Österreich vs. Deutschland: über Wertschätzung & Wiederaufnahme des Kulturlebens

In Österreich: Wertschätzung für Kultur auf höchster Ebene. In Deutschland: Letzte Woche beschlossen Bundesregierung und Länderregierungen in Deutschland erste Öffnungen für das Geschäfts- und Arbeitsleben sowie für Schulen. Den Kultursektor schockte der Hinweis, dass Großveranstaltungen bis 31. August 2020 untersagt bleiben. Einige Politiker wie z.B. Markus Söder sagten Vieles zu Bierzelten und Fussball. Kein Ministerpräsident, keine Ministerpräsidentin sagte etwas zur Kultur und ihrer Bedeutung für das Zusammenleben.

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Nur aus Schleswig-Holstein bekam man mit, dass dort Großveranstaltungen ab 1000 Personen beginnen. Das ließ aufhorchen. Aber wie das für kleinere Veranstaltungen aussieht, dazu gab es noch keine Konkretisierungen. Eher unglücklich waren zuletzt die Statements von Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Fernsehen: sie drückt zwar ihre Wertschätzung gegenüber der Kultur aus. Nur hält sie weitere Massnahmen z.B. zur Abfederung von selbstständigen Kunstschaffenden für unnötig, da diese als Inhaber von Kleinstunternehmen über die Bundes- und Ländersoforthilfen und z.B. als Musiker ohne Unternehmen doch über das Arbeitslosengeld II abgesichert seien.

Damit löste sie einiges an Widerspruch aus. Die Forderungen reichen von der Öffnung der Soforhilfen auch für Künstler ohne Unternehmen über Anrechnung des Lebensunterhaltes und nicht nur von Sachkosten wie Bürokosten, wie es Baden-Württemberg vormacht, über eigene Künstlerfonds bis hin zu Erhöhungen des Arbeitslosengeldes II oder der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht nur für Künstler, sondern all die Freiberufler und Selbstständigen, die durch die Corona-Massnahmen einem faktischen Berufsverbot unterliegen.

In Baden-Württemberg gilt das auch für Personen, die ab 30% ihrer Einnahmen aus selbstständiger Arbeit ihr Auskommen erwirtschaften. Was der Politik klar sein muss: Arbeitlosengeld II ist mit seiner Forderseite vor allen auf Personen ausgerichtet, die langzeitarbeitslos sind und durch andere Hilfen fielen. Angestellte z.B. können zuerst einmal Kurzarbeit beantragen, können weitere Hilfen wie Wohngeld oder Landesmittel beantragen, beziehen zuerst Leistungen aus dem Arbeitlosengeld I, erhalten beim Übertritt in das Arbeitlosengeld II eine Weile noch abfedernde Zuschläge bis sie beim nackten Regelbedarfssatz landen. Künstler als Freiberufler und Selbstständige, die jetzt absolut unverschuldet ohne Existenzsicherung dastehen, werden sofort auf die unterste Stufe gebracht, was Monika Grütters als unumstößlich hinzunehmen scheint.

Völliges Unverständnis hinterließ bei Musikschaffenden der Hinweis von Monika Grütters, dass die Corona-Krise endlich die Konzertformate im Internet schaffe, die vorher nicht möglich waren und sie sich ganz besonders darüber freue. Das Problem, dass all diese Wohnzimmervideos in der Regel unentgeltlich erfolgen, dass durch die ausbremsende Haltung Deutschlands bei der Umsetzung der neuen EU-Urheberrechts-Richtlinie besonders im digitalen Bereich nach wie vor Urheber viel zu wenig oder gar nichts für ihre Musiknutzung im Internet erhalten, scheint sie vollkommen auszublenden. Das Inflationäre hierbei lieg in der Hyperaktivität mancher Musiker. Aber auch in der Unerfahrenheit mit der Finanzierung solcher Videos. Für Prominente mag das zum PR-Alltag gehören, für Kleinere ist nur Selbstausbeutung. Dazu die durch Frau Grütters wie die Landes- und Bundespolitik mehrheitlich nur unzureichend beantwortete soziale Frage und das andauernde faktische Berufsverbot: kein Wunder, wenn es in den sozialen Medien gärt.

Blickt man nach Österreich, gab es dort am 17.4.20 eine Pressekonferenz des Vizekanzlers Werner Kogler und der Kunst- und Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek: Österreich räumt im Gegensatz zu Deutschland jetzt Kunst und Kultur Bedeutung auf höchster Regierungsebene ein. Jeder der Beiden bedankte sich bei den Bürgern wie bei den Kunstschaffenden für den Zusammenhalt. Lunacek betonte ausdrücklich Kunst und Kultur als Konstante des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Soforthilfen der Wirtschaftskammern und der Künstlersoziaversicherungen sind explizit auch für Künstlerinnen und Künstler geöffnet, im Bereich der letztgenannten Versicherungen sogar mithilfe eines eigenen Fonds.

Ulrike Lunacek zu den österreichischen Lockerungen im Kulturleben in der Corona-Krise; Screenshot vom Facebook-Auftritt des Bundeskanzleramtes in Österreich

Österreich mag mit seinen Lockerungen ein paar Tage vor Deutschland sein. Aber man macht sich schon sehr genaue Gedanken, wie das Kulturleben wieder stufenweise aufleben könnte. Das geschieht natürlich alles unter dem Vorbehalt, dass es keine zweite Covid19-Pandemiewelle gibt. Nachdem die gewerblichen Betriebe zum Teil wieder geöffnet sind, sind damit auch die privaten Galerien wieder zugänglich. Die privaten Museen können Mitte Mai aufmachen, die Bundesmuseen werden dies erst Ende Juni tun. Ab Mitte Mai öffnen auch wieder die Bibliotheken und Archive für den Publikumsverkehr, Lesesäle bleiben aber diesem verwehrt.

Veranstaltungen mit Publikum und professionellen Kunstschaffenden werden ab 1.7.20 möglich sein, wenn diverse Auflagen erfüllt sind. Zum Beispiel muss jeder Besucherin und jedem Besucher ein Raum von 20 m² im Veranstaltungsort an Platz möglich sein. Das bedeutet ein sehr reduziertes Platzangebot, unabhängig davon wie klein oder groß der Raum ist. Fragen der Abstände beim Einlass, der Kasse und für die Toiletten müssen abgeklärt werden. Für Freiluftkinos sieht sie geringe Probleme. Die österreichischen Programmkinos wollen ihrerseits sowieso erst ab September wieder öffnen, frühere Öffnungen dort wären natürlich unter den o.g. Auflagen staatlicherseits durchaus denkbar.

Eine Person auf der Bühne wird kein Problem sein, bei mehreren müssen auch die Abstände sowie die 20 m² eingehalten werden. Zudem müssen die Personen auf der Bühne genügend weit weg von der ersten Reihe sein. Konkret bedeutet dies, dass Massenszenen oder Szenen ohne große Distanzen, Frau Lunacek spricht von Liebesszenen, nicht erlaubt sein werden. Was für Musikensembles bedeutet, müsste noch geklärt werden. Chöre, Blasinstrumente, Orchester und Sprechtheater werden schwierig sein, da die Abstände eingehalten werden müssen.

Ab Mitte Mai dürfen Einzelproben zwischen einem Künstler, einem Lehrer und „einem Betreuer“, also musikalischer Leitung, Korrepetitor, Choreograf oder Regisseur stattfinden. Mit Anfang Juni sind Ensembleproben möglich, wenn die Abstände möglich sind. Wie es mit Gästen aus dem Ausland aussähe, dazu kann keiner etwas momentan sagen. Das bedeutet, dass erst einmal im Inland Tätige ihre Beschäftigungen aufnehmen können. Wie die Öffnung in der Filmbranche aussieht mit ihren eigenen Vorlaufzeiten, wird noch mit den Betroffenen geklärt.

Wie es mit Ensembleproben im Bildungsbereich aussieht, ab wann wieder in den Musikhochschulen geübt werden darf, wird gerade noch besprochen. Was allerdings weiterhin untersagt bleibt, sind Proben und Aufführungen von Ensembles im Amateurbereich. Man können immerhin „alleine proben“. Das kann man jetzt natürlich auch schon – sie meinte wohl, das klassische „Üben“. Für professionelle Dirigenten und Chorleiter mit Amateurensembles bedeutet das: noch länger für diese in Österreich ein de facto Berufsverbot.

Am Ende ihrer Ausführungen freut sich Frau Lunacek auch wie Grütters über die neuen digitalen Angebote. Auch hier muss man den Kultur- und Medienpolitikern noch genauer vor Augen führen, was das konkret für die Kunstschaffenden, die keine Promis sind, meistens bedeutet. Abgesehen davon gibt das doch einiges an Klarheit. Nachdem allerdings die meisten Festivals abgesagt sind, größere Ensembles noch viel Klärungsbedarf haben, wird der Sommer vor allem ein Sommer der Kammermusik sein. Möge es auch in Deutschland bald mehr Klarheit geben, möge aber auch das Laienmusizieren im Kleinen wieder aufleben können. Denn nicht nur wir Profis, Alle brauchen Musik und Kultur. Das sagt man in Österreich seinen Leuten auf höchster Ebene, derweil sich bei uns die höchste Ebene wundert oder bedeckt hält. Bis auf Klaus Lederer, der auch einen Sommer der Kammermusik und Probleme bei Blasinstrumenten sieht und den deutlichen Worten von Gerhart Baum, gibt es in Sachen Kultur bei den Zuständigen noch einen geistigen Lockdown.

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55 Antworten

  1. Benjamin sagt:

    Felix Austria!

    Die Debatte über finanzielle (Sofort-)Hilfen überlagert hierzulande vermutlich die grundsätzliche Diskussion. Das hat seinen Grund und teils auch seine Berechtigung, denn das läuft über weite Strecken nicht so, wie es müsste. Aber ich gebe dir völlig recht: es ist, milde gesagt, unverständlich, dass von den Kulturverbänden nicht viel lauter eine Öffnungsperspektive gefordert wurde und wird. Gerhart Baum hat meinen höchsten Respekt für seine nicht nachlassende Wachheit – was in der FDP mal für Köpfe das Sagen hatten! – aber es wäre doch schön gewesen, wenn andere, deren Aufgabe es eigentlich ist, sich mehr für die Kultur in die Bresche geworfen hätten. Es geht doch nicht (nur) ums Geld, sondern schlicht darum, wieder gehört und gelesen zu werden. Eigentlich müsste es auch einen Stream-Streik geben. Frau Grütters ist da ziemlich naiv gewesen, denn das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die eh alles umsonst im Netz haben wollen und die Opernensembles abschaffen und stattdessen Produktionen internationaler Starensembles auf den Bühnenvorhang projizieren wollen. Die Met in Dolby Surround klingt ja auch viel besser als die Kaisersascherner Fusioniker live, gell?

    Hier die aktuellen Links:

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/fdp-politiker-gerhart-baum-zu-corona-hueten-wir-uns-vor-dem-virus-sicherheitswahn-a-11303c94-230c-489e-950d-2fcdd3645b22

    https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/gerhard-baum-corona-epidemie-gesetz-nrw-parlament-grundrechtseingriffe-verhaeltnismaessigkeit-tracking-app/

    https://www.tagesspiegel.de/kultur/kulturpolitik-und-corona-freischaffende-kuenstler-sind-systemrelevant/25747538.html

    • Lieber Benjamin, Grütters zielte komplett vorbei mit dem Streaming. Das geht diametral gegen das Bemühen um die EU © Richtlinie. Danke für die Links, die habe ich davor schon x-fach gelesen. Übrigens – der Vollständigkeit halber – sind die österreichischen Künstlerinnen und Künstler mit diesen Öffnungsplänen ziemlich unzufrieden. Einerseits spricht im Gegensatz zu D die höchste Politik davon, andererseits zeigt das, wie aussichtslos manches sein könnte. Immerhin ein Anfang. Die Alternative könnte lauten: bis 31.8. überhaupt nichts, keine Soforthilfen mehr, nur Hartz 4. Daher ist es wichtig, dass zum Öffnen der Off- und Mainstream-Konzertsäle und Theater bald die Gespräche beginnen. Die Enttäuschung wird riesig sein, die Amateure in Kultur wie Sport werden Sturm laufen. In A zwar höchste Politik, aber kaum Hoffnung, bzw. ab 1.6. eine ganz andere Art von Theater. Habe auf der FB Seite von Nikolaus Habjan die Unzufriedenheit der Regisseure gesehen. Herkömmliche Probenarbeit ist vorerst einmal ausgeschlossen. Das wird man auch hier frustrierend merken. Daher wird es entweder einen Aufschrei geben oder man wird sich arrangieren müssen. Darüberhinaus müsste man über Baums Masterplan Kultur reden: bessere Hilfen und eine realistische Perspektive. Medizinisch sieht die nach Kammermusik u. viel Reduzierung aus. Körperbetonung fällt nach österr. Mass gerade flach.

