{"id":19747,"date":"2019-04-28T14:57:16","date_gmt":"2019-04-28T12:57:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/?p=19747"},"modified":"2019-04-28T15:03:45","modified_gmt":"2019-04-28T13:03:45","slug":"wie-man-heute-ueber-neue-musik-schreibt-ein-beispielhafter-text","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2019\/04\/28\/wie-man-heute-ueber-neue-musik-schreibt-ein-beispielhafter-text\/","title":{"rendered":"Wie man heute &#252;ber Neue Musik schreibt. Ein beispielhafter Text."},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie man heute &#252;ber Neue Musik schreibt. Ein beispielhafter Text.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gerade eben habe ich meine Serie &#252;ber \u201e&#220;berkommene Strategien der Neuen Musik\u201c abgeschlossen, da lese ich die aktuelle Jurybegr&#252;ndung f&#252;r den diesj&#228;hrigen Ernst-von-Siemens-Musikpreis, der erfreulicherweise an die Komponistin Rebecca Saunders geht.<\/p>\n<p>Dieser Artikel ist in keiner Weise eine Kritik an diesem Text &#8211; wir alle (mich eingeschlossen) haben solche Formulierungen in Texten &#252;ber Neue Musik verwendet, und werden dies auch vermutlich weiterhin tun. Es ist auch nicht im Geringsten eine Kritik an Rebecca Saunders oder an ihrer sch&#246;nen und von mir gesch&#228;tzten Musik. Was mich interessiert hat ist, inwieweit diese Formulierungen bestimmten Strategien verpflichtet sind, die wir aktuell f&#252;r unverr&#252;ckbar \u201erichtig\u201c oder \u201ew&#252;rdig\u201c erachten, und ob diese Strategien vielleicht zu anderen Zeiten ganz anders ausgesehen h&#228;tten. F&#252;r mich ist das eine Diskussion dar&#252;ber, dass solche positiv artikulierten Attribute wesentlich mehr der Zeit, in der sie entstehen, verpflichtet sind, als wir es uns manchmal bewusst machen. Und vielleicht auch das Potential haben, Nicht-\u201cInsider\u201d zu befremden oder sogar abzuschrecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier der Text:<\/p>\n<div id=\"attachment_19748\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19748\" data-attachment-id=\"19748\" data-permalink=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2019\/04\/28\/wie-man-heute-ueber-neue-musik-schreibt-ein-beispielhafter-text\/saunders\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2019\/04\/saunders.jpg?fit=768%2C1024&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"768,1024\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"saunders\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Quelle: NMZ&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2019\/04\/saunders.jpg?fit=768%2C1024&amp;ssl=1\" class=\"size-medium wp-image-19748\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2019\/04\/saunders.jpg?resize=360%2C480&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2019\/04\/saunders.jpg?resize=360%2C480&amp;ssl=1 360w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2019\/04\/saunders.jpg?w=768&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/blogs.nmz.de\/badblog\/files\/2019\/04\/saunders.jpg?resize=600%2C800&amp;ssl=1 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><p id=\"caption-attachment-19748\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: NMZ<\/p><\/div>\n<p>Und im Folgenden ein paar Gedanken zu den verwendeten Formulierungen. <em>Wichtig: Ich verwende bei meiner Diskussion Vergleiche zu und Beispiele aus der Musik der Vergangenheit. Dies ist tats&#228;chlich der einzige Weg auf die Fl&#252;chtigkeit bestimmter \u201eStrategien\u201c oder positiver \u201eAttribute\u201c hinzuweisen, denn die Zukunft kann ich nicht kennen und es mir auch nicht anma&#223;en, so zu tun als w&#252;sste ich, was man in 50 Jahren in der Musik als \u201erichtig\u201c erachtet.