, die Haft anzutreten. Die Bilder, die von Mauser in sozialen Netzwerken kursieren, suggerieren ein anderes Bild.<\/p>\n<p>Mauser und Bose. Zwei Professoren, wie gemacht f&#252;r die \u201eGenieklausel\u201c im Bayerischen Hochschulpersonalgesetz (Art. 18 (3)), zwei, die sich ob der Strahlkraft ihres Namens herausnehmen konnten, was anderen nie erlaubt gewesen w&#228;re. Bose konnte so auch ohne abgeschlossenes Hochschulstudium zum Professor berufen werden.<\/p>\n<p>Hans-J&#252;rgen von Bose war nicht irgendein Komponist, sondern einer, der als legitimer Nachfolger von Hans Werner Henze galt, dem vielleicht bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein Karriereh&#246;hepunkt: die Er&#246;ffnung der M&#252;nchner Opernfestspiele 1996 mit seiner Oper \u201eSchlachthof 5\u201c. Danach schrieb der Kritiker des \u201eSpiegel\u201c: \u201eDas k&#246;nnte sie sein, die Oper der Zukunft.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2>Sex mit Studenten, Drogen, Pornos<\/h2>\n<p>Nun gibt es Zweifel an der unabh&#228;ngigen Aufarbeitung im Fall Bose. Nimmt man Einblick in das schriftliche Urteil und die mehr als 2000 Seiten umfassende Ermittlungsakte (liegen der Redaktion exklusiv vor), finden sich Hinweise darauf, wie das aktuelle Strafverfahren beeinflusst und verz&#246;gert wurde. Die Akte geht weit &#252;ber die angezeigte Vergewaltigung hinaus, sie dokumentiert das ambivalente Leben eines Professors, das auch in den zwanzig Jahren davor immer wieder Gegenstand hochschulinterner wie polizeilicher Untersuchungen war, die niemals zu dienst- oder strafrechtlichen Konsequenzen f&#252;hrten.<\/p>\n<p>Es geht um regelm&#228;&#223;igen Sex mit seinen Studenten, Pornos und Drogen im Unterricht, seine N&#228;he zu rechtsextremen Kreisen und eine Reichskriegsflagge in seinem Haus, monatelange Krankschreibungen, n&#246;tigendes Verhalten gegen&#252;ber seinen Lebensgef&#228;hrtinnen, um den Vorwurf von sexueller Bel&#228;stigung eines minderj&#228;hrigen Studenten in den 1990erJahren. In der Gesamtschau suggeriert die Akte, dass in zwei Jahrzehnten weder Musikhochschule noch Ministerium dem ber&#252;hmten Professor Einhalt gebieten wollten. Es geht um den Verdacht einer Amigo-Aff&#228;re aus der Hochkultur.<\/p>\n<p>Das Verfahren von 2020 f&#228;llt allein deshalb auf, weil es sich von der Anzeige im Dezember 2014 bis zum Urteil &#252;ber sechs Jahre hinzog. Eine Erkl&#228;rung, warum es so lange gedauert hat, nannte das Gericht im schriftlichen Urteil nicht, erkl&#228;rte aber, dass \u201edie Voraussetzungen einer rechtsstaatswidrigen Verfahrensverz&#246;gerung erf&#252;llt\u201c sind. Irritierend, dass im Fall Bose zwei unterschiedliche Anklageschriften in Umlauf sind, neben einer korrekten auch eine ohne rechtliche W&#252;rdigung und Strafnormen, beide beglaubigt.<\/p>\n<p>Der Angeklagte und sein Anwalt, Verteidiger-Legende Steffen Ufer, bekamen die vollst&#228;ndige Anklage eine Woche nach Ausstellung Anfang Juli 2016 zugestellt. Der Nebenklageanwalt musste darauf drei Jahre warten. F&#252;r das mutma&#223;liche Opfer war bis Juli 2019 nicht ersichtlich, welchen Tatvorwurf die Staatsanwaltschaft gegen Hans-J&#252;rgen von Bose zur Anklage bringen wollte.<\/p>\n<p>Warum die Nebenklage zweimal eine falsche Anklage bekam, kann der Gerichtssprecher nicht erkl&#228;ren. Auch nicht, warum der Fehler nicht korrigiert wurde, als der Nebenklageanwalt mehrfach darauf aufmerksam machte. Dass eine beglaubigte Abschrift einer Anklageschrift erstellt werden kann, ohne dass ein Original zum Vergleich vorliegt, sei Usus, das System mache keine Fehler, hei&#223;t es bei Gericht.