  2. Die Aussage mit den 20 Quadratmeters Platz war in der Pressekonferenz etwas missverständlich formuliert. Österreichische Journalisten weisen darauf hin, dass es dabei um die Ausweichfläche bei Einlass und Kassa ginge, im Zuschauerraum dagegen der Abstand von 1,50 Meter in jede Richtung zu Sitznachbar_innen veranschlagt werde. Das klingt realistischer. Jedenfalls sollen die entsprechenden genaueren Regelungen bis 15. Mai erarbeitet und kommuniziert werden. Das ist auf jeden Fall eine Aussicht und eine Perspektive. Tatsächlich finden sich nicht nur auf der Page von Nikolaus Habjan teilweise wütende Attacken gegen die beiden Grünen Regierungsvertreter – unter anderem wird bespottet, dass Vizekanzler Kogler statt „proben“ das Wort „trainieren“ benutzte – aber aus deutscher Sicht betrachte ich diese Ausfälle mit Fassungslosigkeit. Schließlich war den Politikern das Ringen um den Ausgleich von Kunst- und Wirtschaftsinteressen mit dem absolut nötigen Gesundheitsschutz aller Beteiligten deutlich anzumerken.

    • Danke, das dachte ich auch – es wurde ja ebenfalls von 1-2m Abstand immer wieder gesprochen. Die Verplapperer und falschen Fachbegriffe sehe ich den Beiden nach. Ich wäre froh, außer Lederer als Kultursenator und den naiven bis unglücklichen Formulierungen von Frau Grütters hätten hier Leute aus der entscheidenden Politik über Kultur gesprochen. Allerdings klang in Deutschland auch durch, dass das in 1,5 Wochen angeblich geschehen könnte. Ich bin auf die Reaktionen in der deutschen Kulturszene gespannt, wenn ähnliche Zeitpläne und Größen im Raum stehen. Ich bin auf die Theaterkunstschaffenden gespannt, wie sie mit den Abstandsgeboten umgehen werden: eher Zeiten für Konzertantes, weniger Bieto-Stil, mehr Wilson-Style. Gespannt bin auch, ob die ausbeuterischen Streamings anders werden. Andererseits freut es Zuhörer doch auch wieder. Persönlich habe ich bisher fast jedes Streaming verpasst, ich sehe lieber die Aufzeichnung. Die Frage des Ausgleichens und das Ringen der beiden österreichischen Spitzenpolitiker darum, wie Du schreibst, war wahrzunehmen. Wenn man Frau Lunacek z.B. auf Twitter sucht, gibt es auch viele grundsätzlich Grünen-feindliche und frauenfeindliche Kommentare, was ein interessantes Bild auf die österreichische Kunstszene wirft. Der erste deutsche Politiker, der konkrete Abstandsregeln für Konzert und Theater vortragen wird, könnte der berühmte Bote einer schlechten Nachricht sein. Frau Lunacek wirft man auch von der Seite der Kinobranche vor, sie hätte vollkommen aus der Luft gegriffen vom 1.9. als Start der Programmkinos gesprochen. Wer hinhört, merkt, dass sie sich über einen früheren Start freuen würde. Wenn man dann die Stellungnahme des österr. Kinobetreiberverbands liest, der sich auf lange Vorlaufzeiten im Heranschaffen von Filmen und Blockbustern beruft, kommt am Ende doch auch wieder der 1.9. dabei heraus. Wer will schon James Bond ab Juni/Juli, gar im August rausbringen? So eben ist der September gar nicht so verkehrt. Fazit: man geht ziemlich rüde mit der Kulturpolitik um, die hat aber auch noch nicht viel zu bieten. Würde sie nichts sagen, würde sie auch kritisiert. Jetzt redete sie dort. In Deutschland wird manchem Mitarbeiter der Feuilletons auch der Kiefer herunterfallen, wenn man das enge Möglich durchdekliniert hören wird.

  3. k. sagt:

    Danke für die Gedanken. Paar Anmerkungen dazu:

    Grundsicherung/Wohngeld – natürlich will kein Künstler wegen Corona Hartz-IV beantragen, das würde man als eine Demütigung empfinden. Aber sich von anderen Hartz-IV Empfängern mit dem Argument abzugrenzen, dass man ja als Künstler unschuldig in Not geraten wäre, fände ich etwas überheblich. Viele andere Hartz-IV Empfänger sind nämlich auch unschuldig in Not geraten, z.B. weil sie als Kind schwere Misshandlungen erlebt haben und ihnen nicht geholfen wurde. Auch sie empfinden Hartz-4 als eine Demütigung. Im Vergleich zu anderen Ländern ist aber trotzdem toll, dass es in Deutschland dieses System überhaupt gibt, und Corona-Hilfen sind viel unbürokratischer als andere Hilfen. Was ja aber natürlich nicht ausschließt, dass man Hilfen für Kulturschaffenden fordert.
    Bezüglich Streaming und Internet stimme ich dem Artikel zu. Sie sprechen das Urheberrechtsproblem aus der Sicht eines Komponisten an. Auch aus der Sicht des ausführenden Musikers, der solche Inhalte vielleicht veröffentlichen möchte, ist das Urheberrecht ein Problem, nämlich sind die Gebühren im Digitalbereich kaum bezahlbar, wenn man es korrekt machen will. Es ist ja nicht nur die GEMA-Gebühr fürs Audio, sondern auch die Synch-Lizenz fürs Bild. Und live ist doch was anderes als digital. Außerdem gibt es einen musikalischen Grund, warum man bei Klassik-Aufnahmen nicht jedes Instrument einzeln aufnimmt und später mixt wie bei Pop-Aufnahmen. Auch wenn ein virtuelles Wohnzimmer-Orchester lustig sein kann.
    So weit ich mitbekomme, wird auch in der Politik konkret über Exit-Strategien in Theatern, Konzerthäusern usw. diskutiert, z.B. Reihen im Zuschauerraum weglassen. Für diese Konzertsaison, wo die Karten für die Vorstellungen schon verkauft worden sind, ist es aber natürlich schwierig, den Karteninhabern zu kommunizieren, dass nur die Hälfte kommen darf. Was aber natürlich auch diskutiert werden muss, ist auch, wie es sich auf den Kartenpreis und Künstlerhonorare auswirkt, wenn ein großer Saal nur zur Hälfte genutzt werden darf.
    Auch müsste für Proben nebst Abstands- und Hygieneregeln auch Dinge diskutiert werden, wie es mit der Quarantäne bei einem Corona-Fall aussieht. Teilt sich dann ein Orchester mehrere Gruppen, so dass wenn Team A in Quarantäne gehen muss, Team B immer noch einsatzfähig ist?
    Wichtig ist auch, dass es nicht zu einem Verdrängungswettbewerb nach „unten“ kommt. Sinfonieorchester spielt Kammerorchesterrepertoire im großen Saal, Kammerorchester spielt Kammermusik im kleinen Saal, Kammermusiker gehen dann, ja, wohin? Für die meisten Musiker ist Gratis-Streaming reine Selbstausbeutung, sie bekommen hinterher dadurch keine bezahlte Konzerte. Im Gegenteil, wenn Musiker sich so nach Auftritten sehnen, spielen sie dann auch live gratis, vor allem da die Veranstalter ja auch in Geldnot sind und das Publikum auch von Kurzarbeit und Gehaltskürzungen betroffen ist …. Da muss man als Branche sehr aufpassen, finde ich, dass man sich nicht sein eigenes Grab schaufelt, und auch dass es nicht wieder verstärkt zu Machtstrukturen und Machtmissbrauch kommt, weil man nur so an bezahlte Engagements kommt.
    Wir haben aktuell mehr Neuinfizierungen als zu dem Zeitpunkt, als wir in Shutdown gegangen sind. Die Reproduktionsrate liegt ungefähr bei 1. Wenn die Leute jetzt beim Einkaufen usw. sich nicht disziplinieren, und wenn es zu einer zweiten Welle kommt, dann wird der nächste Shutdown noch gravierender ausfallen. Die Kultur ist die Erste, die schließen muss, und die Letzte, die öffnen darf. Zu aggressive Forderungen nach Freiheiten und Lockerungen in allen Bereichen könnten also gerade für Künstler gewaltig nach hinten losgehen. Auch wenn die Maßnahmen in Details natürlich nicht logisch sind.

    Hoffen wir, dass die Krise zu einem nachhaltigeren und faireren Kulturbetrieb führt.

    • Sonia G.Y. sagt:

      “ wenn es zu einer zweiten Welle kommt, dann wird der nächste Shutdown noch gravierender ausfallen. Die Kultur ist die Erste, die schließen muss, und die Letzte, die öffnen darf. Zu aggressive Forderungen nach Freiheiten und Lockerungen in allen Bereichen könnten also gerade für Künstler gewaltig nach hinten losgehen. “

      Ich sehe das genau so wie Sie.

  4. Benjamin Schweitzer sagt:

    Was mir an der ganzen Debatte grundsätzlich nicht gefällt: Ich habe den Eindruck, dass – gerade im Hinblick auf die Kultur – nach wie vor darum gerungen wird, wie man möglichst viel unterbinden und verbieten kann. Stattdessen müsste mit allen Kräften darum gerungen werden, wie man möglichst viel wieder zulassen und ermöglichen kann. Wenn das bei Baumärkten und Möbelhäusern mit ziemlich einfachen Vorschriften geht, kann das in unserer Branche auch gehen. Dazu braucht man ein wenig mehr Kreativität als Abstandsaufkleber auf dem Boden und desinfizierte Einkaufskörbe, aber an Kreativität sollte es uns ja nicht mangeln. Klaus Lederers vorsichtige Äußerungen sind da eine schöne, aber seltene Ausnahme, der eine Mauer aus Bürokratie und dem Sich-Verstecken hinter Vorschriften und „Alternativlosigkeiten“ gegenüber steht.

    Es ist völlig klar, dass der Kulturbetrieb mindestens auf mittlere Sicht reduziert und beeinträchtigt bleiben wird, teilweise bis hin zu einem Maß, das man wohl als symbolisch bezeichnen muss. Aber genau wie eine 30-Personen-Demo symbolisch für die Möglichkeit steht, 30.000 Leute zu mobilisieren, kann und muss auch ein Kulturleben im symbolischen Rahmen wieder stattfinden: Wo immer sich Menschen bereit finden, ihren Beruf wieder auszuüben, und andere ihnen dabei zuhören und zuschauen wollen.

    Wenn 50 Leute ein Konzert hören wollen, aber nur 25 in den Saal dürfen, dann gehen halt 25 in die erste Hälfte und die anderen 25 nach der Pause. Ein halbes Konzert ist besser als gar keins, und wir sind doch, wie man jeden Tag auf der Straße sehen kann, zum großen Teil sensibilisiert und diszipliniert genug, dass es nicht zu Prügeleien um den letzten Platz kommen wird.

    Ja, ich würde mich eine Stunde vor dem Einlass in die Schlange stellen. Mach ich ja sonst auch, wenn ich vermute, dass es voll wird. Nein, ich würde nicht ausrasten, wenn ich Nr. 51 auf der Liste wäre und diesmal vielleicht nicht reinkäme. Aber wenn ja, würde ich mir einen Teil des Abends anhören und meine Karte dann an jemand andere weitergeben, damit sie auch ein Stück Konzert abkriegen. Ja, ich würde trotzdem den vollen Ticketpreis zahlen. Das nächste Mal zahlt vielleicht jemand für mich mit. Und: Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass ich nicht der einzige bin, der so handeln würde. Ganz im Gegenteil. Was für großartige, gemeinschaftsstiftende Erlebnisse das werden könnten. Welche Chance darin läge, uns den Wert unserer Kultur in dieser Form eindringlich vor Augen zu führen. Welche WÜRDE solch ein Ansatz zum Ausdruck bringen könnte.