<\/em><\/p>\n<p>Ich m&#246;chte aber betonen, dass f&#252;r mich keine Musik irgendeiner Epoche \u201ebesser\u201c oder \u201eschlechter\u201c ist als die aus anderen Epochen. Bach ist f&#252;r mich nicht \u201eweiter\u201c als Monteverdi, Chopin nicht \u201eweiter\u201c als Bach. Auch finde ich die Musik der Vergangenheit nicht \u201ebesser\u201c als die Musik von heute. Jede Epoche findet die Musik und den Ausdruck, der f&#252;r sie richtig ist, so war es, so ist es heute, und so wird es auch in Zukunft sein.<\/p>\n<p>Aber nun zu dem, was heute, 2019, in der Musik als &#8222;richtig&#8220; und preisw&#252;rdig erachtet wird:<\/p>\n<p><strong>\u201eproduktive Widerspr&#252;chlichkeit\u201c<\/strong>: diese Formulierung geht nat&#252;rlich von der Annahme aus, dass \u201eWiderspr&#252;chlichkeit\u201c produktiv ist. Dies basiert auf einem wichtigen Konzept der Neuen Musik im 20. Jahrhundert: sie ist meistens \u201eschwieriger\u201c als die g&#228;ngige Musik, die entweder klassisch\/historisch (schon bekannt, also nicht mehr \u201ewiderspr&#252;chlich\u201c) oder kommerziell und leicht verdaulich ist. Das \u201eSchwierige\u201c steht also im Widerspruch zur allgemein verbreiteten Musik, daher wird dieser Widerspruch als eigene Qualit&#228;t und als Hoheitsmerkmal umgedeutet. Umgekehrt daraus ergibt sich, dass anscheinend fehlende \u201eWiderspr&#252;chlichkeit\u201c auch geringere Qualit&#228;t beinhaltet. Die \u201eWiderspr&#252;chlichkeit\u201c ist also erstrebenswert, die Unbequemlichkeit wird zum geforderten Attribut, die Komponistin muss den Widerspruch fordern, um wahrgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Dies gilt nat&#252;rlich nur im 20. Jahrhundert &#8211; vorher wurde der Widerspruch keineswegs als wichtiges Attribut gefordert, es ist ein Attribut, das fast der gesamten klassischen Musik vor 1900 komplett abgeht. F&#252;r Beethoven, H&#228;ndel, Schubert usw. war das \u201eWiderspr&#252;chliche\u201c keineswegs ein &#228;sthetisches Kriterium, auch wenn man nat&#252;rlich im Nachhinein Widerspr&#252;chliches in ihre Werke hineininterpretieren kann, ist es ganz sicher nicht so, dass Widerspr&#252;chlichkeit oder zur Schau gestelltes Aufbegehren bei der Komposition eine Rolle spielte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eVielfalt klangfarblicher Nuancen\u201c<\/strong>: die dezidierte Anwendung interessanter klangfarblicher Nuancen als kompositorisches Hauptziel beginnt erst im 20. Jahrhundert und existiert als positiver Topos bis heute. Vorher &#8211; und das auch erst ungef&#228;hr seit der Wiener Klassik &#8211; spielt zwar die Beherrschung der klangfarblichen Nuancen (also die richtige Instrumentation f&#252;r einen intendierten Ausdruck zu finden) eine Rolle, steht aber nie im Zentrum der Komposition. In der Renaissance sind die Instrumente komplett austauschbar, noch bis in die Romantik hinein sind Komponisten jederzeit bereit, dieselbe Komposition gespielt durch zwei vollkommen verschiedene Instrumente (wie zum Beispiel Bratsche statt Klarinette oder umgekehrt) als gleich g&#252;ltig und dem Werk \u201ctreu\u201d zu empfinden, ebenso wie auch z.B. Bearbeitungen f&#252;r Klavier. Die \u201eVielfalt klanglicher Nuancen\u201c spielt f&#252;r Komponisten von Haydn bis Brahms keinerlei Rolle, sie verwenden sogar &#228;hnliche standardisierte und sich nur leicht ver&#228;ndernde Standardinstrumentationen f&#252;r ihre Einf&#228;lle, was aber die musikalisch gro&#223;artige Wirkung ihrer Musik nicht im geringsten schm&#228;lert. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird begonnen, die klangliche Verfeinerung als einen wichtigen qualitativen Eigenwert zu betrachten, wobei aber auch hier bis heute vor allem die Werke bestehen, die au&#223;er der \u201eVielfalt klangfarblicher Nuancen\u201c noch anderes zu bieten haben, zum Beispiel gute Einf&#228;lle. Ohne \u201eklangfarbliche Nuancen\u201c sind diese aber anscheinend heute nicht mehr so wertvoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eunverwechselbare Klangsprache\u201c<\/strong>: auch der Begriff \u201eKlangsprache\u201c geht auf die Idee zur&#252;ck, dass ein unverwechselbarer \u201eSound\u201c essentiell f&#252;r die Qualit&#228;t einer Komponistin ist. Im Barock h&#228;tte die Idee einer \u201eKlangsprache\u201c, die sich radikal von der g&#228;ngigen Klanglichkeit absetzt, wahrscheinlich allgemeines Unverst&#228;ndnis geerntet, da \u201eindividuelle Klangsprache\u201c kein Kriterium war, das irgendeine Rolle spielte, die Vorstellung von \u201ePr&#228;chtigkeit\u201c oder \u201eOpulenz\u201c dagegen sicherlich schon. Das Fehlen einer \u201eunverwechselbaren Klangsprache\u201c stellt aber in keiner Weise ein Manko der Musik bis zum 20. Jahrhundert dar, da stattdessen andere Aspekte im Vordergrund stehen, zum Beispiel Deutlichkeit der Form, melodische und harmonische Erfindungskraft oder gro&#223;e emotionale Wirkung. All dies resultiert in einer \u201eunverwechselbaren\u201c Tonsprache, bei zum Beispiel Beethoven, die sehr charakteristisch ist, aber keineswegs allein am \u201eKlang\u201c festzumachen ist.<\/p>\n<p>Die Idee einer \u201eunverwechselbaren\u201c Klangsprache scheint wie eine Reaktion auf die zunehmende Bedeutung von \u201eCopyrights\u201c oder \u201ePatenten\u201c in der Lebenswirklichkeit des 20. Jahrhunderts zu sein &#8211; der Komponist macht sich erkennbar durch seine sofortige Identifizierbarkeit mit einem bestimmten \u201eSound\u201c oder einer bestimmten \u201eKlangbehandlung\u201c, dies wiederum tr&#228;gt zur Verbreitung seines Werkes bei. Bei Lachenmann assoziiert man zum Beispiel sofort besondere Spieltechniken, er wird auch damit identifiziert und mnemonisch so (vereinfacht) abgespeichert.<\/p>\n<p>Interessanterweise spielt in der Popmusik der \u201eSound\u201c auch eine gro&#223;e Rolle, allerdings nicht immer dessen Unverwechselbarkeit. Eine Hip-Hop-Band z.B. sucht nicht einen vollkommen anderen \u201eSound\u201c, sondern eher einen \u201eintensiveren\u201c Sound als alle anderen Hip-Hop-Bands. W&#252;rden sie n&#228;mlich den Hip-Hop-\u201eSound\u201c komplett durch einen den H&#246;rern unbekannten \u201eSound\u201c ersetzen, w&#252;rden sie sofort aus dem Genre fallen, was nur die wenigsten Bands anstreben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201esichtbare\u201c und bedeutende Spuren<\/strong>: das Setzen von \u201esichtbar\u201c in Anf&#252;hrungszeichen ist