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Falschbeurkundung im Amt? <\/strong><\/p>\n<p>Roland Weber ist seit 22 Jahren Opferanwalt in Berlin, ein derartiges Verfahren hat er noch nicht erlebt. \u201eIch kenne keinen Fall, in dem einem Angeklagten mit einem sehr bekannten Wahlverteidiger noch ein Pflichtverteidiger gestattet wird, den er mehrfach austauschen darf. Ich habe auch noch nie eine unvollst&#228;ndige Anklage bekommen, das ist mit reiner Schluderei oder &#220;berlastung nicht zu erkl&#228;ren.\u201c Wenn es kein Versehen war, w&#228;re es eine Straftat: Falschbeurkundung im Amt.<\/p>\n<p>In den ersten vier Jahren des Verfahrens, erz&#228;hlt Weber, habe er den Vorsitzenden Anton Winkler nie pers&#246;nlich sprechen k&#246;nnen, die Annahme seiner Anrufe seien verweigert, seine Schrifts&#228;tze ignoriert worden, alle Beschl&#252;sse zu Anklage, Er&#246;ffnung und Nebenklage waren zeitlich stark verz&#246;gert oder fehlerhaft, das Gericht spricht von &#220;berlastung.<\/p>\n<p>\u201eSo f&#252;hlt es sich an, wenn die Nebenklage ausgebootet werden soll\u201c, sagt Weber, seit Jahren auch Opferbeauftragter des Landes Berlin. Im Sommer 2019 &#252;bernahm Frank Schaulies den Vorsitz der Strafkammer, keine vier Wochen sp&#228;ter hatte Weber eine korrekte Anklageschrift. Auf Nachfrage erkl&#228;rt der Sprecher des Gerichts, Florian Gliwitzky, dass es eine Beeinflussung des Verfahrens zu keiner Zeit gegeben habe.<\/p>\n<p>Nicht nur der Prozessverlauf, auch die Bewertung der Tatumst&#228;nde werfen eine entscheidende Frage auf: Spielen die Erkenntnisse aus der Ermittlungsakte f&#252;r die Urteilsbegr&#252;ndung des Gerichts &#252;berhaupt eine Rolle? Das mutma&#223;liche Opfer sagte aus, dass sich das zun&#228;chst einvernehmliche Liebesverh&#228;ltnis in den Jahren 2006 und 2007 zwischen ihr und dem 30 Jahre &#228;lteren Professor schnell in eine toxische Beziehung verwandelt habe.<\/p>\n<p>Die Frau berichtete von Wutanf&#228;llen und Bedrohungen, Bose soll sie f&#252;r mehrere Tage in einem Zimmer eingesperrt und mit Drogen wachgehalten haben, sie sprach von delirischen Zust&#228;nden, die durch Schlafentzug und Dehydrierung hervorgerufen worden seien. Bei drei ganz konkreten &#220;bergriffssituationen war die Staatsanwaltschaft vom Vorwurf der schweren Vergewaltigung &#252;berzeugt.<\/p>\n<p>Auch das Gericht kommt im Urteil unstrittig zu der Erkenntnis, dass der Geschlechtsverkehr dreimal gegen den Willen des Opfers stattgefunden hat. Aufgrund \u201eretrospektiver Umbewertungen und Verzerrungen\u201c war die Kammer aber nicht von der \u201eWiderstandsunf&#228;higkeit\u201c der Frau &#252;berzeugt. Hinreichende Gr&#252;nde f&#252;r ein \u201eKlima der Gewalt\u201c konnte das Gericht nicht erkennen, Voraussetzung f&#252;r eine Verurteilung nach \u00a7\u00a7 177 StGB in der alten Fassung.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2>\u201eEine geile Situation\u201c herstellen<\/h2>\n<p>Das aussage-psychologische Gutachten kommt, was die \u201eVerzerrungen\u201c der Nebenkl&#228;gerin angeht, zu einer anderen Erkenntnis. Das Fazit der Charit\u00e9Professorin Renate Volbert: \u201eEine derart ausf&#252;hrliche Darstellung mit einem so hohen Grad an Detailierung wird von Zeugen &#252;blicherweise auch nicht ann&#228;hernd abgegeben\u201c.