    „Zu aggressive Forderungen nach Freiheiten und Lockerungen in allen Bereichen könnten also gerade für Künstler gewaltig nach hinten losgehen.“: Genau das ist es, was mir täglich aufs neue die Galle hochtreibt. Wenn der Staat von uns verlangt, dass wir Vertrauen in die Sinnhaftigkeit seines Handelns haben sollen, muss der Staat uns auch das Vertrauen entgegenbringen, dass wir uns ohne Totalkontrolle vernünftig verhalten. Auf dieser Vereinbarung beruht jede freiheitliche Gesellschaftsform. Da der Staat uns derzeit jedoch mit einer aus meiner Sicht unerträglich paternalistischen Haltung gegenübertritt, anstatt auf unsere Vernunft, unser Verantwortungsbewusstsein und unsere Kreativität zu vertrauen, scheint es, als könne man dem nur auf dem Rechtsweg entgegentreten. Zu der Frage, ob das pauschale Verbot von „Massenveranstaltungen“ in der bestehenden Form ebenso verfassungswidrig ist wie ein pauschales Demonstrationsverbot, hat ein hochkarätiger Jurist (Prof. Niko Härting) mir die Einschätzung mitgeteilt, dass er dies so sieht. Man kann nur hoffen, dass ein Kulturveranstalter sich einen Ruck gibt und das Recht darauf einklagt, nach einer Einzelfallprüfung seine Veranstaltung unter Beachtung der notwendigen Vorsichtsmaßnahmen durchzuführen. Ein Präzedenzfall würde ja ausreichen. Im Moment ruhen die Hoffnungen allein darauf, dass Schleswig-Holstein eine praktikable Regelung entwickelt, der andere Bundesländer folgen.

    • k. sagt:

      Wenn ALLE Leute vernünftig wären und sich selbst disziplinieren würden, wären viele festgeschriebene Regeln gar nicht nötig. Und es ist klar, dass pauschale Regeln auch Dinge treffen, die eigentlich stattfinden könnten.

      Daher würde ich es als zielführender sehen, wenn Sie Ihre Kraft dafür verwenden würden, zu appelieren, dass die Leute freiwillig vernünftig verhalten, ich denke, damit käme man schneller weiter.

      Z.B. in Ihrem Beispiel wäre es wichtig, dass KEINER andere Leute prügelt, dass es nicht 10% Meckerer gibt, dass es keinen Schwarzmarkt und auch keine Dienstleistungen zum Schlangenstehen. Auch sind 500 Leute in der Schlange (wenn ein Konzert im großen Saal mit 25% Auslastung stattfindet) mit 2 Meter Abstand schon mal 1km.

      Klar, bei kleineren Veranstaltungen mit 20 Leuten hat man mehr Möglichkeiten (z.B. namentliche Registrierung beim Kartenvorverkauf mit Zeitfenster für den Einlass.) Das geht u.a. sogar als geschlossene Gesellschaft statt öffentliche Veranstaltung durch, auch schon vor Corona. (Auch deshalb sind hier auch nicht-öffentliche Veranstaltungen in der Corona-Verfügung geregelt).

      • Benjamin sagt:

        „Daher würde ich es als zielführender sehen, wenn Sie Ihre Kraft dafür verwenden würden, zu appelieren, dass die Leute freiwillig vernünftig verhalten, ich denke, damit käme man schneller weiter.“ Das ist doch der Kern des Gedankens. Und ich sehe jeden Tag, dass es geschieht. Ich hätte nicht gedacht, dass in einer Stadt wie Berlin so viel an „social distancing“ mit so geringer Polizeipräsenz umsetzbar sein würde.

        „Klar, bei kleineren Veranstaltungen mit 20 Leuten hat man mehr Möglichkeiten (z.B. namentliche Registrierung beim Kartenvorverkauf mit Zeitfenster für den Einlass.)“

        Eben. Nur schert die derzeitige Verbotswut Oktoberfest und Lyriklesung über einen Kamm. Das ist das, was ich mit mangelnder Kreativität meine. Was geschlossene Veranstaltungen anbelangt, liegen Sie da glaube ich falsch. Die könnte die Polizei vermutlich jederzeit auflösen, wenn sie davon Wind bekäme und würde es vermutlich auch tun (erst schießen, dann fragen ist ja aktuell gängige Praxis).

        Ich weiß, es ist nicht sehr originell, aber hier ein Blick über die Ostsee, in ein Land, in dem die Regierung auf die Mündigkeit und Vernunft ihrer Bevölkerung vertraut:

        https://www.folkhalsomyndigheten.se/the-public-health-agency-of-sweden/communicable-disease-control/covid-19/

        mit einem detaillierten Risk Assessment-Plan (https://www.folkhalsomyndigheten.se/smittskydd-beredskap/utbrott/aktuella-utbrott/covid-19/verksamheter/information-till-arrangorer-av-evenemang/) – sehr klar, nachvollziehbar und gut zu befolgen.

        Das, würde ich sagen, wäre best practice. Allenfalls im Hinblick auf szenisches Geschehen müsste man das noch verfeinern.

        • k. sagt:

          Ich habe schon den Eindruck, dass die hiesigen Politiker differenziert denken. Wenn das Schleswig-Holstein Musikfestival sämliche Konzerte abgesagt hat, liegt es nicht daran, dass alle Konzerte verboten gewesen wären.

          Bei uns sind zwar noch sämliche Veranstaltungen – unabhängig von der Größe oder Öffentlichkeitsstatus – verboten. Ich weiß aber, dass Gespräche laufen. Manchmal ist es für die Veranstalter auch einfacher (und finanziell entlastender), wenn die Verbote „von oben“ kommen.

          Mir wäre es jedenfalls lieb, wenn die Menschen, die diesbezüglich Kreativität fordern (oder selber Kreativität ausleben wollen), gleichzeitig erkennen lassen, dass sie auch Verstand und Vernunft walten lassen würden, und nicht nach dem Motto verfahren würden, dass man als freidenkende Künstler auf die „Corona-Hysterie“ pfeifen sollte, die Alten würden ja eh sterben.

    • Sonia G.Y. sagt:

      “ Wenn das bei Baumärkten und Möbelhäusern mit ziemlich einfachen Vorschriften geht, kann das in unserer Branche auch gehen. “

      In einem Baumarkt hält man sich in der Regel nicht Stundenlang auf. Wenn doch, dann hat man die Möglichkeit, 1,5 m Abstand zu halten. Wenn erforderlich und so gut wie möglich kann man sich von Hustenden oder Niesenden fernhalten. Dies ist in einem Theater/Konzertsaal unmöglich. Ohne hin wird im Theater/Konzertsaal viel mehr gehustet als woanders. Die Hustentröpfchen können bis zu 2,5 Meter weit fliegen. Diesbezüglich ist das Infektionsrisiko in diesen Räumen deutlich höher als im Baumarkt. Weniger Besucher einzulassen hilft nur begrenzt. Ein einzig Infizierter reicht völlig aus, um eine Infektionskette auszulösen. Dabei sind Virusübertragungen im Theater/Konzertsaal gravierender, weil die ABSOLUTE MEHRHEIT des PUBLIKUMs zu den RISIKOGRUPPEN zählt.

      “ Ein halbes Konzert ist besser als gar keins,“

      Sie betrachten die Sache nur aus Sicht des Musikers. Haben Sie sich mal darüber Gedanken gemacht, wer Angesichts der Pandemie überhaupt ins Theater oder Konzert gehen möchte? Ich persönlich kenne keinen in meinem Umfeld, unabhängig von dessen Alter. Man weiß zu wenig über das neue Virus. Selbst junge Leute, welche die Infektion überstanden haben, bekämen eventuell bleibenden Schäden an Lunge, Leber oder Gehirn. Auch nach der Pandemie, wird es Zeit benötigen, bis der Musikbetrieb zu seiner alten Form zurückfindet.

      “ Zu der Frage, ob das pauschale Verbot von „Massenveranstaltungen“ in der bestehenden Form ebenso verfassungswidrig ist wie ein pauschales Demonstrationsverbot,“

      Eine Demonstration findet im Freien statt, während ein Konzert, im geschlossenen Raum. Daher ist ein Infektionsrisiko in einem Konzert viel höher als bei einer Demonstration. Sollte der Staats Ihrer Ansicht nach Massenveranstaltungen zulassen, sodass Millionen Bürger sich infizieren, und ein Teil davon sogar sterben? Das wäre fahrlässige Körperverletzung und Tötung von Staatswesen, so wie es in anderen Staate bereits praktiziert wird.

      • k. sagt:

        Mit gutem Willen aller Beteiligten wäre im Einzelnen schon einiges möglich. Nur ist es immer eine individuelle Lösung, was schwer per Gesetz geregelt werden kann.

        Man könnte z.B. theoretisch ein Konzert mit 15 Minuten Dauer machen. Mit 10 Personen, mit 3 Meter Abstand. (Bei einem schlecht besuchten Konzert im Dorfgemeindehaus sieht es auch ohne Corona nicht anders aus….), meinetwegen mit offenem Fenster oder gar in Freiluft. Das wäre jedenfalls nicht gefährlicher als das Arbeiten in einem Großraumbüro. Ob sich dieser Aufwand lohnt, vor allem finanziell, ist aber eben fraglich. (Solche Formate gibt es ja schon viel im Bereich Musikvermittlung, nur sind sie immer Minusgeschäfte bzw. Subventionsgeschäfte.) Als Konzertveranstalter würde ich da wohl eher den Finger davon lassen.

        Die Gefahr ist, dass wenn einer damit anfängt, dass auch andere – auch wo die Voraussetzung nicht so stimmt – auch was anfangen wollen würden, und irgendwann ist dann kein Zurückhalten mehr. Momentan sind wir ja alle in Shutdown.

        Es kommen ja auch andere praktische Überlegungen hinzu. Wenn auch Musiker in 3 Meter Abstand spielen (es sei denn es handelt sich um ein Ehepartner-Duo ohne Kontaktsperre), wird das Zusammenspiel automatisch auch anders.

      • Benjamin sagt:

        „wer Angesichts der Pandemie überhaupt ins Theater oder Konzert gehen möchte? Ich persönlich kenne keinen in meinem Umfeld, unabhängig von dessen Alter.“

        Wir leben offensichtlich geistig und physisch in verschiedenen Universen. Meine Erfahrung ist exakt gegenteilig.

        • Sonia G.Y. sagt:

          “ Wir leben offensichtlich geistig und physisch in verschiedenen Universen.“

          Exactly. I’m not on your level. Ich bin Ur-Ur Enkelschülerin von Heinrich Neuhaus und eine Weltbürgerin, die gerne Opern besucht. Alle meinen Freunde sind Operngänger. This discussion is finished.

      • k. sagt:

        Ob es eine gute Idee war, jetzt Möbelhäuser und Malls zu öffnen, wird man letztendlich auch erst im Nachhinein wissen.

        Was Menschen wichtig finden, was ihre Prioritäten sind, ist individuell. Ich persönlich würde jetzt nicht Kleidungsstücke kaufen gehen. Ich würde auch nicht in Möbelhäuser gehen. Bundesliga-Geisterspiele bräuchte ich auch nicht. Ich würde aber, wenn es sich um ein Konzert handeln würde, was mir besonders wichtig ist, vielleicht vorher 2 Wochen in Quarantäne gehen, damit ich hingehen kann, ohne mir Sorgen machen zu müssen, jemanden dabei anzustecken. Ich weiß aber auch, dass die allermeisten dies nicht tun würden. Die Ungeduld der Kulturszene kommt letztendlich auch davon, dass die Bereiche, die Kulturschaffenden vielleicht nicht so wichtig sind, zuerst geöffnet werden, während man selber warten muss. Wobei ich schon persönlich einige Bereiche für die Gesellschaft als wichtiger einstufen würde als Konzerte.

  5. Benjamin sagt:

    Nachtrag: All das – Praxis, Prinzip und Kritik – viel schöner und viel öffentlicher von Ulrich Khuon:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/ulrich-khuon-zur-lage-der-theater-buehnenverein-kritisiert.1013.de.html?dram:article_id=474985

  6. Benjamin sagt:

    „Mir wäre es jedenfalls lieb, wenn die Menschen, die diesbezüglich Kreativität fordern (oder selber Kreativität ausleben wollen), gleichzeitig erkennen lassen, dass sie auch Verstand und Vernunft walten lassen würden“

    Ich habe noch nichts Anderslautendes gehört, im Gegenteil – weder in öffentlichen Äußerungen noch im privaten Gespräch. Es wäre ja auch wahnsinnig, wer es damit anders halten würde. Aber vielleicht bin ich auch in einer Vernunftblase unterwegs?

    • k. sagt:

      Apropos Grundrechte. Schauen Sie sich das Video an (da kommt u.a. der Hamburger Kultursenator zu Wort. Ich finde ihn ziemlich beeindruckend und habe großen Respekt vor ihm.):

      • Benjamin sagt:

        Ja, auf das, was der Hamburger Kultursenator da über die politische Bedeutung von Kultur sagt, weist Ulrich Khuon auch hin; sinngemäß: In guten Zeiten dürfen die Kultureinrichtungen den Kampf gegen die Dumpfheit gerne ausfechten, und das ist jetzt der Dank.