interessant, denn es geschieht wohl, weil man das Wort \u201eh&#246;rbar\u201c (das auf den ersten Blick angebrachter erscheinen w&#252;rde, denn wie will man vornehmlich Musik wahrnehmen au&#223;er sie zu h&#246;ren?) vermeiden wollte. Es passt aber ganz ins Bild des Selbstverst&#228;ndnisses der Neuen Musik, die sich der Dominanz des \u201eVisuellen\u201c in unseren Medien angepasst hat. Eine Komponistin wird erst durch die Sichtbarkeit \u201ebedeutend\u201c &#8211; sie muss eindr&#252;ckliche Partituren schreiben, die man betrachten kann, und es muss &#252;ber sie Geschriebenes gelesen werden &#8211; Das Erlebnis des \u201eH&#246;rens\u201c (vormals Hauptziel kompositorischer Anstrengungen) ist dem anscheinend hierarchisch untergeordnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eentsteht durch Ausprobieren und Experimentieren\u201c<\/strong>: Dieser Topos entspringt dem im 20. Jahrhundert entstandenen Selbstbild der Komponisten als \u201eForscher\u201c oder \u201eWissenschaftler\u201c. Wer nicht best&#228;ndig versucht, Neuland zu betreten, wer nicht st&#228;ndig und unabl&#228;ssig ausprobiert und experimentiert ist also anscheinend weniger \u201ebedeutend\u201c und preisw&#252;rdig als diejenigen, die es tun. In den Jahrhunderten vorher spielte der Begriff des \u201eExperimentierens\u201c keinerlei Rolle, auch wenn viele Komponisten dies auf der Suche nach einem neuen Ausdruck nat&#252;rlich taten, allerdings nie mit der Begr&#252;ndung sie wollen \u201eausprobieren\u201c oder \u201eexperimentieren\u201c. Ziel f&#252;r historische Komponisten war nie die Erschaffung eines durch blo&#223;es \u201cExperimentieren\u201d vielleicht unfertigen oder unperfekten Werkes &#8211; dies wurde allerh&#246;chstens in einem Gelegenheitswerk oder einer \u201cBagatelle\u201d versucht, war aber nie Ziel gro&#223;er k&#252;nstlerischer Anstrengung. Der Begriff \u201eexperimentell\u201c spielt erst in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine Rolle und wird r&#252;ckwirkend oft falsch auf die vorherige Musik angewandt. Bachs \u201eWohltemperiertes Klavier\u201d wird zum Beispiel heute als \u201cexperimentelles\u201d Werk angesehen, in dem die neuen M&#246;glichkeiten der temperierten Stimmung ausgereizt wurden, Bach dagegen versuchte nur, das von ihm auf genial hohem Niveau im Grunde sehr traditionell gehandhabte Material der kontrapunktischen Technik durch die neuen Mittel zur h&#246;chsten gottgef&#228;lligen Vollendung zu bringen. Ein heutiger \u201cBach\u201d-Typus als Komponist w&#252;rde dagegen als eher r&#252;ckst&#228;ndig und hinterw&#228;ldlerisch angesehen werden, man stelle sich zum Beispiel einen Komponisten vor, der mit modernsten live-elektronischen Mitteln (z.B. der Strobel-Stiftung oder IRCAM) tonale aber h&#246;chst raffinierte Symphonien traditioneller Machart verfassen wolle. Dieser Ansatz w&#228;re z.B. mit Bach zu vergleichen, w&#252;rde aber verlacht werden.