<\/p>\n<p>In der rechtlichen W&#252;rdigung schreibt die Kammer, dass die Nebenkl&#228;gerin, eine heute 36-j&#228;hrige Frau aus Berlin, \u201ezu keiner Zeit\u201c einen direkten Zusammenhang zwischen Bedrohungen und der Veranlassung zu sexuellen Handlungen geschildert habe.<\/p>\n<p>Kennt man das Gutachten, die Aussage der Nebenkl&#228;gerin bei der Polizei, liest man die 47 selbstgeschriebenen DIN A4-Seiten, die die Frau zu ihrer Anzeige mitgebracht hatte, dann stellt sich die Frage, wie das Gericht zu einer solchen Einsch&#228;tzung kommen konnte. Immer wieder geht es darum, dass die Zeugin \u201eeine geile Situation\u201c herstellen sollte, zweimal soll der Professor gedroht haben, sie zu \u201et&#246;ten\u201c, weil ihr das nicht gelungen sei.<\/p>\n<p>Andere Beweise werden selektiv bewertet oder ganz ausgeblendet: Einen Aufenthalt der Zeugin in einer Klinik im April 2007 wertete das Gericht als nicht tatrelevant, es sei nur ein Harnwegsinfekt diagnostiziert worden. Laut Krankenblatt nur die halbe Wahrheit. Als Hauptbefund sind Schwellungen von Haut und Schleimh&#228;uten, sogenannte Quincke&#246;deme, und Bauchkr&#228;mpfe festgehalten. Symptome, die auf eine Dehydrierung hinweisen k&#246;nnten, auch deshalb wurden der Zeugin drei Infusionen verabreicht.<\/p>\n<p>Eine vom Gericht festgestellte Dehydrierung w&#228;re tatrelevant gewesen, da sie eine Widerstandsunf&#228;higkeit plausibel gemacht h&#228;tte. Eine Einstweilige Verf&#252;gung, die die Nebenkl&#228;gerin unmittelbar nach ihrer Beziehung 2007 gegen Professor Bose erwirkt hatte und die ihre Aussagen untermauert, wird vom Gericht gar nicht gew&#252;rdigt.<\/p>\n<p>Dass der Fall der Nebenkl&#228;gerin kein Einzelfall ist, zeigen die in der Akte penibel dokumentierten Beziehungen Boses zu den beiden M&#252;ttern seiner Kinder. In Bezug auf seine aktuelle Lebensgef&#228;hrtin Martina (Name ge&#228;ndert), seine ehemalige Studentin, gibt es die Aussage eines Freundes, wonach der Professor sie zur Prostitution angehalten habe, damit sie Geld f&#252;r die Miete beisteuere. Der Sex mit einem Dutzend Fremden gegen Geld ist in der Akte mit Chatprotokollen, Handynummern, Emailadressen belegt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2>Bedrohungen, Freiheitsberaubungen<\/h2>\n<p>Der Bayerische Justizminister Georg Eisenreich schreibt Anfang Februar 2021 in einer Antwort auf eine Schriftliche Anfrage der Gr&#252;nen im Landtag, Prostitution konnte nicht festgestellt werden, Freier gab es \u201einsoweit keine\u201c.<\/p>\n<p>Es gibt zahlreiche in der Akte als Beweismittel dokumentierte Videos und DVDs, die mit dem Namen der Lebensgef&#228;hrtin beschriftet sind und den Sex mit Fremden zeigen.<\/p>\n<p>In einer Antwort auf eine zweite Anfrage der Gr&#252;nen bestreitet der Justizminister im April 2021 die Existenz solcher Videos. Das ist nachweislich falsch.<\/p>\n<p>Auch die Beziehung zu seiner langj&#228;hrigen Partnerin Katharina (Name ge&#228;ndert), die er zeitlich vor der Nebenkl&#228;gerin f&#252;hrte, war von Gewalt gepr&#228;gt. Laut Akte hat schon Katharina 2004 den Professor wegen sexueller N&#246;tigung angezeigt. Auch sie sprach von Bedrohungen, Freiheitsberaubungen, davon, dass sie mit Gegenst&#228;nden geschlagen wurde.<\/p>\n<p>Ein in der Akte beigef&#252;gter Krankenbericht ihres Internisten dokumentiert H&#228;matome und einen Rippenbruch. Sp&#228;ter hat Katharina die Anzeige zur&#252;ckgezogen, die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Bose sie mit dem Entzug des Sorgerechts des gemeinsamen Sohnes unter Druck gesetzt habe. Auffallend sind die in der Akte dokumentierten N&#246;tigungsmuster in allen drei F&#228;llen (Martina, Katharina und der Nebenkl&#228;gerin), die das Gericht nicht erkennen konnte.