        Ein interessanter Aspekt ist in einem der Interviews mit Gerhart Baum in Erinnerung gerufen worden: Früher war die (wenngleich sehr beschränkte) Bundeszuständigkeit für die Kultur beim Bundesinnenministerium angesiedelt. Nun, da wir – was im Prinzip ja sehr gut und richtig ist – eine Staatsministerin für Kultur haben, bedeutet das jedoch zugleich, dass keines der Kernministerien mehr mit dem Bereich verknüpft ist (dafür haben wir ja jetzt – jodeldü – die Heimat am BMI). Die vermeintliche Stärkung entpuppt sich damit möglicherweise als Schwächung, das Innenministerium sitzt nämlich im sogenannten „Corona-Kabinett“. Eine auch formal-ministeriell gewichtige Stimme, die auf Bundesebene die Interessen der Kultur in so einer Situation vertreten könnte – was auch immer die föderalen Einzelentscheidungen dann damit machen – gibt es nicht.

        • k. sagt:

          Ich finde es gut, dass er als Kultursenator zur Schließung steht, weil notwendig, gleichzeitig aber sagt, dass dann die Politik dafür sorgen muss, dass die Kultur (d.h. sowohl die Häuser als auch die Künstler) danach immer noch da ist.

  7. Ach Alexander, das sogenannte „Merkel-Zitat“ wurde von einer einzigen Nachrichtenagentur (Reuters) verbreitet und von der ausgedünnten FAZ-Redaktion übernommen. Fragwürdig. Ebenso fragwürdig finde ich es, Deutschland und Österreich zu vergleichen, gar gegeneinander auszuspielen. Im Übrigen stimme ich Sonja G. Y.s Ausführungen weitestgehend zu. Notwendig ist ein langfristig wirksamer, solide finanzierter umfassender „Kultur-Schutzschirm“. Die aktuellen, auch noch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Gießkannen-Tröpfchen reichen nicht weit…
    meint Theo

  8. Benjamin sagt:

    Die nächste vertane Chance:

    https://presse.ruhrtriennale.de/pressreleases/stefanie-carp-zur-absage-der-ruhrtriennale-2020-2993434

    Vermutlich aus Angst vor einem (positiven) Domino-Effekt…

    • k. sagt:

      Ich kann Sie und die Intendantin sehr gut verstehen, wirklich. Und es ist auch wichtig, aufzuzeigen, dass Konzerte nicht nur in traditioneller starrer Form mit Theaterbestuhlung stattfinden müssen.

      Ich befürchte aber, dass sie die Lage nicht wirklich erfasst hat. Die derzeitige Lockerung ist unter Vorbehalt, dass die Neuinfektionsrate nicht wieder steigt und dass die medizische Versorgung nicht kollabiert. Da wir es mit einem exponentiellen Wachstum zu tun haben, kann sich die Situation sehr schnell verändern. Wenn wir es also jetzt verbocken, wird es im September noch keine Konzerte geben. Oder, selbst wenn im Sommer Kleinveranstaltungen erlaubt werden würden, könnte das Erlaubnis wieder zurükgezogen werden, wenn es mehr Neuinfizierungen gibt, so dass die Veranstaltungen dann doch abgesagt werden müsssen. Auch die Hygieneregeln könnten sich ändern. Momentan bedeutet das konkret, dass ein Veranstalter bereit sein muss, geplante Veranstaltungen doch kurzfristig abzusagen, ansonsten darf er erst gar nicht planen. Und momentan geht alles ohnehin nur lokal.

      • Sonia G.Y. sagt:

        Ich schließe mich Ihrer Ansicht an.

        Zu meinem Erstaunen wollen oder können viele Leute im Musikbetrieb nicht einsehen, dass das Infektionsrisiko im Theater/Konzertsaal extrem hoch ist, gleich wie, der größere Teil der Besucher zu den Risikogruppen gehört. Ich glaube nicht, dass Theater/Konzerthäuser im September wieder geöffnet werden können. Wenn doch, werden viele Stühle leer stehen. Die Angst infiziert zu werden ist größer als die Liebe zur Musik oder zur Unterhaltung.

        • Benjamin sagt:

          Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Sie mir mit dem Verweis auf Ihre Kampfsportkünste mit Gewalt drohen wollten, aber selbst wenn dem so sein sollte, wäre das kein geeignetes Mittel, um eine Ihnen unbequeme Meinung zu unterdrücken.

          Das Infektionsrisiko ist dort besonders hoch, wo viele Hochrisikokontakte stattfinden. Hochrisikokontakte, so erklärt etwa Christian Drosten, bestehen darin, dass Personen einander über einen längeren Zeitraum von Gesicht zu Gesicht in unmittelbarer Nähe begegnen und dabei Tröpfchen oder Körperflüssigkeiten austauschen. Dergleichen war wohl in früheren Zeiten auch in der Oper unter dem Publikum allgemein üblich, aber diese schöne Kulturpraxis hat mittlerweile doch sehr abgenommen.

          Im Theater oder Konzert sitzt das Publikum meist recht gesittet und schweigend nebeneinander, so jedenfalls nach meinen Erfahrungen. Dies gälte umso mehr, wenn, wie Sie ja auch schon hellsichtig bemerkt haben, viele Plätze frei bleiben müssen – nicht etwa mangels Interesse, denn das wird sicher gewaltig sein, sondern aus Sicherheitsgründen. Das Infektionsrisiko beim Betreten und Verlassen eines Theaters, wenn denn die Besucherzahl durch entsprechende Regelungen angemessen reduziert ist, dürfte nicht höher sein als in einem Supermarkt und ließe sich durch vergleichbare Vorsichtsmaßnahmen noch reduzieren. Wenn sowieso nur jeder fünfte Platz besetzt sein kann, braucht man keine Garderobe, weil man seinen Überzieher ja bequem auf dem Stuhl neben sich plazieren kann. Der Verzicht auf das Anstehen an der Pausenbar ist zwar für manche sicher schwer, aber in der Gesamtbetrachtung doch zu verschmerzen. Etc. etc.

          Nicht umsonst waren unter den bekanntesten Hotspots der ersten Welle eine Karnevalssitzung und eine Bar, in der Après-Ski-Partys stattfanden, also Orte bzw. Veranstaltungen, bei denen eine große Zahl an Hochrisikokontakten unvermeidlich oder gar erwünscht ist. Mir ist nicht bekannt, dass sich in demselben Zeitraum, als das Virus ja offensichtlich bereits kursierte und es noch keinen Shutdown gab, massenhaft Besucherinnen und Besucher von Kulturveranstaltungen angesteckt hätten – das ist insofern bemerkenswert, als der Altersdurchschnitt beim Publikum solcher Veranstaltungen bekanntermaßen recht hoch ist.

          —„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. […] Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen …“

          • Sonia G.Y. sagt:

            In keinem Fall. Mein Versuch, Ihre Bemerkung “ geistig und physisch in verschiedenen Universen “ mit etwas Humor auszudrücken, scheint gescheitert zu sein. Ich brauche kein Schwert, mich mit einer unbequemen Meinung auseinanderzusetzen:-) Dabei ist Ihre Ansicht für mich weder unbequem noch ungewöhnlich. Sie sind einer von vielen Shutdown Gegnern, die fast bei jedem Internet Forum versuchen hausieren zu gehen. Mehr nicht.

  9. k. sagt:

    Ich glaube zwar auch nicht, dass das Infektionsrisiko bei einem Konzert größer ist als bei einem Gottesdienst. Die Zielgruppe dürfte auch ähnlich sein.

    Aber für Ihre Idee hätten wir generell noch paar Wochen länger Shutdown machen müssen und die Reproduktionsrate und die Neuinfizierungszahlen noch weiter senken müssen. Dann hätten wir nach dem Shutdown, evtl. in Kombination mit namentlichen Registrierungen beim Kartenvorverkauf zwecks Tracking von Kontaktpersonen, auch kulturell viel mehr erlauben können, einfach weil dann weniger infizierte Menschen symptomlos unterwegs wären.

    So wie es ist, haben wir aber aktuell mehr Neuinfizierungen als vor dem Shutdown. Wir haben auf einem höheren Niveau gelockert. Daher kann man nicht mehr sagen, dass weil keine Infektionsketten im Februar bei klassischen Konzerten festgestellt worden sind, es dies in Zukunft nicht geben wird.

    • Benjamin sagt:

      Da gebe ich Ihnen recht, auch wenn wir immer noch mit vielen Unbekannten operieren, insbesondere, weil wir ja auch nicht die geringste Ahnung haben, wer sich in den zwei Monaten seit Februar symptomlos infiziert hat und jetzt jedenfalls vorübergehend immunisiert ist. Die Schätzungen gehen da ja extrem auseinander.

      Allerdings muss man jetzt tatsächlich erstmal sehen, ob die Lockerungen wirklich zu so viel unvernünftigerem Verhalten führen. Einen flächendeckenden Ansturm auf die Einkaufsmeilen scheint es ja nicht gegeben zu haben. Und mit Rostock hat die erste Großstadt keine aktiven Fälle mehr, wobei das in MP natürlich auch relativ einfach zu erreichen war (Bismarcks Wort, dass dort alles mit 100 Jahren Verzögerung passiere, scheint doch immer noch Gültigkeit zu haben).

      Man kann ja nicht an der Feststellung vorbei, dass der Shutdown ausgesprochen inkonsistent war. Ich war gestern in der nächstgelegenen größeren Einkaufsstraße (die immerhin früher mal „Ku’damm des Nordens“ genannt wurde) und habe mich erstmal gewundert, dass das Straßenbild ziemlich genau dem vor der Wiedereröffnung des Einzelhandels entsprach. Dann wurde mir klar, warum: In der Straße gibt es fast keinen Non-Food-Einzelhandel, sondern nur Drogeriemärkte, Supermärkte, Banken, Apotheken, Street-Food-Läden, Restaurants und ein wenig Lebensmitteleinzelhandel. Die „systemrelevanten“ Geschäfte waren nie geschlossen, und Klamottenketten und Restaurants müssen weiter dicht bleiben – der Unterschied ließ sich also im Grunde darauf runterbrechen, dass die Tonderdumping-Filiale jetzt wieder geöffnet hatte. Das Bild dürfte in vielen deutschen Innenstädten nicht so viel anders sein, leider.
      Und da, wo es qualitativ anspruchsvollen Einzelhandel gibt, verteilt er sich meistens über ein größeres Areal und ist auch wieder mit vielen Restaurants durchsetzt, die noch kein Publikum anziehen können. Es würde mich also wundern, wenn das jetzt einen Dammbruch gäbe, zumal man ja auch sehen muss, dass Shoppingtourismus in größerem Umfang nicht stattfinden kann.
      Ich habe mich auch gefragt, warum man von drei dm-Läden in einer Straße nicht zwei vorübergehend zumachen kann, aber dann hätte es in dem einen sicher so ein Gedränge gegeben, dass es andersherum doch sinnvoller war. Aber Sie sehen daran, in welch hohem Maße das alles eher symbolhaft ist, oder? (Ein richtiger Lockdown hätte ja auch so aussehen müssen, dass wirklich alle zuhause bleiben und die Bundeswehr vor den Wohnungstüren Lebensmittelpakete ablegt.) Und vor allem, ich wiederhole mein Mantra (sonst wäre es ja keins), wie das Funktionieren all dessen in erster Linie von der Vernunft der Bevölkerung abhängt.
      Vielleicht klingt es elitär, wenn ich die Annahme äußere, dass das Publikum, das Kulturveranstaltungen besucht, in höherem Maße vernunftbegabt ist als die Leute, die trotz Corona jeden Tag zu dm zu müssen glauben oder gar nicht abwarten können, bis kik und H&M wieder offen haben, aber ganz vermessen scheint mir der Gedanke nicht. Es hätte uns gut angestanden, kleine Kulturveranstaltungen in die erste Welle der Lockerungen zu integrieren oder sogar damit anzufangen und nicht mit 800-qm-Ausschnitten aus Shopping Malls, und es wäre möglicherweise auch schlicht viel sinnvoller gewesen, weil es sich um einen wirklich überschaubaren Bereich gehandelt hätte.

      Klingt nach positiver Utopie, ich weiß. Trotzdem nicht lachen, bitte. Ich hätte ja meinen Beruf verfehlt, wenn ich nicht an die zumindest theoretische Möglichkeit einer Gesellschaft glauben würde, die den Stellenwert ihrer Kultur so zu schätzen weiß, dass sie sie in so einer Situation nicht hinten runterfallen lässt.