<\/p>\n<p>Heute stehen Komponisten vor dem Dilemma, einerseits stets \u201cexperimentelle\u201d Musik komponieren zu m&#252;ssen (was deswegen besonders schwierig ist, weil es sich als &#228;sthetischer Eigenwert schnell verbraucht und an nat&#252;rliche Grenzen kommt, was zum Beispiel die schon seit Jahrzehnten ausgereizten \u201calternativen Spieltechniken\u201d beweisen), andererseits aber bei diesem \u201cAusprobieren\u201d nie so zu scheitern, dass es nicht mehr als \u201cWerk\u201d wahrgenommen wird. In Interviews und St&#252;cktexten sprechen Komponisten daher oft vom \u201cVersuch\u201d, wie um sich vorher schon abzusichern gegen die Wahrnehmung von Hybris oder Selbst&#252;bersch&#228;tzung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201csensibles Balancieren zwischen Stille, Ger&#228;usch und Ton\u201d<\/strong> &#8211; \u201cStille\u201d spielte in der Musik vor ca. 1950 keinerlei Rolle als Eigenwert, eigentlich erst mit Cage wird die Stille &#8211; also die Antithese des Klanges, die selbst wieder unvermuteten Klang beinhaltet &#8211; zur Diskussion gestellt und h&#228;ufig benutztes deskriptives Wort f&#252;r z.B. Musik der sogenannten \u201cNeuen Einfachheit\u201d wie zum Beispiel bei der Musik von Killmayer oder P&#228;rt, hier sehr oft verstanden als \u201cerf&#252;lltes\u201d Nachklingenlassen (auch innerliches Nachklingenlassen des H&#246;rers) eines klanglich isolierten Ereignisses wie z.B. einem einzelnen Ton. Die omin&#246;se und bedeutungsaufgeladene \u201eStille zwischen den T&#246;nen\u201c ist eines der hartn&#228;ckigsten Klischees der Neuen Musik, und wird immer wieder &#8211; leider oft erfolglos &#8211; wie ein Zaubertrick herbeibeschworen, daher enden so viele Gesten zeitgen&#246;ssischer Kompositionen stets unerf&#252;llt und abgebrochen mittendrin, da man die \u201eErf&#252;llung\u201c &#8211; also das konsequente zu Ende denken eines Einfalls &#8211; als zu \u201ebanal\u201c empfinden w&#252;rde. Das w&#252;rde man dann auch heute unter einem \u201esensiblen Balancieren zwischen Stille, Ger&#228;usch und Ton\u201c verstehen, eine Formulierung, die selbst bei einem Robert Schumann nur ein verwundertes Stirnrunzeln hervorgerufen h&#228;tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201cunverkennbare Klangsprache\u201d<\/strong>: erneute Beschw&#246;rung dieses Topos, siehe oben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201cwirkungsvolle Spannungsverl&#228;ufe und expansive Klangarchitekturen\u201d<\/strong>: mit dem Begriff \u201cSpannungsverl&#228;ufe\u201d h&#228;tten Komponisten vergangener Epochen tats&#228;chlich etwas anfangen k&#246;nnen, mit \u201cexpansiven Klangarchitekturen\u201d dagegen nicht. \u201cArchitektur\u201d r&#252;ckt die Komponistin wieder in die N&#228;he einer technischen Methode, sofort assoziiert man Begriffe wie \u201cStatik\u201d, \u201cGrundriss\u201d oder \u201cPlan\u201d. \u201cExpansiv\u201d muss das Ganze nat&#252;rlich sein, denn sonst ist nicht eindr&#252;cklich genug, sofort denkt man an gigantische komplexe Partituren, die Dirigenten auf die Pulte wuchten m&#252;ssen, und die alle mit Staunen erf&#252;llen.<\/p>\n<p>Dass \u201cexpansive Klangarchitekturen\u201d keineswegs fr&#252;her ein Qualit&#228;tskriterium waren, und es eines Tages sicher auch nicht mehr sein werden, versteht sich von selbst. Dieses Attribut z.B. auf die Musik eines Chopin anzuwenden w&#228;re geradezu absurd, gen&#252;gen diesem doch fast durchgehend zwei Notenzeilen, um einen riesigen musikalischen Kosmos f&#252;r zwei Klavier spielende H&#228;nde zu erzeugen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201ceine gro&#223;e Vielfalt farblicher Nuancen, ungew&#246;hnlicher Spieltechniken, variabler Raumeindr&#252;cke und origineller Texturen\u201d<\/strong>: hier wird noch einmal alles an positiven Attributen aufgeboten, was