<\/p>\n<p>W&#228;hrend das Gericht die pers&#246;nlichen Angaben der Zeugin nicht ernst nimmt, bewertet es die von Bose selbst dann als \u201eglaubhaft\u201c, wenn es grotesk erscheint. So hat Bose, laut toxikologischem Gutachten, insgesamt 46 illegale oder verschreibungspflichtige Substanzen konsumiert, die alle bei ihm zuhause gefunden wurden.<\/p>\n<p>Harte Drogen wie Kokain, Heroin, LSD, Ecstasy und Ketamin, K.o.-Tropfen, Cannabis, Opioide, Psychopharmaka, Aufputschmittel, in Deutschland nicht zugelassene russische Dopingmittel. Grund daf&#252;r seien, so Bose, seine diversen Erkrankungen wie ADHS, Schl&#228;frigkeit oder Depression.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2>\u201eLehrbuchbeispiel eines Polytoxikomanen\u201c<\/h2>\n<p>Das Gesundheitsamt bem&#228;ngelt in der Ermittlungsakte, dass die &#196;rzte des Professors dessen Selbstdiagnosen gar nicht nachgepr&#252;ft h&#228;tten, gleich mehrfach hei&#223;t es, sie seien \u201enicht ausreichend nachvollziehbar\u201c. Die Staatsanwaltschaft sah \u201eerhebliche Anhaltspunkte\u201c, dass die &#228;rztlichen Verschreibungen erschlichen, die Substanzen missbr&#228;uchlich eingenommen wurden und ermittelte gegen Boses &#196;rzte.<\/p>\n<p>Der Pharmakologe Professor Fritz S&#246;rgel, einer der bekanntesten deutschen Dopingexperten, spricht gegen&#252;ber unserer Zeitung vom \u201eLehrbuchbeispiel eines Polytoxikomanen, eines Mehrfachabh&#228;ngigen\u201c. Und das Gericht? Stellte im Urteil fest, dass Professor Bose den Missbrauch eingestellt habe.<\/p>\n<p>F&#252;r die Einweisung in eine Entziehungsanstalt m&#252;sse ein Hang, berauschende Mittel im &#220;berma&#223; zu sich zu nehmen, Voraussetzung sein. Ein solcher Hang bestehe \u201ejetzt nicht mehr\u201c. Das Gericht behauptet das einfach, belegt ist es nicht.<\/p>\n<p>Dar&#252;ber hinaus offenbart die Ermittlungsakte ein Abh&#228;ngigkeitsgeflecht zwischen Bose und dem Kultusministerium, das delikat ist. Enthalten ist ein \u201eTop-Secret-Beschluss\u201c aus der Personalakte Boses vom November 1995, in dem der Professor schon einmal beschuldigt wurde, sexuell &#252;bergriffig geworden zu sein. In einer vierseitigen schriftlichen Stellungnahme informierte damals ein 16-j&#228;hriger Jungstudent die Hochschule, dass Bose ihn im Unterricht sexuell bedr&#228;nge.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h2>\u201eIch bin auf dich nicht angewiesen\u201c<\/h2>\n<p>Bereits beim ersten Treffen habe der Professor ihm das Angebot gemacht, bei ihm privat zu &#252;bernachten. Einmal forderte Professor Bose den damals noch 15-j&#228;hrigen Sch&#252;ler dazu auf, zu seiner Homosexualit&#228;t zu stehen, ein andermal soll Bose dem Sch&#252;ler erkl&#228;rt haben, dass er bereits von ihm getr&#228;umt habe, er k&#246;nne sich das alles sehr gut vorstellen mit ihm, seine Frau (Katharina) sei damit einverstanden.<\/p>\n<p>Das alles steht so in der Aussage von 1995. Als der ver&#228;ngstigte Jugendliche dem Professor sagt, dass er das nicht m&#246;chte, drohte Bose mit Nachteilen im Unterricht. Der Jungstudent zitiert ihn wie folgt: \u201eIch bin auf dich nicht angewiesen, ich brauche nur in ein Freibad gehen, einen Knaben finde ich immer!\u201c Oder: \u201eWenn einer der Bubis mit mir ein Spielchen treiben will, bin ich dazu gerne bereit\u201c.