      • k. sagt:

        Da gehe ich mit Ihnen weitgehend konform. Im Grunde genommen hat man sich für einen milderen und kürzeren Shutdown entschieden, und dafür in Kauf genommen, dass die Kultur länger auf Exit warten muss. Wobei hier die Kultur nicht nur die Hochkultur beeinhaltet sondern auch Dinge wie die Subkultur und die Clubkultur und auch die Bildung und Teile des Sports.

        Es geht einerseits um die Vermeidung von sogenannten Hotspots und Superspreading-Events, aber auch darum, die Kontakte allgemein zu reduzieren.

        Dadurch ergibt sich nun mehrere Teilkonflikte:

        Erstens, wo diese Kontakte reduziert werden sollen. Hier muss ich feststellen, dass man als Musiker oder als ein kunstaffiner Mensch andere Prioritäten hat als die Mehrheit. Als Musiker fragt man sich natürlich, warum Modegeschäfte schon jetzt öffnen dürfen, während die Kultur noch komplett verboten ist, mit Systemrelevanz kann man diese Entscheidung ja auch nicht mehr begründen. Man kann mich auch nicht überzeugen, dass ein privater Einzelgeigenunterricht gefährlicher sein soll als ein Haarschnitt.

        Dann wird es aber auch innerhalb der Kulturszene schwierig, weil einige Bereiche tatsächlich gefährlicher als andere. Auf diesem Blog geht es ja vorwiegend um die Klassik und Neue Musik im Profi-Bereich. Aber es gibt eben auch Dinge wie Laien-Musizieren, Jazzkeller, Clubkultur, Lesungen, Kleinkunst, Pop-Veranstaltungen, Stadtteilkultur, Angebote für Kinder usw. usw. usw.

        Klar ist, dass es zu viel wäre, alles zu erlauben. Das ist das Prinzip von „Kleinvieh macht auch Mist“. Aber, wer hat dann Vorrang? Spielplatz oder Lesung? Segeln oder Museum?

        Daraus kann sehr schnell Grundsatzfragen werden, welche Spalten wichtiger, systemrelevanter, unverzichtbarer, wertvoller wären. Und vielleicht früher geöffnet werden sollen als andere, ob eben auch mehr Förderungen, Rettungsgelder bekommen sollen.

        Was mich aber tatsächlich etwas irritiert ist die Tendenz der Fixierung auf digitale Angebote. Wir sind ja noch dabei, uns darüber zu freuen, dass es die Digitalformate überhaupt gibt, und dass nicht alles abgesagt werden muss. Man kann auch anders kreativ werden, was durchaus interessant ist. Aber dass diese digitalen Formate deshalb als zukunftsweisend und deshalb quasi besser und moderner sein sollen als die Präsenzformate, und dass die Investition in diese Richtung gehen sollte, auf diese Schiene sollten wir uns nicht einlassen. Als Ergänzung, als Innovation, als Notlösung, ja. Aber nicht als Verbesserung.

        Auch deshalb ist es wichtig, dass man darüber nachdenkt, wie man wieder Präsenzveranstaltungen machen kann. Letztendlich geht es nicht nur um die Kreativität, oder um Hilfen zur Existenzsicherung von einzelnen Künstlern, sondern auch und vor allem um die Finanzierung für die gesamte Kulturinfrastruktur.

        • Benjamin sagt:

          „Man kann mich auch nicht überzeugen, dass ein privater Einzelgeigenunterricht gefährlicher sein soll als ein Haarschnitt.“

          Schön gesagt.

          Hier eine, wie ich finde, sehr ausgewogene und konstruktive Bestandsaufnahme von Oliver Lepsius, die über verfassungsdogmatische Sichtweisen weit hinaus geht:

          https://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2020-04-25/c7a48cdab404d8736208d4aa72574a09/?GEPC=s3

          Daraus nur ein Zitat, der ganze ausführliche Artikel ist sehr lesenswert: „Wenn nämlich ein Risiko mangels Erfahrung unwägbar und in seinen Wirkungen komplex ist, muss man Erfahrungswissen durch Einbeziehung von Akteuren gewinnen, die über unterschiedliche Lebensbereiche Bescheid wissen. […] Wer Gesundheitsministerien ermächtigt, darf sich nicht wundern, wenn Kultur auf der Strecke bleibt.“

        • Sonia G.Y. sagt:

          Ich glaube, EINZELUNTERRICHT ist durchaus machbar, wenn
          a) Lehrer und Schüler Masken tragen.
          b) der Unterrichtsraum groß genug ist, um 1,5 – 2 m Abstand halten zu können.
          c) der Unterrichtsraum belüftbar ist.

          Es ist allerdings bei Gesangs und Blasinstrumenten-Unterrichten schwierig mit Masken zu arbeiten. Daher würden Gesangs- und Blasinstrumenten Lehrer sich ihren Pianisten und Streicher-Kollegen gegenüber benachteiligt fühlen. Es wäre doch unsolidarisch, wenn im gleichen Berufsfeld die eine Gruppe arbeiten dürften und die andere Gruppe hingegen auf Staatshilfe angewiesen wäre. Aus Sicht des Staates ergibt es Sinn, Einzelunterricht von Klavier und Streichinstrumenten zu erlauben, sodass mindestens diese Gruppe eigene Einkommen haben könnte.

          “ digitale Angebote“

          Auch eine qualitativ noch so hochwertige Aufnahme kann die Präsenz von Live-Formaten nicht ersetzen. Das wissen wir Konzert/Operngänger. Ich persönlich schaue kaum Oper/Konzert in Livestream–Formaten an.

          “ Präsenzveranstaltungen“

          Man kann OPEN AIR Konzerte veranstalten. Pianisten, Streicher, Schlagzeuger und Dirigenten haben kein Problem, mit Masken zu spielen. Gesangs- oder Blasinstrumenten-Solisten können auch ohne Maske auftreten, wenn sie vom Publikum genügende Abstand vom mindestens 4 Meter halten können. Auch wir im Publikum können Masken tragen.

          • Jetzt melde ich mich mal kurz:
            Einzelunterricht, Bsp. aus dem Lkr. Freising
            Als für den 4.5. Aufnahme von allgemeinb. Schulbetrieb angedacht war, entwickelte eine Musikschule, an der ein befreundeter Komponist und Bläser Klarinette & Saxofon unterrichtet einen Masterplan. Der größte Raum der Musikschule sollte sogar mit einer mobilen Plexiglaswand ausgestattet werden, Abstand bei den Bläsern 5m zum Lehrer, in dem Fall Dank Wand ohne Mundschutz – geht ja auch nicht anders. Das erfolgte insgesamt analog zu den Tipps des privaten Einzelunterrichts des TKV Bayern, der das mit dem Gesundheitsministerium besprochen hatte. Die Musikschule reichte das beim LRA Freising ein und bekam erst einmal ein OK. Inzwischen wurde das aber wieder zurückgezogen. Das Warum müsste man noch genauer eruieren. Schulen und Musikschulen werden in der Verordnung getrennt behandelt, so dass die Wiederaufnahme des Betriebs in Schulen eine eigene Regelung ist, wie die der Musikschulen, solange das nicht zusammengefasst wird.
            Das Beispiel zeigt allerdings auch sehr schön, dass einerseits Eigeninitiative durchaus zum Erfolg führen könnte. So haben sich ganz Viele im Lande an Musikschulen Gedanken gemacht. Es bräuchte ene generelle Erlaubnis in Bayern, um mit dem Musikschulbetrieb unter Auflagen wieder beginnen zu können. Die Lehrer der Musikschule im Lkr. Freising einigten sich bereits, wer wann in diesen Raum mit welchen Schülern darf. Das stellt zwar noch einen eingeschränkten Betrieb dar. Mit Nicht-Blasinstr. wäre es wie von Sonia beschrieben vielleicht schon einfacher. Mit der Plexiglasscheibe dann sogar ohne Mundschutz. Ich würde zudem selbst bei Maskenpflicht das nicht mit Friseurbesuch vergleichen: der Geigenlehrer führt vielleicht mal den Arm, was mit Masken möglich sein sollte. Der Friseur könnte allerdings schon einmal in die Haut reinschneiden – Gott sei Dank unterrichtet man Musikinstrumente ohne Scheren und Messer ;-)

            Präsenzveranstaltungen
            Ich habe ja nicht umsonst die österreichischen Regeln dazu angeführt. Da ginge Betrieb auch in Innenräumen, Abstände zw. den Besuchern, zwischen denen und den Musikern sowie unter den Musikern. Das ab 1.7. Wenn Musiker ab 1.6. wieder kollektiv proben können, sind vielleicht auch schon geringere Distanzen möglich. Daran arbeite man noch, erwähnte ich ja, so die Kulturstaatssekretärin in Wien. D.h., mit Masken und Plexiglaswänden, wie man sie z.T. schon zum Schallschutz vor Blech für davor sitzende in Orchesters pflegt, wäre einiges möglich. Da werden im Lande bei uns viele Konzepte entwickelt. Nur fehlt eben die generelle Erlaubnis, das auch unter Auflagen einzusetzen. In Österreich gab hier die Politik einen ersten Weg vor. Dass das auch wieder viele Fragen für die Ensembles aufwirft, ist klar. Es gibt zumindest ein staatliches Zeichen für konkrete Ideen zur Durchführung von Veranstaltungen unter Auflagen.

            Open Air: das sollte sehr bald möglich sein. Gestern fand eine erlaubte Demo von Musikern in München am Odeonsplatz statt. Als Konzert mit fixierten Plätzen, draußen, auch drinnen, sollte das doch sogar noch eher möglich sein, wo man eine fixe Personenzahl hat und keine Begrenzungen unter Polizeiaufsicht wie bei einer Demo vornehmen müsste. Ich war allerdings ein wenig skeptisch in Sachen der Demo und des denkerischen Hintergrunds, da die Organisatorin sich dezidiert auch für Meinungen zu Corona jenseits des „Mainstreams“ interessiert, wie sie auch hier bei Minute 8:50 spricht (https://www.youtube.com/watch?v=B8encQSHnkU). Jenseits dessen: diese Art von Open Air ist möglich, allerdings solange es keinen Run auch von Leuten gibt. Daher wäre es in abgegrenzten Bereichen wie einem Park(theater), einer Kurkonzertmuschel viel einfacher und in Innenräumen letztlich auch.

            Ansonsten: Danke für all die differenzierten Beiträge!

          • k. sagt:

            Dafür können Bläser gut im Freien spielen.
            Ich denke, es wird eher eine Mischung sein. Die ganz Großen mit vorhandener aufwändiger Aufnahme- und Übertragungstechnik (z.B. Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, Boulez-Saal) und Rundfunkorchester können ja hohe Qualität in Digitalform bieten. Die müssen auch nicht viel experimentieren, sondern einfach Qualitäterhalt betreiben. Ich kenne Leute, die sind Kulturbegeisterte oder klassische Musiker im Ruhestand, irgendwo abgeschieden auf dem Lande in Kanada oder sonstwo ohne hochkarätige lokale kulturelle Angebote, und sie haben schon seit Jahren Abo beim Digital Concert Hall.

            Aber die Stärke der kulturellen Landschaft in Deutschland liegt auch an Vielfalt und Basis – dass jede größere Stadt eigene staatliche bzw. städtische Orchester und Opernhaus hat, dass es Orgel- und Kammerkonzerte in Dorfkirchen und Kulturvereinen gibt, und eben viele Sachen, über die normalerweise kaum berichtet werden, weil sie irgendwie als qualitativ nicht so hochwertig gelten, also eher als Unterhaltung/Event wahrgenommen werden denn als eine künstlerische Leistung. Z.B. Stadtteilgeschichten mit Laien, Musik in Altenheimen, Walking Acts in Zoos, Musik in Galerien bei Vernissagen, Picknick-Konzerte.

            Open Air ist so eine Sache. Zumal man ab einer bestimmten Größe dann auch mit Verstärkungstechnik arbeiten würde, es wäre dann auch keine rein akustische Angelegenkeit. Es kommt also drauf an, was man möchte. Open Air kann ein Puppentheater für 5 Kinder sein (solche kleine Freiluft-Amphitheater hat eigentlich jede Stadt, und da passieren auch sonst viele Kinderevents im Sommer), Open Air kann ein Großevent wie die Waldbühne sein (wo das Problem eher an Infrastruktur wie Toiletten liegen würde, auch wenn man die Zuschauerzahl stark begrenzen würde).

  10. Sonia G.Y. sagt:

    @Benjamin

    “ nur jeder fünfte Platz besetzt “

    Ob eine Reduzierung der Besucherzahlen das Problem lösen könnte?

