Fridays for Opera

Fridays for Opera

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Es ist kein Geheimnis, dass ich viele Sympathien für die jungen Menschen habe, die sich trotz endloser Frustrationen und ergebnislosen Klimakonferenzen beharrlich für eine bessere Umweltpolitik einsetzen. Und sehr wenig Sympathien für die Menschen, die nicht eins und eins zusammenzählen können und meinen, dass ihnen das alles schnurz sein kann.

Letztlich geht es bei all diesen Themen um Nachhaltigkeit. Wie können wir unsere knappen und nicht unendlichen Ressourcen immer effizienter und vorsichtiger einsetzen, ohne einen Raubbau zu betreiben, der nicht mehr umzukehren ist? Das ist eine absolut drängende Frage und ein Thema, das auf diesem Planeten zunehmend wichtig wird, jetzt, wo es langsam immer enger wird und immer mehr Menschen ein Recht auf ein Leben ohne Hunger und von Menschen verschuldeten oder verschlimmerten Naturkatastrophen haben.

Nur weil die ältere Generation nicht mehr ganz so lange dabei sein wird, gibt es ihr nicht im Geringsten das Recht, sich aufzuführen wie der Elefant im Porzellanladen und dann den Jungen die Rechnung rüberzuschieben.

Ohne die Dramatik des Klimawandels auch nur annähernd damit vergleichen zu wollen: Mir fiel neulich auf, dass der Raubbau an der Natur sehr wohl mit dem Raubbau am Operngenre zu vergleichen ist, vor allem nach dem Lesen dieses hervorragenden und die Sache auf den Punkt bringenden Artikels von Bernd Feuchtner in der NMZ.

In diesem wird Artikel wird das (ohnehin nur sehr kleine, da so wenig Platz dafür ist) Feuerwerk an jährlichen Opernaufführungen mit „Eintagsfliegen“ verglichen. Nicht etwa, weil diese vielen Opern so schwächlich sind, dass sie gleich versterben müssen, nein, weil man ihnen gar nicht die Chance gibt, mehr als eine Eintagsfliege zu sein.

Ich habe schon oft auf diesen Seiten Spielpläne analysiert und den prozentualen Anteil von neuen zu den alten Stücken auf den Prüfstand gestellt. Das haben auch viele andere getan. Die Ergebnisse waren jeweils verheerend.

Wie Kühe zur (Regietheater-)Schlachtbank werden immer dieselben Stücke auf die Bühne gebracht und ewig neu gedeutet, ein jährliches schrumpfendes Repertoire an „Greatest Hits“, größtenteils aus dem 19. Jahrhundert, einer Epoche, die mit dem Lebensgefühl und den Befindlichkeiten von heute ungefähr so viel zu tun hat wie Elvis Presley mit Angela Merkel.

Insofern liegt der Gedanke nah: ist dies nicht auch eine Art Raubbau? Denn klar, diese „Greatest Hits“ sind durchaus tolle Stücke, meistens eher musikalisch (viele der ollen frauenfeindlichen Libretti kann man in die Tonne kloppen). Sie zünden schnell und wärmen gut, so wie es auch die natürlichen Rohstoffe Öl oder Kohle tun. Aber mit jeder Benutzung findet auch eine Abnutzung statt, und das Publikum schrumpft und schrumpelt. Diese Opern stoßen kein CO2 aus, aber sie verstopfen die Opernhäuser mit dem Energieaufwand, der für sie betrieben wird. Und diese Energien sind nicht nachhaltig, sie verpuffen.

Den Herren Mozart und Wagner nützt es relativ wenig, dass sie jetzt viel berühmter sind, als sie es zu Lebzeiten schon waren, sie dürfen es leider nicht mehr erleben. Sie haben Meisterwerke hinterlassen, die wir zu Recht bewundern. Aber diese Meisterwerke gibt es schon – sie werden nicht noch meisterhafter durch immer neue Interpretationen, diese nutzen sie eher ab. Das ist so wie bei dem herrlichen Oldtimer, den man immer wieder neu aufpoliert. Wenn man damit täglich bedenkenlos mit Maximaltempo über die Landstraßen braust, wird das gute Stück eher leiden und bald ein natürliches Ende auf dem Schrottplatz finden. Wenn man ihn dagegen in der Garage lässt und nur zu besonderen Momenten hervorholt, können alle immer wieder aufs Neue über ihn staunen. Der Oldtimer ist nämlich keine unendliche Ressource, er will gepflegt und gehegt werden.