<\/p>\n<p>Mit \u201eBubis\u201c bezog sich Bose auf minderj&#228;hrige Jugendkomponisten, die im Rahmen des F&#246;rdervereins der \u201eJeunesses Musicales\u201c z Kompositionskursen auf Schloss Weikersheim eingeladen wurden \u2013 so auch der Jungstudent. Wenige Tage danach schrieb der Kanzler der Hochschule an den Musikbeauftragten im Ministerium, Dirk Hewig, einen Brief. Darin best&#228;tigte er dem Jungstudenten einen \u201eglaubw&#252;rdigen Eindruck, Widerspr&#252;che traten trotz einiger Fangfragen nicht auf\u201c.<\/p>\n<p>Nach einem Telefonat mit Bose best&#228;tigte auch die Klavierlehrerin des Jungstudenten den Eindruck ihres Sch&#252;lers und warnte die Hochschule in einem Brief vor ihrem Professor.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was tat die Staatsanwaltschaft? <\/strong><\/p>\n<p>Ende Januar 1996 sollte der Jungstudent seine Aussage, ohne Eltern und Anwalt, im Ministerium best&#228;tigen. Das Protokoll dieser Unterredung unterscheidet sich von dem aus der Hochschule dadurch, dass das Bem&#252;hen erkennbar wird, dem minderj&#228;hrigen Sch&#252;ler eine Mitschuld an Boses Verhalten hineinzuredigieren.<\/p>\n<p>Im Zuge des aktuellen Bose-Verfahrens wurde der Jungstudent von damals 2015 noch einmal zu seinem Fall befragt, er zeigte sich ver&#228;rgert dar&#252;ber, \u201eals h&#228;tte ich den Hans angemacht. Ich wei&#223; auch noch, dass ich gerne das ein oder andere korrigiert h&#228;tte\u201c, etwa dass er sich \u201eopportunistisch\u201c verhalten haben soll. Warum die Staatsanwaltschaft aufgrund eines Anfangsverdachts nicht von sich aus ermittelt hat und welche Rolle das Protokoll aus dem Ministerium dabei gespielt hat, ist bis heute ungekl&#228;rt.<\/p>\n<p>Seine neuerlichen Aussagen decken sich auch zwanzig Jahre sp&#228;ter mit dem, was er schon 1995 zu Protokoll gegeben hat, und zeichnen das Bild eines Professors, der offensiv sexuelle Beziehungen zu seinen jungen, m&#228;nnlichen Studenten suchte. In der Akte sind Protokolle von 25 Studenten dokumentiert, sechs von ihnen geben den Sex mit Bose offen zu. Der ehemalige Jungstudent erinnert sich 2015, dass Bose ihn einmal zuhause nur in Boxershorts bekleidet zum Unterricht empfangen und \u201eeine Latte geschoben\u201c habe.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie ist das denkbar? <\/strong><\/p>\n<p>F&#252;r Professor Bose hatte all das keinerlei Konsequenzen. Auch dem eindeutigen Hinweis, dass es w&#228;hrend der Jugendkurse in Weikersheim zu einem Missbrauch von Schutzbefohlenen gekommen sein k&#246;nnte, wurde nicht nachgegangen. Der Gr&#252;nder und langj&#228;hrige Leiter des Programms, Martin Christoph Redel, best&#228;tigt, dass er von Polizei oder Staatsanwaltschaft nie dazu befragt worden sei. Professor Bose war in den Folgejahren auch weiterhin Dozent in Weikersheim. Wie ist das denkbar?<\/p>\n<p>Im Oktober 1992 wurde Hans-J&#252;rgen von Bose von Kultusminister Hannes Zehetmair zum Professor berufen, keine vier Jahre sp&#228;ter hat sein Ministerium die schon erw&#228;hnte Bose-Oper \u201eSchlachthof 5\u201c im Sommer 1996 zur Er&#246;ffnung der M&#252;nchner Opernfestspiele mit 100.000 Mark finanziert. Zwischen Premiere und Aussage des Jungstudenten lagen exakt f&#252;nf Monate. H&#228;tte das Ministerium dem Jungstudenten Glauben geschenkt, h&#228;tte man die Opernpremiere kaum wie geplant durchf&#252;hren k&#246;nnen, eine Absage w&#228;re ein veritabler Kulturskandal gewesen.