    Nehmen wir mal an die Semperoper (mein Lieblingsopernhaus) besetzt mit 260 Besuchern, 20% der 1.300 Sitzplätze. Sollten alle Masken tragen, könnte das Infektionsrisiko reduziert werden.

    Nun kommt aber die Frage der Wirtschaftlichkeit hinzu. Die Auslastung der Semperoper liegt bei 92%. Das heißt, 1196 Sitzplätze sind im Durchschnitt für jede Aufführung verkauft. Somit zählt dieses Haus zu den best bewirtschafteten Musiktheatern Deutschlands. Allerdings kann die Semperoper mit den Einnahmen aus dem Kartenverkauf, nur zur Hälfte ihres Etats deckeln. Der Rest wird durch Subvention finanziert.

    Wie sollten nun dann die Produktionskosten gedeckt sein, wenn nur 260, anstatt 1.196 Karten verkauft werden? Noch mehr staatlichen Zuschuss für Theater ist nicht zu erwarten. Sonst würden 90% der Bürger mit Recht Aufstand betreiben, vor allem diejenigen die nie ein Fuß ins Theater/Konzerthaus stellten. Um dieses Problem zu beseitigen, müsste es gezwungenermaßen eine Kartenpreiserhöhung geben. Und zwar gleich mindestens Mehrfach.

    Die Semperoper hat 20 verschiedene Preiskategorien. Die mittlere Kategorie J liegt zwischen 27- € und 114-€. Bedeutet dies eine 5 Fache Erhöhung wären dann 135-570-€ fällig. Für Wagners Opern müssten die Besucher dann noch tiefer in die Tasche greifen. Man fragt sich, wie viele Opernliebhaber sich das leisten können. Es bleibt zu erwähnen, viele Opernbesucher sind Durchschnittsverdiener.

    Theater mit deutlich niedrigerer Auslastung würde mit zigfach erhöhten Kartenpreisen noch schlechter bewirtschaftet sein, da mehr Besucher wegbleiben würden. Den Theatern droht der Shutdown, aus sich selbst heraus.

    • Benjamin sagt:

      Vorweg: Das
      „Sie sind einer von vielen Shutdown Gegnern, die fast bei jedem Internet Forum versuchen hausieren zu gehen. Mehr nicht.“
      mag ich nicht auf mir sitzen lassen. Erstens gehe ich nur in diesem Forum „hausieren“, zweitens bin ich kein Idiot, der den ganzen sogenannten Shutdown in Bausch und Bogen ablehnt, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen, sondern lediglich jemand, der der Ansicht ist, dass es bei den aktuellen Maßnahmen dringende Korrekturen nötig und möglich sind, insbesondere, was den Kulturbereich angeht.
      Mich noch dazu auf die von Ihnen insinuierte Funktion als vermeintlicher „Shutdown-Gegner“ zu reduzieren („Mehr nicht“), liest sich so, als würden Sie damit genau die menschenverachtende Haltung zum Ausdruck bringen, die Sie mir implizit vorwerfen. Das können Sie aber ja sicher nicht beabsichtigt haben. Bitte verzichten Sie also darauf, mich pauschal zu verunglimpfen. Ich bemühe mich auch nach Kräften um eine differenzierte und auch in der Kontroverse allenfalls ironische, aber nicht in dieser Form herabsetzende Wortwahl.—

      Ihr Rechenbeispiel mit der Semperoper liest sich auf den ersten Blick schlüssig. Sie übersehen aber mehrere Dinge:

      Ein staatlich oder kommunal betriebenes Theater, das nicht spielt, ist immer teurer, als ein Theater, das spielt, weil die meisten Menschen, die dort arbeiten, feste Verträge haben und sowieso bezahlt werden müssen.
      D.h. jede verkaufte Karte erhöht nicht etwa den Gewinn, sondern minimiert lediglich den Zuschussbedarf. Das gilt selbst für die Semperoper. Wenn man sich also auf Produktionen beschränkt, die aus dem Ensemble besetzt werden können – das wäre in der Semperoper gut möglich, aber auch viele kleinere Häuser können sich ja ohnehin kaum noch Gäste leisten – hätte man im Vergleich zur Totalschließung immer noch einen geringeren Zuschussbedarf.
      Über große Opernvorstellungen können wir im Moment aus Sicherheitsgründen gar nicht reden. Die Semperoper ist immerhin groß genug, dass man dort klein besetzte Stücke mit dem nötigen Abstand auf der Bühne und im Graben machen könnte, aber ob das für solche Ideen das geeignete Haus ist, wage ich aus anderen Gründen zu bezweifeln; ich kenne das Haus auch sehr gut, von beiden Seiten des Vorhangs.

      Woran ich denke, sind vielmehr kleine, freie Produktionen. Dort werden die Leute exakt für die Arbeit bezahlt, die sie auch tun, und für die Produktionen des laufenden Jahres sind die Fördermittel im Allgemeinen auch schon bewilligt und ausgereicht. D.h. die Gesellschaft steht vor der Alternative, ob sie diese Mittel für Kunst ausgibt oder sie einbehält und die Künstlerinnen und Künstler mit Überbrückungsgeldern oder Leistungen nach SGBII alimentiert. Ersteres generiert schon ganz nüchtern wirtschaftlich betrachtet einen (minimalen) Mittelrückfluss durch Abendeinnahmen und außerdem bekommt die Gesellschaft dafür auch eine Gegenleistung. Es ist aber vor allem und natürlich noch dazu die bei weitem würdigere Lösung. Viele Künstlerinnen und Künstler stünden bereit, gemeinsam mit den zuständigen Kulturverwaltungen und in Absprache mit den Gesundheitsbehörden nach solchen Lösungen zu suchen, aber es fehlt ihnen auf der Seite der Politik und Verwaltung das kompetente Gegenüber.

      • Sonia G.Y. sagt:

        Falls meine Ausdrucksweise Sie geärgert hätte, entschuldige ich mich. Das war in keinster Weise beabsichtigt. Trotz unserer Meinungsunterschiede bewundere ich Sie wegen Ihrer Art zu schreiben.

      • k. sagt:

        Mein Eindruck ist, dass die Entscheider eher von Begebenheiten der größeren staatlichen Häusern und geförderten freien Ensembles ausgehen. Das sind ja die sichtbaren Gruppen, und das sind die Gruppen, die Konzertformate an Orten spielen, wo man eher traditionell sagen würde, dass „sie es geschafft“ hätten.

        Die Unsichtbaren – also die kleineren, freien Künstler ohne Förderfelder und ohne große PR oder Werbung – spielen, haben aber eigentlich schon vor Corona gemacht, was jetzt in Corona-Zeiten gefragt ist.

        Z.B. spielt man in einem Altenheim ohnehin keine 2 Stunden Konzerte. Altenheime haben – bis auf Luxuswohnheime – meistens eh keinen Saal. Man musste sich schon immer an bettlägerige Bewohner denken, die ihre Zimmer nicht verlassen können.

        Oder Freiluft-Events für Kinder.

        Wanderweg-Konzerte, wo die Zuhörer von einem Ort zum Nächsten wandern.

        Hof-Konzerte, wo die Künstler drinnen spielen, die Leute aber im Garten sitzen.

        Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Die Freien haben sowas schon immer gemacht.

        Blöd wäre es jetzt natürlich für die Freien, wenn die staatlichen oder subventionierten Häuser mangels Mainstream-Konzertmöglichkeiten auch sowas anbieten. Weil dann die Freien, die ja von dem Honorar leben müssten, finanziell nicht mehr gegen subventionierte Anbieter konkurrieren jönnen.

        Hier wäre Verantwortungsbewußtsein und Solidarität gefragt.

        • Da sind großartige Ideen dabei – und eben auch korrekt, die Gefahr, dass die geförderten Kulturunternehmen sich eine Spielwiese zu eigen machen würde, die andere längst bespielen, ist nicht unberechtigt. Es sind bewegliche Ideen gefragt.

          Danke K und Sonia G. Y. für die vielen Gedanken und Ideen.

        • Benjamin sagt:

          „Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Die Freien haben sowas schon immer gemacht.“

          Ja, exakt. Aber dass man genau diese Expertise jetzt dringend bräuchte und nutzen müsste, das ist außerhalb der Szene selbst noch nicht angekommen.

          „Blöd wäre es jetzt natürlich für die Freien, wenn die staatlichen oder subventionierten Häuser mangels Mainstream-Konzertmöglichkeiten auch sowas anbieten. Weil dann die Freien, die ja von dem Honorar leben müssten, finanziell nicht mehr gegen subventionierte Anbieter konkurrieren jönnen.“

          Es liegt auf der Hand, dass die bestehenden sozialen/soziokulturellen Schieflagen durch die Pandemiebekämpfungsfolgen verstärkt werden. Ich würde aber solche Bedenken trotzdem ein wenig zurückstellen, wichtiger ist, dass überhaupt Konzepte entwickelt und umgesetzt werden können, ohne dass das im Ansatz abgewürgt wird. Der Idealfall wäre natürlich, dass die großen Institutionen jetzt stärker mit den Freien kooperieren und auf deren Expertise zurückgreifen. Das ist die Solidarität, von der Sie sprechen.

          Man muss nämlich sehen, dass die Freien den Institutionen dennoch die Flexibilität, Kreativität und Erfahrungswerte in diesen „off-Konzertsaal“-Produktionen voraus haben. Auf mich hat es oft wenig überzeugend und manchmal eher peinlich berührend gewirkt, wenn große Institutionen versucht haben, „auch mal so was Unkonventionelles“ zu machen. Es geht ja nicht nur um die Orte, an denen man etwas macht, sondern auch das, was man an den Orten macht. „Karneval der Tiere“ mit einem TVK-Orchester wird als Konzept nicht viel fantasievoller dadurch, dass man die Aufführung in den Hauptbahnhof verlagert. Ich glaube kaum, dass die Institutionen es schaffen, ihre strukturellen Hemmschwellen (man denke nur an solche Dinge wie Nebeninstrumentenzulage, Dienstpläne mit Ruhezeiten etc., die der freien Szene weitgehend fremd sind) da so rasch zu überwinden. Im vergangenen Jahr habe ich ein wunderbares Konzert am nördlichen Rand Berlins erlebt, da spielte ein Musikschulensemble mit einigen ganz wenigen Profis z.B. Ives‘ „Unanswered Question“ – die Streicher und Flöten am Ufer, der Trompeter auf einem Boot auf dem See. Ich glaube nicht, dass man einen deutschen Orchestertrompeter ohne Weiteres dazu bringen würde, sich auf einen wackeligen Kahn zu stellen und das Ives-Solo auswendig zu blasen. Solche und noch sehr viel abgefahrenere Sachen könnte man in tempore coronae gut realisieren.
          Die Schockstarre löst sich ja langsam, und die Erkenntnis wächst, dass unser Kulturleben sehr viel länger davon geprägt sein wird, als man die Luft anhalten kann. Es hilft nichts anderes, als dass man das offensiv akzeptiert, und die Überlebenskünstlerinnen aus der freien Szene könnten den Weg weisen. Ich möchte nicht das Gerede von der „Krise als Chance“ bemühen, weil ich fürchte, dass ab einer gewissen Größe der Krise nicht mehr viel Chance übrig bleibt. Aber es liegt dennoch gewisser Charme darin, dass ganz viel traditionelles Repertoire unter den aktuellen Bedingungen gar nicht aufführbar ist bzw. traditionelle Präsentationsformen ausgeschlossen sind, während avancierte Stücke und Konzepte sich sehr leicht adaptieren ließen.

          • k. sagt:

            Zustimmung.

            Ich frage mich, wieviel von den bisherigen Aktivitäten der kleineren Freischaffenden überhaupt bekannt ist. Das sind ja die Aktivitäten, die bisher in der Mainstream-Musikindustrie eher als belächelt bzw. ignoriert wurden, oder höchstens als „Sommerspaß“ wahrgenommen. Und deshalb werden diese Freischaffenden gar nicht gehört. Vielleicht wäre eine Kommunikationsplattform sinnvoll?

            Denn Spendenaktionen für Freischaffende sind ja schön und gut (und bestimmt auch hilfreich und werden auch von vielen dankbar angenommen), aber eigentlich sind sie die Ersten, die wieder spielen könnten. Denn sie machen ja genau das, was gebraucht werden, nämlich Off-Konzertsaal Kleinveranstaltungen.