Und so sollte es eigentlich auch in den Opernhäusern sein. Die alten Opern, die heutzutage 95-98% unseres Spielbetriebs verstopfen, würden keineswegs vergessen, wenn man sie seltener hervorholen würde. Nein, sie würden umso mehr erstrahlen, so wie es bis heute die großen Meisterwerke der Vergangenheit tun. Solche Leistungen bleiben, wir müssen nicht um sie fürchten.

Was wir aber brauchen, ist eine neue Nachhaltigkeit im Opernbetrieb. Denn in den wesentlich weniger als 5% Spielbetrieb, der den neuen Stücken (z.B. auch von Komponistinnen, die sonst nicht im Repertoire vorkommen) gewidmet ist, werden einfach nur kleine Feuer abgefackelt, ohne Rücksicht auf Verluste. Uraufführungen müssen es sein, die brennen am schönsten. Gelungen oder Schrott? Egal – die nächste muss her. Zack, zack, zack, das Feuer muss brennen.

Nachhaltig ist das in keiner Weise. Es ist eine Vergeudung von Talent und Ressourcen. Wir Komponist:innen können uns anstrengen so viel wie wir wollen. Selbst wenn wir Meisterwerke schreiben (und ja, manchmal tun wir das halt, so wie zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte), werden diese letztlich auch geschrottet, denn wer hat schon Lust, ein Stück nachzuspielen, wenn die nächste Uraufführung doch viel mehr Publicity bringt?

So geht es nicht mehr weiter. Ich würde mir wünschen, dass junge Opernkompost:innen jeden Freitag auf die Straße gehen und ein Ende des Opernraubbaus fordern. Klar, den Intendantinnen und Intendanten, die jetzt in den Opernhäusern am Ruder sind, kann es relativ egal sein, ob es in 50 Jahren überhaupt noch funktionierende Opernhäuser geben wird. Aber der jungen Generation sollte es nicht egal sein, denn sie wollen in diesen Opernhäusern sitzen können und spannende und aufregende und schockierende und provozierende und vor allem HEUTIGE Stücke sehen können. Oder spielen und singen. Oder komponieren.

Daher: Fridays for Opera.

Jetzt oder nie. Ansonsten ist es viel früher aus mit dieser Kunstform, als die meisten momentan ahnen.

 

Moritz Eggert

 

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3 Antworten

  1. Kai Adomeit sagt:

    Semper idem…es wäre schön, wenn sich manche zeitgenössischen Komponisten mal die Frage stellen würden, warum einige von ihnen so oft, viele aber nur so erschreckend selten gespielt werden.
    Die Entscheidung darüber liegt übrigens nur zu einem sehr geringen Teil bein den Intendanten, zum weit grösseren Teil aber bei den Interpreten und beim Publikum….

  2. k. sagt:

    Hallo,

    Ich wollte schon unter dem anderen Artikel (Lieber XXX) einen Kommentar schreiben, hatte es aber gelassen, weil ich unsicher war, ob ich mich verständlich ausdrücken kann. Ich versuche es aber jetzt.

    Zunächst einmal: danke für die guten, wichtigen und anregenden Artikel. Was ich jetzt schreibe ist keine Kritik daran. Auch ist es keine Kritik an die Leser, die sich jetzt vielleicht fälschlicherweise angesprochen fühlen könnten (sie sind höchstwahrscheinlich nicht die Personen, die ich meine.)

    In den Artikeln geht es um Veranstalter und Publikum. Wenn der Komponist aber nicht selber performt, braucht es aber noch ein Bindeglied – Interpreten, Ausführende, Aufführende, Performer, Spieler o.ä.

    Es gibt Werke, bei denen ich eine intrinsische Motivation habe, sie einzustudieren. Das Werk fasziniert mich, ich will es lernen und spielen können, andere Aspekte wie Karriere oder Geld treten da in Hintergrund. Es gibt aber auch Situationen, wo man beauftragt wird, irgendwas von irgendwem aufzuführen, z.B. bei einem Neue Musik Festival.