<\/p>\n<p>Auf Nachfrage verweist das Ministerium heute auf \u201eteils kontr&#228;re Aussagen\u201c des Jungstudenten, eine \u201edienstrechtlich relevante Pflichtverletzung\u201c habe nicht vorgelegen. Als Hans-J&#252;rgen von Bose nach einer Fr&#252;hpensionierung im Wintersemester 12\/13 an die Musikhochschule zur&#252;ckkehrte, wurde ihm umgehend wieder ein minderj&#228;hriger Jungstudent zugewiesen. Dirk Hewig hatte der Hochschule genau davon abgeraten, wie aus einem Protokoll der Hochschulleitung vom Juni 2013 hervorgeht. Ungekl&#228;rt sind auch Sonderzahlungen in H&#246;he von 7500 Euro an Bose aus dieser Zeit, die die Hochschule auf Nachfrage nicht erkl&#228;ren wollte.<\/p>\n<p>Dezember 2020, Freispruch f&#252;r Professor Hans-J&#252;rgen von Bose vom Hauptvorwurf der Vergewaltigung. Sechs Jahre Verfahren, das mit einer vom Gericht best&#228;tigten \u201erechtsstaatswidrigen\u201c Verz&#246;gerung endet, von der am Ende nur der Angeklagte profitiert: seine Strafe wird reduziert und die \u201eGlaubhaftigkeit\u201c der Zeugin in Zweifel gezogen. Seine Revision begr&#252;ndet Nebenklageanwalt Roland Weber damit, dass die Verzerrungen der Zeugin im Bose-Verfahren unerheblich seien, weil sie mit dem eigentlichen Tatgeschehen nichts zu tun gehabt haben, der Missbrauch nachweislich stattgefunden habe.<\/p>\n<p>\u201eDieser Fall ist superexemplarisch\u201c, erkl&#228;rt Weber. \u201eDie jahrelange Unt&#228;tigkeit des Gerichts wird dem Opfer vorgeworfen, ihre Erinnerung w&#228;re nach all der Zeit verzerrt. Damit kann kein Missbrauch mehr verurteilt werden. F&#252;r den Rechtsstaat ist es ein Armutszeugnis, wenn Opfer vor Gericht noch einmal zum Opfer gemacht werden.\u201c Eine Entscheidung des BGH wird bis Herbst erwartet.<\/p>\n<p><u>Wie kam es zum \u201eFreispruch\u201c f&#252;r Hans-J&#252;rgen von Bose?<\/u><\/p>\n<h1>3) \u201eM&#252;nchner Verh&#228;ltnisse\u201c<\/h1>\n<p>Der Komponist und M&#252;nchner Hochschulprofessor Hans-J&#252;rgen von Bose hat es jetzt h&#246;chstrichterlich: Er hat nichts gemacht! Nichts, was man in einem Rechtsstaat bayerischer Auffassung unter Strafe stellen kann. Oder soll man sagen: stellen will? Der Sex gegen den Willen des Opfers (die Schwester eines Studenten) wurde vom Landgericht M&#252;nchen festgestellt, dass es keine Vergewaltigung war ebenso. Am Ende z&#228;hlen etwas mehr als f&#252;nf Gramm Kokain, sechs Monate auf Bew&#228;hrung, das Urteil ist gleicherma&#223;en erstaunlich wie rechtskr&#228;ftig.<\/p>\n<p>Die Verwerfung der Revision durch den BGH Ende Juli war ein weiterer Meilenstein in der langen Erfolgskarriere von Strafverteidiger Steffen Ufer, nicht weniger als eine lebende Legende im bundesdeutschen Justizwesen. Ufer, 80 Jahre alt, war Boses Wahlverteidiger. Zusammen mit dem mindestens ebenso alten Pflichtverteidiger Wolfgang Bendler (&#252;ber sein genaues Alter schwieg sich Bendler w&#228;hrend des Prozesses im Dezember 2020 aus) waren sie die Doppelspitze des juristischen Catenaccios f&#252;r ihren Mandanten Professor Bose, ein ehemals ber&#252;hmter Komponist. Auch wenn Sie beide vor Gericht nicht mehr jeder Aussage jedes Zeugen akustisch folgen konnten (Bendler zu einem Zeugen: &#8222;K&#246;nnten Sie etwas lauter sprechen?&#8220;), 160 Jahre juristische Kompetenz sind in M&#252;nchen eine unschlagbare Expertise. Und jetzt also der Bundesgerichtshof, der im Urteil keine relevanten Rechtsfehler entdecken konnte, bei so vielen Widerspr&#252;chen und Wundersamkeiten im Verfahrensverlauf und in der Bewertung der Tatumst&#228;nde muss man das \u201eIm Namen des Volkes\u201c erstmal hinkriegen.