            Und ja, mit Kooperationen mit Institutionen bzw. mit mehr Geld könnte man wirklich nette Sachen machen. Historische Sachen – z.B. Bläsermusik für die Gemeinde aus dem Kirchenturm (Kirchentürme wurden ja genau für solche Zwecke gebaut…), Händels Wassermusik von Flussbooten aus, oder man könnte auch neue Musik komponieren, passend zu den Bedingungen (das haben Komponisten ja auch schon immer gemacht, es gab Zeiten, wo man eher für Kleinbesetzung schrieb, und es gab Zeiten, wo monumentale Werke gefragt waren. Wagner mit 2 Meter Abstand zwischen jedem Orchestermusiker und zwischen jedem Chorsänger wirkt wohl nicht, aber man könnte ja was Neues machen, wo die Komposition bei der Klangvorstellung von vornerein den Abstand einkalkuriert).

  11. Benjamin sagt:

    Danke! No harm done.

  12. k. sagt:

    @Alexander Strauch

    Zum Einzelunterricht: das ist auch Ländersache. Bei uns sind „Angebote der Musikschule“ explizit noch verboten, d.h. egal ob das im Gebäude einer Musikschule passieren oder als externe Angebote in einer allgemeinbildenden Schule. Auch qualifizierte private Musikpädagogen, die im eigenen Studio oder zu Hause unterrichten oder zu den Schülern ins Haus gehen, sind davon betroffen, zumal diese Gleichstellung ja die Grundlage für die Umsatzsteuerbefreiung ist.

    Dass eine große Musikschule mit X Lehrkräften und X Schülern auch schauen muss, wie man die Hygiene auf Toiletten oder Begegnungen im Foyer regelt ist klar. Dass man noch keinen Chor oder musikalische Früherziehung anbieten kann, ist auch klar.

    Aber so ganz logisch ist es natürlich nicht, dass eine Klavierlehrerin eine erwachsene Schülerin nicht bei ihr zu Hause unterrichten darf, während sie mit ihr privat zum Kaffeetrinken treffen darf. Oder eine Geigenlehrerin, die gleichzeitig Mutter eines Kleinkindes ist, sich mit mehreren Familien zwecks privaten Kleingruppen-Kinderbetreuung (weil die Kita zu ist) zusammen tun, diese Kinder aber nicht unterrichten.

    Man macht das mit, weil man sich erhofft, dass dann die Lage schneller unter Kontrolle gebracht werden kann. Dafür müssen aber alle mitmachen. Ansonsten braucht man eine andere Strategie.

    • Sonia G.Y sagt:

      “ Man macht das mit, weil man sich erhofft, dass dann die Lage schneller unter Kontrolle gebracht werden kann. Dafür müssen aber alle mitmachen. Ansonsten braucht man eine andere Strategie.“

      Well said. Nur gemeinsam können wir das böse Virus besiegen.

  13. k. sagt:

    Jetzt kommt, was zu befürchten war.

    Ausfallhonorare (nur) für Künstler an staatlich geförderten Institutionen (aber nicht für alle).

    Fördergelder (nur) für freie Ensembles und Orchester für die Entwicklung und Durchführungvon Corona-Formaten (aber nicht für die wirklich freischaffenden Solokünstler ohne Ensemblezugehörigkeit).

    Somit wird die Zweiklassengesellschaft in der Musikszene verstärkt.

    Vor allem, weil es in den letzten Jahren ohnehin so war, dass die Freien zunehmends von den behördlichen und von den staatlich geförderten (und damit für die Veranstalter günstigeren) Institutionen verdrängt wurden. Man muss also de facto irgendwo dazugehören, und das sind Machtstrukturen, die u.a. auch die #metoo Fälle begünstigt haben.

    Das kann nicht der Sinn der Sache sein, vor allem, wenn man die Förderung damit begründet, dass man die Vielfalt erhalten will.

    Was jetzt gerade passiert, wenn die Förderung in dieser Form kommt, ist Auslese. Einfach, weil nur bestimmte Gruppen förderberechtigt sind.

  14. Benjamin sagt:

    Die großspurig angekündigte Förderung für freie Ensembles hat in der Tat einen ganz dicken Haken in den Förderbedingungen:

    „1. Wer wird gefördert?
    Die Ausschreibung richtet sich an professionelle Sinfonie- und Kammerorchester sowie Instrumentalensembles in vergleichbarer Besetzungsstärke mit Sitz in Deutschland, die überwiegend (im Wirtschaftsjahr zu mehr als 50 % aus z.B. Einnahmen, Spenden, und/oder Sponsorenmitteln) privat finanziert sind. Weitere Voraussetzung ist, dass diese Ensembles über einen Zeitraum von mindestens 3 Jahren eine durchschnittliche künstlerische Produktionszeit von mindestens 32 Wochen /Jahr oder Spielzeit nachweisen können und das bundesweite Musikleben mit regelmäßigen Konzerten unterschiedlichster Formen gestalten. “

    Ich frage mich, welches freie Ensemble allen Ernstes 32 Produktionswochen pro Jahr hat und 50% seiner Finanzierung aus privaten Mitteln und Eintritten erhält. Ersteres schon dürfte nur auf die etablierten, quasi institutionalisierten Klangkörper wie Ensemble Modern, musikfabrik etc. zutreffen, aber Letzteres dürfte selbst den erfolgreichsten Schwergewichten nicht vergönnt sein – es sei denn, man würde eine Förderung wie z.B. die der Kulturstiftung des Bundes als „Sponsoring“ im Sinne der Ausschreibung deklarieren.

    Man fragt sich schon, was für eine Kenntnis der Szene die Leute haben, die solche Programme auflegen. Aus diesem Fonds wird jedenfalls kein Cent an kleinere oder auch nur mittlere Ensembles gehen, und bei denen verdienen in der Tat die meisten Freischaffenden einen großen Teil ihrer Brötchen. Es ist tatsächlich zu befürchten, dass die „Marktbereinigung“, die es infolge der Pandemieeindämmungsmaßnahmen ohnehin geben wird, durch solche Programme eher verstärkt als abgemildert wird.

  15. k. sagt:

    „Man fragt sich schon, was für eine Kenntnis der Szene die Leute haben, die solche Programme auflegen.“

    Das frage ich mich auch. Ich kann jedenfalls nicht mehr hören, dass bei Hilfsprogrammen von „einer prekären Notlage“ der Künstler gesprochen wird.

    Es gibt auch z.b. diverse Spendenaktionen und Rückerstattungsverzichtaktionen, von großen Konzerthäusern und Festivals. Die Künstler, die dort auftreten sind i.d.R. gar nicht prekär, denn man muss sich schon einen Namen gemacht haben, um dort überhaupt engagiert zu werden. Das sind keine Künstler, die zu Ostern Bach für 200 Euro pro Nase spielen. Natürlich tun Konzertabsagen auch für die größeren Künstler weh – aber ich kenne auch Kollegen, die sich über ihre prekären Lagen beschwerden, obwohl sie Hochschulprofessur haben und Gehalt bekommen, oder Eigentumswohnungen besitzen und Mieteinnahmen haben.

    Die Ausfallhonorarregelung für Künstler bei vom Bund geförderten Institutionen besagt, dass bis zu 2500 Euro Ausfallhonorar pro Konzert ausgezahlt werden kann. Natürlich ist das Honorar auch nicht gleich Netto, aber das ist eine Summe, was für kleine Künstler 6 Monate Miete reicht.

    Prekär ist was anderes. Ich finde es in der Tat problematisch, wenn man bei den Großen von einer prekären Lage spricht, während die Kleinen keine bis wenig Hilfe erhalten, mit Verweis auf Hartz-IV. Da muss man schon sagen, dass bei den Verantwortlichen die Einstellung da ist, dass diese kleinen Künstler „erfolglos“ und irgendwie überflüssig somit nicht förderwürdig wären. Dabei sind genau diese Kleinen, die die Vielfalt und das Niveau der deutschen Kulturszene sichern.

    Der Staat sollte nicht diese Kluft durch einseitige Förderung verstärken, das wäre tatsächlich Marktbereinigung. Wie die lokalen Einzelhändler durch Ketten vom Markt verdrängt wurden.

    Heute gab es z.B. die Meldung, dass ein Staatsorchester nun auf Außenflächen und vor Altenheimen spielen will, um den Leuten Freude und Ablenkung zu bieten. Schön. Das ist aber doch das Metier von Straßenmusikern und eben freien Musikern gewesen, die davon gelebt haben.

    Wenn man von einer prekären Lage eines Künstlers spricht, sollte man eben von solchen Straßenmusikern usw. sprechen und nicht von einem bekannten Künstler, dessen Auftritt beim Schleswig-Holstein Musikfestival gestrichen wurde.

    Und wenn man Künstler in prekären Lage fördern will, nimmt man ihnen nicht noch ihre Betätigungsfelder weg, in dem man konkurrierende kostenlose Angebote durch Staatsorchester macht.

    Solange ich nicht noch zusätzlich durch solche Verdrängungsmechanismen beeinträchtigt werde, komme ich gut durch die Krise. Auch wenn ich von einem Ausfallhonorar von 2500 Euro nur träumen kann (soviel Honorar pro Konzert bekomme ich nicht, und die kleinen Kulturvereine können auch gar keine Ausfallhonorare zahlen, selbst wenn sie wollten, und da diese Institutionen nicht staatlich gefördert werden, gibt es auch keine Regelung.) Ich war auch schon am Tag 1 des Shutdowns mit dem digitalen Unterrichtsangebot online, was die Schüler auch dankbar angenommen haben, weil ansonsten auch noch nichts lief. Solche Angebote erfordern aber auch viel Aufwand. Irgendwann ist die Kraft auch zu Ende.

    Ja, ich wünsche mir schon, dass die Verantwortlichen auch wirklich sehen, wie die Szene tatsächlich funktioniert, und nicht nur die sonnige „Glanzseite“. Und nicht nach dem Motto fördert: wer hat, bekommt Förderung, andere gehen leer aus.

    • Sonia G.Y. sagt:

      “ Die Ausfallhonorarregelung für Künstler bei vom Bund geförderten Institutionen besagt, dass bis zu 2500 Euro Ausfallhonorar pro Konzert ausgezahlt werden kann.“

      Das stimmt nicht ganz. Ein Honorar bis zu 1000 Euro pro Aufführung sollte zu 60 %, bei höheren Gagen 40 % gezahlt werden. Dabei soll die Höchstgrenze bei 2500 Euro liegen.

      Angenommen, eine freischaffende Sängerin hatte ein einziges Engagement an einer Staatsoper für die Spielzeit 2019/20. Ursprünglich sollte sie in 6 Opernaufführungen mitwirken, die inzwischen abgesagt wurden. Als Ausfallshonorar sollte sie nun 40 % von 2500 Euro erhalten. . Das macht, 1000 × 6 = 6000 €. Damit muss sie sich Monate über Wasser halten, bis zu ihrem nächsten Auftritt in der nächsten Spielzeit. Zwischen ihr und ihren auf Hartz IV angewiesenen freischaffenden KollegInnen bestehen doch keine allzu großen Unterschiede.

      Für Ausfallshonorare müsste der Staat kein neues Geld beschaffen. Denn, das Geld für die Honorare ist im Budgets der Theater/Konzerthäusern enthalten. Zu fehlenden Einnahmen aus dem Kartenverkauf muss erwähnt werden, dass viele Theater/Konzertbesucher inzwischen die Eintrittsgelder entweder gespendet, oder als Gutschein erhalten haben. Es laufen außerdem auch Spendenaktionen. Wobei man fragen muss, ob davon irgend etwas bei den KünstlerInnen ankommt.

      • k. sagt:

        Bei dieser Ausfallhonorarregelung geht es darum, dass die Förderung durch den Staat im Corona-Fall auch Ausfallhonorare abdecken kann, was bisher verboten war. Also, dass der geförderte Veranstalter Ausfallhonorare auszahlen darf, ohne die Fördergelder zu verlieren (diese müssen Rechenschaft ablegen, dass die Fördergelder so verwendet wurden wie beantragt und nicht zweckentfremdet wurden). Das an sich ist eine gute Sache.

        Das hilft aber Künstlern an NICHT-behördlich-geförderten Häusern und Projekten genau Null. Und den nicht-geförderten Häusern und Veranstaltern auch nicht.

        „Zwischen ihr und ihren auf Hartz IV angewiesenen freischaffenden KollegInnen bestehen doch keine allzu großen Unterschiede.“

        Sie würde aber doch lieber das Ausfallhonorar nehmen und nicht Hartz-IV. Warum wohl?

        Sie gelten in den Medienberichterstattungen aber beide pauschal als „freischaffend“ und daraus ergibt sich ein verzerrtes Bild.