sich vorher schon andeutete. Die Komponistin muss alles beherrschen &#8211; wie beim Vorspann der alten Fernsehserie \u201cOuter Limits\u201d muss sie nicht nur den \u201cSound\u201d kontrollieren, sondern auch die Stille zwischen den Sounds, den Raum, die Zeit, die T&#246;ne \u201czwischen den T&#246;nen\u201d (= Ger&#228;usche), das alles m&#246;glichst farbig, vielf&#228;ltig, selbstredend \u201cungew&#246;hnlich\u201d (auf keinen Fall darf auch nur eines dieser Elemente \u201cgew&#246;hnlich\u201d sein, was dann auch wieder das Potential f&#252;r eine wiederum gew&#246;hnliche Form der Ungew&#246;hnlichkeit in sich birgt). Wohin diese stets voranschreitende Verfeinerung in der Zukunft f&#252;hren k&#246;nnte, kann man sich spa&#223;eshalber ausmalen. Schon ein Skrjabin experimentierte mit Farbenorgeln, viele Komponisten komponieren inzwischen die Beleuchtung ihrer Urauff&#252;hrungen mit, bald werden sie auch die St&#252;hle f&#252;r die Zuh&#246;rer designen, die Zuh&#246;rer perfekt mittels bestimmter Rituale auf die Auff&#252;hrung einstimmen (was schon Wagner und Stockhausen w&#252;nschten) bis hin zur ideellen totalen Kontrolle &#252;ber die Auff&#252;hrungssituation, bei der nichts mehr dem Zufall &#252;berlassen ist, kein Detail mehr anders klingt oder wirkt als vom Komponisten vorgesehen und der Zuh&#246;rer exakt das Intendierte erlebt, am besten staunend und ohne Widerspruch.<\/p>\n<p>Dem entgegen st&#252;nden z.B. die Konzepte eines m&#252;ndigen und autonomen H&#246;rens (das z.B. ein Beethoven stets voraussetzt), m&#252;ndiger Interpreten oder auch die M&#246;glichkeit, sich auf einige Parameter zu konzentrieren, um gr&#246;&#223;ere Deutlichkeit oder Intensit&#228;t zu erlangen. Was ist mit den vornehmlich melodischen, harmonischen oder rhythmischen Komponisten, sind sie minderwertiger, weil sie nicht stets alle Parameter gleichzeitig bedienen? Reger war kein guter Rhythmiker, Mozart kein Meister des Kontrapunkts, Schumann und Chopin interessierten sich fast nicht f&#252;r Klangfarben oder Orchestration, nimmt das auch nur einen Jota von der Bedeutung ihrer jeweiligen Oeuvres? Selbst das sensationslustigste Kinopublikum will nicht st&#228;ndig \u201c4D\u201d-Filme sehen, bei denen nicht nur dreidimensionale Bilder verwendet werden, sondern man auch noch zus&#228;tzlich angepustet, angespritzt oder mit D&#252;ften bombardiert wird (wer jemals in Eurodisney oder dem Fantasialand war, wei&#223;, was ich meine&#8230;). Auch in der Literatur w&#252;rde man von keinem Autoren verlangen, alles gleich gut zu k&#246;nnen: Essays, Romane, Kurzgeschichten, Aphorismen, Gedichte, Theaterst&#252;cke&#8230;selbst Giganten wie Shakespeare oder Goethe beherrschten nicht alle Mittel, alle Farben, alle Genres oder Methoden, ohne dass dies ihre Bedeutung schm&#228;lert. Das Klischee von der Notwendigkeit der absoluten Gleichberechtigung und Verfeinerung absolut aller Elelemente einer Komposition geht nat&#252;rlich auf die Idee der \u201cgleichberechtigten\u201d 12-Ton-Reihe und ihre philosophische Interpretation durch Adorno zur&#252;ck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlusswort: wie schon erw&#228;hnt geht es mir nicht um eine Kritik des obigen Textes, sondern allein um eine beispielhafte Bestandaufnahme aktueller Topoi zeitgen&#246;ssischer Musik. Diese sind einerseits nicht auf die gro&#223;e Musik der Vergangenheit