<\/p>\n<p>Einer dieser zahlreichen, bis heute kaum beachteten Widerspr&#252;che des Verfahrens ist der Umstand, dass sich in dem sechsj&#228;hrigen Verfahren nicht nur ein ber&#252;hmter Wahlverteidiger um Professor Bose k&#252;mmerte, eben jener Steffen Ufer, einer der teuersten Strafverteidiger des Landes (wer ihn bezahlte ist unklar; Professor Bose gab vor Gericht an, verschuldet zu sein), sondern abwechselnd auch noch drei (in Worten: drei) Pflichtverteidiger. Pflichtverteidiger m&#252;ssen vom Steuerzahler bezahlt werden. Warum Professor Bose das erlaubt wurde, das hat das M&#252;nchner Landgericht bis heute nicht hinreichend erkl&#228;rt. Der Sprecher des Gerichts erkl&#228;rt, dass man die Beiordnung von Pflichtverteidigern grunds&#228;tzlich sehr rigide handhabe, um die &#246;ffentliche Kasse zu entlasten, insofern sei der Fall Bose \u201eun&#252;blich\u201c. Nebenklageanwalt Roland Weber, Opferbeauftragter des Landes Berlin, sagt, er habe es in seiner &#252;ber 20-j&#228;hrigen Laufbahn &#252;berhaupt noch nicht erlebt, dass einem Angeklagten drei Pflichtverteidiger erlaubt worden seien. Auf der anderen Seite hat Steffen Ufer w&#228;hrend der Verhandlungstage auf den Gerichtsfluren stolz erz&#228;hlt (dem Nebenklageanwalt genauso wie dem Autor dieses Textes), wie gut er die dritte Strafkammer des M&#252;nchner Landgerichts I kenne, wie gut er mit dem beisitzenden Richter Michael Sch&#246;nauer bekannt sei. Wie es der Zufall will: Eben diesem Richter Sch&#246;nauer hatte Ufers Kanzlei in einem Telefonat vom 9. M&#228;rz 2016 mitgeteilt, dass Boses Wahlverteidigung nicht gesichert sei und um die Bestellung eines zus&#228;tzlichen Pflichtverteidigers gebeten. Ufer war offensichtlich der Meinung, dass Bose ihn nicht mehr bezahlen kann. In so einem Fall gibt ein Wahlverteidiger gew&#246;hnlich sein Mandat zur&#252;ck, Ufer aber hielt daran fest. Am 21. M&#228;rz 2016 verf&#252;gte der Vorsitzende Richter Anton Winkler, wie gew&#252;nscht, die Bestellung eines ersten Pflichtverteidigers f&#252;r Professor Bose, den dieser im Lauf des sechsj&#228;hrigen Verfahrens noch zweimal auswechseln sollte.<\/p>\n<p>Die Frage muss erlaubt sein: Geht das alles so einfach in einem Rechtsstaat? Zwei gute alte Bekannte, ein Richter, ein Anwalt und schon bezahlt die &#246;ffentliche Hand f&#252;r ein ehrenwertes Mitglied der M&#252;nchner Society zus&#228;tzlich einen Pflichtverteidiger, der noch vier Wochen zuvor mit Verweis auf Boses ber&#252;hmten Wahlverteidiger abgelehnt wurde? Mail des Autors an Ufer und Sch&#246;nauer: Ob Sie Ihre Bekanntschaft einmal genauer erkl&#228;ren k&#246;nnten, ob Ihr pers&#246;nliches Verh&#228;ltnis die Entscheidung des Gerichts beeinflusst habe, ob es private und berufliche Verquickungen gebe? Ufer reagiert emp&#246;rt, von einer etwaigen Freundschaft ist jetzt nicht mehr die Rede: \u201eIch habe mit Herrn Richter Sch&#246;nauer noch nie auch ein privates Wort gewechselt. Sie &lt;\u2026&gt; versuchen hier aus einigen Missverst&#228;ndnissen v&#246;llig unsinnig und f&#252;r meinen Mandanten b&#246;sartig nachzutreten! Wir k&#246;nnen diese Geschichte gern vor Gericht austragen. Das habe ich mir in 50 Jahren immer verkniffen , wenn ein Journalist daneben gelangt hat. Habe ich von mir aus auch nicht vor!\u201c In einer weiteren Mail schreibt Ufer: \u201eOffenkundig haben Sie nicht richtig zugeh&#246;rt. Ich war zu keinem Zeitpunkt mit Herrn Richter Sch&#246;nauer befreundet. Ich hatte nur ein f&#252;r M&#252;nchner Verh&#228;ltnisse normales offenes Verh&#228;ltnis zu einem fr&#252;heren Vorsitzenden, der erst die juristische Meinung teilte, dass das alte Recht nicht f&#252;r eine Hauptverhandlung reiche,\u2026\u201c.