    Auch die letztere Situation finde ich sehr sehr wichtig, denn Musik wird erst dann lebendig, wenn sie gespielt wird, und es wäre schade, wenn Komponistinnen und Komponisten ihre Werke nur als MIDI-File eines Notensatzprogramms hören könnten. Und es gibt interessante Dinge zu entdecken. Das ist aber allermeistens Low Budget – im Grunde sind solche Neue Musik Festivals eine Minusgeschäft für alle. Das Honorar für die ausführenden Musiker (teilweise sogar nur zweistellig) deckt nicht mal ihre Ausgaben, die Stücke werden den Spielern unbekannterweise zugeteilt, man muss sie teilweise 100 Stunden üben, damit die Musik überhaupt nach irgendwas klingt, und nach der Aufführung braucht man eine Pause wegen Sehnenscheidenentzündung. Solche Stücke sind meistens schon handwerklich-theoretisch gut gemacht, liebevoll detailliert komponiert, es wurde viel Mühe gegeben, da steckt Herzblut drin – sind aber nicht instrumentengerecht, und die Hauptarbeit besteht darin, sich zu überlegen, wie man die Töne treffen soll, auch selbst wenn die Struktur an und für sich leicht verständlich ist. Wenn die Komponistin oder der Komponist zusätzlich noch Allüren zeigt, es ihr oder ihm nur um den eigenen Ruf innerhalb des Fachkreises geht, die Spieler also quasi nur ausführende Knechte sind, ist es schon frustrierend und man fragt sich, ob man es sich nochmal antun möchte.

    Im Theater ist es leider oft ähnlich. 100 Euro Abendgage für eine mittelgroße Partie mag bei Standard-Repertoire noch machbar sein, wenn man die Partie ohnehin schon drauf hat. Aber für 100 Euro eine Neue Musik Opernpartie lernen, dafür muss man von der Musik wirklich sehr überzeugt sein. Oder extrem verzweifelt sein, mangels sonstige Engagements.

    Es kann nicht sein, dass an einem Opernabend der CD Verkäufer an der Theke mehr verdient als der Sänger. Genauso wie man nicht Klimaschutz auf Kosten von Umweltschutz machen sollte (z.B. für Solarenergie Wälder abhölzen), sollte die Nachhaltigkeit in der Oper auch beinhalten, dass die Sängerinnen und die Sänger gesund arbeiten können und nicht ausgebeutet werden.

    Im Übrigen denke ich, dass das klassische Standard-Repertoire für das meiste Publikum mitnichten abgenutzt ist – auch Aida haben viele Menschen bisher vielleicht nur einmal im Leben live gesehen. Ich habe eine Bekannte, die hat in den letzten paar Jahren die Moldau mehrmals live gehört (das war bisher ihr einziges klassisches Lieblingsstück und sie ging nur ins Konzert, wenn die Moldau auf dem Programm stand), und jetzt sagt sie, dass sie nun doch was anderes hören will. Es wäre also interessant zu wissen, ob mehr Menschen offener für NeueMusik Oper werden, wenn sie öfter in StandardRepertoire Opernaufführungen gehen würden. Oder will man eher Menschen in die NeueMusik Oper locken, die auch die StandardRepertoire Opern gar nicht kennen und normalerweise (wenn überhaupt) in „König der Löwen“ gehen? Rein pragmatisch gesehen wäre es also vielleicht interessant zu wissen, wo die eingefleischten Opernfans hingehen, wenn sie genug StandardRepertoire Oper gesehen haben und was anderes sehen wollen – und was den Mehrwert einer NeueMusik Oper ausmacht, aus Publikumssicht. Wenn es um die gleiche aktuelle Handlung geht, und man die Wahl hätte, dies als Oper, Sprechtheater, Kinofilm oder Musical sich anzusehen, wo geht man hin?

  1. 4. Dezember 2021

    […] aber sie verstopfen die Opernhäuser mit dem Energieaufwand, der für sie betrieben wird.“ https://blogs.nmz.de/badblog/2021/12/04/fridays-for-opera/ #nmz #badblogofmusick […]

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