anwendbar, aber auch ganz sicher nicht auf die gro&#223;e Musik der Zukunft, die wieder neue Qualit&#228;tskriterien herausbilden wird (und dies auch muss, damit es nicht mit der Musik an sich zu Ende geht). Je bewusster wir uns werden, wie fl&#252;chtig diese Kriterien sind, desto wagemutiger werden wir vielleicht in ihrer Beurteilung und Anwendung. Und darin liegt die gr&#246;&#223;te Hoffnung f&#252;r eine Musik der Zukunft, nicht in der st&#228;ndigen Best&#228;tigung von dem, was aktuell \u201crichtig\u201d ist. Oder anders gesagt: wenn man wirklich \u201cneu\u201d komponiert, wird dies auf jeden Fall als \u201cfalsch\u201d wahrgenommen werden. Dazu muss man dann auch stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Moritz Eggert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Mit Dank an Elisabeth Champollion f&#252;r das Fundst&#252;ck)<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" style=\"display:none\"><div class=\"ShariffHeadline\"> <\/div><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Wie%20man%20heute%20%C3%BCber%20Neue%20Musik%20schreibt.%20Ein%20beispielhafter%20Text. https%3A%2F%2Fblogs.nmz.de%2Fbadblog%2F2019%2F04%2F28%2Fwie-man-heute-ueber-neue-musik-schreibt-ein-beispielhafter-text%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#6364FF; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"75\" height=\"79\" viewBox=\"0 0 75 79\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\"><path d=\"M37.813-.025C32.462-.058 27.114.13 21.79.598c-8.544.621-17.214 5.58-20.203 13.931C-1.12 23.318.408 32.622.465 41.65c.375 7.316.943 14.78 3.392 21.73 4.365 9.465 14.781 14.537 24.782 15.385 7.64.698 15.761-.213 22.517-4.026a54.1 54.1 0 0 0 .01-6.232c-6.855 1.316-14.101 2.609-21.049 1.074-3.883-.88-6.876-4.237-7.25-8.215-1.53-3.988 3.78-.43 5.584-.883 9.048 1.224 18.282.776 27.303-.462 7.044-.837 14.26-4.788 16.65-11.833 2.263-6.135 1.215-12.79 1.698-19.177.06-3.84.09-7.692-.262-11.52C72.596 7.844 63.223.981 53.834.684a219.453 219.453 0 0 0-16.022-.71zm11.294 12.882c5.5-.067 10.801 4.143 11.67 9.653.338 1.48.471 3 .471 4.515v21.088h-8.357c-.07-7.588.153-15.182-.131-22.765-.587-4.368-7.04-5.747-9.672-2.397-2.422 3.04-1.47 7.155-1.67 10.735v6.392h-8.307c-.146-4.996.359-10.045-.404-15.002-1.108-4.218-7.809-5.565-10.094-1.666-1.685 3.046-.712 6.634-.976 9.936v14.767h-8.354c.109-8.165-.238-16.344.215-24.5.674-5.346 5.095-10.389 10.676-10.627 4.902-.739 10.103 2.038 12.053 6.631.375 1.435 1.76 1.932 1.994.084 1.844-3.704 5.501-6.739 9.785-6.771.367-.044.735-.068 1.101-.073z\"\/><defs><linearGradient id=\"paint0_linear_549_34\" x1=\"37.0692\" y1=\"0\" x2=\"37.0692\" y2=\"79\" gradientUnits=\"userSpaceOnUse\"><stop stop-color=\"#6364FF\"\/><stop offset=\"1\" stop-color=\"#563ACC\"\/><\/linearGradient><\/defs><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\">teilen<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button bluesky shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#84c4ff\"><a href=\"https:\/\/bsky.app\/intent\/compose?text=Wie%20man%20heute%20%C3%BCber%20Neue%20Musik%20schreibt.%20Ein%20beispielhafter%20Text. https%3A%2F%2Fblogs.nmz.de%2Fbadblog%2F2019%2F04%2F28%2Fwie-man-heute-ueber-neue-musik-schreibt-ein-beispielhafter-text%2F \" title=\"Bei Bluesky teilen\" aria-label=\"Bei Bluesky teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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