<\/p>\n<p>Ufer bezieht sich auf das alte Sexualstrafrecht, das 2016 versch&#228;rft wurde und auf den Vorsitzenden Richter Anton Winkler, der in den ersten vier Jahren ma&#223;geblich f&#252;r die Verz&#246;gerung des Verfahrens verantwortlich war.<\/p>\n<p>Bemerkenswerte Aussagen: \u201eEinige Missverst&#228;ndnisse\u201c, \u201eM&#252;nchner Verh&#228;ltnisse\u201c, einem Journalisten mit Klage drohen \u2013 so viel Insidersprech einer <em>Justitia Bavariae<\/em> h&#246;rt man sonst ja eher selten aus dem Mund eines &#252;ber jeden Zweifel erhabenen Starjuristen, der immerhin schon Uli Hoene&#223;, Ottfried Fischer oder Rainer-Werner Fassbinder verteidigt hat. Und was sagt Richter Sch&#246;nauer? \u201eAu&#223;erhalb der beruflichen Kommunikation anl&#228;sslich von Verfahren, in denen er (Ufer; d. Red.) als Verteidiger vor einer Kammer auftrat, der ich angeh&#246;rte\u201c, habe er, Sch&#246;nauer, keinen Kontakt zu Ufer gepflegt. &#8222;Ich bin daher nach meinem Wortverst&#228;ndnis nicht &#8218;gut bekannt&#8216; mit ihm und sicher nicht &#8218;befreundet&#8217;\u201c. Dem allgemeinen Verst&#228;ndnis nach sehr viele Worte daf&#252;r, dass beide schlicht und einfach nicht befreundet sind. Zu m&#246;glichen Interessenkonflikten &#8211; von Richter Sch&#246;nauer kein Wort.<\/p>\n<p>Interessant auch wie Steffen Ufer in einer weiteren Mail an den Autor offen erkl&#228;rt, dass er sich mit dem Vorsitzenden Richter Anton Winkler fr&#252;hzeitig einig gewesen sei, dass die Er&#246;ffnung des Verfahrens fraglich sei, dass Winkler seine, also Ufers, juristische Meinung teilte, dass das alte Sexualstrafrecht f&#252;r eine Hauptverhandlung nicht reiche. Tats&#228;chlich gibt es einen Schriftverkehr zwischen Ufer und Winkler, der das nahelegt, noch bevor die Polizeiermittlungen abgeschlossen waren und es &#252;berhaupt eine Anklage der Staatsanwaltschaft gab. Zu eben jenem Vorsitzenden Richter Anton Winkler hat Ufer, wie erw&#228;hnt, &#8222;ein f&#252;r M&#252;nchner Verh&#228;ltnisse normales offenes Verh&#228;ltnis&#8220;. Was auch immer das sein mag, ein \u201eM&#252;nchner Verh&#228;ltnis\u201c, die Verh&#228;ltnisse in Berlin, Hamburg, Frankfurt, K&#246;ln oder Leipzig sind offenbar andere. Zumindest muss das jede Frau hoffen d&#252;rfen, die in Zukunft eine mutma&#223;liche Vergewaltigung zur Anzeige bringen will. In seiner Autobiographie \u201eNicht Schuldig\u201c, w&#228;hrend des Verfahrens ebenfalls 2016 erschienen, hat Steffen Ufer sein Rechtsverst&#228;ndnis wie folgt formuliert: \u201eLieber 100 Schuldige laufen lassen, als einen Unschuldigen zu Unrecht einsperren\u201c.<\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Thilo Komma-P&#246;llath <\/em><\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" style=\"display:none\"><div class=\"ShariffHeadline\"> <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Die%20Bose-Collection%2C%20Chronik%20eines%20skandal%C3%B6sen%20Verfahrens https%3A%2F%2Fblogs.nmz.de%2Fbadblog%2F2021%2F10%2F12%2Fdie-bose-collection-chronik-eines-skandaloesen-verfahrens%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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Hans-J&#252;rgen von Bose, heute 67 Jahre alt, war in den 1980er und 90er Jahren ein ber&#252;hmter Komponist. Nicht wenige sahen in ihm den legitimen Erben Hans Werner Henzes, dem vielleicht bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. 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