        „Zu fehlenden Einnahmen aus dem Kartenverkauf muss erwähnt werden, dass viele Theater/Konzertbesucher inzwischen die Eintrittsgelder entweder gespendet, oder als Gutschein erhalten haben. Es laufen außerdem auch Spendenaktionen. Wobei man fragen muss, ob davon irgend etwas bei den KünstlerInnen ankommt.“

        Vor allem muss man sich fragen, bei welchen Künstlern genau das Geld ankommt. Und ob es überhaupt einen Überblick gibt, wer von welcher Aktion was bekommen hat, ob z.B. jemand ganz leer ausgegangen ist, während andere von mehreren Quellen was bekommen haben.

        Mein Punkt ist aber viel mehr: die Förderung für zukünftige Projekte sollte fair an alle verteilt werden. Auch kleine Veranstalter und Künstler müssen Proberäume, GEMA-Gebühr, Veranstaltungstechnik, Transport, IT, PR usw. finanzieren, wenn sie neue Projekte auf die Beine stellen wollen. Insbesondere wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen und müssen gegen Angebote der staatlichen und der großen und instituionell geförderten Häuser.

      • k. sagt:

        „Zu fehlenden Einnahmen aus dem Kartenverkauf muss erwähnt werden, dass viele Theater/Konzertbesucher inzwischen die Eintrittsgelder entweder gespendet, oder als Gutschein erhalten haben.“

        Ich habe auch von mehreren Häusern bzw. Veranstaltern die Aufforderung bekommen, auf die Rückerstattung zu verzichten sondern zu spenden, dies für die Musiker der Häuser bzw. der Veranstalter verwendet, „um deren prekären Lange zu lindern“. Das waren aber Karten für Konzerte der weltbesten Künstler.

        Bei kleineren Veranstaltungen funktioniert dieses System ohnehin nicht gut, denn da gehen die Leute meistens spontan hin und bezahlen an der Abendkasse, die Karten sind also gar nicht verkauft worden.

        Es macht mich gerade sehr nachdenklich – die Klassikindustrie denkt eigentlich streng hierarchisch. Das Klischee verkürzt: Künstler bei Major Labels und Top-Agenturen sind ganz oben. Dann gibt es Ranking: bekannte Solisten, A-Orchestermusiker, B-Orchestermusiker, Aushilfen usw. Ein Engagement für ein Konzert in der Berliner Philharmonie ist mehr „wert“ ist als ein Engagement beim Dorfkulturverein (Ersteteres schreibt man in die Künstlerbiografie, Letzteres lässt man weg). Hauskonzerte, Firmenevents, Konzerte in Altenheimen usw. werden eher „Muggen“ genannt. Und wer nicht von Konzerten leben kann, unterrichtet halt. Und auch da – Fortgeschrittene und Studenten zu unterrichten ist mehr wert als Anfänger und Kinder zu unterrichten.

        Das sind Machtverhältnisse und Machtstrukturen, und die Künstler der „unteren“ Kategorie dürfen sich auch mal abfällige Anmerkungen von den Kollegen der „oberen“ Kategorie anhören.

        Wir haben jetzt allerdings die Situation, dass die „untere“ Kategorie krisenbeständiger ist, weil kleiner, bodenständiger und näher zu den Menschen.

        Und plötzlich werden aus Formaten, was in normalen Zeiten „Muggen“ waren für „gescheiterte Musiker, die sowas nötig haben“, ehrbare soziale „Konzertereihen“ für schwierige Zeiten. Und staatliche und geförderte Ensembles denken nicht unbedingt dran, dass sie damit vieles kaputt machen können, insbesondere wenn die Leute sich freuen, dass „Mitglieder des XXX“ „umsonst“ „nur für Sie“ spielen.

        Und irgendwann mal wird das Ganze – bei allem Verständnis für die Corona-Maßnahmen – heuchlerisch. Ich glaube nicht, dass die Weltklassekünstler, für die ich Konzertkarten Monate im voraus gekauft habe, in einer prekären Lage sind. Ganz unabhängig davon, dass ein Honorarausfall natürlich auch für diese Künstler schmerzhaft und ein Ausfallhonorar sinnvoll wäre.

        Und wenn ich mir anschaue, wer alles gerade in Geister-Livestreams oder im Fernsehen auftreten oder Auftritte haben, und wie viele Ü70 Künstler darunter sind (sie sind eben Meister, haben Namen und Anziehungskraft), und alle anderen Kollegen schränken sich ein, und bangen um die Existenz, um die ältere Generation und die Risikogruppe zu schützen (genau das ist ja der Grund für Veranstaltungsverbote), passt das einfach nicht mehr zusammen.

        Und dann überlege ich mir schon bisweilen, ob das die Szene ist, zu dem ich mich bekennen möchte, in der ich mich bewegen will und kann. Und das macht schon Angst.

        • Sonia G.Y. sagt:

          Ich besuche meistens Opern. In einer Opernproduktion wirken auch weniger Bekannte, oft auch namenlose SängerInnen mit. Mein Verzicht auf Rückerstattungen war eher auf diese Gruppe von Künstlern abgesehen. Nicht nachvollziehbar ist, dass die Ausfallhonorarregelung auch für Besserverdienende, bzw. sogenannte Star-Musiker gelten. Solidarisch wäre, dass sie auf ihr Ausfallhonorar selbst verzichten.

          Zu den Risikogruppen zählen nicht nur Ü70 und Vorerkrankte. Schon ab 50 ist man gefährdet. Schlimm an der Sache ist, dass es keine Garantie für Überleben gibt. Während Menschen an der Pandemie leiden, erholt sich die Natur. Die Menschen sind die Umweltzerstörer Nr.1. Könnten andere Lebewesen Zusammenhänge nachvollziehen, müssten sie die Coronapandemie als Gottesgeschenk betrachten.

          • k. sagt:

            „Solidarisch wäre, dass sie auf ihr Ausfallhonorar selbst verzichten.“

            Tun sie ja nicht, sondern gerade sie kämpfen dafür (was auch ihr gutes Recht ist!).

            „Zu den Risikogruppen zählen nicht nur Ü70 und Vorerkrankte. Schon ab 50 ist man gefährdet.“

            Dann würde die Gruppe der prominenten Musiker, die jetzt eigentlich nicht in Corona-Formaten auftreten sollten, nur größer werden….

            Ich hatte ja auch das Thema Musikunterricht erwähnt, dass man als Musiklehrer jemanden privat zum Kaffeetrinken treffen darf, er ihn aber nicht unterrichten darf. Solange es Sinn macht, kann man gerne dran halten. (Und eben auch auf das Kaffeetrinken verzichten). Aber wenn die Geschäfte alle auf haben, Kinder wieder in die Schule gehen und auf den Spielplätzen ohne Kontaktsperre mit Freunden spielen dürfen, Frisöre auf haben, Museen offen sind, Gottesdienste erlaubt, Restaurants und Bundesliga ein Versprechen bekommen, wo ist der Sinn des Verbots?

            Habe ich die letzten 2 Monate verantwortungsvoll und abstinent gelent, habe ich auf so viel verzichtet, viel Aufwand für Schüler betrieben – damit H&M schnell öffnen kann?

            Warum wird bei den Lockerungsdiskussionen das Wort Kultur oder Musik nicht einmal erwähnt? (Es ist höchstens von Großveranstaltungen die Rede).

            Es ist nicht mal, dass die Kultur eine Sonderbehandlung bekommen soll, weil sie wie „Lebensmittel“ ist (Zitat Bundespräsident). Sondern dass die Kultur nicht ganz hinten ansteht und vergessen wird, vor allem, der Teil von Kultur, wo es nicht um „Glanz“ und „sehen und gesehen werden“ geht.

  16. k. sagt:

    Eine Sache beschäftigt mich in letzter Zeit zunehmends. Wenn öffentlich vom Kulturleben gesprochen wird, sind i.d.R. Konzerte und Auftritte durch Profis gemeint. Profis spielen, das Publikum konsumiert.

    Dabei machen derzeit viele Menschen selbst Musik. Kindliche und jugendliche Musikschüler aber auch erwachsene Hobbyspieler.

    Die Musikschulen haben hier noch Betriebsverbot, und die privaten Instrumentallehrer dementsprechend auch. Selbst 1:1 Einzelunterricht mit Abstand und unter Hygienemaßnahmen ist verboten. Nicht mal durchs Fenster darf man unterrichten.

    Dabei findet in den Familien gerade viel Positives stattt. Ich lasse die Schüler derzeit ihre Lieblingslieder selbst aussuchen (das macht viel mehr Sinn als frustriert darüber zu sein, dass raffinierte Klangarbeit bei einem klassischen Meisterwerk über Skype nicht funktioniert). Es sind also z.B. auch Pop-Songs dabei, die ganze Familie singt mit (die sitzt ja auch alle gemeinsam zu Hause fest und bekommt das Üben und den Unterricht mit), die Lyrik wird Corona-tauglich neu getextet, der Papa holt dann irgendwann seine Gitarre aus dem Keller und die Mama erinnert sich dran, dass sie auch als Kind mal Klavierunterricht hatte …

    Musik passiert nicht nur auf der professionellen Bühne. Und selber machen hat einen eigenen Reiz. Das muss man auch nicht für die ganze Welt veröffentlichen.

    Natürich gibt es da auch Probleme (die auch kaum öffentlich thematisiert wird). Lärmbelästigung zum Beispiel. „Wohnzimmerkonzerte“ hören sich in Live-Streams toll an, im Netz wird das als Kulturangebot wahrgenommen, aber im Alltag erfreuen sich die Nachbarn nicht unbedingt dran, das ist nur Lärm, auch und insbesondere in Corona-Zeit, insbesondere wenn sie auch den ganzen Tag in Homeoffice sind.

    Neulich erzählte mir eine Hobbyspielerin, dass zum ersten Mal der Nachbar geklingelt hätte. Der wiederum war ziemlich verzweifelt, weil zwei Nachbarn von ihm dasselbe Stück üben, er also von beiden Seiten damit beschallt wird. (Anscheinend gibt es Stücke, wozu man in der Corona-Zeit besonder viel Lust bekommt.)

    Was will ich damit sagen. Die Facetten der Kultur sind viel bunter als die hochprofessionelle (bezahlte) Hochkultur.

    Gute-Nacht-Geschichten von den Eltern laienhaft vorgelesen können schöner sein, weil persönlich, als Gute-Nacht-Geschichten aus professionell produzierten CDs oder Youtube.

    Und nein, das alles ist keine Konkurrenz zu Profis.

    Es ist nur schön.

    • Sonia G.Y. sagt:

      “ MUSIKUNTERRICHT “

      Musikschulen in einzelnen Bundesländern dürfen ab 4. Mai wieder in begrenztem Umfang öffnen. Voraussetzung dafür ist insbesondere die Einhaltung der Hygienevorschriften, des Mindestabstands und bestimmter Raumgrößen.

      Baden-Württemberg:
      Ab 6. Mai können Musikschulen mit dem Unterricht in Musiktheorie und Komposition zur Berufs- und Studienvorbereitung sowie mit Einzelunterricht an Streich-, Zupf- und Tasten- sowie Schlaginstrumenten starten. Weiterhin ausgeschlossen ist der Unterricht an Blasinstrumenten oder Gesang.

      Mehr dazu hier https://www.musikschulen.de/aktuelles/news/index.html?newsid=2860

      • k. sagt:

        Kleine Veranstaltungen und Musikunterricht sind nun Ländersache.

        Eigentlich ist es seltsam, dass es z.B. ausgerechnet in Hamburg kein Wort über die Wiederaufnahme des Musikunterrichts gibt. Es ist natürlich zugegegenermaßen kompliziert: die Musikhochschule ist Wissenschaft, die Jugendmusikschule ist Schule, und der Rest ist Kultur. Musikunterricht ist in jeder Behörde also nur ein Randproblem. Aber Kultur sollte eben nicht nur Kulturkonsum bedeuten, und außerdem werden im Musikunterricht auch (jetzige und) zukünftige Konzertbesucher gebildet. Nur weil Musiker kreativ sind und vieles möglich machten und machen, auch im Unterricht, heißt nicht, dass aus der digitalen Notlösung eine Dauerlösung werden soll.

        Solange die Notwendigkeit der Einschränkung besteht, klar, gerne mit voller Überzeugung. Aber nicht, wenn die Kultur in diesem Bereich bei der Lockerungsdiskussion nicht berücksichtigt wird, weil sie durch viel Engagement und Mehraufwand (teilweise bis hin zu Selbstausbeutung bzw. Selbstopferung) irgendwie läuft.

        Sachsen behandelt das Problem ganz anders, da soll die Musikschule immer noch verboten bleiben, es gibt aber speziell für den Bereich Entschädigungszahlungen.

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